6.2 Deutsche in Kirgisistan
Eine vergessene Geschichte? Wer heute durch Bischkek, die Hauptstadt Kirgisistans, fährt, findet kaum noch Spuren von ihnen. Dabei lebten hier, in den Tälern und Steppen Kirgisistans, einst Hunderttausende Deutschstämmige. Für die Mehrheit von ihnen begann das Leben in Zentralasien nicht freiwillig. Es begann mit der Deportation im Jahr 1941. Doch wie leben die Deutschen heute in Kirgisistan?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch:
- Klasse 10, Lernbereich 3
Politische Wandlungsprozesse in Europa
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Zerfall der Sowjetunion und die Folgen: 6.1, 6.2, 6.3, 6.4)
In diesem Kapitel widmen wir uns den Russlanddeutschen in Kirgisistan.
Übersicht Kapitelinhalte
Leben in Kirgisistan: Zwischen Anpassung und Bewahrung
Wo die Deutschen lebten
Die ersten deutschen Bauern kamen im Jahr 1881 aus den Mutterkolonien am Schwarzen Meer und der Wolgaregion nach Kirgisien. Es waren Mennoniten. Sie lebten abgesondert in ihren Dörfern und erlebten dort später die Revolution von 1917, den Bürgerkrieg und die Sowjetisierung des Landes. Erst nach 1941 kamen deportierte Deutsche aus dem europäischen Teil der UdSSR nach Kirgistan.
Die Russlanddeutschen lebten vor allem in den nördlichen Regionen Kirgistans, besonders rund um die Hauptstadt Bischkek (damals Frunse), im und in kleineren Dörfern auf dem Land. Einige Gemeinden waren fast ausschließlich deutsch geprägt - mit Kirchen im Untergrund und einer Alltagssprache, die zwischen Deutsch, Russisch und kirgisischen Lehnwörtern wechselte.

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Arbeit und Alltag
Die meisten Russlanddeutschen arbeiteten in der Landwirtschaft, in Kolchosen, die sie oft selbst aufgebaut hatten. Andere wurden in Bergwerken, Fabriken oder auf Baustellen eingesetzt. Die Arbeitsbedingungen waren hart, die Entlohnung gering. Trotzdem galten die deutschen Siedlungen bald als überdurchschnittlich gut organisiert. Dieser Ruf, der ihnen in der Sowjetunion vorauseilte, brachte ihnen manchmal Neid und manchmal Respekt ein.
Sprache und Identität
Die deutsche Sprache wurde im öffentlichen Leben nicht gefördert, im Gegenteil. Dennoch blieb sie in vielen Familien die Sprache des Zuhauses, des Gebets, der Großeltern. Es war ein stilles Beharren: Man sprach Deutsch am Küchentisch, auch wenn man auf der Straße Russisch sprach.
Gleichzeitig veränderte sich die Sprache. Das Deutsch der Russlanddeutschen in Kirgisistan war kein Hochdeutsch. Es war zumeist ein Dialekt, geprägt von den Mundarten der ursprünglichen Siedlungsregionen ( bei den Mennoniten, größtenteils Alemannisch bei den Schwarzmeerdeutschen) und durchsetzt mit russischen und kirgisischen Ausdrücken.
Religion im Verborgenen

Urheber: А. А. Кауфман · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:History_of_Kyrgyzstan?uselang=de#/media/File:Köppental405075.jpg · CC BY-SA 4.0
Ein großer Teil der Russlanddeutschen in Kirgisistan war oder . In der atheistischen Sowjetunion war organisierte Religion stark eingeschränkt und verfolgt. Dennoch hielten viele Gemeinden ihren Glauben aufrecht, oftmals in Privathäusern, wo sie in kleinen Gruppen zusammenkamen, ohne öffentliche Kirchen. Diese Hauskirchen waren gleichzeitig religiöse und soziale Zentren: Orte, an denen man Deutsch sprach, gemeinsam sang und die Verbindung zur eigenen Herkunft pflegte.
Plautdietsch geht auf das Westpreußische zurück. Es ist die Alltagssprache der Russlandmennoniten. Heute wird es weltweit von rund einer halben Million Menschen gesprochen – in Deutschland, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Kanada, Lateinamerika und weiteren Ländern, wohin die mennonitischen Gemeinschaften im Laufe der Jahrhunderte weitergezogen sind.
Als Minderheitensprache ohne offiziellen Schutzstatus ist das Plautdietsche vom Aussterben bedroht. Es gilt als Sprache einer transnationalen Minderheit. Das erschwert die institutionelle Förderung.
Seit 1999 setzt sich der Verein Plautdietsch-Freunde e. V. mit Sitz in Oerlinghausen für den Erhalt der Sprache ein. Er entwickelt auch Lehrmaterialien.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Partnerarbeit
- 1Tausche dich mit deiner Partnerin oder deinem Partner darüber aus, welche deutschen Mundarten und Dialekte ihr kennt und welche davon vielleicht noch von euren Großeltern gesprochen werden.
- 2Beschreibt die Vor- und Nachteile, die sich durch unterschiedliche Sprachfärbungen ergeben.
- 3Sollten Dialekte aus eurer Sicht erhalten werden oder nicht? Diskutiert und begründet eure Meinung.
Der Aufbruch: Ausreise nach Deutschland - Warum sie gingen
Mit Gorbatschows Reformen ab 1985 öffneten sich neue Möglichkeiten. Erstmals wurde die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland ernsthaft denkbar. Was dann folgte, war einer der größten Migrationsströme der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Die Gründe für die Ausreise waren vielschichtig:
- Rechtliche Unsicherheit nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991
- Wirtschaftlicher Zusammenbruch in den neuen unabhängigen Staaten
- Ethnische Spannungen in Kirgisistan zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen
- Familiennachzug: Wer Verwandte in Deutschland hatte, wollte zu ihnen
- Das Recht auf Spätaussiedlung in Deutschland, das Menschen mit nachweisbarer deutscher Herkunft eine Einreise ermöglichte


Kristina Vogel
Lilli Schwarzkopf
Urheber: Nicola · https://de.wikipedia.org/wiki/Kristina_Vogel#/media/Datei:2017_UEC_Track_Elite_European_Championships_248_(cropped).jpg · CC BY-SA 4.0
Urheber: Alexander Siebelt · https://de.wikipedia.org/wiki/Lilli_Schwarzkopf#/media/Datei:Lilli_Schwarzkopf_4_Cropped.jpg · CC BY-SA 3.0
Die Radsportlerin Kristina Vogel wurde 1990 in Leninskoje in der Kirgisischen SSR in der Sowjetunion geboren. Sie kam 1991 mit ihrer Mutter nach Deutschland. Als Bahnradsportlerin machte sie Karriere, wurde zweimal Olympiasiegerin. Sie startete für den RSC Turbine Erfurt. Vogel erlitt mehrfach schwere Unfälle, so etwa 2009, als ein Fahrzeug der Thüringer Polizei sie anfuhr, sowie 2018 während des Trainings in Cottbus. Nach diesem Unfall ist sie querschnittgelähmt. Zwischen 2019 und 2023 war sie Mitglied des Erfurter Stadtrats und hat vielfache (Ehren-)Ämter im Sport inne. Sie arbeitete auch als Sportexpertin für Medien. Im Jahr 2022 war sie auf Vorschlag der Thüringer CDU-Landtagsfraktion Mitglied der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten.
Die Leistungssportlerin Lilli Schwarzkopf wurde 1983 in Nowopokrowka in der Kirgisischen SSR der Sowjetunion geboren. Sie kam nach 1990 mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie ist Siebenkämpferin. Ihr erster Verein war die LG Lippe-Süd, danach startete sie für den Leichtathletikclub LC Paderborn. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London gewann sie eine Silbermedaille.
Russlanddeutsche in Kirgisistan heute
Eine schrumpfende Gemeinschaft
Heute leben noch schätzungsweise 8.000 bis 12.000 Menschen deutscher Herkunft in Kirgisistan – ein Bruchteil der einstigen Gemeinschaft. Viele junge Leute sind ausgewandert oder vollständig assimiliert.
In Bischkek gibt es noch eine deutsche Schule und einige kulturelle Einrichtungen, die die verbleibende Gemeinschaft unterstützen. Die Gesellschaft der Deutschen in Kirgisistan („Wiedergeburt“) pflegt Kulturarbeit, Sprachkurse und die Dokumentation der Geschichte.


Urheber: M. Schäfer · https://de.wikipedia.org/wiki/Rot-Front#/media/Datei:RotFront1.jpg · PD
Das Dorf Bergtal (russ. Бергтал) im Rajon Yssyk-Ata in Kirgisistan wurde von deutschen Mennoniten 1927 gegründet. Dort leben heute noch etwa 150 deutsche Bewohner. Es wurde während der Herrschaft Stalins in 'Rot-Front' umbenannt. Die deutschen Bewohner setzten 1991 erfolgreich durch, dass der ehemalige Name des Dorfes in lateinischen Buchstaben wieder auf dem Ortsschild angebracht wurde.
Rot-Front (russisch Рот-Фронт) ist ein Dorf im Rajon Yssyk-Ata in Kirgisistan, etwa 60 km östlich von Bischkek. Es wurde 1927 von 25 Familien landloser russlanddeutscher Mennoniten gegründet, die aus dem Talas-Tal umgesiedelt waren, weil es dort nicht genug Ackerland gab. Den ursprünglichen Namen „Bergtal“ ersetzte die Sowjetbehörde 1936 durch den politisch aufgeladenen Namen „Rot-Front“. Unter den deutschsprachigen Bewohnern blieb jedoch der alte Name weiter in Gebrauch.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Männer des Dorfes zur Zwangsarbeit in die Trudarmee eingezogen, mehr als ein Drittel von ihnen kam dabei ums Leben. Die deutsche Unterrichtssprache an der Dorfschule war bereits 1938 verboten worden. Nach dem Krieg erholte sich das Dorf nur langsam. Erst in den 1960er und 1970er Jahren kamen wirtschaftlicher Aufschwung und eine vorsichtige Rückkehr zum gemeinsamen Gottesdienst.
Mit dem Ende der Sowjetunion setzte eine massive Ausreisewelle ein. Bis 1992 hatte mehr als die Hälfte der rund 900 deutschen Bewohner das Dorf verlassen und war nach Deutschland übergesiedelt. Heute leben dort nur noch etwa 150 Deutschstämmige. Trotzdem gilt „Rot-Front“ damit als eines der wenigen Dörfer Zentralasiens mit einer nennenswerten geschlossenen deutschen Minderheit.
Auf der Grundlage von https://de.wikipedia.org/wiki/Rot-Front zusammengefasst von Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH

| früherer Ortsname | heutiger Ortsname |
|---|---|
| Luxemburg | Люксембург |
| Friedensfeld | Фриденфельд |
| Grünfeld, dann Telman (für 'Thälmann') | Тельман |
Ernst Thälmann war Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands und wurde 1944 von den Nationalsozialisten umgebracht. In der kommunistischen Sowjetunion wurden, wie auch in der DDR, Fabriken, Orte oder Organisationen nach ihm benannt.
Zwischen 1987 und 2006 wanderten etwa 2,3 Millionen Russlanddeutsche aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Deutschland aus. Sie kamen aus Kasachstan, Russland, der Ukraine, aber auch aus Kirgisistan. Allein aus Kirgisistan verließen in dieser Zeit mehrere Zehntausend Menschen das Land. Die Dörfer, die einst fast ausschließlich deutsch geprägt waren, leerten sich innerhalb weniger Jahre.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH

Urheber: A.Savin, Free Art License 1.3 · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Buildings_in_Kant,_Kyrgyzstan?uselang=de#/media/File:Kant_near_Bishkek_03-2016_img01_surroundings_of_the_railway_station.jpg · PD
Kant ist eine Industriestadt rund 21 km östlich von Bischkek. Sie war während der Sowjetzeit Wohnort vieler Wolgadeutscher, die Stalin nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 nach Kirgisistan deportieren ließ. Umliegende Dörfer tragen bis heute ihre deutschen Namen. Sie waren oft schon von mennonitischen Siedlern gegründet worden, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts aus der Wolga-Region nach Zentralasien gezogen waren.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Recherchiere, ob der Name der Stadt Kant in Kirgisistan auf den deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) zurückgeht.

Finn's Fairytale, der YouTube-Kanal, auf dem dieser Bericht veröffentlicht wurde, ist kein klassischer Reise-Blog. Der Betreiber Finn ist ein Mittzwanziger aus Düsseldorf. Er veröffentlicht dort Reise-Vlogs und Dokumentationen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Im Rahmen seines „Soviet Project“ möchte er alle 15 Staaten der ehemaligen Sowjetunion bereisen. Der Kanal hat über 145.000 Abonnenten auf YouTube. Zu seiner Reise nach 'Rot-Front' gibt es auch einen zweiten Teil.
- 1Untersuche den Reisebericht genau.
- 2Skizziere, wann und von wem das Dorf gegründet wurde.
- 3Erläutere kurz, welche Deutschen heute in 'Rot-Front' leben.
- 4Beurteile, wie sich das Leben der Deutschen im Dorf entwickelte. Hat es eine Zukunft?
Was bleibt
Die große Mehrheit der Deutschen ist seit den 1980er Jahren aus Kirgisistan nach Deutschland ausgewandert. Was von der deutschen Präsenz in Kirgisistan bleibt, ist heute oftmals:
- Friedhöfe mit deutschen Inschriften
- Ortsnamen und Flurnamen mit deutschen Ursprung
- Erinnerungen älterer Kirgistaner an ihre deutschen Nachbarn
- Sprachinseln in einzelnen Familien, in denen noch Deutsch gesprochen wird
- 1Recherchiere nach den Rechten, die Deutsche heute in Kirgisistan haben.
- 2Notiere diese Rechte stichwortartig und erläutere sie der Lerngruppe.
- 3Schreibe einen fiktiven Tagebucheintrag einer russlanddeutschen Jugendlichen in Kirgisistan im Jahr 1991.
Hinweis: Es ist das Jahr, in dem die Sowjetunion zerfällt und ihre Familie über die Ausreise nach Deutschland nachdenkt. - 4Überlege, wer die Geschichte der Deutschen in Kirgisistan erzählt, wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr da sind.

