5.2 Ankommen in Deutschland
Im letzten Kapitel haben wir gesehen, dass sich in den 1990er Jahren über eine Million Spätaussiedler auf den Weg nach Deutschland machten. Aber was geschah hier mit ihnen? Wie verlief ihre Ankunft in der 'alten Heimat' Deutschland? Konnten sie ein Gefühl von Ankunft und Dazugehören entwickeln oder war diese Reise ein Schritt in eine neue Fremde?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Sek. 1: Inhaltsfeld 9
Internationale Verflechtungen seit 1945
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Glasnost/Perestroika, Untergang der Sowjetunion, Rückwanderung 5.1, 5.2, 8.1) - Entwurf Sek. 2 GK: Inhaltsfeld 6
Zerfall der Nachkriegsordnung und ihre Folgen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Glasnost/Perestroika, Veränderungen seit 1970er Jahren: Transformation , sozioökonomische Entwicklungen in Ost und West: 8.1, 8.2, 8.3, 8.4) - Entwurf Sek 2 LK: Inhaltsfeld 6
Zerfall der Nachkriegsordnung und Ost-West-Beziehungen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Ende Ost-West-Konflikt und Folgen: 4.3, 5.1, 5.2)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 10, Lernbereich 3
Politische Wandlungsprozesse in Europa
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Glasnost und Perestroika: 4.3) - Klasse 10, Lernbereich 3
Politische Wandlungsprozesse in Europa
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Wendejahre und Russlanddeutsche: 5.1, 5.2, 8.1) - Klasse 10, Wahlbereich 3
Alltagserfahrungen und Mentalitäten zur Zeit der Friedlichen Revolution und im geeinten Deutschland
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Rückwanderung, modernes Deutschland, Sicht auf die Diktatur: 5.1, 5.2, 7.1, 7.2, 7.3, 8.1)
In diesem Kapitel untersuchen wir, was mit Russlanddeutschen nach ihrer Rückkehr nach Deutschland geschah und wie sie gesehen wurden.
Übersicht Kapitelinhalte
Aus ehemals sowjetischen werden deutsche Staatsbürger

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Die Aussiedler kamen nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst in Aufnahmelagern unter. Dort wurde von deutscher Seite überprüft, ob die Eingereisten die Voraussetzungen erfüllten, um als anerkannte Spätaussiedler die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten zu können. Sie mussten nachweisen, dass sie sich in ihren Herkunftsländern 'zum deutschen Volkstum' bekannt und als Deutsche gegolten hatten. Außerdem mussten sie über deutsche Sprachkenntnisse verfügen, die in der Familie vermittelt waren. Dann erhielten sie und ihre Familienmitglieder die deutsche Staatsangehörigkeit und einen deutschen Pass.
- 1Beschreibe die Tasche (Form, Farbe, Material, Beschriftung).
- 2Bewerte die Wirkung dieser Tasche.
- 2.1Vermute, warum der Ausreisende gerade diese Tasche gewählt hat.
- 2.2Wofür könnte die Tasche ein Symbol sein?
- 2.3Entwirf zwei unterschiedliche Botschaften, die der Reisende mit der Tasche zum Ausdruck bringen wollte.
- 2.1

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Insgesamt sind zwischen 1950 und 2010 rund 2.407.718 Russlanddeutsche nach Deutschland eingereist. Es gab verschiedene Gründe für diese Entscheidung:
- Familiennachzug: Die Menschen wollten mit ihren Verwandten, die oftmals schon vor oder im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen sind, zusammensein.
- Nationale Motive: Die Menschen wollen als Deutsche unter Deutschen leben.
- Politische Situation in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion: wachsender Nationalismus, Bürgerkriege, wirtschaftliche Krisen
- Zukunftserwartungen: Die Menschen wollten vor allem ihren Kindern eine bessere und gesicherte Zukunft in Deutschland ermöglichen.
- 1Vergleiche die Angaben des Diagramms in Element 4 mit den Angaben in Kapitel 5.1, Element 13. Beide Diagramme stellen denselben Sachverhalt dar.
- 2Sammle Gründe, die zu den Unterschieden führen könnten.
Ankommen





Eine Aussiedlerfamilie kommt am Flughafen Hannover an, 1991.
Zunächst führte der Weg meist in eine Erstaufnahmeeinrichtung. Hier siehst du eine Familie im Lager Friedland, 1988.
Dort wurden (und werden) die notwendigen Formulare für die Registrierung der Neuankömmling ausgefüllt.
Die Landesstelle für Aussiedler, Zuwanderer und ausländische Flüchtlinge für Nordrhein-Westfalen liegt in Unna. Die Mehrheit der in NRW lebenden Aussiedler kam hier an. Hier siehst du ein junges Paar im Schlafsaal der Landesstelle Unna, NRW (1988)
Danach bekamen die meisten Familien Wohnungen zugewiesen, hier siehst du eine Aussiedlerfamilie in Bielefeld 1992.
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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F079037-0006,_Lager_Friedland,_Aussiedler_-_Flüchtlinge_in_Unterkunft.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: Arne Schambeck · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F080187-0019,_Unna,_Landesstelle_für_Aussiedler_und_Zuwanderer.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: Arne Schambeck · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F080187-0035,_Unna,_Landesstelle_für_Aussiedler_und_Zuwanderer.jpg · CC BY-SA 3.0
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Das Verfahren zur Feststellung des „Spätaussiedlerstatus im Detail:
- 1Das Bundesverwaltungsamt stellt Spätaussiedlern zum Nachweis ihrer Spätaussiedlereigenschaft eine Bescheinigung aus. [...] Bei Personen, die das 16. Lebensjahr vollendet haben, beteiligt das Bundesverwaltungsamt vor Erteilung der Bescheinigung den Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz, den Militärischen Abschirmdienst, die Bundespolizei, das Bundeskriminalamt und das Zollkriminalamt, wenn dies zur Feststellung von Ausschlussgründen [...] geboten ist. Die Entscheidung über die Ausstellung der Bescheinigung ist für Staatsangehörigkeitsbehörden und alle Behörden und Stellen verbindlich, die für die Gewährung von Rechten oder Vergünstigungen als Spätaussiedler nach diesem oder einem anderen Gesetz zuständig sind. Hält eine Behörde oder Stelle die Entscheidung des Bundesverwaltungsamtes über die Ausstellung der Bescheinigung nicht für gerechtfertigt, so kann sie nur ihre Änderung oder Aufhebung durch das Bundesverwaltungsamt beantragen.
- 2[...]
- 3[...]
- 4Eine Bescheinigung kann mit Wirkung für die Vergangenheit nur zurückgenommen werden, wenn sie durch arglistige Täuschung, Drohung oder Bestechung oder durch vorsätzlich unrichtige oder unvollständige Angaben, die wesentlich für ihre Ausstellung gewesen sind, erwirkt worden ist. Die Rücknahme mit Wirkung für die Vergangenheit darf nur bis zum Ablauf von fünf Jahren nach Ausstellung der Bescheinigung erfolgen. [...]
BVFG, § 15 Bescheinigungen, https://www.gesetze... [29.04.2026]
- 1Folgende Passage steht in § 15, Abs. 1 des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG):
„Bei Personen, die das 16. Lebensjahr vollendet haben, beteiligt das Bundesverwaltungsamt vor Erteilung der Bescheinigung den Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz, den Militärischen Abschirmdienst, die Bundespolizei, das Bundeskriminalamt und das Zollkriminalamt, wenn dies zur Feststellung von Ausschlussgründen [...] geboten ist.“- 1.1Lies diesen Paragrafen.
- 1.2Überlege in einer Partnerarbeit den Sinn dieser Regelung.
- 1.1
- 2Welche Ausschlussgründe für die Erteilung der deutschen Staatsbürgerschaft könnte es geben?
- 3Sieh dir über folgenden Link die in § 5 des Bundesvertriebenengesetzes genannten Ausschlussgründe an.
- 4Vergleiche deine Vermutungen mit den tatsächlichen Ausschlussgründen.
Spätaussiedler in Deutschland

Urheber: Spacekid · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Russian_food_at_Real_hypermarket_in_Germany.jpg · Cc
Ein deutscher Pass ist wichtig, aber er garantiert einem Neuankömmling in Deutschland nicht, in der deutschen Gesellschaft anzukommen und angenommen zu werden. Dafür benötigt es noch andere Dinge, z. B. einen Arbeitsplatz oder die Möglichkeit, sich selbst und die eigene Familie zu ernähren. Sehr wichtig sind auch Freunde, Nachbarn und Kollegen, die einen kennen, schätzen und akzeptieren. In Deutschland leben heute über 2,5 Millionen Russlanddeutsche, über 500.000 in Nordrhein-Westfalen. Sind sie in Deutschland angekommen?
Verschiedene Generationen von Aussiedlern wandern ein

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Die verschwundene Generation:
Während einer Tagung im Institut für Kirche und Gesellschaft, in dem ich arbeite, sagte eine Soziologin im Blick auf die Integration der Russlanddeutschen: 'die … Generation der Spätaussiedler, also diejenigen, die als kleine Kinder kamen oder schon hier geboren wurden, ist aus der öffentlichen Aufmerksamkeit ganz verschwunden.' Zweifellos war das als Kompliment gemeint, oder meinte sie: die sind integriert, weil sie keine erkennbaren, auffälligen Probleme mehr machen? [...]
Hinweis: Der Text stammt aus einem Interview mit Edgar Born aus dem Jahr 2014. Edgar Born war Aussiedlerbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen im Fachbereich Theologische und gesellschaftliche Grundfragen.

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Die mitgenommene Generation:
Vielleicht als Schüler gekommen, womöglich sogar während der Pubertät. Diese Generation hatte eine doppelte Identitätskrise zu bewältigen gehabt: die natürliche und die kulturelle Identitätskrise, die diejenigen erleiden, die die Wanderung zwischen den Kulturen zu einem Zeitpunkt absolvieren, in dem sie noch nicht vollends als Personen gefestigt sind. Manche haben das gut händeln können, andere hatten zu kämpfen – innerlich und äußerlich. Die Narben sind nicht sichtbar, aber spürbar. Oftmals aber – gerade durch die inneren Kämpfe – sehr vitale und flexible Zeitgenossen. [...]
Hinweis: Der Text stammt aus einem Interview mit Edgar Born aus dem Jahr 2014. Edgar Born war Aussiedlerbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen im Fachbereich Theologische und gesellschaftliche Grundfragen.

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Die verlorene Generation:
Zur 'verlorenen Generation' gehört die mittlere Generation, die Zwischlinge; gerade diejenigen, deren Diplome nicht anerkannt wurden, die sich in Leihfirmen verdingen mussten, die weit unter ihren Möglichkeiten beruflich tätig werden mussten, und denen nicht selten Altersarmut droht, weil die rentenkassenrelevanten Zeiten nicht ausreichen werden. Sie fühlen sich vielfach als die Verlierer der Aussiedlung, ohne dass sie – mit Rücksicht auf die anderen Familienangehörigen – davon viel reden. [...]
Hinweis: Der Text stammt aus einem Interview mit Edgar Born aus dem Jahr 2014. Edgar Born war Aussiedlerbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen im Fachbereich Theologische und gesellschaftliche Grundfragen.

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Die übersehene Generation:
Gerade zum 70. Jahrestag des UKAS des Präsidiums des Obersten Sowjets zur Deportation der Deutschen aus dem Wolgarayon (28.8.1941) wurde deutlich, dass noch Zeitzeugen leben, die sich mit ihren traumatischen Erlebnissen von Verschleppung, Zwangsarbeit, Entrechtung, gewaltsam zerrissenen Familien und umgekommenen Familienangehörigen ungehört, nicht wahrgenommen und übersehen fühlen. Ihre Erfahrungen aber müssen irgendwo verortet, beheimatet, integriert werden. Die Erfahrungen mit und in ihrer Heimat gehören zu den Heimatgeschichten aller Deutschen.
Hinweis: Der Text stammt aus einem Interview mit Edgar Born aus dem Jahr 2014. Edgar Born war Aussiedlerbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen im Fachbereich Theologische und gesellschaftliche Grundfragen.
- 1Arbeite in Element 11 die von Edgar Born genannten vier Generationen durch.
- 2Notiere die Merkmale jeder Generation.
- 3Ist die Einteilung der Spätaussiedler in die vier Gruppen für dich überzeugend? Begründe deine Meinung.
- 4Das Interview wurde vor über zehn Jahren geführt.
- 4.1Stelle Vermutungen darüber an, wie sich die generationelle Situation der Spätaussiedler seitdem verändert hat.
- 4.2Überlege, welche Gruppen kleiner/größer geworden sind.
- 4.3Überlege, welche neuen Gruppen sich gebildet haben könnten.
- 4.4Denke darüber nach, welche Auswirkungen das auf die Situation der Spätaussiedler als Gruppe gehabt haben könnte.
- 4.1
Spätaussiedler aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft
Russlanddeutsche klagen oft darüber, dass sie für die Russen immer 'Deutsche' gewesen wären und die Deutschen sie jetzt immer als die 'Russen' sehen würden. Wie sieht es mit der Integrationsbereitschaft der deutschen Gesellschaft aus? Hilft sie den Spätaussiedlern, anzukommen oder legt sie ihnen Steine in den Weg?
Die Russlanddeutschen wussten, dass sie in Deutschland bleiben können und bauten sich eine Existenz auf. Ihre Integration zeigt auch die Bedeutung einer guten Förderung: Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre gab es einen einjährigen Sprachkurs, relativ großzügige finanzielle Integrationshilfen und als Folge kaum Integrationsprobleme. Diese kamen erst, als der Staat Sprachförderung und Integrationshilfen nach und nach heruntergefahren hat. Jede Mark, die man damals bei der Integration gespart hat, musste man dann mit Aufschlag in die Bekämpfung von Jugendkriminalität stecken.
„Ungeregelte Einwanderung muss keine Katastrophe sein“, Interview mit Prof. Dr. Jannis Panagiotidis, 26.8.2016, in: Mediendienst Integration (https://mediendienst-integration.de/... [04.05.2026].)
Zwar hatte ein Teil der Aussiedlerinnen und Aussiedler anfänglich Probleme, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden, mittlerweile gelten Aussiedlerinnen und Aussiedler als gut integriert.
Aussiedlerinnen und Aussiedler sind seltener ohne allgemeinbildenden Abschluss als die Bevölkerung insgesamt. Der Anteil derer mit einer (Fach-)Hochschulreife entspricht dem der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. 56,5 % der Aussiedlerinnen und Aussiedler haben eine abgeschlossene Berufsausbildung in Form einer Lehre oder eines vergleichbaren Abschlusses und damit mehr als die Bevölkerung insgesamt. Allerdings haben sie seltener einen Hochschulabschluss und sind auch häufiger ohne beruflichen Abschluss als die Bevölkerung insgesamt.
Die Erwerbstätigenquote liegt mit 75,1 % deutlich höher als bei der Bevölkerung insgesamt, insbesondere Aussiedlerinnen weisen eine hohe Erwerbsbeteiligung auf. Die Erwerbslosenquote liegt mit 6,3 % auf dem Niveau der Bevölkerung insgesamt und somit niedriger als bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Dies zeigt, dass Aussiedlerinnen und Aussiedler Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden haben. Allerdings sind gerade Männer überproportional oft in Arbeiterberufen tätig. Vergleichsweise ungünstig ist die Einkommenssituation der Aussiedlerinnen und Aussiedler. Dies gilt insbesondere für die Gruppe mit höherer Bildung. Hier deuten sich Probleme des Qualifikationstransfers an. Auch zeigt sich an den Unterschieden, die sich nach der Zuzugsperiode erkennen lassen, dass Aussiedlerinnen und Aussiedler keine homogene Gruppe sind.
Probleme des Qualifikationstransfers: Viele Aussiedler kamen in Deutschland mit abgeschlossenen Ausbildungen und Studienabschlüssen sowie jahrelangen Berufserfahrungen aus ihrem Leben in der Sowjetunion an. Diese Qualifikationen wurden in Deutschland aber oft nicht anerkannt. Das zwang viele Aussiedler dazu, in Deutschland Arbeit unter ihrer eigentlichen Qualifikation auszuüben und z.B als Ingenieur eine Hausmeisterstelle anzunehmen.
Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, Integration der Aussiedlerinnen und Aussiedler in Nordrhein-Westfalen 2013., S.21 https://www.dokumente.integrationsmonitoring.nrw.de/... [29.04.2026]
Meine eigenen Listen würde ich heute keinem mehr empfehlen. Damals hatte ich Punkte wie diese aber eisern befolgt:
„Mehr Müsli essen“: Dabei schien mir das deutsche Frühstück angemessener für Wellensittiche als für menschlichen Verzehr.
„'Wetten Dass...' gucken“: Ich verbrachte viele Abende damit, Deutschen dabei zuzugucken, wie sie Fliegen mit offenem Mund fingen oder sich Maiskörner in die Nase schoben. Dabei hätte ich lieber die russische Sendung „Wo? Was? Wann?“ geguckt, in der russische Superbrains knifflige Fragen beantworteten.
„Nicht das R rollen“: In einem seltsamen Glauben, dass Russischsprechen meinen Akzent verstärken würde, habe ich mich für ein paar Monate ausschließlich auf Deutsch verständigt. Seitdem hat es sich eingebürgert, dass ich mit meinen Schwestern nur Deutsch spreche.
Ich lernte kohlensäurehaltiges Wasser zu lieben und russischen Pop zu hassen, effizient zu sein und der-die-das zielsicher anzuwenden. Einmal hatte ich mich sogar erkundigt, wie aufwändig ein Namenswechsel wäre. Ich wollte einen möglichst durchschnittlichen deutschen Vor- und Nachnamen, aber meine Eltern erlaubten es mir nicht. Auch sie hätte ich am liebsten umgetauscht, mit ihren peinlichen Akzenten und glänzenden Lederjacken, und stattdessen viel lieber eine deutsche Elternstandardausgabe mit Reihenhaus und Funktionsklamotten gehabt.
Unbekannt
Wir Russlanddeutschen galten in den Neunzigern als kriminelle Säufer, mindestens. [...] Heute, 25 Jahre später, werden wir als Teil einer gelungenen Integration gesehen, als Erfolgsgeschichte. Etwa drei Millionen Aussiedler kamen zwischen 1987 und 2005 aus der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa. Heute sagen die Statistiken: Wir Russlanddeutschen sind nicht häufiger arbeitslos als die anderen Deutschen und auch nicht viel öfter kriminell. Der größte Schlagerstar des Landes ist eine mit altertümlichem Namen, wie nur wir sie haben oder Kinder vom Prenzlauer Berg: Helene. Manchmal singt sie ein russisches Medley und tanzt den Kosakentanz. [...]
Helene: Gemeint ist die russlanddeutsche Sängerin Helene Fischer, die 1988 mit ihrer Familie von Sibirien nach Deutschland aussiedelte.
Viktoria Morasch, Angekommen, ZEIT NR.16/2016, 16. April 2016, https://www.zeit.de/...
- 1Passt sich die Autorin der Darstellung in Element 17 an eine 'deutsche Leitkultur' an? Begründe deine Antwort.
- 2Verfasse einen kurzen Text, in dem du die Gründe dafür erläuterst, dass sich die Russlanddeutschen in den letzten 25 Jahren so gut in die deutsche Gesellschaft integriert haben.
- 1Drehe ein kurzes Handy-Video, in dem du deine Zukunftswünsche und -pläne beschreibst.
- 2Zeige dieses Video in der Gruppe.
- 3Diskutiert in der Gruppe über eure Wünsche und Pläne.
- Was ist an euren Wünschen und Plänen realistisch?
- Was benötigt ihr, um eure Wünsche und Pläne umsetzen zu können?
- Was muss sich in der deutschen Gesellschaft in Zukunft dringend ändern?
