3.4 Kommunismus mit Gewalt: Stalins Landpolitik
Enteignung der Bauern, Plünderung der Höfe, Verhaftungen – Stalins Terror wütet auch bei den deutschen Siedlern
Ein Großteil der Bevölkerung der Sowjetunion lebte auf dem Land – so auch die Russlanddeutschen. Für diese sowjetische Landbevölkerung hatte Stalin weitreichende Pläne: Sie sollte zu guten kommunistischen Bauern werden, die in staatlichen Produktionsgenossenschaften gemeinsam hart daran arbeiteten, Stalins Erntevorgaben zu erfüllen. Und sie sollten mit ihrer harten Arbeit die Industrialisierung des Landes vorantreiben – denn die sowjetische Industrie brauchte Unmengen an Arbeitern und diese brauchten Unmengen an Nahrung! Die Pläne Stalins betrafen auch die Russlanddeutschen. Wir werden in diesem Kapitel sehen, auf welche Weise.
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Sek. I: Inhaltsfeld 6
Imperialismus und Erster Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
übersteigerter und zunehmend aggressiver werdender Nationalismus: 2.4, 3.1) - Sek. I: Inhaltsfeld 8
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Gewalt: 3.5) - Entwurf Sek. II GK: Inhaltsfeld 3
Dimensionen der Moderne
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
politische Systeme: 2.4, Erster Weltkrieg: 3.1) - Entwurf Sek. II, Einführungsphase: Inhaltsfeld 2
China und Russland (Sowjetunion) im 20. Jahrhundert
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Kommunismus in Russland/Sowjetunion, Stalin: 3.1, 3.3, 3.4) - Entwurf Sek. II GK: Inhaltsfeld 4
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Zwischen den Diktaturen, Deportation 1941: 3.4, 3.5) - Entwurf Sek II LK: Inhaltsfeld 4
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Repressionen, Zwangsarbeit in der UdSSR: 3.5) - Sek II GK: Inhaltsfeld 4
Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Erster Weltkrieg: 3.1) - Sek II GK/LK: Inhaltsfeld 5
Die Zeit des Nationalsozialismus – Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Ideologie, Diktatur, Vernichtungskrieg, Völkermord mit Blick auf die UdSSR: 3.2, 3.4, 3.5)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 8, Lernbereich 4
Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Deutsche sollen Russen werden: 2.4) - Klasse 8, Lernbereich 4
Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Russlanddeutsche im Ersten Weltkrieg: 3.1) - Klasse 12 LK, Wahlbereich 1
Völkerrecht und Kriegsführung
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Terror und Deportation: 3.5)
Das Kapitel untersucht die Auswirkungen der stalinistischen Landpolitik auf die Russlanddeutschen. Es beschreibt die Ursachen der schweren Hungersnöte der 1930er-Jahre und die Reaktionen der Russlanddeutschen darauf.
Übersicht Kapitelinhalte
'Entkulakisierung' und Kollektivierung – kommunistische Wirtschaft wird mit Gewalt eingeführt

Urheber: unkekannt · https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Вышибем_кулаков_из_колхозов_1930.jpg · PD
Josef Stalin und die Parteiführung in Moskau hatten ein klares Ziel für die Sowjetunion: Das Land sollte sich in eine moderne, industrialisierte Wirtschaftsmacht verwandeln. Arbeiter und Bauern sollten in kollektiven Staatsbetrieben arbeiten. Die Realität auf dem Land sah aber oft anders aus. Viele Bauern besaßen eigenes Land, auch unter den Russlanddeutschen, und hatten kein Interesse, dieses dem Staat zu geben und dann in landwirtschaftlichen Genossenschaften () zu arbeiten. Und anstatt ihre Erträge dem Staat zu verkaufen (der schlecht und unregelmäßig zahlte), verkauften sie sie lieber auf dem Schwarzmarkt.

Urheber: Sowjetische Behörde · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1935_Anklage_Paragraph_58_Strafgesetzbuch_der_RSFSR_gegen_Jakow_Maier.jpg · PD
Um das zu ändern, wurden Zwang und Gewalt eingesetzt. Der 'Kulak' (russisch für 'reicher Bauer') wurde von Stalin zum Schuldigen für die schlechte Versorgungslage erklärt. Die Bestrafung und wirtschaftliche Vernichtung der 'Kulaken' wurde staatliche Aufgabe. Es gab Verhaftungen und Erschießungen. Für die Verfolgungen wurde eine 'Kulakenliste' erstellt. Diese enthielt keine Namen von 'Schuldigen', sondern Gesamtzahlen von 'Schuldigen' in allen Regionen. Die Liste bestimmte zum Beispiel, dass 60.000 „konterrevolutionäre Kulakenbauern“ verhaftet und in Arbeitslager gebracht werden mussten. Außerdem sollten 150.000 „Kulakenaktivisten“ in unwirtliche Gegenden ausgesiedelt werden. Darüber hinaus wurden noch Enteignungen angeordnet. Insgesamt betrafen die Kollektivierung und die Entkulakisierung eine Million Bauernhöfe mit ca. fünf Millionen Bauern in der gesamten Sowjetunion. Unter den Opfern dieser Maßnahmen waren auch sehr viele russlanddeutsche Bauern. Heutige Schätzungen gehen von 700.000 russlanddeutschen Opfern aus.
Der charakteristische Zug der Arbeit unserer Partei im letzten Jahr besteht darin, dass wir als Partei, als Sowjetmacht:
a) an der ganzen Front zur Offensive gegen die kapitalistischen Elemente des Dorfes übergegangen sind und dass
b) diese Offensive bekanntlich überaus greifbare positive Resultate gezeitigt hat und weiter zeitigt.
Was bedeutet das? Das bedeutet, dass wir von der Politik der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums übergegangen sind zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse. Das bedeutet, dass wir eine der entscheidenden Wendungen in unserer gesamten Politik vollzogen haben und auch weiter vollziehen.
Liquidierung: Hier ist mit dem Wort Liquidierung Vernichtung gemeint.
Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU (Hg.), J. W. Stalin, Werke, Band 12, April 1929 – Juni 1930, Berlin 1954, S.146
Die deutschen Kolonisten leiden wirtschaftlich unter dem jetzigen System viel mehr als die Russen, da sie viel mehr zu verlieren hatten und an eine viel kultiviertere Lebenshaltung gewohnt waren. Der typische Kolonistenhof hatte vor der Revolution 8 bis 12 Arbeitspferde und 7 bis 8 Milchkühe; die höfe waren noch besser gestellt. Heute hat der Normalhof von 16 Deßj. nur 2 Pferde und 1 Kuh. Der frühere Großbauer ist damit zum Kleinbauern herabgedrückt; trotzdem gilt er wegen seiner Vergangenheit vielfach noch als wohlhabend; er besitzt noch stattliche Gebäude, sein Hausrat ist ansehnlicher, er selbst hält sich besser, und dies alles macht die Steuerbehörde immer wieder geneigt, ihn bedeutend stärker zu belasten als den russischen Bauern. Dabei ist der Besitz größerer Gebäude für die auf einen Bruchteil zusammengeschrumpfte Wirtschaft zu einer unverhältnismäßig großen Last geworden; während die russischen Bauern ihre Hütten annähernd so imstande halten können wie früher, ist dies dem deutschen Kolonisten unmöglich; je größer früher der Wohlstand war, um so ausgeprägter ist heute der äußere und innere Verfall der Häuser. [...]
Bis 1927 glaubten die Kolonisten sich allmählich zu einer bescheidenen Höhe emporarbeiten zu können. Diese Hoffnung haben sie jetzt gänzlich verloren. Sie erkennen klar den Kurs der Regierung, der die Einzelbauern so herabzudrücken sucht, daß sie ihr Heil nur noch in der Kollektivierung erblicken. Die große Masse der deutschen Kolonisten lehnt indessen diesen Ausweg auf das Entschiedenste ab. Dem Selbständigkeitsbedürfnis des deutschen Bauern ist der Zwang der kollektivistischen Organisation unerträglich; ein kollektivistisches Gemeinschaftsleben würde er als Hölle empfinden. Zudem sind für ihn kollektivistische Wirtschaft und bolschewistische Gesinnung untrennbare Begriffe.
Hinweis: Der Bericht entstand auf einer Reise auf die Krim und den Bezirk Melitopol im Mai 1929.
Deßj.: Dessjatinen (1 Dessjatine = 1,1 Hektar)
Otto Auhagen, Die Schicksalswende des russlanddeutschen Bauerntums in den Jahren 1927–1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, hg. von E. Meyen, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, Leipzig 1942, S. 41 f.
Aus einem Bericht des deutschen Diplomaten und Professors Otto Auhagen vor dem Hauptausschuss des Vereins für das Deutschtum im Ausland (7. Juni 1930):
Auch vor dem Siege des Bolschewismus hat es Perioden gegeben, in denen sich die deutschen Kolonisten in Russland national und kulturell bedrückt fühlten, doch unvergleichlich viel schlechter ist ihre Lage in der Gegenwart. Zwar scheint die Verfassung des Rätebundes die nationalen Minderheiten zu respektieren, es gibt eine „autonome“ Wolgarepublik, und auch in den übrigen Gebieten der Union, die zusammen an deutschen Kolonisten das Anderthalbfache der Wolgadeutschen zählen, sind der deutschen Bevölkerung ebenso wie anderen nationalen Minderheiten Sonderrechte eingeräumt.
Bei genauer Betrachtung schrumpft indessen diese Privilegierung auf sprachliche Duldung zusammen. In jeder sonstigen Hinsicht, wirtschaftlich, sozial, kulturell ist die Politik des Rätebundes absolut zentralistisch; gleiche Schablone gilt für sämtliche Nationalitäten. Der neue Radikalismus, der seit Ende 1927 herrscht, ist geeignet, die deutsche Kultur in den Wurzeln zu töten. Eine Tragödie sondergleichen spielt sich seitdem in den deutschen Siedlungen ab.
Privilegierung: Ausnahme von der Regel, Bevorzugung
Radikalismus: extreme Einstellung, z. B. in der Politik oder in der Religion
Tragödie: schicksalhafte Entwicklung, die ein schlimmes Ende nimmt
Otto Auhagen, Die Schicksalswende des Russlanddeutschen Bauerntum in den Jahren 1927–1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, hg. E. Meyen, Leipzig 1942, S. 137.

- 1Sieh den Film „Stalins Wunder“ bis Minute 4:40 min.
- 2Erkläre die sich entwickelnde Feindschaft zwischen Stalin und den kommunistischen Funktionären auf der einen Seite und den Bauern auf der anderen.
- 3Sieh die Einschätzung des Historikers von 4.40 bis 5.18 min. Er bezeichnet die Kollektivierung als „eine Form der Leibeigenschaft im 20. Jahrhundert“.
- 3.1Finde Argumente, die diese Position begründen.
- 3.2Beziehe in deine Argumentation Informationen aus den Quellen in den Elementen 4, 5 und 6 ein.
- 3.1
- Ausrufung einer angeblich schuldigen Gruppe innerhalb der großen Terrorwellen der Stalinzeit zur Vertuschung wirtschaftlicher Krisen
- Schüren von Angst, Denunziantentum und Gewalt gegen angebliche Feinde des Sozialismus zur Sicherung der Macht der kommunistischen Herrscher
- Enteignung und Vernichtung von Bauern, die als etwas wohlhabender galten
- Abschaffung des privaten Eigentums an Grund und Boden, Maschinen, Tieren usw. → Kollektivierung der Landwirtschaft
- Schaffung von sozialistischen Großbetrieben in der Landwirtschaft
- Uneingeschränkte Zugriffs- und Verteilungsmöglichkeiten auf landwirtschaftliche Produkte
- Verbreitung und Festigung der kommunistischen Ideologie auf dem Land
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Zitiert nach Creuzberger, Stalin, S. 119. Erstmals bei Baberowski, Entweder für den Sozialismus oder nach Archangel’sk!. S. 618 f. · Alle Rechte vorbehalten
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Die russlanddeutschen Reaktionen auf die „Entkulakisierung“
Wenn Regierungen ihr Volk oder eine Volksgruppe zu unterdrücken beginnen, versuchen viele betroffene Menschen, der Unterdrückung zu entkommen.
Mennonitische Siedler vor allem aus Sibirien dachten an Flucht. Sie hatten Kontakte nach Kanada und in die Vereinigten Staaten von Amerika. Die sowjetische Regierung wollte die Abwanderung verhindern und verbot den Bauern häufig die Ausreise. Proteste folgten. Andere reagierten mit Resignation und Gleichgültigkeit: Bald lagen den Behörden Berichte über brachliegende Felder und über Vieh vor, das man bewusst verenden ließ.
Diese Formen des passiven Protestes waren weit verbreitet. Manchmal gingen sie auch in aktive Aufstände über. So nahmen Protestierende beispielsweise Verwaltungsangestellte als Geiseln, um verhaftete 'Kulakenbauern' freizupressen. Manchmal führten die Protestaktionen auch zum Erfolg. Hier und da machten die örtlichen Behörden Zugeständnisse. Mitunter wurden auch Enteignungen zurückgenommen, damit Bauern in die Kollektivwirtschaft eintraten und wieder aktive Landwirtschaft betrieben. Dauerhaft waren solche Abmachungen aber nicht.

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Ende Januar [1930] kam es in der Nähe von Pokrowsk (Republik der Wolgadeutschen) zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und deutschen Kolonisten. Ein Kommunist, der eine Hetzrede gegen die deutschen Kolonisten hielt, wurde verprügelt und lebensgefährlich verletzt. Die GPU nahm daraufhin zahlreiche Verhaftungen vor. In Pokrowsk sind 620 sowjetische Kommunisten aus Leningrad eingetroffen, die einen großen Propagandafeldzug für die Auslöschung der individuellen Bauernwirtschaften führen sollen. Bei dem Eintreffen des Zuges mit den Kommunisten kam es zu erregten Szenen, da die deutschen Kolonisten gegen die Entsendung dieser Kommunisten Einspruch erhoben und forderten, dass die Kollektivierung der deutschen Bauernwirtschaften in der Wolgarepublik auf unbestimmte Zeit vertagt werde.
GPU: seit 1922 die Bezeichnung der Geheimpolizei der Sowjetunion
Hans Neusatz und Dietrich Erka, Ein deutscher Todesweg, Authentische Dokumente der wirtschaftlichen, kulturellen und seelischen Vernichtung des Deutschtums in der Sowjetunion, in: Die Notreihe. Fortlaufende Abhandlung über Wesen und Wirken des Bolschewismus, hg. von I. Iljin, N. Constantin, H. Neusatz, R. Cramer, Heft 1 und 2, Berlin 1930, S. 87.
Der deutsche Diplomat Otto Auhagen gibt einen Bericht für den Sommer 1929 wieder, der die Auswanderungsbewegung aufgrund der Entkulakisierung und Kollektivierung schildert:
Die Hoffnung auf bessere Zeiten schwinden im Volk immer mehr. , die seit Jahrzehnten in Russland wohnen, Schweizer, die im Kaukasus an der Hebung der Milchwirtschaft wirkten, verlassen scharenweise das Land, und überaus groß ist die Zahl nicht nur der fremdstämmigen, sondern auch der russischen Bürger der Union, die lieber heute als morgen Abwandernden folgen würden.
In einem weiteren Bericht vom 27. März 1930 heißt es:
Die deutschen Bauern erblicken überall ihre einzige Rettung in der Auswanderung […]. Verzweiflungsaktionen größeren Maßstabes wird voraussichtlich dadurch noch Vorschub geleistet werden, daß im Frühjahr in vielen Bezirken Hungersnot eintreten wird. Die Furcht vor großen Unruhen trägt dazu bei, reichsdeutsche Kolonisten zur Rückwanderung zu bestimmen.
Otto Auhagen, Die Schicksalswende des Russlanddeutschen Bauerntum in den Jahren 1927–1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, hg. E. Meyen, Leipzig 1942, S. 44 und 119.
Der Kampf gegen die Kirche



„Religion ist Gift – Verschone die Kinder“ - sowjetisches Propagandaplakat von 1930 - Moderne Schule statt brüchige Kirche.
Kleine Vertiefung zum Thema Symbolik in der Propaganda: Über der Kirche steht das 'alte Kreuz' schief und ist kurz vor dem Fall ...
... während über der Schule das 'neue Kreuz', ein sowjetisches Flugzeug, durch den Himmel schwebt.
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Schon seit der Revolution 1917 waren die kommunistischen Machthaber gegen die Kirchen in der gesamten Sowjetunion vorgegangen. Für sie war Religion „Opium des Volkes“ (Karl Marx) – ein Mittel, mit dem die Oberschicht das Volk ruhiggestellt hatte. Die neue Sowjetmacht wollte das ändern.
Bereits unter Lenin wurden die Kirchenorganisationen enteignet, Kirchenbesitz beschlagnahmt und Geistliche, die sich dagegen wehrten, verhaftet und hingerichtet. Aber die Kirchen waren noch da – als Gebäude und Ort für Gottesdienste und kirchliche Feiern. Dem wollte Stalin ein Ende bereiten. In den 1930er Jahren wurden fast alle Kirchen geschlossen und zu Lagerhäusern oder Kinos umgebaut. Tausende Priester kamen in die Gulags oder wurden erschossen.
Mit Errichtung der Sowjetmacht begann im Land die Umsetzung eines Komplexes von Maßnahmen, die auf eine Verdrängung der Kirche aus den Bereichen des öffentlichen und staatlichen Lebens und eine Beendigung der Tätigkeit aller Konfessionen abzielten. Gotteshäuser sind geschlossen worden, Geistliche wurden Repressalien ausgesetzt. 1931 erhielt das Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der ASSR der Wolgadeutschen geheime Angaben von der regionalen Kommission für die Behandlung religiöser Fragen, denen zufolge zu diesem Zeitpunkt die Kirche im Dorf Wiesenmüller noch nicht geschlossen worden war und die Kirchengemeinde 1555 Gläubige zählte, von denen 39 Personen zur Kategorie derjenigen, denen die politischen Rechte genommen worden waren, gehörten. Pastor Johann Schilling wurde in dieser geheimen Mitteilung folgende Charakteristik gegeben: „tritt gegen die Direktiven der Sowjetmacht und Kolchosen auf“. Schon bald, am 23. Februar 1935, wurde Pastor Schilling, Absolvent des Leningrader Priesterseminars, verhaftet und unter der Anschuldigung, konterrevolutionäre Propaganda zu betreiben, zu zehn Jahren Besserungs- und Lagerhaft verurteilt. Er verstarb in einem Straflager.
Im September 1934 sandte die Kommission für Kultfragen beim Zentralen Exekutivkomitee der ASSR der Wolgadeutschen an das Präsidium der ASSR der Wolgadeutschen Informationen, wonach die Kirche im Dorf Wiesenmüller von den Gläubigen noch genutzt werde. Daher erfordere die Frage nach ihrer Schließung eine spezielle Erörterung. Am 15. Mai 1937 wurde die Kirche entsprechend einem offiziellen Beschluss des Präsidiums des Zentralen Exekutivkomitees geschlossen, da sich 1084 der 1372 Mitglieder der Kirchengemeinde für ihre Beseitigung ausgesprochen hatten.
Enzyklopädie der Russlanddeutschen, Wiesenmüller: https://enc.rusdeutsch.eu/articles/5796
Zweckentfremdung der Kirchen


Ein Foto der Kirche von Wiesenmüller aus dem Jahr 1929
Der Innenraum der mennonitischen Kirche in Alt-Samara 1934 – Die Kirche wurde nach der Enteignung 1934 als Klubhaus genutzt. Auf dem Foto tagt der Vorstand der Kolchose, auf dem Plakat steht „Es lebe die große, unbesiegbare Fahne Marx-Engels-Lenin-Stalin! Es lebe der Leninismus!“
© Alexander Muth · Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte · Alle Rechte vorbehalten
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Im Jahr 1934 wurde das Kreuz vom Kirchturm heruntergeworfen. Bei diesem Ereignis hatten sich viele Dorfbewohner versammelt, zugeschaut und in ihrem Herzen getrauert, mehr konnten die Leute nicht dagegen tun. Ich war auch bei diesem Ereignis dabei, stand da am Glockenstuhl und sah begeistert zu (als Kind – 9 Jahre alt, konnte ich damals die ganze Tragödie dieses Geschehens noch nicht richtig begreifen). Für mich war es wie ein spannendes Ereignis mit anzusehen, wie 2 Männer da hochstiegen, das Kreuz absägten und herunterwarfen. [...] Nachdem das Kreuz abgenommen war, wurde die Kirche als Dorfklub eingerichtet. Der Altar wurde von dem Chor heruntergenommen, die Anhöhe als Tribüne benutzt. Gleich neben dem Eingang wurde eine zweite niedrigere Anhöhe eingebaut, wo der Filmmechaniker seinen Kinoapparat aufstellte. [...]
Gleichzeitig mit der Abnahme des Kreuzes wurden auch zwei von den Glocken vom Glockenturm abmontiert. Der Glockenturm wurde als Feuerwehrturm benutzt. [...] Als im Jahr 1937 im Wolgagebiet eine sehr reiche Ernte war und die Transportmittel des Kolchos nicht ausreichend waren, um das Getreide zu den zentralen staatlichen Getreideannahmepunkten zu bringen, wurde es in der Kirche gelagert. Man erzählte, dass die Männer die Säcke auf den Chor hoch tragen und in das Innere der Kirche schütten mussten. Allmählich hielten die nackten Holzwände den Druck des Getreides nicht mehr aus und mussten von außen mit Balken gestützt werden, damit sie nicht auseinanderbrachen. [...]
Als ich Wiesenmüller [...] 1956 das erste Mal wieder besuchte, sah ich an der Stelle, wo einst die Kirche stand, nur noch einen Schutthügel.
Alexander Muth, Die Geschichte des Dorfes Wiesenmüller, Horn-Bad Meinberg 2012, S. 54
Vergleiche die Darstellungen zur Beseitigung der Kirche im Dorf Wiesenmüller in den Elementen 17 und 19.
- 1Benenne die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den beiden Darstellungen zur Beseitigung der Kirche in Wiesenmüller.
- 2Stelle mit eigenen Worten die beschriebenen Vorgänge dar.
- 3In der persönlichen Perspektive werden zwei unterschiedliche Reaktionen auf die Abnahme des Kirchenkreuzes beschrieben, die der älteren Dorfbewohner und die des neunjährigen Zeitzeugen. Beschreibe diese und erkläre sie.
- 4Deute die Unterschiede in den Darstellungen.
Hungersnot als Folge der 'Entkulakisierung'
Im Sommer 1932 waren viele deutsche Dörfer völlig verändert: Alle Wirtschaften waren kollektiviert worden und die Bauern hatten kein eigenes Land mehr. Die ehemaligen Großbauern und jene, die man für Großbauern gehalten hatte, waren vertrieben oder ermordet worden. Manche hatten auch fliehen können.
Die eilig geschaffenen Kolchosen waren wirtschaftlich nicht erfolgreich. In vielen landwirtschaftlichen Betrieben herrschte Chaos statt einer planvollen Bewirtschaftung der Felder. Vor den tödlichen Folgen der Zwangskollektivierung hatten auch führende Kommunisten gewarnt. Als 1931 eine Missernte das Land heimsuchte, geriet die Sowjetunion in eine weitere verheerende Versorgungskrise. Stalin wich jedoch nicht von seinem Wirtschaftsplan ab, sondern forderte immer höhere Getreideabgaben. Diese wurden mit Gewalt eingetrieben. Die rücksichtslose Beschaffung von Getreide machte selbst vor dem Saatgut nicht halt.
Schließlich kam es, wie es kommen musste, die Sowjetunion wurde 1932/33 von einer fürchterlichen Hungersnot heimgesucht. Erneut wütete sie am schrecklichsten in den ertragreichsten Gegenden des Landes. Stalin hatte nichts von der vergangenen Hungersnot gelernt! Schlimmer noch, das Ausland sollte nichts von der Not der Bevölkerung und der Schwäche des 'überlegenen' Kommunismus erfahren, denn die Getreideexporte waren nicht zu gefährden. Schließlich drangen die Nachrichten über die Grenzen, sodass Stalin mit gemischten Gefühlen und unter internationalem Druck die Einfuhr von internationalen Hilfspaketen und die Arbeit von Hilfsorganisationen zuließ. Doch die Angst vor der mitgelieferten Propaganda erwies sich bald als größer als die Sorge um das hungernde Volk. So wurden die Hungerhilfen überwacht und nach kurzer Zeit strengstens limitiert.
Der Hungermord von 1932/33




Die Hungersnot von 1932/33 war das direkte Ergebnis von Stalins Politik. Und als die Hungersnot ausgebrochen war, wurden keinerlei Maßnahmen ergriffen, den Betroffenen zu helfen – im Gegenteil. Hier siehst du einen sogenannten 'Roten Zug', der 1932 die Ernte aus einem sowjetischen Dorf abtransportiert, um sie in die Großstädte des Landes zu schaffen.
Zurück auf dem Land blieben der Hunger und bald die Toten. Das Foto zeigt die Leichen Verhungerter auf einer Straße in Charkiw, Ukraine.
Die Karte zeigt die betroffenen Gebiete – es sind gleichzeitig die fruchtbarsten und ertragreichsten Gebiete der Sowjetunion. Dass hier am meisten Menschen starben, war menschengemacht und beabsichtigt. Deshalb spricht man heute in der Ukraine von der Hungersnot auch als 'Holodomor', Hungermord, und einige Staaten (Deutschland nicht) definieren die Hungersnot von 1932/33 als Völkermord.
Die Grafik zeigt uns zwei Dinge: den Einbruch in der Getreideproduktion ab 1931 und dass noch während der Hungerkatastrophe Getreide aus der Sowjetunion exportiert – und nicht etwa in die betroffenen Gebiete geschickt – wurde!
Urheber: Central State Audiovisual Archives of Ukraine. · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HolodomorVyizdValky.jpg · PD
Urheber: Alexander Wienerberger · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:HolodomorKharkiv_1933_Wienerberger.jpg&oldid=862943534 · PD
Urheber: A. Markoff "Famine in USSR" · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Famine_en_URSS_1933.jpg · PD
© Digitale Lernwelten GmbH · Richard Buchner, Terror und Ideologie. Zur Eskalation der Gewalt im Leninismus und Stalinismus (1905 bis 1937/1941), Leipzig 2011, S. 293 · Alle Rechte vorbehalten
Die großangelegte Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion führte auch bei den Russlanddeutschen zu Enteignungen und Neuverteilungen der landwirtschaftlichen Flächen. Vor allem die Mennoniten mussten einen großen Teil ihres Grundbesitzes hergeben. Und da die Mennoniten den kommunistischen Funktionären ohnehin ein Dorn im Auge waren, wurden sie zunehmend auch persönlich verfolgt und vertrieben. Mehr als 20.000 Mennoniten wanderten zwischen 1923 und 1929 aus der UdSSR aus.
Parteiaktivisten wurden zu Hunderten in die Gebiete der Wolgadeutschen geschickt, um Enteignungen und Deportationen durchzusetzen. 1929 wurde in der Wolgadeutschen Republik beschlossen, dass alle Bauern ihr gesamtes Produktions- und auch einen großen Teil des persönlichen Eigentums vergemeinschaften sollten. Dagegen protestierten die Bauern in mehr als 30 Dörfern. Mit Gewalt wurden sie unterdrückt. In den Jahren 1930/31 wurden 3,7 % der Bevölkerung der Wolgadeutschen Republik in die Verbannung getrieben, Zehntausende starben.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten
Otto Dreit, 1921 in Saratow geboren, erinnert sich an den letzten Besuch seines Nachbarn während der schrecklichen Hungerkatastrophe von 1932/33:
In unserem Hinterhaus wohnte der Hausmeister, ein Deutscher. Mit seiner Frau, einer Russin, hatte er vier Kinder. Wir Jungs nannten ihn immer nur Onkel Paul. Ausgangs des Hungerwinters, wohl so im März, kam er früh in unsere Wohnung. Ich hätte ihn fast nicht erkannt. Fahlbleich, abgemagert zum Skelett mit tief liegenden Augen stand er in unserer Küche und bat meine Mutter mit leiser, zitternder Stimme um ein Stück Brot. Mutter fragte ihn gleich nach der Frau und den Kindern. Weinend erzählte er, dass Gott sie zu sich genommen habe. Seit drei Tagen hätte er nichts mehr gegessen, er könnte es nicht mehr aushalten. Obwohl ich noch ein Kind war, bemerkte ich sehr deutlich, wie er sich des Bettelns wegen schämte. Unsere Essenration war auch äußerst knapp. Mutter teilte jedem ein kleines Stück Brot am Morgen zu, für den älteren Bruder, der arbeiten ging, hatte sie die Ration im Schrank verschlossen. Wortlos ging sie nun, als sie das Elend des Hausmeisters sah, und schnitt für ihn die Hälfte des für den Bruder bestimmten Brotes ab. Onkel Paul dankte mit Tränen in den Augen. Den angebotenen Tee lehnte er ab. Er wankte, sich mit der Hand an der Wand haltend, auf den Hof. Wenig später ging ich zur Schule und sah ihn am Tor auf der Bank sitzend. Einen Bissen Brot hatte er noch im Mund, das restliche hielt er fest in der Hand. Vor Entkräftung war er eingeschlafen. Als ich am Mittag aus der Schule nach Hause zurückkam, saß er noch immer so da, mit dem Brotkrumen im Mund. Nur das Stückchen Brot war ihm inzwischen von einem anderen Hungrigen aus der Hand genommen worden. Ich stand eine Weile vor ihm, ohne zu begreifen, was passiert war. Schließlich sah ich Insekten über sein Gesicht laufen, erst da erkannte ich: Der Hungertod hatte auch Onkel Paul ereilt.
http://www.russlanddeutschegeschichte.de/... [25.03.2026|.
Die Hungersnot rief erneut internationale Hilfsaktionen hervor, die für die Russlanddeutschen besonders aus Deutschland kamen. In Deutschland organisierte der sogenannte Reichsausschuss 'Brüder in Not' die Hilfsaktivitäten. Als Hitler im Jahr 1933 in Deutschland an die Macht kam, wurden die Hilfsleistungen eingeschränkt und die deutschen Empfänger in der Sowjetunion eingeschüchtert. Die sowjetische Presse verbreitete zum Beispiel, dass die Pakete aus Deutschland 'Hitlerhilfen' und deren Empfänger Agenten der nationalsozialistischen Regierung in Deutschland seien. [...] Verhaftungen, die allein auf der Annahme von deutschen Paketen beruhten, folgten und galten oftmals als Beweis der Spionage.
Erarbeitet von Michael Günther, Digitale Lernwelten u. a. auf der Grundlage von: Viktor Krieger, Kolonisten – Sowjetdeutsche – Aussiedler, Bonn 2015.

© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte · Alle Rechte vorbehalten
Der Plan muss erfüllt werden! – Die Kollektivierung aus Sicht der sowjetischen Führung
Stalins Plan für die sowjetischen Bauerndörfer ist folgender: Es muss mehr Nahrung produziert werden und die Produktion muss unter staatliche Kontrolle. Was ist zu tun?
„Wir verstaatlichen das Land, schaffen landwirtschaftliche Großbetriebe (Kolchosen), in denen die Bauern zusammen ertragreicher arbeiten. Ihre Erträge sollen die Bauern günstig an den Staat verkaufen.“
Bildnachweise
1. „Residents of the village of Belovezh. Group of peasants.“ – Romanov Empire - Империя Романовых (Public Domain), Quelle
2. „Entkulakisierung“ – Русский: Иванова и Мирзаянц (Public Domain), Quelle
3. „A "Red Train" of carts from the "Wave of Proletarian Revolution" collective farm in the village of Oleksiyivka, Kharkiv oblast in 1932.“ – Central State Audiovisual Archives of Ukraine. (Public Domain), Quelle
4. „Starved peasants on a street in Kharkiv, 1933.“ – Alexander Wienerberger (Public Domain), Quelle
Stalin hatte sich für den schnellen Aufbau eines Industriestaats und gegen einen Agrarstaat ausgesprochen. Fünf Jahre, von 1928 bis 1934, gab er seinem Land Zeit für den Umbau. Die Kollektivwirtschaften (Kolchosen) sollten die Ernährungsgrundlage sichern. Von diesen Kolchosen gab es jedoch Ende der 1920er Jahre noch sehr wenige.
Als der Fünfjahresplan in Rückstand geriet, griff Stalin mit Gewalt nach den privaten Bauernhöfen, um sie mit Zwang zu kollektivieren. Die Großbauern sollten ganz entfernt werden. Der harte Eingriff in die ländlichen Strukturen führte zu einer Hungersnot. Letztlich wurde die Industrialisierung in der Sowjetunion tatsächlich beschleunigt. Der Preis dafür waren die Zerstörung der traditionellen Landwirtschaft und etwa 13 Millionen Todesopfer.
Michael Günther, Digitale Lernwelten
Die Propaganda zeigt nur die ehrgeizigen Pläne, die Realität zeigt die Kosten, die bei der Verwirklichung dieser Pläne entstehen. Bei dem folgenden Element liegen zwei Bilder übereinander. Mit dem Schieberegler kann entweder das eine oder das andere betrachtet werden.
- 1Bewerte die Politik der kommunistischen Machthaber gegenüber den Deutschen in Sowjetrussland bzw. in der Sowjetunion.
- 2Diskutiert in der Gruppe: War diese Politik für die Entwicklung der Sowjetunion klug?
