Vertiefung 2.2: Was ist eigentlich russisch?
In diesem Buch geht es um Russlanddeutsche. Im vorigen Kapitel habe ich mich mit der Frage beschäftigt, was eigentlich richtig deutsch ist. Jetzt möchte ich fragen, was das typische Russischsein ausmacht. Das ist für mich als deutschen Autor natürlich schwerer. Zum einen habe ich vom Russischsein viel weniger Ahnung und muss mich daher in diesem Kapitel vor allem auf die Meinungen und Ansichten anderer verlassen. Zum anderen bin ich vielleicht etwas gehemmter. Als Deutscher fällt es mir leicht, einen Witz oder eine unschöne Wahrheit über mein eigenes Land zu erzählen. Ob ich mich das bei der Frage nach dem Russischsein auch traue? Du solltest jedenfalls die Frage im Kopf behalten, was Stereotypen über Deutsche und Russen mit den Russlanddeutschen zu tun haben.
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Sek II, LK: Inhaltsfeld 6
„Nationalismus, Nationalstaat und deutsche Identität im 19. und 20. Jahrhundert“
(Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln: nationale Identität, Heimat: Vertiefung 2.1, Vertiefung 2.2, Vertiefung 2.3, Vertiefung 2.4, Vertiefung 2.5, Vertiefung 2.6, Vertiefung 1.1, Vertiefung 1.2, Vertiefung 1.3, Vertiefung 1.4, Vertiefung 1.5, Vertiefung 1.6)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch:
- Klasse 11/12 GK, Wahlbereich 5: Ausdrucksformen nationalen Selbstverständnisses – Die Wirkung von Mythen
(Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln:
Stereotypen zu Deutschsein und Russischsein: Vertiefung 2.1, Vertiefung 2.2) - Klasse 11/12 GK, Wahlbereich 6: Ausdrucksformen nationalen Selbstverständnisses – Die Bedeutung von Feindbildern
(Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln: Vertiefung 2.4, Vertiefung 2.5) - Klasse 12 LK, Lernbereich 1: Herausforderung „Frieden“ – Die Suche nach dauerhaft friedlichem Zusammenleben
(Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln:
Gemeinsamkeiten, Entfremdung: Vertiefung 2.4, Vertiefung 2.5)
In diesem Kapitel beschäftigen wir uns damit, was als „russisch“ gilt, und zeigen das anhand verschiedener Stereotype. Dabei geht es nicht darum, diese Stereotype zu belegen oder sie zu widerlegen. Ein reflektierter Umgang mit Stereotypen und das Infragestellen pauschaler Sichtweisen sind hier sinnvoll.
Übersicht Kapitelinhalte
Über Stereotype
Im letzten Kapitel hatte ich über Vorurteile gesprochen. Vorurteile sind oft auch auf Stereotype aufgebaut. Was meine ich damit? Stereotype, oder Klischees, sind künstliche, von Menschen geschaffene Bilder. Diese Bilder werden aus bestimmten, in der Wirklichkeit beobachtbaren Dingen oder Verhaltensweisen geschaffen. Sie bilden aber nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Man darf sie daher nicht mit der Wirklichkeit gleichsetzen. Wenn ich zum Beispiel in der Bildergalerie des letzten Kapitels geschrieben habe, dass die Deutschen ihre Autos lieben und damit gern auf der Autobahn fahren, so ist das gleichzeitig wahr und nicht wahr. Einerseits geht diese Behauptung von der beobachtbaren Tatsache aus, dass tatsächlich viele Deutsche ihre Autos sehr pflegen und schon über kleine Lackkratzer in große Aufregung geraten. Andererseits gibt es natürlich ebenfalls viele Deutsche, die kein Auto besitzen, keines wollen oder es gar nicht mögen, auf der Autobahn zu fahren.
Warum benutzt man dann solche Stereotype? Sie vereinfachen die komplexe Wirklichkeit und machen es uns leichter, uns in ihr zu orientieren. Sie helfen uns dabei, gewisse Dinge zu erklären (Beispiel: Warum gibt es in Deutschland so viele Autobahnen und keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung?). Wenn wir Stereotype aber mit der Wirklichkeit verwechseln und anfangen, sie auf alle Betroffenen (Deutsche oder Russen) zu übertragen, verstehen wir zum Schluss nicht mehr, sondern weniger voneinander.
[Ein Stereotyp] wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluss einer Fülle von [...] hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbilde. In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit [...] vorfindbar, es ist eine Utopie [...].
Utopie: eine künstliche Vorstellung von etwas, die es in der Realität nicht gibt
Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 19 (1), 1904, S. 65.
Das Problem an Stereotypen ist, dass die Realität und die Vorstellung in den seltensten Fällen miteinander übereinstimmen. Dabei müssen Stereotype aber nicht grundsätzlich falsch sein: Manchmal handelt es sich nur um Nuancen, die von den tatsächlichen Gegebenheiten abweichen. Diese sind jedoch ärgerlich für diejenigen, auf die ein Stereotyp projiziert wird.
Hinsichtlich der Stereotype, die westliche Menschen oft mit Russland verbinden, zeigt sich jedoch eine gewaltige Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Vorstellung.
Nuancen: Kleinigkeiten, Feinheiten
projizieren: eine bestimmte Sache oder Vorstellung auf jemanden oder etwas übertragen
Diskrepanz: Nichtübereinstimmung, Widersprüchlichkeit oder Missverhältnis zweier Sachen
Sabrina Kölbel, Digitale Lernwelten
Stereotype und Vorurteile haben offensichtlich sowohl positive als auch negative Seiten (vgl. Vertiefung 2.1).
- 1Bilde dir auf der Grundlage deiner Recherchen in Vertiefung 2.1 und der Darstellungen oberhalb in diesem Kapitel deine persönliche Meinung über Vorurteile und Stereotype.
- 2Stelle deine Meinung in einem kurzen Schülervortrag dar.
Gängige Stereotype über Russen
Stereotyp 1: Russen gelten als tiefsinnig und melancholisch
Das Land Russland ist weit und riesengroß. Die Winter dort sind lang, dunkel und kalt. Oft hört man Leute sagen, dass diese Umstände sich über Jahrhunderte auf die russische Seele niedergeschlagen und die Russen zu einem Volk von nachdenklichen und melancholischen Menschen gemacht haben. Russische Schriftsteller wie Dostojewski und Tolstoi haben unglaublich dicke Romane geschrieben, die sich seitenweise nur mit dem Innenleben ihrer Figuren oder ausufernden Landschaftsbetrachtungen befassen. Russische Komponisten haben große musikalische Werke geschaffen, die von einer besonderen Schwere und Traurigkeit geprägt sind.


Ein Gemälde des russischen Malers Ivan Kramskoi (1837-1888). Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski schrieb über dieses Bild: „Es zeigt einen Wald, und in diesem Wald, auf einem Pfad steht ein wanderndes Bäuerlein in abgerissenem Kaftan und Bastschuhen, mutterseelenallein, in völliger Einsamkeit, es steht da und scheint nachzudenken, aber es denkt gar nicht nach, sondern ist 'versunken'.“ Fjodor Dostojewski, Die Brüder Karamasow, Frankfurt a. M. 2008, S. 201.
Auch die Russen haben einen besonderen Bezug zum Wald, als Ort der Ruhe und des Nachdenkens. Dieses Gemälde 'Die Hütte im Wald' stammt von dem russischen Maler Ivan Shishkin (1837-1887).
Urheber: Ivan Kramskoi · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Kramskoi_Meditator_1876.jpg&oldid=618739512 · PD
Urheber: Iván Shishkin · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Сторожка_в_лесу.jpg&oldid=724173035 · PD
Stereotyp 2: Die Russen gelten als trinkfest
Ähnlich wie die Deutschen stehen die Russen in dem Ruf, gerne viel Alkohol zu trinken. Wenn man sagt, dass das Bier Teil der deutschen Kultur ist, so ist der Wodka (ein starker, aus Kartoffeln oder Getreide gebrannter Schnaps) Teil der russischen Kultur. Ob zum Essen, bei Geburtstagen, Begräbnissen, Vertragsabschlüssen oder Hochzeiten – Wodka ist immer dabei.
Den Russen wird nachgesagt, dass sie noch lange weitertrinken könnten, wenn der ausländische Gast schon längst unter dem Tisch liegt. Ewig vertragen die Russen den Wodka aber auch nicht: Die Lebenserwartung russischer Männer ist, vor allem wegen des hohen Alkoholkonsums, mehrere Jahre niedriger als die anderer Europäer.
„Piwo bes wodki – dengi na weter.“ (dt.: „Bier ohne Wodka ist Geld zum Fenster rausgeworfen“) oder „S utra wypil – wes den swoboden“ (dt.: „Morgens betrunken hast du den ganzen Tag frei“) sind nur zwei der vielen gebräuchlichen russischen Sprichwörter, die den Alkoholkonsum thematisieren. Selbst einer der russischen Fernsehklassiker zu Silvester, „Ironie des Schicksals“, kommt nicht ohne anfängliches Wodkagelage aus Wassergläsern aus, um dann eine rührende Liebesgeschichte zwischen Moskau und St. Petersburg zu entwickeln. Wodka ist in Russland nicht irgendein Getränk, das „Wässerchen“ ist Teil der russischen Kultur und des alltäglichen Lebens. Wodka hat aber auch einen großen Anteil daran, dass ein Viertel der russischen Männer das 55. Lebensjahr nicht erreichen und die Lebenserwartung bei etwa 65 Jahren liegt. Pro Jahr kommt es zu ca. 500.000 Todesfällen, die direkt oder indirekt auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen sind. Bemerkenswert sind dabei die ca. 80.000 Todesfälle aufgrund von Alkoholintoxikation. Aktuelle Statistiken und Untersuchungen zeigen in der Tat unzweifelhaft, dass der Alkoholkonsum und die alkoholkonsumbedingte Mortalität in der Russischen Föderation im internationalen Vergleich ein Problem darstellen. Der Anteil unregistriert produzierten Alkohols, vor allem illegal hergestellten „Selbstgebrannten“ (russ.: „Samogon“), wird auf ein Viertel des Gesamtkonsums geschätzt. Vor allem werden hierbei die Trinkgewohnheiten als besonders gefährlich eingestuft. Die Gesundheitspolitik der russischen Regierung versucht daher, dem Konsum registrierten und unregistrierten Alkohols drastische Maßnahmen entgegenzusetzen.
Philipp Walther, Analyse: „Antialkoholkonzept 2020“ Russlands Alkoholkonsum, Alkoholpolitik und Mortalität, Bundeszentrale für politische Bildung, 10.03.2016

Stereotyp 3: Die Russen sind besser im Erdulden als im Verändern
Ein weiteres Stereotyp über Russen lautet, dass sie sich als große Leidensgemeinschaft sehen und sich in dieser Position auch ein Stück weit gefallen. Die Russen erwarten von der Zukunft nichts Gutes und glauben nicht daran, dass es in ihrer Macht liegen könnte, an ihrem Leiden etwas zu ändern. Die Vergangenheit gibt dieser russischen Weltsicht in gewisser Weise recht. Die russische Geschichte ist reich an Härten und Gewalt, Entwicklungsschübe wurden oft mit großer Brutalität durchgesetzt und mit vielen Menschenleben erkauft.

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Auch die Einschätzung, am eigenen Leid eigentlich nichts ändern zu können, deckt sich mit dem Umstand, dass Russland die meiste Zeit autokratisch regiert wurde. Unter den unterschiedlichen Herrschaftsformen, vom Zarentum über die kommunistische Parteidiktatur bis Putins 'gelenkter Demokratie', war eigenes politisches Engagement meistens eher gefährlich als zielführend.

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Stereotyp 4: Die Russen tanzen gerne
Es gibt in Russland eine jahrhundertealte Volkstanz-Tradition. Gut, die gibt es andernorts auch. Aber das Besondere in Russland ist, dass diese Tradition das tägliche Leben bis heute prägt. In Russland wird viel getanzt, und zwar anders als zum Beispiel in Deutschland.
In Deutschland wird vor allem paarweise getanzt und häufig tanzen vor allem Frauen. In Russland tanzen häufig auch die Männer – allein und in der Gruppe, mit fester Choreografie oder wild und ungebremst auf Partys. Darüber hinaus verehren die Russen das Ballett. Im Bolschoi-Theater in Moskau tanzt das vielleicht bekannteste Ballettensemble der Welt.

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Bekanntlich tanzen Russen und Polen gern, schön und mit einem bieg- und regsamen Ausdruck, der eine weit edlere Lebhaftigkeit sehen läßt, als man im gemeinen Leben an ihnen wahrnimmt. Die Russischen Lieder und Tänze welche ich gehört habe, waren ohne Ausnahme in Molltönen, dabey sehr lebhaft und bestanden aus vielen geschwinden Noten und kurzen Metren. Wären diese Tänze aus Durtönen gewesen, so würden sie mir ausgelassen lustig und wild vorgekommen seyn; durch die Molltonart aber werden sie ernst, mild, ja sehnsüchtig indem sie nach Heiterkeit zu streben scheinen die eine feuchte, kalte Luft und der Genuß scharfer Nahrungsmittel verhindern.
Molltönen: dunkle, düstere Töne
dabey: dabei
Durtönen: helle, klare Töne
seyn: sein
Friedrich Wilhelm Riemer (Hg.), Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, Berlin 1833, S. 307 f.
Ein weiteres Freizeitvergnügen, für das die Russen berühmt sind, ist, bei jedem Wetter in zugefrorenen Gewässern zu baden. Für den Rest der Welt scheint das Baden eine Möglichkeit zu sein, sich bei heißem Wetter zu erfrischen. Beim russischen Baden hat man den Eindruck, dass es richtig kalt sein muss, damit die Badewilligen ins Wasser springen.
Zum Baden in Eiswasser gehört dann aber natürlich auch das Saunieren in einer 'Banja'. Solche russischen Saunen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie besonders heiß gemacht werden. Russen scheinen also beim Baden und beim Saunieren Extreme zu mögen.
Saunieren und Baden


Hier siehst du eine russische 'Banja' von innen.
Russische Jungen beim Eisbaden im Fluss Don.
Urheber: Smarticvs · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Typical_Russian_Banya.jpg&oldid=490588493 · PD
Urheber: Sergey Venyavsky · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:RIAN_archive_368901_Bathing_on_Epiphany_Day.jpg&oldid=838987940 · CC BY-SA 3.0
Bearbeitet in Gruppenarbeit die Stereotype im obigen Abschnitt.
- 1Jedes Gruppenmitglied wählt eines der Stereotype.
- 2Arbeitet die Kennzeichen des jeweiligen Stereotyps heraus.
- 3Stellt den anderen Mitgliedern der Gruppe eure Arbeitsergebnisse vor.
- 4Prüft kritisch die Widersprüche zwischen einzelnen Stereotypen.
- 5Leitet die Erkenntnis ab, die sich aus diesen Widersprüchen in Bezug auf die Aussagekraft von Stereotypen gewinnen lässt.
- 6Erarbeitet in der Gruppe eine Übersicht zum Thema Stereotypen in Form einer Schaugrafik.
Wie ähnlich sind wir uns?
In den oben aufgeführten Stereotypen über die Russen fallen mir mehrere Dinge auf, die man auch den Deutschen nachsagt. Der Hang zur Nachdenklichkeit, der enge Bezug zum Wald, die Sehnsucht nach Gemeinschaft und ein spezielles Verhältnis zum Alkohol. In beiden Kulturen scheint es eine Neigung zu Extremen zu geben. Da scheint es doch zum Beispiel einen Widerspruch zwischen dem angeblichen In-sich-gekehrt-Sein und dem Hang zum exzessiven Feiern unter Alkoholeinfluss zu geben.
Fertige anhand der Kapitel Vertiefung 2.1 und Vertiefung 2.2 eine Mindmap zum Thema 'Stereotype: Russen und Deutsche' an (du kannst dafür z. B. diese App benutzen). Berücksichtige dabei folgende Aspekte:
- Gängige russische / deutsche Stereotype
- Vor- und Nachteile von Stereotypen
- Gegenseitige Sichtweisen





