Methode: Zeitzeugen
Bei einem Kriminalfall befragt man vor Gericht Zeugen des Tathergangs. Kann jemand besser wissen, wie sich etwas ereignet hat, als derjenige, der dabei war? Im Fernsehen werden bei historischen Dokumentationen auch sehr oft Zeitzeugen befragt.
Wenn wir also ganz genau wissen wollen, wie es in der Vergangenheit war, müssen wir einfach nur Leute befragen, die dabei waren, oder? Dass es leider nicht so einfach ist, werde ich dir in diesem Kapitel zeigen.
1. Erinnerungen von Menschen
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Die Erinnerung von Menschen ist von vielen unterschiedlichen Dingen abhängig. Erinnerungen verändern sich im Laufe des Lebens. Menschen versuchen z.B. sehr oft, die Erlebnisse ihres Lebens so in die Geschichten, die sie über sich erzählen, einzufügen, dass eine erfolgreiche Lebensgeschichte entsteht. Das tun sie meistens gar nicht bewusst, sondern es passiert einfach im Laufe der Zeit.
Andere Menschen verändern ganz bewusst bestimmte Episoden in ihrem Leben. Je öfter sie diese 'neue' Geschichte erzählen, desto 'wahrer' wird sie. Am Ende glauben sowohl Erzähler, als auch Zuhörer diese Geschichte.
Zudem können Zeitzeugen immer nur an einem ganz kleinen Ausschnitt der Vergangenheit teilgenommen haben. So können sie eine Ausnahmesituation erlebt haben, die für die meisten anderen Menschen nicht zutrifft. Eine kurze Zusammenfassung der 'Stolpersteine bei der Arbeit mit Zeitzeugen' findest du im Merkkasten.
- Im Laufe der Zeit gehen Erinnerungen verloren, sie werden vergessen.
- Zeitzeugen haben meist nur einen Ausschnitt des Geschehens an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Rolle erlebt.
- Das Gedächtnis verändert sich ständig, um gewandelte Lebensumstände und neue Erfahrungen in die eigene Lebensgeschichte einzubauen.
- Erfahrungen anderer Menschen werden mit der Zeit oftmals als eigene Erfahrungen empfunden und ausgegeben.
- Geschichten werden in den jeweiligen Kulturen nach bestimmten Erzählmustern erzählt. Die eigene erlebte Geschichte wird an solche Muster angepasst und damit verändert.
- Zeitzeugen haben eigene Absichten, sie wollen oftmals der nächsten Generation 'etwas mitgeben'. Der Zeitzeuge erzählt also seine Geschichte heute und für Menschen, die heute leben.
- Zeitzeugen gelten als besonders glaubwürdig. Ihre Aussagen müssen aber genauso kritisch untersucht werden wie andere Quellen und Darstellungen.
- Interviewer von Zeitzeugen fragen oftmals nicht kritisch nach, weil sie das als unhöflich empfinden.
- Zeitzeugengespräche sind sowohl Quellen aus der Vergangenheit, als auch Darstellungen über die Vergangenheit. Die Erlebnisse der Zeitzeugen sind Quellen, ihre Geschichten sind die Darstellung dieser Erlebnisse.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
2. Zeitzeugen befragen
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Der Russlanddeutsche Willi Friesen wird befragt: zu seinem Leben, seiner Familie, seinen Entscheidungen und Beweggründen
Folgende Hinweise beziehen sich auf eine Zeitzeugenbefragung, die ihr in der Gruppe vorbereitet und durchführt.
- 1Planung:
- 1.1Wählt das Thema des Zeitzeugengesprächs.
- 1.2Sucht einen Zeitzeugen, der zu diesem Thema etwas sagen kann. Teilt ihm oder ihr mit, worum es in dem Gespräch gehen soll.
- 1.3Legt einen Termin für das Gespräch fest.
- 1.4Bestimmt das Ziel des Gesprächs: Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte?
- 1.5Erstellt einen Fragenkatalog. Geht dabei nach der Trichtermethode vor: zuerst die allgemeineren und dann die speziellen Fragen.
- 1.6Legt Aufgaben während des Gesprächs fest: Interviewer, Protokollant, Verantwortliche für Audio-Aufnahmen usw.
- 1.7Bereitet die für das Gespräch nötige Ausrüstung vor (zum Beispiel Papier und Stifte für ein Protokoll, ein Audio-Aufnahmegerät, Kameraausrüstung, Erfrischungsgetränk).
- 1.8Wenn vorher noch Zeit bleibt: Probt das Interview mit allen Beteiligten für die festgelegten Aufgaben.
- 1.1
- 2Gespräch:
- 2.1Fragt nach Informationen über die interviewte Person: Name, Herkunftsort, Beruf, ...
- 2.2Achtung Trichter-Methode:
- 2.2.1Stellt dann allgemeinere Fragen zur Zeit des Geschehens:
- In welchem Land war das?
- Zu welcher Zeit ist das passiert?
- Wie war die Stimmung der Leute damals? - 2.2.2Nähert euch mit den Fragen dem zentralen Thema immer konkreter an.
- Fragt nach Gründen für ein Geschehen.
- Fragt nach den persönlichen Ansichten und Haltungen des Gesprächspartners.
- Stellt keine Fragen, die etwas vermuten oder dem Befragten die Antwort schon vorgeben
(„Denken Sie nicht auch, dass ...“).
- 2.2.1
- 2.1
- 3Hinweise zum Gesprächsverlauf:
- 3.1Seid aufmerksam und konzentriert euch auf den Gesprächspartner.
- 3.2Der vorbereitete Fragenkatalog muss nicht stur Frage für Frage abgearbeitet werden. Ihr könnt auch andere Fragen stellen, wenn es im Laufe des Gesprächs interessante Aspekte gibt. Behaltet aber das Ziel im Blick! Fragt nach, wenn ihr etwas nicht verstanden habt oder etwas unklar geblieben ist.
- 3.3Lasst den Gesprächspartner aussprechen.
- 3.4Lasst zwischen den Fragen auch ein wenig Zeit. Gesprächspartner sollen sich nicht gehetzt fühlen.
- 3.5Ihr könnt auch Pausen machen, wenn Gesprächspartner sehr angestrengt sind oder ihr vom Thema abkommt. Nach einer Pause könnt ihr dann erfrischt neu ansetzen.
- 3.1
Weitere Hinweise zur Planung und Durchführung von Zeitzeugengesprächen gibt es zum Beispiel hier.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
3. Reflexion: Grenzen von Erinnerungen für historische Arbeit
Wer wirklich verstehen möchte, was passiert ist, sollte sich nicht auf sein Erinnerungsvermögen verlassen. Erinnern ist nämlich kein neutraler Vorgang, der Vergangenes einfach bewahrt – im Gegenteil, es funktioniert oft genau umgekehrt zu dem, was man von ihm erwartet. Das Gedächtnis besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Es versöhnt uns mit dem, was war, lässt alten Ärger verblassen und überzieht selbst schmerzhafte oder verletzende Erlebnisse mit einem milden, verklärenden Schimmer. Wer zufrieden durchs Leben geht, hat oft ein löchriges Gedächtnis – dafür aber einen umso reicheren Schatz an Erinnerungen.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Ingolstadt-Eichstätt

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