8.4 Das Europa der Gegenwart und die russlanddeutsche Erfahrung
In vielen Staaten Europas setzt sich erneut ein nationalistisches Denken durch. Das ist irgendwie überraschend, weil nach dem Zweiten Weltkrieg das nationale Denken immer mehr durchbrochen wurde – durch europäische Zusammenarbeit, die Gründung der EU, europäische Freizügigkeit u. v. m. Damit waren Hoffnungen auf Frieden und Fortschritt verbunden. Aber was ist dann passiert? Und welche Zukunft wollen wir in Europa gestalten?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 10, Wahlbereich 3
Alltagserfahrungen und Mentalitäten zur Zeit der Friedlichen Revolution und im geeinten Deutschland
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Rückwanderung, deutsche Vereinigung und die Folgen: 8.1, 8.2, Video-Interviews: 8.5)
In diesem Kapitel widmen wir uns der Gegenwart, betrachten Vergangenes und regen an, für die Zukunft daraus zu lernen. Was wollen wir, wie es wird?
Übersicht Kapitelinhalte
Hoffnungen nach Ende des Kalten Krieges und Lehren aus der europäischen Gewalt- und Kriegsgeschichte

Urheber: Giorgi Abdaladze - Communications Division of the Administration of the President of Georgia · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Occupation_of_Gori,_2008?uselang=de#/media/File:Woman_during_Gori_Bombing.jpg · CC BY-SA 4.0
Nach 1990 haben sich die politischen Verhältnisse in Europa grundlegend gewandelt. Viele Menschen aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks sind nach Westeuropa gekommen, um hier zu arbeiten, zu studieren, eine bessere Zukunft zu finden. Viele östliche Staaten Europas sind der Europäischen Union beigetreten. Die Verflechtungen zwischen vielen Staaten sind in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sehr eng.
Es gab die Hoffnung, dass in der Zukunft Kriege in Europa unmöglich sein werden. Diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt. Neben der Zusammenarbeit vieler Staaten in der Europäischen Union gibt es auch eine Kette von Konflikten und Kriegen: von den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre über den Krieg in Georgien 2008 bis zum Krieg Russlands gegen die Ukraine seit 2014. Die Demokratie ist zudem in vielen europäischen Staaten in Gefahr. In vielen Staaten setzt sich erneut ein egoistisches, autoritäres und nationalistisches Denken durch. Welche Zukunft wollen wir in Europa gestalten?

Aus allen Kriegen und Streitigkeiten des 20. Jahrhunderts wurden eigentlich Lehren gezogen. Auf dem europäischen Kontinent leben Völker mit unterschiedlichen Lebensweisen, Kulturen und Religionen auf recht engem Raum zusammen. Sie haben jeweils eigene Traditionen, Sprachen und Geschichten. Das macht Europa bunt und immer wieder anders. In Irland leben Menschen anders als in Bulgarien, Deutsche unterscheiden sich von Russen usw. Statt über diese Unterschiede zu streiten, sollten wir sie als Bereicherung annehmen und nutzen. Nie wieder sollten sich Menschen in Konflikte treiben und durch Gier, Neid und Hass dazu verleiten lassen, wieder zu den Waffen zu greifen. Für diese friedliche Zukunft hatte der damalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow das Bild vom 'gemeinsamen Haus Europa' entwickelt – ein Haus, in dem für alle Menschen und Lebensweisen Platz ist, auch für die Osteuropäer.
Aus dieser Vision ist nichts geworden: Leider gibt es wieder Kriege. Machtdenken hat sich gerade bei den Großmächten der Welt wieder durchgesetzt und Europa wird dadurch großen Gefahren ausgesetzt. Angela Merkel sagt nach Ende ihrer Regierungszeit im Jahr 2022, dass es „nicht gelungen“ sei, „den Kalten Krieg wirklich zu beenden [...]. Es ist immer dieser Punkt Russland geblieben [...] und es ist eben auch nicht gelungen, eine Sicherheitsarchitektur (mit Russland) zu schaffen [...].“

Urheber: RIA Novosti archive, image #428452 / Boris Babanov · https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Sergejewitsch_Gorbatschow#/media/Datei:RIAN_archive_428452_Germany_becomes_one_country.jpg · CC BY-SA 3.0
Das Bild zeigt eine Aufschrift auf einer Mauer, die aussieht, wie ein Stück der ehemaligen Grenzbefestigung zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober 1990. An diesem Tag trat die DDR der Bundesrepublik bei. Deutschland war damit vereinigt, so sagten viele Menschen.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Verantwortung für Geschichte und für den Frieden

"Lassen Sie sich nicht hineintreiben ..." – Der damalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015) mahnte 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gerade die jüngeren Menschen, sich nicht wieder verhetzen und in Kriege treiben zu lassen.
https://www.youtube.com/watch?v=C3ZAzpk4IbE&start=2498&end=2642
Keine funktionierende gesamteuropäische Sicherheitsstruktur

Die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2022 über die Tragik der (europäischen) Politik, der es nach 1990 nicht gelungen ist, eine tragfähige Friedensordnung in Europa unter Einschluss von Russland zu gestalten.
https://www.youtube.com/watch?v=0c9-EX_RT0c&start=2566&end=2674
Mit dem Ende des Kalten Krieges 1989/90 war die Chance da, Europa neu zu ordnen. Der Warschauer Pakt löste sich auf, die Sowjetunion zerfiel. In der „Charta von Paris“ (1990) versprachen Ost und West eine gemeinsame Friedensordnung. Diese Vision wurde nicht eingelöst.
Was stattdessen geschah
Statt einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur wurde die NATO nach Osten erweitert: 1999 traten Polen, Ungarn und Tschechien bei, 2004 sieben weitere Staaten. Russland blieb außen vor. Zwar gab es Formen der Zusammenarbeit des Westens mit Russland, aber eine gleichwertige Rolle in einer gemeinsamen Struktur wurde nicht geschaffen.
Versäumnisse des Westens
- Kein Konzept für Russland: Russland wurde nicht als Partner einer neuen Ordnung behandelt, sondern als geschwächte Großmacht, deren Einwände man übergehen konnte.
- Triumphalismus: Nach 1990 dominierte das Gefühl, der Westen habe 'gesiegt'. Andere Staaten wurden eher als Schüler denn als gleichberechtigte Partner gesehen.
- 'Wandel durch Handel': Vor allem Deutschland setzte darauf, dass wirtschaftliche Verflechtung politische Annäherung erzeuge. Diese Annahme hat sich als Fehleinschätzung erwiesen.
- Ungeklärte Zusicherungen: 1990 fielen in den Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung Aussagen, die in Moskau als Zusage verstanden wurden, die NATO dehne sich nicht nach Osten aus. Im Westen wurden sie nur als unverbindliche Erwägungen gesehen. Eine schriftliche Klärung unterblieb.
- Schwache OSZE: Die einzige Institution, die Ost und West umfasste, blieb ohne wirkliche Durchsetzungsmacht.
Bilanz
Was entstand, war eine halbe Lösung: Der Westen dehnte sich aus, Russland blieb draußen, eine gemeinsame Ordnung fehlte. Diese Asymmetrie erzeugte Spannungen, die sich seit 2014 und endgültig 2022 in der Ukraine entladen haben.
Wichtig zur Einordnung
Die Verantwortung für den russischen Angriffskrieg liegt eindeutig in Moskau. Die Frage nach westlichen Versäumnissen entlastet die Aggressoren nicht. Sie hilft aber zu verstehen, warum keine Ordnung entstand, in der ein solcher Krieg schwerer möglich gewesen wäre.
Grundeinsichten für einen Europäer der Gegenwart:
- 1Europa hat eine lange gemeinsame Geschichte.
- 2Wanderungsbewegungen von Menschen hat es in der Vergangenheit gegeben und wird es auch in Zukunft geben.
- 3Die eigene Kultur und Sprache zu pflegen ist wichtig.
- 4Kulturelle Vielfalt ist eine Bereicherung und eine Chance.
- 5Die Überbewertung streng abgrenzender und vereinheitlichender Vorstellung von Staat und Nation im 19. Jahrhundert hat Europa mit in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt.
- 6Im 21. Jahrhundert gibt es auf der Welt große Machtblöcke und sehr mächtige Staaten: die USA, China, die Europäische Union etc. Diese konkurrieren weltweit um Einfluss und wirtschaftliche Vorteile. Gegen diese Mächte können einzelne Nationalstaaten in Europa nur unterliegen.
Grundregeln für einen Europäer der Gegenwart:
- 1Um ihre Vielfalt nutzen zu können, sollten sich die europäischen Völker auch politisch und wirtschaftlich immer mehr zusammenschließen. Das ist keine Behinderung der eigenen (nationalen oder regionalen) Kultur, Religion und Sprache.
- 2Die Europäische Union und ihre Nachbarn müssen friedliche und vertrauensvolle Beziehungen zueinander entwickeln. Das gilt für Russland, die Türkei, Palästina und Israel, die nordafrikanischen Staaten usw.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
- 1Arbeite die Inhalte des Abschnitts „Hoffnungen nach Ende des Kalten Krieges und Lehren aus der europäischen Gewalt- und Kriegsgeschichte“ durch.
- 2Fasse die Informationen zu einem 5-minütigen Kurzvortrag für deine Mitschüler zusammen.
Die Bedeutung der Russlanddeutschen für die deutsche und europäische Gesellschaft
Russlanddeutsche Geschichte und die Erfahrungen der Russlanddeutschen sind sehr wertvoll für alle Menschen in Europa. Russlanddeutsche sind eine Gruppe, die zwischen zwei Staaten und Nationen gelebt hat. Dabei haben insbesondere die durch die Siedlungspolitik Katharinas II. nach Russland eingewanderten Menschen erlebt, wie es ist, wenn man sich an eine andere Gesellschaft anpassen muss, verfolgt wird und seine Heimat verliert.
Russlanddeutsche und der Nationalismus



„Bist du einer von uns, oder einer von denen?“ Auf diese Frage läuft Nationalismus letztlich immer hinaus. Für die Russlanddeutschen war diese Frage schon immer schwer zu beantworten. Ob im 19. Jahrhundert, ...
... im 20. Jahrhundert, ...
... oder dem 21. Jahrhundert. Das russlanddeutsche 'Aschenputtel', wie es sich unser Zeichner ausgedacht hat, will sich in keinen der nationalen Schuhe, die ihm die deutschen und russischen 'Prinzen' hinhalten, drängen lassen. Russlanddeutsche wollen selbst über Leben und Handeln bestimmen. Das ist eine wertvollen Grunderfahrungen der deutschen Demokratie in der Gegenwart: Leben in Deutschland heißt mitdiskutieren, mitmachen und selbst entscheiden.
© Günther Herrler, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
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Was zum Lernen für alle: Die Geschichte der Russlanddeutschen als europäische Erfahrung
Die wichtigste Lektion ist auch die unbequemste: Ethnische Zugehörigkeit und politische Loyalität sind nicht dasselbe. Russlanddeutsche waren jahrhundertelang loyale Untertanen des Zarenreichs, dann sowjetische Staatsbürger und wurden trotzdem als unzuverlässige und verräterische „Deutsche“ verfolgt, deportiert und zur Zwangsarbeit gezwungen.
Ein Grundmuster, gegen das jede plurale Gesellschaft ankämpfen muss, ist die Gleichsetzung von Herkunft mit Gesinnung. Beides muss getrennt werden. Und deshalb sind auch Kollektivstrafen – zum Beispiel gegen Juden, gegen Muslime, gegen Migranten – immer ein Fehler. Die Geschichte der Russlanddeutschen ist ein Lehrstück gegen ethnisches Denken, weil sie zeigt, zu welchen Verbrechen die Feindschaft gegen Menschengruppen oder ganze Völker führen kann.
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Die Russlanddeutschen haben kulturell, sprachlich und als Gemeinschaft überlebt. Das konnte gelingen, weil sie eigene Strukturen aufgebaut haben: Kirchen, Schulen, Kulturvereine, schließlich den Rat der Deutschen der Ukraine. Im ukrainischen Staat gelten außerdem Gesetze zum Schutz von Minderheiten. Daraus ergibt sich eine der Grunderfahrungen der Europäer mit ihrer Geschichte: Toleranz, die eher eine Ignoranz ist, reicht nicht aus. Minderheiten brauchen Rechte, Institutionen und finanzielle Absicherung.
Das bilaterale Abkommen zwischen Deutschland und der Ukraine von 1996 ist ein Modell dafür, auch wenn es in der Praxis nicht immer funktioniert hat. Es zeigt, dass Minderheitenschutz grenzüberschreitend organisiert werden kann und muss und nicht dem guten Willen einzelner Regierungen überlassen werden darf.
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Die Deportation der Russlanddeutschen in der Sowjetunion von 1941 ist in Deutschland kaum bekannt. Die meisten Deutschen wissen nicht, wer Russlanddeutsche sind. Das ist kein Zufall, es ist ein Symptom einer selektiven Erinnerungskultur, die zum Beispiel Tätergeschichte oftmals stärker bearbeitet als Opfergeschichte im Osten.
Wer die Geschichte der Russlanddeutschen kennt, versteht auch, dass der Zweite Weltkrieg sechs Jahre dauerte, aber jahrzehntelange Nachwirkungen hatte: die Sonderansiedlung der Russlanddeutschen bis 1956, das Rückkehrverbot bis 1972, die Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Eine Erinnerungskultur, die das ausblendet, ist unvollständig und damit auch als Schutz gegen zukünftige Verbrechen geschwächt. Erinnerungskultur schützt vor Wiederholung, aber nur, wenn sie ehrlich ist.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Die Russlanddeutschen haben weite Wege zwischen Europa und Asien zurückgelegt: aus Mitteleuropa nach Russland, aus Russland nach Sibirien oder Mittelasien und wieder zurück nach Deutschland. Viele dieser Wege waren erzwungen oder halberzwungen. Die Geschichte der Russlanddeutschen zeigt, dass Europa nie ein Kontinent immer unveränderter ethnischer Territorien war, sondern ein Kontinent permanenter Bewegung. Das betraf Völker, Sprachen und Kulturen.
Daraus folgt für die Gegenwart: Wer die Geschichte der Russlanddeutschen kennt, kann die Suche nach Sicherheit und Zugehörigkeit, das Streben nach Heimat und den Kampf für Menschenrechte nicht als Sonderproblem der Gegenwart behandeln, sondern muss sie als einen Grundzustand der europäischen Geschichte verstehen. Das kann die politische Debatte verändern oder sollte es zumindest.
Russlanddeutsche sind das, was die Soziologie eine „“ nennt. Damit ist eine zusammengesetzte Identität gemeint, die sich nicht auflösen lässt. Verschiedene Sprachen, Traditionen und politische Erfahrungen verschmelzen miteinander. Man ist dann eben Russland-Deutscher. Manche Menschen sehen das als Problem.
Die Geschichte der Russlanddeutschen zeigt das Gegenteil: Sie haben Sprachen bewahrt, Kulturen gepflegt, Brücken zwischen Gesellschaften gebaut. In einer Zeit, in der Europa über Integration debattiert, kann das ein Modell sein.
Das Bitterste ist vielleicht dies: Die Geschichte der Russlanddeutschen enthält alle wichtigen Lektionen über Kollektivstrafen, über Minderheitenschutz und über die Instrumentalisierung von Volksgruppen für politische Zwecke.
Leider hat es auch nach 1945 in Europa immer wieder Kriege und sogenannte ethnische Säuberungen gegeben. Zum Beispiel behauptete Russland 2022, die russische Minderheit in der Ukraine zu „schützen“ und zerstört seitdem das Land, in dem sie lebt.
Daraus folgt eine Mahnung: Historisches Wissen schützt nur, wenn es auch vermittelt wird. Deshalb sind Projekte wie „Geschichte und Gegenwart der Russlanddeutschen“ notwendig.
- 1Lies die Aussagen zur „Geschichte der Russlanddeutschen als europäische Erfahrung“.
- 2Arbeite die angeführten Argumente stichwortartig heraus.
- 3Finde andere Volksgruppen in Deutschland oder Europa, die ähnliche Erfahrungen wie die Russlanddeutschen gemacht haben.
- 4Wähle zwei Argumente aus und erläutere, worin der Gewinn einer solchen Erfahrung für alle Menschen in Deutschland und Europa liegen kann.

Die politische Zukunft Europas – aus der Geschichte lernen mal anders
Gerade scheint sich politisch in Europa und der Welt sehr viel zu ändern. Große Mächte entstehen und wollen ihre Interessen durchsetzen. Dafür setzen sie alle Mittel ein, auch militärische. Und deshalb gibt es auch wieder Kriege in Europa und verstärkt auch in anderen Teilen der Welt. Europa und Deutschland müssen mit einer neuen Politik reagieren, wenn sie ihre Eigenständigkeit und ihre Werte bewahren wollen. Aber wie sollte die aussehen? Und kann man aus der deutschen Vergangenheit dazu etwas erfahren?
Der Westfälische Frieden (1648): Kompromiss statt Sieg
Nach dreißig Jahren Krieg schlossen die europäischen Mächte 1648 einen Frieden. Das taten sie nicht, weil sie einander plötzlich mochten, sondern weil alle erschöpft waren. Das Ergebnis war kein Diktat, sondern ein Interessenausgleich: Jede Seite bekam etwas, keine wurde vernichtet. Somit saßen Personen, die sich vorher nicht über den Weg getraut hatten, miteinander „an einem Tisch“ und verhandelten.

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Drei Prinzipien trugen diesen Frieden:
- die Souveränität der Staaten,
- gegenseitige Anerkennung und
- das Gleichgewicht (Kein Staat darf so mächtig werden, dass er alle anderen beherrscht.)
Die Prinzipien sind im Völkerrecht bis heute gültig. Und das bedeutet: Wer auf totalen Sieg zielt, verlängert Konflikte. Und wer Europa durch Dominanz einigen will, wird scheitern. Das zeigt nicht nur die Geschichte des römisch-deutschen Kaisers Karl V. und Napoleons, sondern auch Russlands Krieg gegen die Ukraine seit 2014/2022.

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Marcus Ventzke: Was kann man aus der Geschichte der Frühen Neuzeit für die Befriedung von Konflikten und Kriegen und die Vereinbarung von Friedensschlüssen lernen?
Antwort 1: Lernen aus der Vergangenheit, ganz grundsätzlich
- Die historische Orientierung der deutschen Politik ist schwach ausgebildet.
- Das ist anders in Polen, Frankreich: Dort gibt es ein tieferes Wissen über das 17. und 18. Jahrhundert.
- In Deutschland ist die Haltung verbreitet: „Geschichte vor dem 20. Jahrhundert ist alter Kram. Das taugt zu nichts.“
- Zu dieser Haltung ist Widerspruch nötig.
Antwort 2: Wozu ist Wissen über 300 bis 400 Jahre alte Politik sinnvoll?
- Die heutige Welt verändert sich Richtung konkurrierender Mächte.
- Globale Vereinbarungen verlieren an Wert.
- Frühe Neuzeit und 19. Jahrhundert liefern dafür Erkenntnisse: Jedes Land agierte für sich. Harte Machtfaktoren (Geld, Wirtschaft, Militär) plus weiche Faktoren (Inszenierung) waren wichtig.
- Auch der Wissenschaftler Herfried Münkler untersucht die Mechaniken von Bündnissystemen aus 3, 5 oder 7 Mächten.
Antwort 3: Faktoren, die zu berücksichtigen sind
Erstens: Kriegspropaganda durchschauen
- Behauptungen der völligen Entmenschlichung des Gegners sind meist überzogen.
- Tatsächlich geht es zumeist um Interessengegensätze, nicht um 'Alles oder nichts' oder den Weltuntergang.
- Beispiele sind viele frühneuzeitliche Eroberungskriege (z. B. Ludwig XIV.): Ziel war Macht, nicht Vernichtung. Daraus könnten heutige Politiker/Machthaber etwas lernen.
Zweitens: Moral als schlechter Verhandlungspartner
- Schuldzuweisungen erschweren Verhandlungen. Das ist schwer auszuhalten, aber oftmals Voraussetzung für Gesprächsbereitschaft.
Drittens: Zweitbeste Lösungen akzeptieren
- Schlechter Frieden ist mitunter besser als die Fortsetzung des Krieges.
- Frieden ≠ Gerechtigkeit/Menschenrechte/Freiheit (Kategorienfehler vermeiden)
- Friedensverhandlungen sind oft ein Schachern. Das kann akzeptabel sein, wenn danach die Waffen schweigen.
Viertens: Diplomatie des 17. Jahrhunderts
- Der Einfluss ideologischer Scharfmacher muss zurückgedrängt werden.
- Rationale Analyse: Was hat / will / kann der Gegner?
- Alle Konfliktparteien sollten einbezogen werden (auch indirekt Beteiligte).
- Kein Vetorecht oder Tabuthema („Satisfaktion“ der eigenen Interessen kann zugelassen werden.)
- Wichtig ist die Suche nach Kompromissen statt das Streben nach dem totalen Sieg.
- Ein Gleichgewicht in Verträgen und Bündnissen anzustreben, ist sinnvoll.
- Aggressoren in Friedensgarantien einzubinden, kann deren Verantwortungsbereitschaft stärken.
- Kleinteilige Inkompatibilitäten zwischen den Ländern verhindern starre Machtblöcke.
- Amnestie und Racheverzicht können zur Durchbrechung der Gewaltspirale beitragen.
Antwort 4: Anwendung auf Europa nach dem Ukrainekrieg
- Ein gesamteuropäischer Friedenskongress könnte sinnvoll sein (Modell Westfälischer Frieden). Das ist eventuell effektiver als bilaterale Verhandlungen.
- Streitfragen (z. B. Territorien) können ausgeklammert und offengelassen werden.
- „Normaljahre“ definieren:
- politischer/territorialer Stand vor der russischen Vollinvasion 23.02.2022
- Stand vor Krim-Annexion 2014,
- Stand des Minsker Abkommens 2014/15
Ziel: Nicht die gerechteste, sondern die erreichbarste Position.
- Amnestie-Frage: Vollständiger Verzicht auf Bestrafung der Täter (wie 1648) heute wahrscheinlich nicht möglich. Heute haben wir ein entwickeltes Völkerrecht, den IStGH. Die Verbrechen der russischen Angreifer (Butscha/Mariupol/Charkiw usw.) sind erheblich und jedermann kennt sie. Offene Frage: Wie viel Strafverfolgung ist mit wie viel Frieden vereinbar? Hinweis auf das Südafrika-Modell nach Ende der Apartheid: „Wahrheit gegen Amnestie“.
Marcus Ventzke und Chris Liebscher, Digitale Lernwelten GmbH
Bismarck: Politik als Kunst des Möglichen

Urheber: Anton von Werner · https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_von_Bismarck#/media/Datei:Berliner_kongress.jpg · PD
Für Otto von Bismarck gehörten Kriege zum Wesen eines Staates. Er provozierte und führte sie, wenn sie ihm und seinem Herrscher nutzten. Insofern war er ein gewaltbereiter Politiker und Kriegstreiber. Aber er war auch ein nüchterner Analytiker. Krieg war nicht sein oberstes Ziel oder das erste und einzige Mittel, das er einsetzte, um seine Ziele zu erreichen.
Nach der deutschen Einigung im Jahr 1871 wollte er nicht mehr erobern, sondern das Erreichte sichern. Dafür baute er ein dichtes Netz aus Bündnissen mit anderen Staaten: Kein anderer Staat sollte auf den Gedanken kommen, Deutschland anzugreifen.
Sein Kernprinzip: Stabilität entsteht nicht durch Stärke allein, sondern dadurch, dass man die Interessen der anderen kennt und befriedigt.
Bismarcks größter Fehler war, dass seine Vereinbarungen nur funktionierten, solange er sie persönlich organisierte. Daraus folgt eine wichtige Lektion für heute: Stabile Ordnung braucht Institutionen, nicht Genies.
Dauerhafter Frieden entsteht nicht durch eine internationale Ordnung von Siegern und Besiegten, sondern durch Systeme, die alle wichtigen Akteure einbinden. Und es braucht Institutionen, die klüger sind als die Menschen, die sie gerade führen.
„Strategische Unabhängigkeit“ Europas inmitten des Ringens großer Mächte in und über Europa?

Strategische Unabhängigkeit Europas? Wie soll das gehen? Deutschland, Frankreich und einige andere europäische Länder wollen daran arbeiten. Auszug aus einer ARTE-Dokumentation aus dem Jahr 2026.
https://www.youtube.com/watch?v=9qke-dl8R44&start=677&end=924
Hoffnungen und wünschenswerte Ziele für unsere Zukunft
Jeder wünscht sich für die Zukunft ein friedliches Europa. Dieses Europa sollte in allen Teilen, vom Ural bis zum Atlantik, friedlich sein. Europa sollte seine Sicherheit gemeinsam organisieren können. Es sollte Werten wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit verpflichtet sein, gerade dann, wenn das in anderen großen Staaten der Welt nicht oder nicht mehr der Fall ist. Europa sollte unabhängig sein und nicht der Spielball anderer Mächte.
Irgendwann sollte auch Russland wieder zur europäischen Familie gehören, und es sollte verlässliche Sicherheitsvereinbarungen zwischen Europa und Russland geben. Der Frieden muss gesichert werden, auch dann, wenn Russland ein Staat bleibt. Um friedliche Beziehungen muss sich die Politik Deutschlands und anderer europäischer Länder zu allen Staaten dieser Welt bemühen.

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Das Ende einer Illusion
Die Jahre nach der Öffnung der Grenzen in Europa und der Vereinigung Deutschlands 1990/91 waren ein historischer Ausnahmefall, wurden aber für die Normalität gehalten. Das ist der Grundirrtum, aus dem Europa bis heute nicht vollständig erwacht ist.
Der Moment war einmalig, nicht wiederholbar
1990 gab es eine Konstellation, die sich nicht wiederholen lässt: Die Sowjetunion brach zusammen, weil sie innerlich erschöpft war, nicht, weil sie eine äußere Niederlage erlitten hatte. Das aus ihr hervorgehende Russland war geschwächt, kooperationswillig und suchte westliche Integration. China war noch kein globaler Systemrivale. Die USA waren die unangefochtene Hegemonialmacht. Sie trugen die Kosten der liberalen Weltordnung. Und die gerade befreiten Staaten Osteuropas hatten ein großes Bedürfnis, Teil des Westens zu werden.
Diese vier Bedingungen gleichzeitig: Das wird nicht wieder eintreten.
Die Annahme über die weitere Entwicklung war falsch
Alle nahmen an, dass sich die Welt nach einer kurzen Zeit der des ehemaligen Ostblocks immer weiter in Richtung Demokratie und Freiheit entwickeln würde. Überall würde es so laufen: von der Autokratie zur Demokratie, von der Plan- zur Marktwirtschaft, vom Nationalstaat zur liberalen Integration. Aber Geschichte verläuft nicht linear. Viele Beispiele zeigen, dass wirtschaftliche Entwicklung nicht zwingend mit der Entwicklung von Demokratie verbunden ist.
Der Westen hat seine eigene Anziehungskraft beschädigt
Um attraktiv zu sein, bräuchte „der Westen“ ein klares, attraktives und glaubwürdiges Modell: Seine Werte müssen in seiner Politik sichtbar werden. Das ist nicht mehr gegeben. Der Irakkrieg 2003 zerstörte die moralische Autorität der westlichen Staaten, besonders der USA. Die Finanzkrise 2008 erschütterte das Vertrauen in die westliche Wirtschaftsordnung. Die Wahlerfolge autoritärer Populisten wie Donald Trump haben den Westen als innenpolitisch stabiles Modell unglaubwürdig gemacht. Wer soll sich an einem Modell orientieren, das in sich selbst umstritten ist? Hinzu kommt: Die spolitik der 1990er Jahre hat in vielen Ländern reale Verlierer produziert: Deindustrialisierung, soziale Zerrüttung, . Dieser 'Übergang' hat Millionen Menschen verarmen lassen und gleichzeitig wenige reich gemacht.
Die Welt ist multipolar geworden
Im Jahr 1990 gab es kein ernsthaftes Gegenangebot zur liberalen Ordnung. Heute gibt es mehrere. China geht als Wirtschaftsmacht seinen eigenen Weg. Die Staaten des sogenannten globalen Südens (Afrikas, Asiens und Südamerikas) haben gelernt, sich zwischen den Machtblöcken der großen Staaten zu bewegen und ihre Abhängigkeiten zu reduzieren. Das erscheint oft attraktiver als die Einbindung in westliche Institutionen mit ihren Bedingungen. Das bedeutet nicht, dass der alternative Weg besser ist. Es bedeutet nur, dass diese Staaten eine Wahl haben und sie nutzen.
Was daraus folgt
Europa muss wahrnehmen, dass es in einer Welt agiert, in der andere Länder politisch anders sind. Das bedeutet nicht, auf Werte zu verzichten. Es bedeutet, zwischen Werten und Interessen zu unterscheiden, Partnerschaften nach Interessen zu gestalten und aufzuhören, Geschichte als Einbahnstraße in Richtung „Westen“ zu sehen.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Erweiterung: Was realistisch zu erwarten ist

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Realistisch ist, dass immer mehr Staaten autoritäre Regierungen bekommen und ihre Gesellschaften weniger frei sind. In diesem Falle ist es wichtig, so viel Machtausgleich und stabile Bündnisse wie möglich zu haben.
Frieden zu wahren und (in Grenzen) Austausch z. B. im Handel zu betreiben, ohne naiv einander zu vertrauen, wird die Grundregel der Beziehungen zwischen den 'alten Demokratien' Europas (Frankreich, Deutschland, Großbritannien etc.) und autoritären Staaten Europas wie Russland werden. Vielleicht wird das sogar die Regel aller internationalen Beziehungen. Kommt es so, wäre das ein historischer Schritt zurück, aber nicht das Ende der Welt. Es wäre dann für uns nicht alles neu, völlig unsicher und unbeherrschbar. Denn wir haben geschichtliches Wissen.
Die europäische Geschichte kennt viele Beispiele für diplomatischen Austausch und Bündnisse, die über lange Zeit auch unter schwierigen Bedingungen den Frieden gesichert haben. Freiheiten und Rechte, wie sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkämpft wurden, könnten verloren gehen. Und das wäre nicht leicht zu verkraften.
Was die Russlanddeutschen mit all dem zu tun haben? Sehr viel!
Erstens: Sie haben als Kollektiv reiche Erfahrungen mit schwierigen politischen Umständen, mit der Bewahrung der eigenen Identität auch unter Druck und Drohungen, mit Techniken des Überlebens in Krisen und Kriegen.
Zweitens: Die jahrzehntelang im Wohlstand lebenden Gesellschaften Westeuropas und Westdeutschlands haben solche Erfahrungen nicht oder nur sehr eingeschränkt.
Video fehlt – Videodatei bereitstellen
Robin-Harder_Teil2.mp4
Robin Harder über die Erfahrungen mit Krisenbewältigung innerhalb seiner eigenen Familie: Resilienz, Ignoranz, Verantwortung

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