7.3 Umgang mit der Diktatur nach ihrem Ende

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Ein lange ersehntes Ziel zu erreichen, führt oft auch dazu, dass man gleich mit neuen Herausforderungen zu tun hat. Es gibt keine Pause und keine Belohnung. So war es auch mit der freien Gesellschaft, in die Ost- und Russlanddeutsche nach 1989/90 kamen: Ihr Leben änderte sich radikal und sie hatten viele Probleme zu bewältigen.
Nach einiger Zeit beginnt man dann sich zu erinnern, wie man das alles erlebt hat. Und das ist ein spannender Vorgang: Die Erinnerung ist nämlich keine genaue Wiedergabe der Vergangenheit.

Nordrhein-Westfalen

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II, Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch
:

  • Sek I: Inhaltsfeld 10
    Gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Entwicklungen in Deutschland seit 1945
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Wandlungen und gesellschaftliche Herausforderungen nach 1990, Sichtweisen auf die Diktatur: 7.1, 7.2, 7.3)

Sachsen

Lehrplan Geschichte Gymnasium in Sachsen, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch:

  • Klasse 10, Wahlbereich 3
    Alltagserfahrungen und Mentalitäten zur Zeit der Friedlichen Revolution und im geeinten Deutschland
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Rückwanderung Russlanddeutscher nach Deutschland: 5.1, 5.2, 8.1, 8.2, 8.3, 8.4, 8.5)

In diesem Kapitel untersuchen wir, wie sich die Wahrnehmung der Diktatur in der Vergangenheit verändert hat und welche neuen Bewegungen entstehen.

Übersicht Kapitelinhalte

Was kam nach der Diktatur ?

Ostdeutsche

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Mal den Westen ausprobieren gehen. Wird alles gut?

Für Ostdeutsche bedeutete der Beitritt zur Bundesrepublik im Jahr 1990 einen radikalen Umbruch, aber einen Umbruch in ein funktionierendes System. Sie kamen in ein Land, dessen Menschen ihre Sprache sprachen und mit denen sie einen großen Teil der Geschichte teilten. Ihre deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihnen niemals streitig gemacht. Die Wiedervereinigung war schmerzhaft, enttäuschend, für viele demütigend – aber sie war keine Migration von einer Zivilisation in eine andere, wie es heute oft bei Einwanderern oder Asylbewerbern der Fall ist, die aus arabischen oder afrikanischen Ländern nach Deutschland kommen.

Russlanddeutsche

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Spätausgesiedelte russlanddeutsche Familie 1988 im Aufnahmelager Friedland: Man muss Hoffnung haben.

Für die Russlanddeutschen, die als Spätaussiedler nach Deutschland kamen, war die Ankunft ein doppelter Schock. Sie kamen in ein Land, das sie als ursprüngliche Heimat betrachtet hatten, nur um festzustellen, dass diese Heimat sie als Fremde behandelte. Sie sprachen oft kein oder nur gebrochenes Deutsch, ihre sowjetischen Abschlüsse wurden nicht anerkannt, ihre Kinder wurden in der Schule als 'Russen' bezeichnet und diffamiert. Sie hatten die Sowjetunion verlassen, weil sie Deutsche sein wollten – und in Deutschland wurden sie nicht vom Staat, aber oftmals in ihrer sozialen Umgebung zu Russen gemacht. Diese Erfahrung der doppelten Fremdheit – weder in der Sowjetunion noch in Deutschland wirklich dazuzugehören – ist eine spezifisch russlanddeutsche Erfahrung, für die es im ostdeutschen Erleben kein Äquivalent gibt.
Verschiedene Beispiele zeigen diese Wahrnehmung als „Fremde“: Besonders bekannt geworden ist der „Fall Lisa“. Nachdem die russlanddeutschen Eltern ihre Tochter vermisst gemeldet hatten, wurde der Fall zu einem internationalen Politikum. Dieser sogenannte „Fall Lisa“ stellte sich später als einer der ersten Fälle von bewusster öffentlicher Falschinformation und Aufhetzung dar. „Lisa“ war nicht entführt und vergewaltigt worden.

Podcast „Steppenkinder“ mit Ira Peter und Edwin Warkentin zum „Fall Lisa“ (Folge 24)

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Eugen, Jevgenij, Shenja? Die 'Eindeutschung' Russlanddeutscher nach ihrer Rückkehr nach Deutschland

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Viele Russlanddeutsche hatten russische Vornamen, als sie zurück nach Deutschland kamen. Sie hießen Jevgenij, Jelena, Jekaterina, Vladimir, Nicolai, Alexeij oder Ljudmila. Die deutschen Beamten des Bundesverwaltungsamts schlugen häufig die 'Eindeutschung' dieser Namen vor. Nach dem deutschen Namensrecht war das nicht notwendig. Dennoch drängten die Beamten oftmals gerade die Eltern, ihren Kindern passende deutsche Namen zu geben. Es ist nicht für jeden Fall ganz eindeutig, warum das genau geschah. Die Beamten versprachen sich wohl eine bessere Integration und die verunsicherten Eltern folgten diesem Rat in vielen Fällen. Oft wurde entschieden, ohne die betroffenen Kinder und Jugendlichen einzubeziehen. Immerhin ging es ja um ihre Namen.

Und so wurde aus Vladimir Waldemar, aus Jevgenij Eugen und aus Ljudmila Lydia. Heute erkennt man Russlanddeutsche oft daran, dass sie Namen haben, die in Deutschland schon vor Jahrzehnten absolut ungebräuchlich waren: Helene, Natalie oder Heinrich.

Der Russlanddeutsche Eugen Litwinow hat 2013 ein Buch über die Umbenennungen und ihre Folgen veröffentlicht. Es heißt „Меня Mein зовут Name ist Евгений Eugen. Gespräche über das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen“. Darin berichtet er von Gesprächen mit anderen jungen Männern, die auch alle Eugen genannt wurden. Er erfährt, wie es ihnen mit dem Namen gegangen ist, ob sie positive oder negative Erfahrungen gemacht haben, wie der Name sie prägt und wie sie sich heute in Deutschland sehen. Der folgende Film wurde auf der Grundlage dieses Buches entwickelt. Namen wurden verändert, konkrete Aussagen der Personen wurden in Anlehnung an Litwinows Buch neu geschrieben und dabei zugespitzt.

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Eugen braucht Hilfe! (KI-gestützte Inszenierung, Drehbuch und Dramaturgie: Digitale Lernwelten)

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kultureller Kolonialismus:

Es gibt einen kulturellen Kolonialismus, bei dem die beherrschende Macht versucht, die Kultur einer anderen Gruppe oder Gesellschaft zu kontrollieren oder gar ganz zu verdrängen. Das ist oft mit Abwertungen verbunden. Typische Elemente sind zum Beispiel die Veränderung der Sprache, Umbenennungen von Landschaftsbezeichnungen oder Personennamen, der Zwang zur Übernahme fremder Rechtsnormen, die Nichtanerkennung von Bildungseinrichtungen und -abschlüssen und die Ausübung von Druck zur Annahme einer neuer Lebensweise (Assimilation).

Integrationshilfe:

Im Unterschied zu kolonialistischem Handeln beruhen Integrationshilfen auf Freiwilligkeit, Angeboten und wechselseitigem Respekt. Freiwilligkeit statt Zwang bedeutet, dass Integrationshilfen Angebote sind, keine erzwungene Assimilation. Im Mittelpunkt steht eine Wertschätzung: Die Herkunftskultur, -sprache und -religion werden nicht als problematisch oder minderwertig dargestellt. Man legt viel Wert auf Teilhabe statt Unterordnung: Der Zugang zu Bildung, Arbeitsmarkt und Gesundheitsversorgung muss ohne Voraussetzungen möglich sein. Und Integration sollte auch als Chance für die Aufnahmegesellschaft verstanden werden.

Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

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AufgabeFilmanalyse
  1. 1
    Sieh dir den Film „Eugen braucht Hilfe!“ an.
  2. 2
    Benenne das Problem des ersten Eugen mit eigenen Worten.
  3. 3
    Wähle mindestens zwei weitere Eugen-Figuren aus und beschreibe deren Aussagen und Positionen
    1. 3.1
      zur Wichtigkeit des Namens für ihre Leben,
    2. 3.2
      zu ihren Erlebnissen nach der Rückkehr nach Deutschland,
    3. 3.3
      zur Frage, wie „deutsch“ sie sich fühlen.
  4. 4
    Beurteile die Namensänderungen aus der Zeit und aus der Perspektive der Eltern, der Beamten und der betroffenen Kinder/Jugendlichen heraus.
  5. 5
    Man könnte die Eindeutschung der russischen Namen als 'Kolonialismus' bezeichnen oder eben als 'Integrationshilfe'
    Nimm zu diesen Bewertungen aus eigener Sicht Stellung und begründe deine Meinung.
    Beziehe die Erläuterungen des Textes über dem Film (Element 5) in deine Begründungen ein.

Hinweis: Nutze zur Untersuchung auch die Methodenseite Filmanalyse.

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Ein echtes Beispiel

Erinnerung an die Diktatur: Wird sie immer schöner, je weiter sie zurückliegt?

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Erinnerung und wovon sie beeinflusst wird (erstellt mit KI-Unterstützung)
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Wenn Menschen an vergangene Erlebnisse zurückdenken, neigen sie dazu, die negativen und neutralen Anteile zu vergessen, wodurch die Erinnerung insgesamt positiver erscheint. Je abstrakter wir an die Vergangenheit denken – also je weiter sie zurückliegt –, desto eher konzentrieren wir uns auf positive Verallgemeinerungen statt auf die konkreten, manchmal unangenehmen Details.

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In der DDR-Erinnerung gibt es eine bekannte Ambivalenz: Viele Ostdeutsche unterscheiden zwischen dem System, das sie ablehnen, und dem Leben, das sie darin geführt haben. Die „Ostalgie“ ist meistens kein Bekenntnis zur Diktatur, sondern eine Erinnerung an Jugend, Gemeinschaft und Alltagspraktiken, die mit dem Ende der DDR verschwanden. Der Historiker StefanWolle hat genau diese Ambivalenz beschrieben: Die „heile Welt“ war keine heile Welt, aber sie fühlte sich für viele heil an.
Bei den Russlanddeutschen ist die Erinnerung anders strukturiert. Die „heile Welt“ liegt nicht in der Sowjetunion, sondern davor – in der idealisierten Erinnerung an die deutschen Siedlungen an der Wolga, in der Schwarzmeerregion, im Kaukasus. Diese Heimat existiert nicht mehr, ihre Dörfer sind verfallen oder von anderen bewohnt, ihre Kirchen zerstört oder umfunktioniert. Die Sowjetunion verbinden viele Russlanddeutsche mit einem diktatorischen Regime, das ihnen alles genommen hat. Natürlich gibt es auch eine gewisse Nostalgie, wenn man an manche schönen Erlebnisse und Gefühle in der Zeit der Sowjetunion denkt. Eine „Sowjetalgie“ in Form einer positiven Bewertung der sowjetischen Politik aber gibt es bei den Russlanddeutschen eher selten.

Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

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Ich habe einen Garten, den ich kannte,
bevor der Westen sich das Land nahm mit.
Der Osten blieb mir, kälter, doch man nannte
ihn Heimat nur noch halb, mit jedem Schritt.

Der Schlüssel, den ich trug seit Kindertagen,
dreht sich noch immer, öffnet aber nicht.
Man hat das Schloss getauscht, ganz ohne Fragen,
und nennt das FREIHEIT, nennt es Pflicht.

Man reicht mir Hoffnung wie ein kleines Almosen,
zu knapp bemessen für die halbe Nacht.
Ich zähl die Jahre nicht mehr nach den Rosen,
nur danach, was der Westen sich erdacht.

Vielleicht, wenn dieser Zaun aus Eisen rostet,
sag ich noch einmal „mein“, nicht, was es kostet.

Dieses Gedicht wurde von KI gestaltet. Es nimmt die Themen der 'Wendejahre' in den neuen Bundesländern auf: Umbruch, neue gesellschaftliche und politische Ordnung, Besitztransfer in die alten Bundesländer etc.

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Das obige Gedicht hat keinen menschlichen Autor. Es wurde vollständig und ohne Korrekturen von einer Künstlichen Intelligenz entworfen. Das war der Prompt zum Auftrag, ein Gedicht zu erstellen:

„Entwirf eine Gedicht über die sogenannten Wendejahre in der DDR und den neuen Bundesländern. Gehe dabei auf die für viele Menschen in den neuen Bundesländern schwierigen Erfahrungen ein: die schnelle Übernahme des westlichen Gesellschaftssystems, den Verlust der bisherigen Lebenswelt sowie den Besitztransfer von Ost nach West.“

Beachte: Eine KI nimmt immer nur die Informationen auf, die sie im digitalen Raum findet und erstellt Produkte nach errechneten Wahrscheinlichkeiten. Wie sie bei diesem Gedicht also Themen gefunden, sie kombiniert und mit Wertungen versehen hat, spiegelt wider, was im Internet mehrheitlich dazu zu finden ist. Das ist also mit mathematischer Genauigkeit authentisch.

Denke über folgende Frage nach: Kann man sagen, dass KI die Wahrheit über die Wendejahre in den neuen Bundesländern am genauesten findet?

„DDR“ – „neue Länder“ – „Ostdeutschland“: Junge Ostdeutsche entwickeln ein selbstbewusstes, eigenständiges Lebensgefühl

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Nicht wenige (jüngere) Ostdeutsche haben heute eine Mehrfachidentität. Sie haben mehrere, zum Teil auch widersprüchliche Prägungen bekommen und fühlen sich unterschiedlichen Erzählungen und den Menschen, die sie erzählen, zugehörig:

  • Die DDR-Erfahrung kennen sie oftmals aus Erzählungen ihrer Eltern, Großeltern oder anderer Familienmitglieder: Sie erfahren damit subjektive Geschichten und Bewertungen eines Landes, das sie gar nicht kennen, das aber irgendwie auch zu ihrem Land wird.
  • Die bundesdeutsche Erfahrung der Gegenwart prägt den Alltag. Dort spielt die DDR ebenfalls eine Rolle: Was Menschen wollen, hängt von ihren oftmals früh erfolgten Prägungen ab. Und viel davon findet man dann konkret im Alltag wieder: in der Art, wie Leute öffentlich sprechen, in der Gestaltung von Vereinen und staatlichen Einrichtungen usw.
  • Eine transnationale Erfahrung: Deutschland ist weltoffen. Viele junge Menschen machen Auslandsjahre, studieren oder arbeiten im Ausland, reisen viel, interessieren sich für Entwicklungen in Asien oder den USA. Die DDR und die Bundesrepublik oder das heutige Deutschland spielen da weniger eine Rolle.

Das führt dazu, dass gerade jüngere Menschen oftmals auf eigene, nicht selten auch sehr kreative Weise mit der Vergangenheit umgehen. Und dadurch entstehen auch wieder eigene Geschichten über die Vergangenheit.

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Simson – Freundschaft – Selbstbestimmung: Die aus Bitterfeld-Wolfen stammende Band "Goitzsche Front" ist sehr erfolgreich, weil sie ein 'ostdeutsches' Lebensgefühl junger Leute transportiert.

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Neues ostdeutsches Selbstbewusstsein: Die Band "Feine Sahne Fischfilet" singt: "Wir kommen in Frieden"

„Kasachstan“ – „Deutschland“ – „Kasachstan“: Junge Russlanddeutsche entwickeln ein selbstbewusstes, eigenständiges Lebensgefühl

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Auch bei den Russlanddeutschen entstand oftmals eine Mehrfachidentität. Diese ist von folgenden Geschichten geprägt:

  • Das Deutsche der Vorfahren: Die Familiengeschichten reichen zurück bis zu deutschen Siedlern des 18. Jahrhunderts: Sprache, Bräuche und Glaube wurden über Generationen weitergegeben, oft heimlich.
  • Das Sowjetische: Die heutigen älteren Russlanddeutschen wurden noch durch die Sowjetunion geprägt. Sie sprachen Russisch, kennen russische Lieder und sowjetische Feiertage. Auch das ist Teil ihres Lebens und prägt Erzählungen.
  • Russlanddeutsche in Deutschland sein als eigene Erfahrung: In Deutschland galten viele, gerade jüngere Russlanddeutsche plötzlich als „die Russen“, obwohl sie als Deutsche gekommen waren. Diese Erfahrung, zwischen zwei Welten zu stehen, schuf eine eigene Identität.

Mehrfachidentität heißt nicht, heimatlos zu sein. Ein Mann, der in Kasachstan zur Schule ging, in Sibirien geheiratet hat und heute in Detmold lebt, kann beim Familienfest russische Lieder singen, sonntags in die deutsche Kirche gehen und sich beim Fußball für Deutschland freuen – und alles davon ist echt. Wer das versteht, begreift, warum Russlanddeutsche oft das Gefühl haben, weder hier noch dort wirklich gemeint zu sein.

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Казахстан – Это моя родина. (Kasachstan – Das ist meine Heimat). Die russlanddeutsche Band "Ginex" beschreibt Gefühle jüngerer Russlanddeutscher, die nach 1991 nach Deutschland kamen.

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„Wir sind drei deutschrussische Jungs und kommen gebürtig aus Moldawien (Beny Krik) und Kasachstan (Som und Don-A). Anfang 2000 sind wir mit unseren Familien nach Deutschland / Kassel gezogen und wohnen dort in Helleböhn und Brückenhof, wo sehr viele Russlanddeutsche leben. In unserer Heimat konnten wir nicht mehr bleiben, denn unsere Eltern sahen für uns dort keine Perspektive. Außerdem wollten sie uns vor dem Abgleiten ins kriminelle Milieu abhalten und hofften auf bessere Chancen in Deutschland. Sie wollten uns eine bessere Zukunft ermöglichen.
Leider sehen wir uns hier oft mit Ablehnung und Ausgrenzung konfrontiert, was aber sicherlich nicht nur ein deutsches Problem ist. Als jemand, der fremd in ein neues Land kommt, ist es allgemein schwer, sich heimisch zu fühlen, da man plötzlich nirgends mehr wirklich 'hingehört'. Hinzu kommt, dass die Viertel, in denen wir wohnen als sogenannte 'soziale Brennpunkte' bezeichnet werden, in denen eine hohe Gewalt- und Kriminalitätsrate und viel Arbeitslosigkeit herrscht. Wir lassen uns davon aber nicht unsere Wege verbauen, sondern nehmen unser Schicksal selber in die Hand und erzählen in unserer Musik davon.
Mit dem Produzieren eigener Songs haben wir Anfang 2006 angefangen. Ende 2007 haben wir einen Labelvertrag bei RZ-recordingz unterschrieben und arbeiten seitdem hart an einer musikalischen Karriere, um uns etwas Eigenes aufzubauen, mit dem wir andere Menschen erreichen können, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, oder die sich dafür interessieren, wie Leute wie wir leben: Germany INtern EXtern.“

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Hallo Heimat
Hallo, hallo
Heimisches Kasachstan

[...]

Vor 9 Jahren
überschritt ich die Schwelle meines Hauses,
aber ich konnte es nie vergessen.

Ich bin sehr froh,
wieder hier zu sein.
Ich bin sehr glücklich,
wieder bei euch zu sein!

Ich vermisse das Angeln
und das (Dampf) Bad sehr.

Ich sehe diesen Platz,
an dem wir von dir
verabschiedet worden sind.

Aber damals habe ich nicht
verstanden, warum.
Denn ich war noch klein.

Dafür verstehe ich jetzt,
wieso alle geweint haben

Denn jetzt bin ich erwachsen geworden, doch
es ist alles vergangen.

[...]

Mich wird nicht jeder verstehen,
nur diejenigen, die es wissen
Diejenigen, die eine Trennung von den Eltern
überlebt haben, die verstehen es.

Ich kenne viele, die sagen:
„Was soll man da machen?
Hier hab ich alles.
Deutschland, das ist es!“

Aber ich sage dir eins:
„Freiheit, das ist das Wichtigste, Bruder!“

Die Deutschen lächeln einem ins Gesicht,
aber hinter dem Rücken bist du der Feind!

Okay, das reicht!
Heute trinke ich wieder mit euch
Ich werde begrüßt mit einer Flasche.
Lasst uns einen Toast für das Wiedersehen aussprechen, Jungs!

Ich habe es versprochen, wiederzukommen
und ich habe mein Wort gehalten.

Refrain:
Kasachstan, das ist meine Heimat!
Kasachstan, in der Heimat bin ich frei!
Ja, ich bin von dir gegangen.
Aber du bist in meiner Seele geblieben,
ich vergesse dich nicht!„

Hinweis:
Das Lied erzählt eine besuchsweise Rückkehr nach Kasachstan.

Übersetzung des Musikvideos.

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AufgabeWo fühlt man sich zugehörig? „Kasachstan – Das ist meine Heimat“

Die russlanddeutsche Band Ginex beschreibt Erfahrungen, die die Bandmitglieder als Kinder und später als Erwachsene in Deutschland gemacht haben. Erzählt wird im Lied die Geschichte einer Besuchsreise zurück nach Kasachstan.

  1. 1
    Wer hat die Entscheidung getroffen, Kasachstan zu verlassen und nach Deutschland zu gehen?
  2. 2
    Erläutere anhand der Liedtexte, warum die Bandmitglieder sich in Deutschland fremd fühlen.
  3. 3
    Nenne Erlebnisse in Kasachstan, die die Künstler der Band in Deutschland vermissen.
  4. 4
    Welche Schlussfolgerungen werden aus den gemachten Erfahrungen gezogen?
  5. 5
    Beschreibe ganz kurz die Geschichte der Band und nutze dabei die Begriffe „Fremdbestimmung“, „Ausgrenzung“, „Kampfeswille“.
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AbschlussaufgabeGruppendiskussion

Organisiert eine Gruppendiskussion zum Thema
„Was macht mich mit meiner Familiengeschichte als Deutsche(r) aus?“

Geht dabei folgendermaßen vor:

  1. 1
    Entwerft jeder für sich eine kurze Beschreibung von sich selbst. Bezieht dabei eure Familiengeschichte, eure eigenen Ansichten sowie die Hoffnungen und Probleme ein, die ihr in und mit Deutschland habt.
  2. 2
    Tragt eure Beschreibungen in der Gruppe vor.
  3. 3
    Bestimmt zwei Protokollanten, die unterschiedliche Ansichten oder Widersprüche notieren.
  4. 4
    Die Unterschiede und Widersprüche werden von den Protokollanten vorgetragen und zur Diskussion gestellt.
  5. 5
    Ein Diskussionsleiter legt die Diskussionszeit fest und erteilt das Wort.
  6. 6
    In einer Abschlussdebatte werden Erkenntnisse zusammengefasst. Diese wird auch durch den Diskussionsleiter geregelt.