2.4 Die Deutschen sollen Russen werden
Katharina die Große hatte die Deutschen nach Russland geholt, damit sie das Land bearbeiteten, Reichtum erwirtschafteten und dadurch auch das Russische Reich wirtschaftlich voranbrachten. Dass die Deutschen dabei irgendwann zu Russen werden würden, war nicht vereinbart worden. Diese Abmachung funktionierte, wie wir gesehen haben, über lange Zeit sehr gut. Die Deutschen erfüllten ihren Teil und die russische Regierung ließ sie dafür weitgehend in Ruhe. Zwei von Katharinas Nachfolgern, Alexander II. und Alexander III., änderten nun aber die Abmachung einseitig. Warum taten sie das, und welche Auswirkungen hatte das für die deutschen Siedler?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Sek. 1: Inhaltsfelder 3 a) und 3 b)
Lebenswelten im Mittelalter
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
technische Innovationen, Kulturaustausch, Fernnetzwerke: 2.2) - Sek. 1: Inhaltsfeld 5
Das „lange“ 19. Jahrhundert – politischer und wirtschaftlicher Wandel in Europa
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
wirtschaftliche, technologische, kulturelle Herausforderungen: 2.2) - Sek 2 GK/LK: Inhaltsfeld 4
Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Modernisierung Bevölkerung, Technik, Arbeit: 2.2, 2.3) - Sek 2 GK/LK: Inhaltsfeld 6
Nationalismus, Nationalstaat und deutsche Identität im 19. und 20. Jahrhundert
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Deutsche Frage: Deutschsein in Russland: 2.4)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 8, Lernbereich 1
Die Vorstellungen des deutschen Bürgertums von Einheit und Freiheit
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Nationalismus: 2.4) - Klasse 8, Lernbereich 2
Das Doppelgesicht des Fortschritts – Industrialisierung und die Folgen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Regionalgeschichte, Migrationsbewegungen, wirtschaftlicher Aufstieg: 2.2, 2.3) - Klasse 8, Lernbereich 4
Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Deutsche sollen Russen werden: 2.4) - Klasse 11/12 GK, Lernbereich 1
Die Grundlegung einer modernen Gesellschaft in Wirtschaft und Politik in Deutschland
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Wirtschaft: 2.2) - Klasse 11 LK, Lernbereich 2
Von der vorindustriellen zur Industriegesellschaft – internationale Entwicklungen und ihre Folgen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Wirtschaft, Lebensformen der Siedler: 2.2, 2.3)
In diesem Kapitel beschreiben wir den Zusammenhang zwischen der Modernisierung des Zarenreichs und dem Verlust der Privilegien der Siedler. Wir gehen der Frage nach, inwieweit es sich bei diesem Prozess um eine Normalisierung der Siedlersituation oder um eine staatliche Diskriminierung handelt.
Übersicht Kapitelinhalte
Russland erkennt: Wir sind rückständig!

Urheber: Ivan Tyurin · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Alexander_II_by_Ivan_Tyurin_(1860s,_GIM).jpg&oldid=1008268879 · PD
Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkten viele Politiker und Militärführer in Russland, dass ihr Land gegenüber den anderen europäischen Großmächten ins Hintertreffen zu geraten drohte. Auslöser für diese Erkenntnis war der für Russland ungünstig verlaufene Krimkrieg (1853–1856). Die Rückständigkeit beschränkte sich nicht nur auf das Militär. Während sich andere Mächte, wie Frankreich und Großbritannien, zu modernen Nationalstaaten entwickelt hatten, war Russland teilweise noch von mittelalterlichen Verhältnissen geprägt. Die Bauern waren unfreie, von ihren adeligen Landbesitzern abhängige Leibeigene und die Städte entwickelten sich nur langsam. Außerdem empfanden sich die Russen nicht als Russen. Sie sahen sich als Untertanen des Zaren und ihrer Fürsten, aber sie hatten – anders als beispielsweise die Franzosen – nicht das Gefühl, das einheitliche Volk eines einheitlichen russischen Staates zu sein. Sie sahen in einem solchen Staat keinen besonderen Wert, für den sie kämpfen und im Notfall auch sterben wollten. Der Zar Alexander II. wollte daran etwas ändern.



Im Krimkrieg musste das russische Militär die Erfahrung machen, mit den anderen europäischen Mächten nicht mehr mithalten zu können. Der Krieg, in dem Russland erst gegen das türkische Osmanische Reich und später auch gegen Frankreich und Großbritannien kämpfte, endete mit einer russischen Niederlage. Das Gemälde zeigt Soldaten an einem ausgehobenen Grab am Hafen von Balaklava.
Eine der wichtigsten Reformen Alexanders II. war die Aufhebung der Leibeigenschaft. Bis dahin hatten viele der armen russischen Bauern in einem sklavenartigen Verhältnis zu ihren Gutsherren gelebt. Die Leibeigenen gehörten zum Besitz eines Gutsherrn. Er bestimmte über sie, ohne seine Zustimmung durften sie nicht umziehen, heiraten usw. Das Gemälde von Boris Kustodiev stammt von 1907 und zeigt Leibeigene, die der Verkündung ihrer Befreiung lauschen.
Auch dieses Gemälde von Grigory Myasoyedov zeigt russische Leibeigene. Ihnen wird die Verkündung ihrer Freiheit von dem rot gekleideten Jungen in der Mitte vorgelesen. Das Gemälde stammt von 1873.
Urheber: Charles Haghe; William Simpson · https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Crimean_War,_Balaklava;_graves_at_the_harbour._Coloured_lith_Wellcome_V0015441.jpg · CC BY 4.0
Urheber: Boris Kustodiev · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Reading_of_the_Manifest_(Liberation_of_peasants)_-_Kustodiev,_1907.jpg&oldid=719050599 · PD
Urheber: Grigoriy Myasoyedov · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Grigoriy_Myasoyedov_Reading_of_the_1861_Manifesto_1873.jpg&oldid=927058352 · PD
Das Wort Elite bedeutet Auswahl. In Gesellschaften werden oftmals die Führungsschichten in Wirtschaft, Politik, Kulturleben und Militär als Elite bezeichnet. Angehörige dieser Führungsschicht sind jedoch keineswegs immer die Besten oder Fähigsten.
Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten
Heute erscheint uns das ganz normal und selbstverständlich: Es gibt Staaten und in diesen Staaten leben Bürgerinnen und Bürger, die sich alle als gleichberechtigte Mitglieder der Bevölkerung empfinden. Sie erwarten gewisse Dinge von diesem Staat, z. B. Schulbildung und Sozialversorgung. Und sie akzeptieren, dass der Staat Dinge von ihnen erwartet, z. B. Steuern oder Wehrdienst.
So ist es aber noch nicht sehr lange. Die Idee eines solchen Nationalstaats hat sich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entwickelt.
Vor der Erfindung dieses Nationalstaats lebten die Menschen in persönlichen Beziehungen und Abhängigkeiten, z. B. in der Feudalordnung. In der Feudalordnung hat jeder Mensch ganz konkrete Personen, die für ihn zuständig sind, auf die er achten muss, die sein Leben bestimmen. Ein Bauer ist von seinem Grundbesitzer abhängig, dieser hat über sich einen höher gestellten Adeligen, und über diesen ist dann vielleicht der König gestellt. Herrschaft wird zwischen diesen Personen ausgeübt.
In einer solchen Ordnung konnte eine Herrscherin wie Katharina II. natürlich auch sagen: 'Die deutschen Siedler hole ich ins Land und unterstelle sie direkt mir selbst und meinen Beamten. Ich lege fest, welche Rechte und Pflichten sie haben und das hat mit den anderen Bauern meines Landes nichts zu tun, denn ich entscheide. Und für die anderen Bauern sind ja deren Adlige zuständig.'
In einem Nationalstaat sollten sich die Menschen aber nicht auf einen einzelnen Adligen oder den König beziehen, sondern sich als Teil einer großen einheitlichen Gemeinschaft fühlen und handeln.
Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten
- 1Notiere in Stichworten die Kennzeichen eines Nationalstaats.
- 2Recherchiere den Begriff der Nation und mache dir stichwortartige Notizen dazu.
- 3Leite ab, inwiefern die Tendenz zur Bildung eines Nationalstaats für die russlanddeutschen Siedler ein Problem war.
Zar Alexander II. reformiert das Land
Um sein Land aus der Rückständigkeit zu führen, erließ der Zar Alexander II. zahlreiche Reformgesetze. Sein Ziel war ein effizienteres Wirtschaftssystem, ein ausgebautes Schul- und Universitätswesen und ein schlagkräftiges Militär. Er orientierte sich dabei vor allem an Preußen, das sich Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgreich modernisiert hatte, dabei aber eine traditionelle Monarchie geblieben war (anders als zum Beispiel Frankreich).
Alexander schaffte die traditionellen Feudalbeziehungen auf dem russischen Land ab und ‚befreite‘ die vielen Millionen leibeigenen russischen Bauern. Er modernisierte die Verwaltung sowie das Bildungs- und Justizwesen. Aber Russland war ein großes Reich und viele von Alexanders Reformen trafen auf Widerstand bei denjenigen, die mit dem alten System gut gelebt hatten, beispielsweise bei den adeligen Großgrundbesitzern. So konnten nicht alle Träume Alexanders verwirklicht werden, aber durch seine Reformen änderte sich das Leben in Russland spürbar.

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- Aufhebung der Leibeigenschaft (1861)
- Reformen der Universitäten (1863)
- Reform der Staatsfinanzen (1863)
- Reform des Rechtswesens (1864)
- Einführung der Selbstverwaltung auf dem Land (1864)
- Reform der bestimmungen (1865)
- Reform der städtischen Verwaltung (1870)
- Militärreform (1874)
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten
Als Zar Alexander II. 1861 die Leibeigenschaft abschaffte, wurden russische Bauern zwar rechtlich freier, bekamen aber kein eigenes Land. Viele mussten deshalb als Tagelöhner bei Landbesitzern (nicht selten deutschen Bauern) arbeiten, was oft zu Neid und Spannungen führte.
Ab 1871 verloren die deutschen Siedler in Russland dann nach und nach ihre besonderen Rechte: Ihre eigenen Verwaltungsstrukturen wurden aufgelöst, Russisch wurde Pflichtsprache in Schulen und Behörden, und ab 1874 mussten auch sie in der russischen Armee dienen. Man kann das auf zwei Arten sehen – einerseits bekamen die Russlanddeutschen damit mehr Mitspracherecht als gleichberechtigte Bürger, andererseits war es ein Versuch, sie zu russifizieren, also ihre eigene Kultur und Identität zu unterdrücken.
Lukas Epperlein, nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte... [14.02.2025].
Die Abschaffung ihrer Sonderstellung hat die deutschen Siedler aus der erzwungenen Isolation befreit und damit eine ungeahnte wirtschaftliche und soziokulturelle Dynamik ausgelöst – man vergleiche nur die Bevölkerungszahl oder die Größe des Landbesitzes zu Zeiten der staatlichen Sonderverwaltung mit solchen aus dem Jahr 1914. Ihr gesamter Landbesitz wuchs von etwa 2,1 Millionen ha im Jahr 1864 auf ca. 8 Millionen ha. Fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte im damaligen Schwarzmeergebiet wurden von Betrieben in ehemaligen deutschen Kolonien oder solchen mit russlanddeutschen Inhabern hergestellt. In den Händen deutscher Siedler an der Wolga lagen wichtige Industriezweige wie die Mühlen- oder Textilindustrie. In der russischen Wein- und Cognacproduktion spielten die schwäbischen Kolonien im Transkaukasus eine beispielgebende Rolle.
Viktor Krieger, Dossier Russlanddeutsche, in: Bundeszentrale für politische Bildung https://www.bpb.de/gesellschaf... [09.03.2026]
Die deutschen Siedler sollen Russen werden

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In dem Russland, das sich Alexander II. wünschte, war für deutsche Siedler, die auch gerne ihre kulturellen deutschen Eigenarten und Privilegien behalten wollten, kein Platz. Die russische Regierung wollte einen einheitlicheren Staat schaffen. Daher galt: Wer an der Wolga sein Land bestellte und Gewerbe trieb, der sollte Russe sein. Und wenn er das noch nicht war, musste er es schnell werden.
Zunächst wurden den Siedlern ihre von Katharina zugesicherten Privilegien gestrichen. Ihre Dörfer wurden in die russische Verwaltung eingegliedert, ihr Schul- und Kirchenwesen durften sie nicht mehr unabhängig, sondern nur noch in Absprache mit den russischen Behörden gestalten. An die Schulen wurden russische Lehrer geschickt. Diese sollten dafür sorgen, dass die Siedler die russische Sprache lernten. Das hatten sie in der Vergangenheit nur selten getan.
Besonders hart traf die Siedler aber der Beschluss von 1874, in dem festgelegt wurde, dass sie von nun an auch Dienst in der russischen Armee zu leisten hatten. Das bedeutete, sechs Jahre lang irgendwo in Russland beim Militär zu dienen und danach neun Jahre lang als Reservist im Kriegsfall jederzeit wieder eingezogen werden zu können. Für jede Bauernfamilie war es ein schwerer Schlag, die Arbeitskraft ihrer Söhne für so lange Zeit zu verlieren. Eine Katastrophe war diese Entscheidung für die strenggläubigen unter den Siedlern. Sie lehnten jede Form von Militärdienst aus religiösen Gründen ab. Und nach Russland waren sie gekommen, weil ihnen Katharina II. die Befreiung von jeglichem Militärdienst zugesichert hatte.
Mennoniten und Militärdienst



Eine gesetzliche Ausnahme ermöglichte es den Mennoniten, statt Militärdienst zivile Arbeit zu leisten. Das Bild zeigt Männer in einem Waldarbeiterlager bei Anandol in der Ostukraine.
Schätzungsweise verrichteten während des Ersten Weltkriegs etwa 14.000 Mennoniten in ganz Russland einen alternativen Arbeitsdienst, ungefähr 7.000 von ihnen als Waldarbeiter. Hier siehst du die Männer bei einer Pause. Das Bild wurde mit KI optimiert, um die Personen besser erkennen zu können. Das Originalbild befindet sich auf der nächsten Seite.
Dies ist die Originalaufnahme der mennonitischen Arbeiter.
Urheber: unbekannt · Gerhard Lohrenz, Heritage Remembered, p. 240. https://gameo.org/index.php?title=File:Heritage-240-1.jpg · PD
© unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Mennonites_at_the_alternative_service_in_Russian_Empire,_1907.jpg&oldid=696781297 · Alle Rechte vorbehalten
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Mennonites_at_the_alternative_service_in_Russian_Empire,_1907.jpg&oldid=696781297 · PD
Die in den Truppenteilen meines Militärbezirks einberufenen deutschen Kolonisten zeichnen sich durch völlige Unkenntnis der russischen Sprache aus, die sie auch während ihrer Dienstzeit sehr mäßig studieren. Dies wirkt schädigend auf die Ausbildung der jungen Soldaten. Selbst sprechen besser russisch als die deutschen Kolonisten. Es wäre recht wünschenswert, dass die lokale Verwaltung dem Studium der russischen Sprache mehr Aufmerksamkeit schenkt. Viele von diesen bestehen seit mehr als hundert Jahren in Russland, aber die Kolonisten wollen sich keineswegs die Sprache unserer Heimat aneignen, die ihnen eine solch großartige Gastfreundschaft gewährt hat.
György Dalos, Geschichte der Russlanddeutschen, München 2014, S. 42.
Führten Alexanders Reformen zu dieser Veränderung für die deutschen Kolonisten? Antworte jeweils mit „ja“ oder „nein“.
Das Land der Kolonisten wurde beschlagnahmt und neu verteilt.
Bildnachweise
1. „Limpakuwus Pine Forest, Banyumas, Indonesia“ – Utsman Media (Nicht angegeben), Quelle
2. „Bild von 2427999 auf Pixabay“ – 2427999 (Nicht angegeben), Quelle
3. „Early Cyrillic alphabet“ – ХЕРАЛДИКА СССС (CC BY-SA 4.0), Quelle
4. „Bild von gdw96 auf Pixabay“ – gdw96 (Nicht angegeben), Quelle
5. „Branka 1863 by Alksander (Avrom) Sochaczewski (1843-1923)“ – Aleksander Sochaczewski (Public Domain), Quelle

Rechts: Der Rekrut aus vergangenen Zeiten
Durch das Ministerium der Volksaufklärung, dem die Kolonialschulen seit 1881 unterstellt worden waren, erging 1891 an die Küster-Schulmeister die Vorschrift, binnen zweien Jahren sich für das russische Volksschullehrerexamen vorzubereiten und dann gleichzeitig in den Schulen mit dem Unterricht der russischen Sprache zu beginnen. Als eine große Anzahl von Schulmeistern wegen mangelhafter Kenntnis des Russischen unmöglich diese Forderung erfüllen konnte und als diese durch das kirchliche und Schulamt und die übergroße Schülerzahl über alles Maß hinaus überbürdeten Schulmänner nur geringe Resultate im Russischen in ihren Schulen aufweisen konnten, wurden die Gemeinden gezwungen, einen besonderen Lehrer für russische Sprache, Rechnen und Schreiben aus eigenen Mitteln anzustellen. Den widerstrebenden Gemeinden wurden durch Schul- und Polizeibehörden die Kirchenschulen geschlossen und sogar der durch den Schulmeister während des Winters zu erteilende Konfirmantenunterricht mit den 14- und 15-jährigen Knaben und Mädchen untersagt, so lange die Gemeinden sich nicht willig erzeigten zur Anstellung eines russischen Lehrers.
Johannes Erbes, Die deutschen Volksschulen in unseren Wolgakolonien, Deutsche Volkszeitung, Jahrgang 1, Saratow 1906, S. 11
- 1Arbeite die Darstellung „Ihr müsst endlich Russisch unterrichten“ und den Text „Die deutschen Siedler sollen Russen werden“ (Elemente 12 und 18) durch.
- 2Stelle die Vor- und Nachteile dar, die sich aus der Reformzeit unter Zar Alexander II. für die Russlanddeutschen ergaben.
- 3In der Galerie „Mennoniten und Militärdienst“ wird das Schicksal der Mennoniten nach Einführung der Wehrdienstpflicht geschildert.
- 3.1Vergleiche die Informationen der Galerie mit denen des Textes im Abschnitt „Die deutschen Siedler sollen Russen werden“ (Element 12).
- 3.2Formuliere diejenigen Sätze, die sich im Lehrtext auf die Mennoniten beziehen, neu.
- 3.1
Die erste große Auswanderungswelle
Manche der Siedler, gerade die strenggläubigen Mennoniten, wollten sich dem Militärdienst nicht beugen. Sie hatten Deutschland verlassen, um nicht Soldaten werden zu müssen. Nun fassten viele den Entschluss, auch Russland zu verlassen. Der Zar wollte sich nicht mehr an die Zusagen seiner Vorgängerin Katharina II. halten, also sahen auch sie keinen Grund mehr, weiter unter russischer Obrigkeit zu leben.
Einige von ihnen suchten in Zentralasien, etwa in Kirgisistan und Usbekistan, eine neue Heimat. Andere wanderten nach Übersee, vor allem nach Argentinien, Paraguay, Brasilien und Kanada aus. Dort gründeten sie neue Kolonien, die teilweise bis heute bestehen.
Die russische Regierung war gegen diese Auswanderungen. Trotz der Reformgesetze zur Steigerung der Leistungsfähigkeit Russlands und zur nationalen Identität seiner Bewohner wollten die Behörden die Siedler im Land halten. Immer noch waren sie für die Modernisierung Russlands wichtig. So versicherten die Behörden den Mennoniten bald, dass sie in der Armee keine Waffen tragen müssten, sondern lediglich als Handwerker oder Sanitäter eingesetzt werden würden.
Auswanderung nach Übersee





Zwischen 1870 und 1917 gab es große Auswanderungswellen aus vielen europäischen Ländern auf die amerikanischen Kontinente. Dieses Bild aus der deutschen Zeitschrift 'Die Gartenlaube' von 1854 zeigt ein transatlantisches Passagierschiff im Querschnitt.
In den Vereinigten Staaten und dem Westen Kanadas gründeten die Auswanderer neue russlanddeutsche Gemeinden. Viele Familien zogen in die Great Plains im Mittleren Westen der USA, die landschaftlich den Steppen Russlands ähneln. Hier siehst du ein provisorisches Übergangsquartier für Russlanddeutsche aus dem Wolgagebiet in Kansas, USA, 1875.
Anders als die meisten Migranten in die USA wollten die Russlanddeutschen dort weiterhin hauptsächlich in der Landwirtschaft arbeiten. Diese konservativen Mennoniten verrichteten die Feldarbeit ganz ohne moderne Maschinen, Pennsylvania, USA, 1941.
Außer nach Nordamerika wanderten viele Russlanddeutsche auch in mittel- und südamerikanische Länder aus und bildeten dort eigene kleine Gemeinschaften, die ihre Kultur, Sprache und Religion zu wahren suchen. Für konservative Glaubensgemeinschaften boten und bieten sich hier Möglichkeiten, einen traditionellen Lebensstil ohne Maschinen zu führen, wie diese Mennoniten in San Ignacio, Paraguay.
Die größten mennonitischen Gemeinden finden sich in Mexiko, Bolivien, Paraguay und Belize. Diese Männer fischen auf dem New River im zentralamerikanischen Belize.
Urheber: verschiedene · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Die_Gartenlaube_(1854)_b_450.jpg&oldid=908214914 · PD
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Volga-Germans-US.jpg&oldid=749439479 · PD
Urheber: Irving Rusinow · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Lancaster_County,_Pennsylvania._These_Conservative_Mennonites_are_spreading_manure_by_hand._Certai_._._._-_NARA_-_521068.jpg&oldid=984432884 · PD
Urheber: Patty P · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:San_Ignacio.jpg&oldid=955289965 · PD
Urheber: Tony Beeman · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Mennonites_on_New_River,_Belize_detail.jpg&oldid=750629404 · CC BY-SA 2.0

Auswandererlied
Hier in Russland ist nicht zu leben,
Weil wir müssen Soldaten geben,
Und als müssen wir stehn –
Drum wollen wir aus Russland gehen.
In Saratow du deutsch Kontor,
Bring uns lauter Deutsche vor,
Hin nach dem brasilischen Ort,
Keinen Winter gibt es dort.
Was wir haben uns erspart,
Kostet's uns auf dieser Fahrt
Hin nach dem brasilischen Ort,
Keinen Winter gibt es dort.
Wenn wir nach Stadt Hamburg kommen,
wird uns unser Geld genommen,
Wenn wir fahren bis ans Meer,
werden unsere Säcklein leer.
Wenn wir auf dem Wasser fahren,
Schickt uns Gott einen Engel dar.
Gott, streck aus deine milde Hand,
Daß wir kommen an das Land.
Wenn wir von dem Schiff absteigen,
Ziehen wir in Gottes Namen;
Wenn wir auf dem Wagen fahren,
Werden wir wilde Schwein gewahr.
Trauben wachsen hinter Zäun,
Hutzeln an den hohen Bäum,
Aepfel, Feigen, die sind rot –
Hilf uns Gott aus aller Not!
Volkslieder und Kinderreime aus den Wolgakolonien. Gesammelt und mit einem Anhange von Rätseln zum 150jährigen Jubiläum der Wolgakolonien hrsg. von J[ohannes] E[rbes] und P[eter] S[inner]. Saratow 1914, S. 110f. (Nr. 113). Online verfügbar unter:
http://www.liederlexikon.de/lieder/...
[14.02.2025].
