1.1 Die Deutsch-Balten: Nachfahren von Rittern und Städtebauern

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Im 13. Jahrhundert eroberten sich deutsche Kreuzritter im Gebiet der heutigen Länder Estland und Lettland ihren eigenen Staat. Sie bauten Burgen, Städte und Klöster. Sie teilten das Land untereinander auf, bewirtschafteten und beherrschten es. Und sie holten viele weitere deutsche Adelige, Bürger und Kaufleute ins Land. Als dann im 18. Jahrhundert das gesamte Baltikum von Russland erobert wurde, lebten die Nachfahren der deutschen Einwanderer immer noch hier und wurden damit zu einer der großen Gruppen der Deutschen in Russland: den Deutsch-Balten.

Nordrhein-Westfalen

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch
:

  • Sek. I: Inhaltsfelder 3 a) und 3 b)
    Lebenswelten im Mittelalter
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Menschen auf Reisen: Siedler an der Wolga: 2.1,
    Vernetzung, transkontinentale Beziehungen Deutsch-Balten, deutsche Eliten in Russland: 1.1, 1.2)
  • Sek. I: Inhaltsfeld 4: Frühe Neuzeit
    Neue Welten, neue Horizonte
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Aufbruch, Umbruch, neue Lebenswelten: 1.3)
  • Sek. II: Einführungsphase: Inhaltsfeld 3
    Menschenrechte in historischer Perspektive
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Menschenrecht Abwanderung: 1.3)

Sachsen

Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch:

  • Klasse 6, Lernbereich 2
    Herrschaft und Lebensformen im Mittelalter
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Deutsch-Balten, Deutsche in Russland, deutsche Siedler: 1.1, 1.2, 1.3)
  • Klasse 6, Lernbereich 3
    Religionen und Kulturen im Mit- und Gegeneinander

In diesem Kapitel wird die Geschichte der Deutsch-Balten von der Ankunft der Kreuzritterorden im Baltikum bis ins 19. Jahrhundert, die Position der Deutsch-Balten in der Gesellschaft und ihr Verhältnis zur lettischen, estnischen und litauischen Bevölkerung beschrieben.

Übersicht Kapitelinhalte

Der Deutschritterorden

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In Lüneburg befindet sich in einem Haus der deutsch-baltischen Kulturstiftung dieses Glasfenster. Im Zentrum ist noch das Wappen des Deutschen Ritterordens zu sehen.

Der Deutschritterorden war ein Kreuzfahrerorden. Er wurde Ende des 12. Jahrhunderts in Akkon im heutigen Israel von deutschen Kreuzrittern gegründet. Sein offizielles Ziel war die Verbreitung des christlichen Glaubens und der Schutz des 'Heiligen Landes', das die Kreuzritter hundert Jahre früher von den Muslimen erobert hatten. Daneben wollte der Orden die eigenen Mitglieder durch Eroberung mit Land und Reichtum versorgen.

Konkurrenz bekamen die Deutschritter dabei jedoch auch von anderen Ritterorden wie den Tempelrittern. Weil die Muslime im Heiligen Land während des 13. Jahrhunderts wieder die Oberhand gewannen, sahen sich die Deutschritter nach anderen Aktionsmöglichkeiten um. Sie fanden diese in Nordosteuropa. An der polnischen Ostseeküste und im Baltikum lebten im 13. Jahrhundert noch 'wilde Stämme', die die heidnische Religion praktizierten und sich nicht zum Christentum bekehren lassen wollten. Diese Stämme waren ihren christlichen Nachbarn, den Deutschen und Polen, ein Ärgernis, da sie deren Grenzen durch ständige Überfälle unsicher machten.

Der deutsche Kaiser und die polnischen Herzöge beauftragten nun die Ritter des Deutschen Ordens damit, diese Stämme zu missionieren. Das bedeutete damals: „Entweder ihr bekehrt euch zum Christentum, oder wir schlagen euch tot!“ Als Gegenleistung sollte der Orden in den von ihm missionierten Gebieten seinen eigenen Ordensstaat aufbauen und beherrschen dürfen. Im Jahr 1231 überschritten die Deutschritter im heutigen Polen die Weichsel und gründeten ihre erste Burg bei Toruń (deutsch: Thorn). Dann machten sie sich ans Erobern, Missionieren und Städtegründen.

Der Deutsche Ritterorden

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Die größte Burg des Deutschen Ordens kann man noch heute im polnischen Malbork (deutsch: Marienburg) besichtigen. In der Nähe der Mündung der Weichsel in die Ostsee errichteten die Ritter diese riesige Burganlage. Hier hatten bis zum Ende des Mittelalters die Großmeister des Ordens ihren Sitz.

Entwicklungsschub im Baltikum

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Die Ankunft der Deutschen im Baltikum war zunächst begleitet von Kreuzzügen und blutigen Eroberungen. Aber sie setzte einen Entwicklungsschub für die Region in Gang. Denn die Deutschen bauten Städte, Burgen und Klöster. Die Hauptstädte von Lettland und Estland, Riga und Tallinn (damals: Reval), wurden im 13. Jahrhundert von Deutschen gegründet. Sie entwickelten sich schnell zu blühenden Handelsknoten und traten bald der Hanse bei. Der Handel mit Russland und dem nahe gelegenen Nowgorod spielte eine wichtige Rolle. Über die baltischen Hafenstädte wurde im späten Mittelalter ein großer Teil der russischen Luxusprodukte wie Pelze und Wachs weiterverkauft.

Im Landesinneren errichteten die Deutschritter Burgen. Dafür brauchten sie Steine, die es in der Gegend aber nicht in ausreichendem Maße gab. Also bauten die Deutschen Ziegeleien, in denen sie die Backsteine für ihre Burgen herstellten. Von ihren Burgen aus beherrschten sie das Land nicht nur, sie verwalteten es auch wirtschaftlich.

Nach Auffassung der Ordensritter gehörte das Land ihnen. Sie teilten es untereinander auf oder verliehen es an andere, aus dem Heiligen Römischen Reich (heutiges Deutschland) nachkommende Adelige. Um nun Reichtum aus dem Land ziehen zu können, ließen sie Wälder roden und Sümpfe trockenlegen und bauten vor allem Getreide und Flachs an. Diese Produkte konnten sie dann wieder über den Ostseehandel weiterverkaufen.

Entwicklung

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Hier siehst du eine Ansicht von Riga aus dem 16. Jahrhundert. Die Stadt wurde 1201 vom Bischof von Livland Albert von Buxthoeven gegründet, der hier mit einem Heer deutscher Kreuzritter an Land ging, um das Baltikum zu erobern und zum Christentum zu bekehren.

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Im Jahr 1200 fuhr eine Flotte von 23 Schiffen durch die Ostsee. Es waren Koggen, jedoch befanden sich auf ihnen nicht nur Händler, sondern auch Missionare und Soldaten. Die Soldaten auf den Schiffen waren Kreuzfahrer, und sie waren schwer bewaffnet. Die Schiffe waren auf dem Weg nach Osten und fuhren, als sie die Höhe Livlands erreicht hatten, in den Fluss Düna ein. Was die Reise sollte? Ganz einfach: Albert von Buxthoeven (geboren um 1165, gestorben 1229) war der Anführer des Unternehmens. Er war von seinem Onkel, dem Erzbischof von Bremen, im Jahr 1199 zum Bischof von Livland geweiht worden. Im Jahr darauf machte er sich als Kreuzfahrer auf den Weg nach Osten, um das Land von den Liven und anderen baltischen Völkern zu erobern.

Kogge: ein bauchiges, hochbordiges Frachtschiff aus der Hansezeit.
Livland: historischer Name des baltischen Gebiets, auf dem sich heute z. B. Estland und Lettland befinden.
Missionar: jemand, der seine Religion verbreiten will, indem er andere dazu bringt, sich zu ihr zu bekennen.

Sabrina Kölbel, Digitale Lernwelten GmbH

Kontrolle und Ausbeutung

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Diese Zeichnung von 1842 zeigt einen estnischen Bauern auf dem Feld.

Die Deutschen im Baltikum waren oft Landbesitzer. Sie erwirtschafteten ihren Reichtum nicht nur durch harte Arbeit und Disziplin, sondern auch durch die Kontrolle des Handels und der landwirtschaftlichen Produktion. Auf den Flachs- und Getreidefeldern arbeiteten überwiegend keine Deutschen, sondern die lettischen und estnischen Einheimischen. Diese hatten gar keine andere Möglichkeit, denn das Land gehörte ihnen ja nicht mehr, seit es vom Deutschen Orden erobert worden waren. Auch das Ergreifen anderer Berufe wie Kaufmann oder Handwerker in den Städten war den Einheimischen zunächst verboten. Letten und Esten waren daher oftmals gezwungen, auf den Landgütern der Deutschen zu arbeiten.

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Hier siehst du eine Bäuerin beim Wollesp

Viele der in den Städten lebenden Deutschen gehörten jedoch auch nicht zur reicheren Oberschicht. Sie lebten und arbeiteten als Handwerker, Lehrer oder Ärzte. Die gesellschaftlich bestimmende Gruppe im Baltikum war bis ins 19. Jahrhundert hinein eine kleine, wohlhabende Oberschicht. Sie bestand aus Adeligen und Kaufleuten. Das Land entwickelte sich, die Anbauflächen und Ernteerträge wurden stetig größer, der Handel florierte – aber die, die am härtesten dafür arbeiteten, bekamen von dem erwirtschafteten Reichtum kaum etwas ab.

Nun war diese Wirtschaftsordnung im Mittelalter und der Frühen Neuzeit allgemein verbreitet: Die Bauern waren von denjenigen abhängig, denen das Land gehörte. Im Baltikum gab es aber eine Besonderheit: Wohlhabende und Ärmere gehörten nicht nur unterschiedlichen Ständen an (Adel und Bauern), sie gehörten auch unterschiedlichen Volksgruppen an. Sie waren Deutsche und 'Undeutsche', wie man damals sagte.

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Ohne auf die verschiedenen Stände zu sehen, theilt man des Landes Einwohner in zwo Hauptklassen, in Deutsche und in Undeutsche. Unter den letzten versteht man alle Erbleute, oder mit einem Wort die Bauern. Wer nicht Bauer ist, heißt ein Deutscher, wenn er auch kein deutsches Wort sprechen kann, z. B. Russen, Engländer [...]. Zu dieser Klasse gehören der Adel, die Gelehrten, Bürger, Amtleute, freygebohrne Bediensteten, auch sogar Freygelassene, sobald sie ihre vorige Kleidung mit der deutschen verwechseln.

August Wilhelm Hupel, Topographische Nachrichten von Lief- und Ehstland, Bd. 1, Riga 1774, S. 140 f.

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In Estland wird die Zeit vom frühen 13. bis zum frühen 20. Jahrhundert oft als die Phase der 700 Jahre dauernden Fremdherrschaft bezeichnet. Und in der Tat: Nicht selten sind zum Beispiel Deutschland und Russland in der kollektiven Erinnerung als Besatzer und Unterdrücker verankert. Doch wurde das Land auch von anderen europäischen Ländern und deren Herrschern in ihre jeweiligen Machtbereiche eingegliedert, Polen-Litauen und Schweden zum Beispiel. Erst 1918 begann die nationale Unabhängigkeit, die zunächst nur von kurzer Dauer war.
Noch heute beziehen viele Esten und Letten gegenwärtige Ereignisse und Erlebnisse auf die Geschichte. Sie jubeln, wenn etwa in internationalen Sportwettkämpfen der Sieg eines Letten oder einer lettischen Mannschaft gegen deutsche oder russische Sportler gelingt. Sie freuen sich, wenn die Entwicklung ihrer Gesellschaften an manchen Stellen, zum Beispiel bei der Digitalisierung, schneller gelingt als in Deutschland.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH

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Aufgabe

Quelle und Darstellungen auswerten

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    Arbeite die Quelle „Der Pastor August Wilhelm Hupel ...“ und die Darstellung „700 Jahre Fremdherrschaft“ durch. Stelle den Zusammenhang zwischen dem Interesse an der Geschichte und den Fremdherrschaftserfahrungen dar.
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    Beschreibe die gesellschaftliche Rolle der Deutschen im Baltikum mit eigenen Worten.

Neue Herrscher, alte Eliten

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Im 16. Jahrhundert ging es schließlich mit dem Ordensstaat zu Ende. Die Nachbarn Russland, Schweden, Dänemark, Polen und Litauen hatten alle das Ziel, ihren Einfluss im Ostseeraum auszubauen. Opfer dieser Pläne wurde der damals schon geschwächte Ordensstaat. Dessen baltische Gebiete wurden zunächst zwischen Schweden, Dänemark und Polen aufgeteilt. Im 18. Jahrhundert wurde dann das gesamte Baltikum von Russland erobert.

Die Deutschen im Baltikum kamen mit den Veränderungen dieser Zeit erstaunlich gut zurecht. Zwar wurden sie nicht mehr von einem deutschen Ritter-Großmeister regiert, sondern vom schwedischen König oder russischen Zaren – aber ihrer privilegierten Stellung in der Gesellschaft und ihren Wirtschaftsunternehmen schadete das nicht. Auch unter den neuen Herrschern bildete die deutsche Minderheit den Hauptteil der baltischen Oberschicht. Aus ihrer Sicht kamen nur einige Schweden und Russen dazu. Die Esten und Letten aber hatten weiterhin nichts zu sagen.

Ein Beispiel für die bestehende anhaltende Bedeutung der Deutschen im Baltikum ist die Universität Tartu (damals Dorpat) im heutigen Estland. Diese wurde 1632 auf Betreiben des schwedischen Königs gegründet. An dieser Universität wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts nur auf Deutsch gelehrt. Studenten und Dozenten waren größtenteils Deutsche. Die Universität lag nicht in einem deutschen Staat, aber sie bildete die Elite einer Gesellschaft aus, in der Deutsch die Sprache der Oberschicht war und blieb.

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Daten: Zusammensetzung der Rigaer Einwohner nach Muttersprache, https://de.wikipedia.org/wiki/Riga

Neue Herrscher, alte Eliten

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Hier siehst du das Hauptgebäude der Universität Tartu (deutsch: Dorpat) in Estland.

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ТЕЛЕВИЗОР

Führung durch eine Fotoausstellung von 1889 zum 'alten Dorpat'

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Aufgabe

Zusammenhängend über Vergangenheit und Geschichte sprechen

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    Erläutere mit eigenen Worten die Gründe dafür, dass die Deutsch-Balten über so lange Zeit eine gesellschaftliche Führungsschicht bilden konnten.
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    Bereite dazu einen Schülervortrag vor.