Vertiefung 2.4 Deutsche und Russen: Augenblicke der Gemeinsamkeit

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In der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen verdichten sich manchmal die Anknüpfungspunkte in bestimmten Ereignissen oder Personen. Diese Momente und Figuren liefern Stoffe für Erzählungen über das Verhältnis beider Völker. Wie immer bei historischen Erzählungen lassen sich dabei aber aus ein und demselben Ereignis durchaus unterschiedliche Erzählungen konstruieren. In diesem Kapitel will ich daher den Blick auf drei Beispiele solcher besonderen Momente und Menschen werfen und mich dabei fragen, für welche Erzählungen über die Deutschen und Russen sie taugen.

Nordrhein-Westfalen

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch
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Sachsen

Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
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  • Klasse 11/12 GK, Wahlbereich 5: Ausdrucksformen nationalen Selbstverständnisses – Die Wirkung von Mythen
    (Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln:
    Stereotypen zu Deutschsein und Russischsein: Vertiefung 2.1, Vertiefung 2.2)
  • Klasse 11/12 GK, Wahlbereich 6: Ausdrucksformen nationalen Selbstverständnisses – Die Bedeutung von Feindbildern
    (Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln: Vertiefung 2.4, Vertiefung 2.5)
  • Klasse 12 LK, Lernbereich 1: Herausforderung „Frieden“ – Die Suche nach dauerhaft friedlichem Zusammenleben
    (Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln:
    Gemeinsamkeiten, Entfremdung: Vertiefung 2.4, Vertiefung 2.5)

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit historischen Augenblicken der Gemeinsamkeit beider Völker. Dass vorteilhafte Beziehungen zwischen Deutschland und Russland bestehen können, zeigen wir an den Beispielen: Der Tag von Tauroggen, die Geschichte der Maria Pawlowna und Ernst Reuter.

Übersicht Kapitelinhalte

Der Tag von Tauroggen

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Am 30. Dezember 1812 trafen sich bei einer Mühle nahe dem Ort Tauroggen (heute Tauragė in Litauen) der preußische General Johann David Yorck mit dem russischen Generalmajor Hans Karl von Diebitsch. Hier an der damaligen russisch-preußischen Grenze unterzeichneten sie eine Vereinbarung, die Konvention von Tauroggen. Diese sollte für die Zukunft Europas von großer Bedeutung sein.

Ende 1812 war Preußen ein Verbündeter des von Kaiser Napoleon Bonaparte regierten Frankreichs. Preußen war dieses Bündnis nicht freiwillig eingegangen, sondern von Napoleon dazu gezwungen worden, nachdem Frankreich Preußen 1806 militärisch besiegt hatte. In der Zwischenzeit war aber Napoleon bei dem Versuch, Russland zu erobern, grandios gescheitert und befand sich mit seinen verbliebenen Truppen auf dem Rückzug nach Frankreich.

Diesen Zeitpunkt wählte der preußische General Yorck, um das Bündnis mit Frankreich zu brechen und stattdessen ein Bündnis mit Russland einzugehen. In der Konvention von Tauroggen vereinbarten beide Mächte, dass die preußischen Truppen die Russen nicht bekämpfen würden (was ja ihre Pflicht als Verbündete Frankreichs gewesen wäre). Die Russen sicherten zu, den Preußen dabei zu helfen, Gebiete zurückzuerobern, die Preußen an Frankreich hatte abgeben müssen. Diesem russisch-preußischen Bündnis schlossen sich bald noch andere europäische Mächte an (Österreich, Großbritannien und Schweden). Sie schlugen Napoleon in mehreren Schlachten und beendeten die Vorherrschaft Frankreichs über Europa.

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Hier siehst du die Unterschriften des preußischen Generals Yorck und des russischen Generalmajors Diebitsch unter der Konvention von Tauroggen.

Zwei Erzählungen des Tages von Tauroggen

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Es ist immer wieder spannend, wie unterschiedlich sich Ereignisse deuten lassen, obwohl sie ja auf denselben historischen Fakten beruhen. Die Ereignisse von Tauroggen sind ein klassisches Beispiel dafür. Wir haben sie im Folgenden in zwei unterschiedliche Erzählungen verpackt, die jeweils zu einem etwas anderen Ergebnis kommen.

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Der Tag von Tauroggen gilt vielen heute noch als ein Symbol deutsch-russischer Freundschaft. Immerhin habe der dort geschlossene Vertrag einen erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich möglich gemacht und Napoleons Herrschaft über Europa gebrochen. Und es folgten über hundert Jahre friedlicher russisch-preußischer (bzw. russisch-deutscher) Beziehungen, die erst durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 beendet wurden. Aber ging es in Tauroggen wirklich um deutsch-russische Freundschaft?

Deutsch?

In Tauroggen verhandelten preußische mit russischen Generälen. Deutschland gab es 1812 als eigenständigen Staat gar nicht. Es gab mehrere deutsche Fürstentümer, von denen Preußen eines war. Andere Fürstentümer (wie Bayern, Württemberg oder Sachsen) blieben zunächst noch Verbündete Napoleons, so dass in mehreren Schlachten des Jahres 1813 durchaus noch Deutsche auf Deutsche (z. B. Preußen auf Sachsen) oder Russen auf Deutsche schossen.

Russisch?

Auch die russische Seite scheint nicht ganz so russisch gewesen zu sein, die Namen verraten es: Die wichtigsten Teilnehmer der russischen Delegation in Tauroggen hießen Diebitsch, Clausewitz und Dohna. Der Erste war ein in Schlesien geborener und in Berlin ausgebildeter russischer Generalmajor, die letzten beiden waren preußische Militärs, die nach der Niederlage gegen Napoleon nach Russland geflohen waren.

Freundschaft?

Sind die Ereignisse von Tauroggen wirklich ein Beweis für die Freundschaft beider Nationen? Russland wollte Napoleon einen Verbündeten abspenstig machen und Preußen wollte seine an Frankreich verlorenen Gebiete zurück. Lief Preußen letztlich vielleicht nur zu Russland über, weil es ein gutes Angebot erhalten hatte und weil der preußische General Yorck die militärische Lage richtig einschätzte (Napoleon sollte sich von dem desaströsen Russlandfeldzug militärisch nicht mehr erholen)?

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

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AufgabeGeschichte in Theaterstücken
  1. 1
    Arbeite die unterschiedlichen Interpretationen der Ereignisse von Tauroggen in den Elementen 5 und 6 anhand der beiden Kasperltheater heraus.
  2. 2
    Bewerte die Überzeugungskraft der beiden Erzählungen.

Maria Pawlowna: eine russische Prinzessin in der deutschen Provinz

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Die 19-jährige Maria Pawlowna: So porträtierte sie der deutsche Maler Johann F. A. Tischbein ca. ein Jahr nach ihrer Ankunft in Weimar.

Am 3. August 1804 heiratete die russische Prinzessin und Großherzogin Anna Pawlowna Romanowa den deutschen Prinzen Carl-Friedrich von Sachsen-Weimar in Sankt Petersburg. Anna Pawlowna war die Schwester des russischen Zaren Alexander I., zu diesem Zeitpunkt einer der mächtigsten und reichsten Männer Europas. Carl-Friedrich war Sohn des Herzogs von Sachsen-Weimar, eines eher kleinen und unbedeutenden deutschen Fürstentums. Aus russischer Sicht war die Heirat Teil der Bündnispolitik, Annas Schwestern wurden später an den König der Niederlande und den König von Württemberg verheiratet. Für Sachsen-Weimar war die Heirat eine Sensation.

Bei ihrer Ankunft in Weimar brachte die russische Prinzessin nicht nur eine erhebliche Mitgift mit, sondern auch den besonderen Schutz des Zaren für das kleine Fürstentum. Das sollte sich noch auszahlen: Als nach der Niederlage Napoleons Europa auf dem Wiener Kongress 1815 neu geordnet wurde, hatte Sachsen-Weimar im russischen Zaren einen wichtigen Fürsprecher. Das Territorium des Fürstentums wurde vergrößert und Carl-Friedrich wurde zum Großherzog ernannt.

Von St. Petersburg nach Weimar

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Eine Stadtansicht von St. Petersburg aus dem Jahr 1753: Schon damals war die erst fünfzig Jahre früher gegründete Stadt eine Metropole. In der Mitte fließt die Newa, links davon ist der Winterpalast, der Sitz des Zaren zu sehen, rechts die Akademie der Wissenschaften.

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Aber nicht nur politisch war Anna Pawlowna ein Segen für Sachsen-Weimar. Die russische Prinzessin war das Leben in der russischen Metropole Sankt Petersburg gewohnt und landete in der deutschen Provinz. Anstatt sich zu langweilen, entfaltete sie aber eine große Betriebsamkeit im sozialen und kulturellen Leben Weimars.

Sie holte namhafte Künstler wie die Komponisten Johann Nepomuk Hummel und Franz Liszt an den Weimarer Hof und engagierte sich für die Armen im Fürstentum. Und sie brachte ein Stück Russland nach Weimar. Auf ihr Betreiben hin wurden mehrere Werke des heute weltbekannten russischen Dichters Puschkin erstmals ins Deutsche übersetzt. Heute noch steht auf dem historischen Friedhof in Weimar die für sie errichtete russisch-orthodoxe Kapelle.

Kultureller Einfluss

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Dies ist ein Abbild der Büste des Komponisten Johann Nepomuk Hummel hinter dem Weimarer Nationaltheater. Hummel war Maria Pawlownas erster großer Coup bei der Besetzung des Postens des Hofkapellmeisters.

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Hörgeschichte: Maria Pawlowna in Weimar

Diese Geschichte ist keine Quelle aus der oder für die Vergangenheit. Die Einzelheiten dieser Geschichte sind frei nacherzählt oder fiktiv. Das behandelte Thema und die vorgestellten Personen sind historisch nachweisbar. Ziel der Geschichte ist es, die Bedeutung einer Entscheidung oder eines Geschehens hervorzuheben.

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[...]

Mutter: Unsrer Königin zu Ehren,
Der erhabnen, gütigen,
Die in unser stilles Thal
Niederstieg, uns zu beglücken,
Aus dem hohen Kaisersaal.

Jüngling: Sie, die alle Reize schmücken,
Gütig, wie der Sonne Strahl. [...]

Mutter: Ach, sie tritt aus Marmorhallen,
Aus dem goldnen Saal der Pracht.
Wir die Hohe sich gefallen
Hier, wo über freien Auen
Nur die goldne Sonne lacht?

Genius: Hirten, euch ist nicht gegeben,
In ein schönes Herz zu schauen!
Wissen ein erhabner Sinn
Legt das Große in das Leben,
Und er sucht es nicht darin.

Jüngling: O schöne Fremdlinge! lehrt uns sie binden,
O lehrt uns, ihr wohlgefällig sein!
Gern wollten wir ihr duft'ge Kränze winden
Und führten sie in unsre Hütten ein!

Genius: Ein schönes Herz hat bald sich heim gefunden,
Es schafft sich selbst, still wirkend, seine Welt.
Und wie der Baum sich in die Erde schlingt
Mit seiner Wurzeln Kraft und fest sich kettet,
So rankt das Edle sich, das Treffliche,
Mit seinen Thaten an das Leben an.
Schnell knüpfen sich der Liebe zarte Bande,
Wo man beglückt, ist man im Vaterlande. [...]

Friedrich Schiller, Die Huldigung der Künste, Tübingen 1805, S. 11ff.

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AufgabeGeschichte und Literatur
  1. 1
    Schiller hat das Gedicht in der Quelle zum Anlass der Ankunft Maria Pawlownas in Weimar geschrieben. Übertrage die Rollenverteilung im Gedicht auf dieses Ereignis. Für wen stehen die Mutter, der Jüngling, die Königin, der Genius?
  2. 2
    Beschreibe in eigenen Worten die Sorgen von Mutter und Jüngling, die im Gedicht ausgedrückt werden.
  3. 3
    Waren diese Sorgen berechtigt? Nutze zur Beantwortung der Frage alle Informationen dieses Unterkapitels.
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Franz Liszt (1811-1886) galt schon Zeit seines Lebens als genialer Komponist und Klaviervirtuose. Deshalb konnte es Maria Pawlowna als persönlichen Erfolg ansehen, dass es ihr gelang, diesen europaweit gefeierten Star 1843 als Weimarer Hofkapellmeister zu verpflichten. In seiner Zeit in Weimar komponierte Liszt unter anderem eines seiner berühmtesten Werke, die Klaviersonate in h-Moll.

Maria Pawlowna, die in Russland eine exzellente musikalische Ausbildung genossen hatte, komponierte nun ebenfalls Musikstücke. Und so kam es, dass sich in jener berühmten Klaviersonate von Franz Liszt ein Teil wiederfindet, zu dem ihn ein von Maria Pawlowna komponiertes Lied inspiriert hat. Über diesen Link findest du diesen Teil der Sonate.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

Ein russischer Volkskommissar und Berliner Bürgermeister: Ernst Reuter

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Für seine Verdienste um Westberlin wurde Ernst Reuter nach seinem Tod 1953 diese Büste errichtet.

Im Frühjahr 1918 bekamen die an der Wolga siedelnden Russlanddeutschen Besuch aus der Hauptstadt. Der junge Deutsche Ernst Reuter wurde von Moskau geschickt, um im deutschen Siedlungsgebiet eine kommunistische Verwaltung aufzubauen und die Siedler für das neue, kommunistische Russland zu begeistern. Vor wenigen Monaten hatte sich in Russland alles geändert. Das alte Zarenreich wurde durch eine Revolution gestürzt, die neuen Machthaber sind Kommunisten. Sie wollen das ganze Land umgestalten und dabei soll ihnen Reuter an der Wolga helfen (mehr über diese Zeit erfährst du im Kapitel 3.3). Seine Arbeit dort dauert nicht lange, ist aber ziemlich erfolgreich. Ende 1918 schickte ihn die Moskauer Regierung zurück nach Deutschland, mit den besten Empfehlungen an die deutschen Kommunisten. Reuter soll ihnen bei ihrer Revolution in Deutschland helfen.

30 Jahre später steht Ernst Reuter vor dem Reichstag in Berlin, vor sich eine riesige Menschenmenge. Reuter ist mittlerweile Bürgermeister von Westberlin. Mit den Kommunisten hat er sich zerstritten, er ist schon seit über 20 Jahren Sozialdemokrat. Doch nun haben seine früheren Freunde, die russischen Kommunisten, Westberlin abgeriegelt. Alle Straßen und Schienen sind blockiert, niemand kommt heraus oder herein, der Strom fällt aus und die Nahrungsmittel werden knapp. Das Einzige, was die Bürger Westberlins retten kann, ist Hilfe von außen, aber nicht aus Russland, sondern aus dem Westen. Und so ruft Reuter an diesem 9. September 1948 seine berühmten Worte: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt!“

Ernst Reuter und die Berlinblockade

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Ernst Reuter (rechts) auf einem Foto von 1953 im Gespräch mit dem Berliner Polizeichef Erich Duensing

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Hörgeschichte: Ernst Reuters Rede (1948)

Diese Geschichte ist keine Quelle aus der oder für die Vergangenheit. Die Einzelheiten dieser Geschichte sind frei nacherzählt oder fiktiv. Das behandelte Thema und die vorgestellten Personen sind historisch nachweisbar. Ziel der Geschichte ist es, die Bedeutung einer Entscheidung oder eines Geschehens hervorzuheben.

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AufgabeGeschichte in Biografien: ein eigenes Produkt erstellen
  1. 1
    Stelle im Internet Recherchen zur 'Berlinblockade' an.
  2. 2
    Versetze dich in die Lage eines Reporters zur Zeit der Berlinblockade und schreibe einen biografischen Artikel über Ernst Reuters Leben. Wähle vorher aus, ob du für eine kommunistische Zeitung oder eine sozialdemokratische Zeitung schreibst.