Methode: Schriftliche Quellen
Durch schriftliche Hinterlassenschaften können wir erfahren, was Menschen in der Vergangenheit erlebt und getan haben. Seit Tausenden von Jahren schreiben und lesen Menschen. Für nahezu jeden Zweck wurden und werden schriftliche Aufzeichnungen genutzt. Aus ihnen wissen wir, ob Menschen erfolgreich waren, verliebt waren oder große Angst empfanden.
Diese Methodenseite soll dir helfen, schriftliche Quellen zu untersuchen. Solche Untersuchungen gehen weit über das Durchlesen und Herausschreiben von Informationen hinaus. Manchmal gleicht die Entschlüsselung von Quellen fast einer Detektivarbeit.
1. Arbeit mit schriftlichen Quellen und Darstellungen: eine eigene Geschichte erzählen oder die Geschichte anderer verstehen
Texte, Texte, überall Texte! Bleib ganz ruhig! Es ist gar nicht so schwer, mit den vielen unterschiedlichen Arten von Texten umzugehen. Alles hängt davon ab, welche Frage du an Geschichte stellst. Es gibt zwei Möglichkeiten: Möchtest du wissen, wie andere Menschen, zum Beispiel Historiker, über die Vergangenheit gedacht haben oder möchtest du etwas über die Vergangenheit wissen und sie dir selbst erschließen?
Du siehst: Geschichte beginnt mit einer Frage. Also: Stelle eine Frage an die Geschichte/Vergangenheit und denke dann über das Ziel dieser Frage nach. Dann kannst du nämlich auch die Materialien auswählen, mit denen du deine Frage beantworten kannst.
Tradition und Überrest



Erläuterung dieser Quelle in der Ausstellung des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold:
„Dieser Wandspruch hing während der Kirchenverfolgung im Wohn- und Schlafraum eines russlanddeutschen Haushaltes in der Sowjetunion“. Stickerei auf Leinen (um 1955).
Ein in Moskau am 28. Juli 1965 geschriebener Brief an einen „Genossen Hollmann“. Was hat es damit auf sich? Finde es heraus!
Gesangbücher gab es in der Sowjetunion nicht zu kaufen. Öffentliche religiöse Betätigungen waren nicht gestattet.Irgendwann wurden daher christliche Texte, auch Gesangbücher, abgeschrieben.
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold · Alle Rechte vorbehalten
© Archiv des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold · Alle Rechte vorbehalten
Texte lassen sich grundsätzlich in zwei Gruppen einteilen: Darstellungen und Quellen.
- Darstellungen: Darstellungen sind Texte, die meistens später über ein Geschehen in der Vergangenheit geschrieben wurden. Die Autoren dieser Texte wollen mit ihnen auf die Leser ihrer Zeit einwirken: z.B. zum Nachdenken anregen.
- Quellen: Quellen sind Texte, die aus der Zeit des Geschehens selbst stammen. Aus ihnen kann man erfahren, was damals geschehen ist, wie sich Dinge abgespielt haben und was Menschen über das Geschehen gedacht haben.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Schriftliche Quellen sind sehr vielfältig. Sie umfassen ganz unterschiedliche Textsorten, zum Beispiel Briefe, Urkunden, Gesetzestexte, Rechnungen, Verwaltungsakten, Zeitungen, Reiseberichte oder auch Geschichtsbücher.
Grundsätzlich kann man Quellen nach ihren Absichten in zwei Gruppen unterscheiden:
- Traditionsquellen: Das sind Hinterlassenschaften von Menschen, die mit der Absicht entstanden sind, eine bestimmte Botschaft zu übermitteln. Diese Botschaft kann an bestimmte Personen (z.B. den Brieffreund oder die Untertanen) oder eine unbestimmte Personengruppe (z.B. die Nachwelt) gerichtet sein. Beispiele hierfür sind Briefe, Flugblätter, Memoiren (Lebenserinnerungen), Inschriften, Chroniken oder Sagen.
- Überrestquellen: Das sind Hinterlassenschaften von Menschen, die ohne Absicht zu irgendeiner dauerhaften Nachwirkung entstanden sind. Meistens haben diese Quellen einen konkreten Zweck im Leben der Menschen. Es sind z.B. Rechnungen oder Kassenbons.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
2. Äußere Quellenkritik: von geschöpftem Papier, Überlieferungswegen und Druckorten

Urheber: Tom · https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Einladungsmanifest_-_Kolonisten-Edikt_Katharina_II_1763.png · CC BY-SA 3.0
Quellen werden in zwei Schritten untersucht.
Man prüft zunächst ihr Äußeres, also das Aussehen, die Größe und den Zustand der Quelle. In diesem Schritt wird auch danach gefragt, wer an wen geschrieben hat und auf welchem Wege die Quelle überliefert wurde.
Zu nebenstehender Quelle:
Vor etwa 260 Jahren begann mit dem Einladungsmanifest von Katharina II. die Geschichte der Russlanddeutschen. Katharina II. war eine deutsche Prinzessin und hieß eigentlich Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst. Als russische Zarin ließ sie am 22. Juli 1763 dieses Manifest publizieren. Sie machte damit Auswanderern, die nach Russland kommen würden, große Versprechen. Diese waren für die damalige Zeit sehr attraktiv. Das Manifest ist in deutscher Sprache verfasst. Es beginnt mit den Worten: „Von Gottes Gnaden Wir, Catharina die Zweyte, Kayserin und Selbstherrscherin aller Reußen ...“ Der erste Artikel lautet dann: „Verstatten Wir allen Ausländern in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulaßen.“
- 1Art der Quelle
Handelt es sich z.B. um eine Urkunde, einen Brief, ein Tagebuch, eine Zeitung oder eine Verwaltungsakte? - 2Informationen zum Autor
Wer ist der Autor? Was wissen wir über ihn (Beruf, Geschlecht, Alter, öffentliche Funktion usw.)? - 3Adressat der Quelle
An wen richtet sich die Quelle? - 4Zeitliche Einordnung
Wann ist die Quelle entstanden? Was sind die Lebensdaten des Autors? - 5Bezug des Schreibers zum Inhalt/berichteten Ereignis
War der Autor der Quelle z.B. Verursacher, Zeitzeuge, Betroffener, Beobachter oder Bearbeiter des berichteten Geschehens? - 6Überlieferungsgeschichte der Quelle aufklären
Wer hat sie gefunden? Wo wurde sie aufbewahrt (Archiv, Bibliothek, Dachboden usw.)? - 7Verständnis des Textes herstellen
Alle unklaren Begriffe im Quellentext nachschlagen (Duden, Lexika, Wörterbücher)
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
3. Innere Quellenkritik: von Informationen, Argumenten und Botschaften
Zeitungsausschnitt aus: Archiv des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold · PD
Nach dem ersten Schritt (äußere Quellenkritik) möchte man bei der inneren Quellenkritik die Inhalte einer Quelle verstehen. Warum wurde sie geschrieben? Was wollte der Autor mitteilen? Es müssen also die Informationen und Botschaften erkannt und, wenn nötig, entschlüsselt werden.
Zu diesem Dokument stellen sich viele Fragen, zum Beispiel diese:
- Wer hat diesen Erlaß verantwortet und veröffentlicht?
- Worauf bezieht sich dieser Erlaß?
- Was ist mit „Willkür“ gemeint
- 1Informationen über die Vergangenheit erfassen:
Welche Personen, Daten, Orte und Ereignisse werden genannt? - 2Argumentationsgang des Autors erkennen:
Welche Aussagen zu den Personen, Daten, Orten und Ereignissen werden gemacht? Wie wird das Geschehen geschildert? - 3Interessen, Perspektiven und Standpunkte des Autors ermitteln:
Welche Meinungen zum Geschehen vertritt der Autor?
Welche persönlichen Meinungen lässt er in den Text einfließen? - 4Wirkungsabsicht des Autors ermitteln:
Warum wird das Geschehen in dieser Art und Weise dargestellt?
Was wird ausgelassen? - 5Interpretation und persönliche Bewertung der Quelle durch den Bearbeiter:
Welche weiteren Informationen müssen eingeholt werden, um das Geschehen der Vergangenheit besser verstehen zu können?
Überzeugt mich die Schilderung des Geschehens in der Quelle?
Wie bewerte und beurteile ich die Schilderungen des Autors der Quelle?
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt