Vertiefung 1.3 Heimat und Identität

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Heimat hat damit zu tun, woher ich komme und wohin ich mich sehne. Meine Heimat ist ein Teil von mir. Sie hat mich geprägt und prägt mich vielleicht noch immer. Heimat ist also ein wichtiger Teil meiner Identität. Wie macht sie das, die Heimat? Wie schafft sie es, mich zu prägen? Und was ist das überhaupt: Heimat? Hat jeder eine und hat jeder nur eine Heimat? Ist sie ein Ort, ein Gefühl, eine Sehnsucht?

Nordrhein-Westfalen

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch
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Sachsen

Lehrplan Geschichte Gymnasium in Sachsen (2004, 2007, 2009, 2011, 2019)
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
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In diesem Kapitel sehen wir uns an, wie und warum unsere Heimat uns prägt. Dann stellen wir die Frage, was ein Verlust der Heimat bedeutet und ob man sich eine neue Heimat erarbeiten kann.

Übersicht Kapitelinhalte

Was ist Heimat? Eine kleine Sammlung

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Home is
where your heart is.

Englisches Sprichwort

Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.

Johann Gottfried Herder, deutscher Dichter und Philosoph (1744–1803)

Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen.

Der aus Prag stammende Schriftsteller Franz Kafka (1883–1924)

Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald. Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde und die Fische im Fluss sind die Heimat.

Text eines Liedes der DDR-Pioniere

Well I don't need anybody, because I learned, I learned to be alone.

Well I said anywhere, anywhere, anywhere I lay my head, boys,

well I gonna call my home.

Songtext des US-amerikanischen Musikers Tom Waits

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AufgabePersönliche Definition von Heimat

Beschreibe, was „Heimat“ für dich bedeutet. Benutze dabei höchstens drei Sätze.

Heimat – ein Ort?

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Kunstinstallation zum Thema 'Heimat'

Eine weit verbreitete Definition von Heimat lautet: Heimat ist der Ort, an dem man geboren und aufgewachsen ist. Das ist eine naheliegende und leicht verständliche Beschreibung. Das Zimmer, in dem wir als Kind geschlafen haben, der Garten, in dem wir gespielt haben, die Stadt, in der wir unsere ersten Freunde getroffen haben – all das bleibt uns ein Leben lang in Erinnerung.

Darüber hinaus neigen die meisten Menschen zu Nostalgie, das heißt, je älter sie werden, desto mehr sehen sie ihre frühen Erfahrungen und Erlebnisse positiv. Die Kindheit erscheint so den meisten Menschen im Nachhinein als eine Zeit der Sicherheit und des Glücks. Die Sorgen und Probleme des Erwachsenseins verdrängen sie eher. Deshalb verbinden sie auch mit dem Ort, an dem diese Erfahrungen stattgefunden haben, positive, heimatliche Gefühle.

Heimatorte aus der Kindheit

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Heimatorte aus der Kindheit kann man gut daran erkennen, dass man, wenn man sie später wieder besucht, ein 'nostalgisches' Gefühl bekommt. Ein solches Gefühl kriegen Erwachsene oft, wenn sie in ihrem Elternhaus in ihrem alten Kinderzimmer stehen,

Heimat und Migration – kann man mehrere Heimaten haben?

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Für einen Menschen, der dort lebt, wo er geboren und aufgewachsen ist, ist die Frage nach seiner Heimat also meistens leicht zu beantworten. Wenn der Mensch sei­nen Ge­burts­ort aber ir­gend­wann für län­ge­re Zeit ver­lässt, wird es kom­pli­ziert. Die alte Hei­mat be­hält er in sei­nen Ge­dan­ken und Er­in­ne­run­gen. Aber was macht er mit dem Ort, an den er ge­zo­gen ist?

Wenn er Glück hat, wird er auch dort schö­ne Er­leb­nis­se haben, Freun­de fin­den, sich ein Heim schaf­fen. Dafür ver­wen­det man dann Be­grif­fe wie 'an­ge­kom­men sein', 'Wahl­hei­mat' oder 'auf­ge­nom­men wer­den'. Und das be­deu­tet viel­leicht tat­säch­lich, dass zur ur­sprüng­li­chen Hei­mat eine zwei­te Hei­mat hin­zu­ge­kom­men ist.

Hat der Mensch aber Pech, so wird er nicht ak­zep­tiert und fin­det kei­nen Zu­gang zu sei­nen Mit­men­schen. Dann spricht man eher von 'Exil', 'Frem­de' oder 'drau­ßen blei­ben'. Und in so einem Fall wird der be­trof­fe­ne Mensch seine ur­sprüng­li­che Hei­mat oft umso po­si­tiver sehen. Im Ge­gen­satz zum neuen Auf­ent­halts­ort bie­tet ihm dann die Er­in­ne­rung an seine frü­he­re Hei­mat schö­ne Ge­füh­le.

Beispiele berühmter Personen, die eine zweite Heimat gefunden haben

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Der Architekt Walter Gropius (1883–1969) floh vor den Nationalsozialisten in die USA, wurde dort Staatsbürger, arbeitete weiter, erhielt Aufträge und Anerkennung. Nach Kriegsende blieb er in den USA, reiste aber immer wieder nach Deutschland.
Die Dichterin Nelly Sachs (1891–1970) floh vor den Nationalsozialisten nach Schweden, sie arbeitete dort zunächst als Wäscherin, dann als Übersetzerin. Ihre eigene Dichtung wurde erst später anerkannt, 1966 erhielt sie den Literaturnobelpreis.
Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) floh vor den Nationalsozialisten nach Brasilien. Er wurde dort als Künstler bewundert und unterstützt, tötete sich jedoch 1942 selbst. Er schrieb, dass er den Verlust seiner geistigen Heimat Europa nicht überstanden habe.
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AufgabeSelbstreflexion

Stell dir vor, du würdest deine Heimat, dein vertrautes Umfeld verlassen müssen. Beschreibe kurz, was du vermissen und worauf du dich freuen würdest.

Hast du in deiner persönlichen Geschichte bereits die Erfahrung gemacht, dass du deine Heimat verlassen musstest, beschreibe aus deiner Erfahrung.

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Manchmal empfinden Menschen auch einen Ort als Heimat, an dem sie selbst nie gelebt haben. Diese Menschen gehören dann meistens einer Gruppe an, die vor mehreren Generationen einen bestimmten Ort verlassen hat oder verlassen musste. Dieser Ort bleibt dann in der Erinnerung der Gruppe als Heimat bestehen. Man nennt das kollektive Erinnerung. Erzählungen, Erfahrungen und Erinnerungen der eigenen Vorfahren von diesem Ort werden innerhalb der Gruppe weitergegeben.

Ein Beispiel: die Juden in der Diaspora

Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurden die Juden von den Römern aus Jerusalem und dem Gebiet des heutigen Staates Israel vertrieben. Seitdem lebten sie über die Welt verteilt in der Diaspora. (Diaspora ist das griechische Wort für Zerstreuung.) In den folgenden knapp zweitausend Jahren behielten sie aber ein Gefühl für Israel als ihre eigentliche Heimat. Viele Juden kannten das Land nur aus uralten Erzählungen und ihren religiösen Texten. Dennoch beendeten sie religiöse Feste wie Pessach und Yom Kippur mit dem Ausspruch „L'Shana Haba'ah B'Yerushalayim“ – „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Das Gefühl für die Heimat blieb so stark, dass sich im 19. Jahrhundert die Bewegung des Zionismus bildete. (Der Hügel, auf dem Jerusalem gebaut wurde, heißt Zion.) Das Ziel der Bewegung war es, Israel wieder zur Heimat der Juden zu machen. Nach dem Völkermord der Nationalsozialisten an den Juden wurde dieses Ziel im Jahr 1948 mit der Staatsgründung Israels erreicht.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten GmbH

Heimat – ein Gefühl?

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Man kann Heimat aber noch anders verstehen. Sie kann mehr sein als der Ort, aus dem man stammt. Heimat kann auch eine Sprache, ein Dialekt, ein Lied sein. Sie kann der Geschmack eines Essens sein (siehe Kapitel 1.4), ein Spiel oder eine alltägliche Gewohnheit. Wichtig ist nur, dass wir mit der jeweiligen Sache positive Erinnerungen an ein heimatliches Zuhause verbinden. Heimat lässt sich also an unterschiedliche Orte mitnehmen.

Ich kann an einem anderen Ort das Essen zubereiten, das mir meine Mutter immer gekocht hat. Und es ist überall möglich, Menschen zu treffen, die den Dialekt meiner Eltern sprechen.

Mit diesem Gefühl von Heimat hat es sicher auch zu tun, dass Migranten oft gemeinsam eine Gruppe bilden. Sie suchen dann zum Beispiel Menschen, die aus der gleichen Gegend stammen. Und untereinander sprechen sie dann vielleicht auch weiter ihre Sprache. Zum Heimatgefühl kann auch beitragen, im Internet oder mit Satellitenfernsehen die Spiele der heimatlichen Fußballmannschaft anzuschauen. All das erzeugt ein Gefühl von Heimat, auch wenn diese Heimat mehrere tausend Kilometer entfernt liegt.

Gefühlte Heimat

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Um an ihre 'heimatlichen' Nahrungsmittel und Einrichtungsgegenstände zu kommen, haben Migranten oft spezielle Läden. Diese bieten die Produkte aus der ursprünglichen Herkunftsregion an. Hier zu sehen ist ein russischer Supermarkt in Berlin. Ähnliche Läden gibt es auch für ostasiatische, arabische und türkische Produkte.

Heimat im Film

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Wenn Migrantengruppen zu viel Zeit miteinander verbringen, wird die Mehrheitsgesellschaft oft misstrauisch. Es heißt dann schnell: 'Die schotten sich ab.'; 'Die wollen sich nicht integrieren.'; 'Die weigern sich, unsere Sprache zu sprechen' oder: 'Die bilden eine Parallelgesellschaft'.

Parallelgesellschaften können ein Problem für den gesellschaftlichen Frieden und Zusammenhalt darstellen. Wenn ein Teil der in einem Land lebenden Menschen nicht mit dem Rest der Bevölkerung sprechen kann oder will, dann ist das ein Problem. Und wenn Menschen möglicherweise sogar die Werte der Mehrheit ablehnen, führt das zu Missverständnissen und Konflikten. Innerhalb der sich abschottenden Gruppe kann sich die Erfahrung ausbreiten, chancenlos zu sein. Dann entsteht das Gefühl der Perspektivlosigkeit.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten GmbH

Russlanddeutsche und Heimat

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Fragen zu Heimat und Identität sind bei russlanddeutschen Spätaussiedlern besonders spannend. Als Aussiedler haben sie schon einmal zwei Orte, gegenüber denen sie heimatliche Gefühle haben können: ihren Herkunftsort in der ehemaligen Sowjetunion (v. a. in Russland und Kasachstan) und ihren jetzigen Wohnort in Deutschland. Hinzu kommen aber noch zwei 'alte Heimaten' – die Dörfer im ursprünglichen Siedlungsgebiet der Russlanddeutschen, aus denen sie während des Zweiten Weltkriegs deportiert wurden, und das alte Deutschland, aus dem die Vorfahren einst weggezogen waren.

Heimat Kasachstan

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Die Steppe im westlichen Kasachstan

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Und noch ein anderes Merkmal zieht sich durch das russlanddeutsche Verhältnis zu Heimat und Identität: Heimat ist den Russlanddeutschen fast nie 'geschenkt' worden. Sie hatten nur selten das Glück, in einen Ort hineingeboren zu werden, an dem sie 'dazugehörten' und wo sie ihr Leben lang bleiben konnten. Heimat musste für Russlanddeutsche meistens erarbeitet werden. Sie mussten Widerstände überwinden, Enttäuschungen ertragen und harte Umstände erdulden. Vielleicht hat gerade diese harte Arbeit die Russlanddeutschen zu Heimat-Experten gemacht.

Russlanddeutsche Heimaten

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Die 'alte Heimat': Das Gemälde aus dem 18. Jahrhundert zeigt das Leben auf einem deutschen Bauernhof. Aus dieser Welt kamen die meisten der ersten Russlanddeutschen.
Johann Ludwig Ernst Morgenstern (1738–1819), Ein Bauernhof, von 1794.

Die Bildevaluationsmaschine

Landschafts-Check
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Wie wohl fühlst du dich in dieser Landschaft?
Landschaft 1
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AufgabeLandschaftliche Heimat
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    Suche nach Adjektiven, die die oben in E15 gezeigten kasachischen Landschaften treffend beschreiben.
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    Suche dann nach Adjektiven, die die Landschaft in der Umgebung deines Wohnorts beschreiben.
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    Diskutiert gemeinsam die Frage, wie wichtig Landschaft und Umgebung für ein persönliches Heimatgefühl sind.
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In all den Jahren, als eine solche Lösung [eine Wiederherstellung der russlanddeutschen Republik in den alten Siedlungsgebieten an der Wolga] nicht einmal formulierbar gewesen war, hatte die sowjetdeutsche Frustration zu einer wachsenden Sehnsucht nach Rhein und Neckar geführt. Sobald jedoch die oder noch mehr die den Anschein erweckte, der Bann könne gebrochen werden, übte die Wolga für eine Weile wieder eine stärkere Anziehungskraft aus. [...]

So schien die Erneuerung der Wolgarepublik für einen historischen Augenblick die Möglichkeit zu eröffnen, als Sowjetbürger deutscher Nationalität den Zugang zu Menschenrechten und Wohlstandschancen zu erhalten, ohne die Strapazen einer Weltreise von Omsk nach Frankfurt und die Unsicherheit des Neuanfangs in einer fremden Welt auf sich nehmen zu müssen.

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Auf der Unterseite zum Thema Heimat findest du einige Interviews, in denen Russlanddeutsche die Frage beantworten, was für sie Heimat bedeutet.

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AufgabeHeimat individuell wahrgenommen
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    Höre dir die Interviews zum Thema 'Heimat' in der Quelle an.
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    Welcher Aussage kannst du am ehesten zustimmen? Begründe deine Meinung.
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    Vergleiche deine Meinung mit deiner Aussage in der Aufgabe am Beginn dieses Kapitels (E3).