8.3 Deutschland: Wir müssen reden!
Zeiten ändern sich. Auch Menschen. Die Vergangenheit kommt nicht zurück. Und manche Konflikte, die lange verschüttet waren, kommen nach einiger Zeit wieder an die Oberfläche. Sie machen darauf aufmerksam, dass eben nicht alles deshalb gut ist, weil es für viele Menschen über längere Zeit so schien. So ist es auch in Deutschland. Viele westdeutsche Menschen spüren: Das deutsche 'Geschäftsmodell' der Nachkriegszeit ist an seinem Ende angekommen. Viele Menschen in Ostdeutschland machen lauter auf ihre oftmals strukturelle Benachteiligung aufmerksam. Russlanddeutsche wollen endlich auch mehr mitreden. Und das bedeutet: Alle sollten miteinander reden – über die Vergangenheit und über die Zukunft. Was war richtig? Was war falsch? Was muss anders werden?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 10, Wahlbereich 3
Alltagserfahrungen und Mentalitäten zur Zeit der Friedlichen Revolution und im geeinten Deutschland
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Rückwanderung, deutsche Vereinigung und die Folgen: 8.1, 8.2, Video-Interviews: 8.5)
In diesem Kapitel wird aufgezeigt, dass West-, Ost- und Russlanddeutsche endlich auf Augenhöhe in einen ehrlichen Dialog über Vergangenheit und Zukunft treten sollten.
Übersicht Kapitelinhalte
Unterschiedliche Positionen und ihre Hintergründe
Drei Erfahrungswelten, eine Gesellschaft: Die inneren Spannungen in Deutschland lassen sich nicht auf ein einfaches Opfer-Täter-Schema reduzieren:
- Die Westdeutschen haben nach 1945 eine stabile Demokratie und eine erfolgreiche Wirtschaft aufgebaut.
- Ostdeutsche haben eine friedliche Revolution zustande gebracht.
- Russlanddeutsche haben ihre Identität über Generationen unter extremen Bedingungen bewahrt.
Jede dieser Erfahrungen enthält Wissen, das die Gesellschaft braucht. Das Problem ist, dass dieses Wissen bisher kaum in einen gemeinsamen Dialog geflossen ist. 35 Jahre nach der Einheit wäre es dafür an der Zeit.
Eine Tendenz westlicher Gesellschaften ist die zunehmende Bildung von Gruppen, die sich über selbst zugeschriebene oder als unveränderbar empfundene Eigenschaften definieren: über Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, biographische Erfahrungen. Solche Selbstbeschreibungen können reale Probleme sichtbar und auf Benachteiligungen aufmerksam machen.
Problematisch werden sie, wenn aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe ein Anspruch auf Sonderrechte abgeleitet wird. Das Muster dieses Anspruchs lautet etwa so: „Weil ich schwarz bin“ oder „weil ich Ossi bin“, steht mir etwas zu, das anderen nicht zusteht.
Diese Ansprüche geraten oft in Konflikt mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller Menschen. Wer Sonderrechte für eine Gruppe einfordert, formuliert keine Gleichberechtigung mehr, sondern eine Sonderbehandlung und damit im Grunde eine neue Ungleichheit. Die Folge ist eine Zersplitterung der Gesellschaft: Sonderrechte statt Gemeinschaft. Damit verbunden ist oft auch eine Überbewertung der eigenen Gruppe im Vergleich zu anderen.
Die Alternative liegt darin, sich auf Grundsätze zu verständigen, von denen alle Menschen etwas haben:
- gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit,
- gleicher Zugang zu Bildung,
- gleiche Chancen unabhängig von Herkunft.
Eine Gesellschaft, die zusammenhalten will, muss klären, welche Grundrechte sie für alle sichern will und was sie als ihre Stärken erkennen und entwickeln will. Sie muss nach Verständigung statt Abgrenzung suchen.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass ihre Bürger über ihr Leben, über Ziele und Werte nachdenken. Dazu gehört auch, eingeübte Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen. Solche Selbstverständlichkeiten bestehen häufig in Zusammenhängen, die als richtig angesehen und (nur scheinbar) unveränderbar sind. Oft wird das Beharren auf solchen Zusammenhängen mit Sätzen wie diesen begründet: „Das haben wir schon immer so gemacht. Warum sollten wir es ändern?“ Das nennt man auch Konditionierung.
Demokratie ist zum Beispiel kein Anhängsel der Wirtschaft, sondern ein eigenständiges Grundprinzip: das Prinzip eines gleichberechtigten Miteinanders, unabhängig von Wirtschaftsleistung oder Herkunft. Wer demokratisch denkt, kann nicht zugleich davon ausgehen, dass jemand mehr zählt, weil er mehr besitzt oder weniger, weil er aus einer 'richtigen' oder 'falschen' Gegend kommt.
Die Aufgabe in einer Gesellschaft besteht darin, solche eingespielten Zusammenhänge aufzubrechen: Demokratie und Wirtschaft, Demokratie und Herkunft. Wer das tut, gewinnt einen freieren Blick für die eigentliche Frage einer Gesellschaft: Diese lautet nämlich nicht: „Was bringt es mir ein?“, sondern: „Wie wollen wir miteinander leben?“
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Was bedeutet das?
Versäulung meint, dass eine Gesellschaft in geschlossene Gruppen zerfällt, die jeweils ihr eigenes Leben führen. Sie leben in unterschiedlichen Stadtvierteln, organisieren ihr Leben anders und haben stark unterschiedliche soziale Kontakte. Die Menschen begegnen einander im Alltag kaum noch und sie empfinden sich nicht als Teil einer gemeinsamen Gesellschaft.
Woher kommt der Begriff?
Aus den Niederlanden (Versäulung = ndl. „verzuiling“). Dort war die Gesellschaft zwischen etwa 1880 und 1960 in vier „Säulen“ geteilt: Katholiken, Protestanten, Sozialisten, Liberale. Ein katholisches Kind ging auf eine katholische Schule, las eine katholische Zeitung, spielte im katholischen Sportverein usw. Mit Menschen anderer Prägung hatte man fast keinen Kontakt.
Wie entsteht das?
Schleichend. Eine Gruppe gründet eigene Einrichtungen, andere tun es nach, man gewöhnt sich an die Trennung. Heute verstärken soziale Medien diesen Effekt: Algorithmen zeigen einem vor allem Meinungen, die man ohnehin teilt.
Warum ist das ein Problem?
Aus drei Gründen ist das ein Problem:
1. Wer einander nicht kennt, baut Vorurteile auf.
2. Demokratie braucht Kompromisse zwischen den Gruppen einer Gesellschaft. Ohne Kontakte zwischen den „Säulen“ wird es schwierig, gemeinsame Positionen zu finden.
3. In Krisen fehlt das Gefühl, im selben Boot zu sitzen.
Eine Frage zum Nachdenken:
Mit wie vielen Menschen habt ihr zuletzt über Politik gesprochen, die anders gedacht haben als ihr?
Wenn die Antwort „keine“ lautet, lebt ihr vielleicht schon in eurer eigenen „Säule“.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH

© Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
Wo siehst du dich eigentlich in den Debatten? Noch unsicher? Dann nutze die 'Selbstüberprüfungsmaschine':
Deine Tendenz
Deutsch nach Herkunft? Oder ist es eine Entscheidung, deutsch zu sein?
Wurzeldeutsche-anim-vertont-test-7.mp4
© Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
- 1Sieh dir die Animation „Bevölkerungsgruppen in Deutschland“ an.
- 2Fasse die Kernaussagen der Animation schriftlich zusammen.
Ein ehrlicher öffentlicher Austausch über die Herausforderungen der Gegenwart ist wichtig: Wie macht man das?
Bevor man für eine Gesellschaft handelt, muss man miteinander sprechen. Immer wieder hat es in Gesellschaften Situationen der Ratlosigkeit und der Neuorientierung gegeben. Am Ende der DDR gab es zum Beispiel „Runde Tische“, an denen Bürger, neu gegründete Vereine und Parteien sowie Vertreter der alten Regierung Möglichkeiten für Veränderungen suchten, um gewaltsame Auseinandersetzungen zu verhindern. Heute gibt es Bürgerräte, die ebenfalls wichtige Themen diskutieren.
Gesellschaftliche Gesprächsformen in Umbruchsituationen
Politische formate: Runde Tische in der DDR
Der Zentrale Runde Tisch in der DDR tagte von Dezember 1989 bis März 1990. Er setzte sich zusammen aus Teilnehmern der SED und anderer von ihr kontrollierter Parteien in der DDR sowie Vertretern der neuen Oppositionsgruppen und -parteien. Alle konnten gleichberechtigt sprechen. Der Runde Tisch diskutierte konkrete Veränderungen und hatte dabei erstaunliche Erfolge. Er
- bereitete die ersten freien Wahlen in der DDR vor,
- arbeitete an der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und
- war ab Anfang 1990 sogar an der Regierung der DDR beteiligt.
Quellentipp:
Was der Zentrale Runde Tisch der DDR diskutierte und entschied, kann man hier nachlesen.
https://www.youtube.com/watch?v=ERoeEsbeATc
Radio-„Kalenderblatt“ des Deutschlandfunks über den Runden Tisch in der DDR (2024)

Urheber: Guinnog · https://en.wikipedia.org/wiki/Truth_and_Reconciliation_Commission_(South_Africa)#/media/File:Durban_Sign_1989_(3x4_cropped).jpg · CC BY-SA 3.0
Mit dem Ende der Politik der Rassentrennung in Südafrika entstanden die „Wahrheits- und Versöhnungskommissionen“. Sie begannen im Jahr 1996 zu tagen. Den Vorsitz hatte der jahrzehntelange Kämpfer gegen den Rassismus und Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu. Das Ziel war, die Verantwortlichen für die rassistischen Verbrechen und deren Opfer in einen Austausch zu bringen. Alle Bevölkerungsgruppen wurden einbezogen. Die Kommission gilt als weltweit anerkanntes Beispiel für eine gelungene Aufarbeitung der Geschehnisse in Diktaturen oder Staaten, in denen Verbrechen geschehen sind. Täter konnten Straffreiheit erhalten, wenn sie Auskunft gaben. Die Kommission hatte drei Arbeitsschwerpunkte:
- Aufklärung der Verbrechen während der Rassentrennung (Apartheid)
- Entschädigung der Opfer
- Gewährung von Amnestie
Erstmals konnten Verbrechen (Folter, Mord, Terror) durch die Kommission aufgeklärt werden. Täter und deren Hintermänner wurden öffentlich bekannt.

Urheber: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres Österreich · https://de.wikipedia.org/wiki/Quartet_du_dialogue_national#/media/Datei:Tunisian_National_Dialogue_Quartet_Visit_to_Vienna_March_2016_(24747151924).jpg · CC BY 2.0
In Tunesien fand 2013/2014 ein „nationaler Dialog“ statt. Nach dem Aufstand der Bevölkerung gegen die Regierung im sogenannten Arabischen Frühling kam es zu Gewalt, z. B. gegen Oppositionspolitiker. Die politische Krise verschärfte sich. Mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen, u. a. Gewerkschaften, der Arbeitgeberverband, die Menschenrechtsliga und die Rechtsanwälte organisierten in dieser Lage einen nationalen Dialog.
Das führte dazu, dass die Verfassungskrise gelöst werden konnte. Die Initiatoren dieses Austauschs erhielten für ihre Leistung im Jahr 2015 den Friedensnobelpreis.

Urheber: Harold Strong · https://en.wikipedia.org/wiki/Citizens'_Assembly_(Ireland)#/media/File:Grand_Hotel_Malahide_-_geograph.org.uk_-_524134.jpg · CC BY-SA 2.0
Die irischen Bürgerversammlungen („Citizens' Assembly“) der Jahre 2016 und 2018 lösten die politischen Blockaden zu einigen wichtigen Themen in Irland auf. Diese waren entstanden, weil stets die gleichen, mächtigen und gut vernetzten gesellschaftlichen Akteure und Institutionen den Willen des Volkes nur unzureichend in ihre Entscheidungen einbezogen. Zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger trafen sich mit Expertinnen und Experten für bestimmte Themen und erarbeiteten dann politische Empfehlungen.
Das Ergebnis waren grundlegende Verfassungsänderungen z. B. zum Abtreibungsrecht.
Die Verhandlungen zum sogenannten Karfreitagsabkommen von 1998 („Good Friday Agreement“), das die bürgerkriegsähnliche Gewalt in Nordirland beendete, wurden ähnlich organisiert: Die Konfliktparteien, auch Vertreter gewalttätiger Gruppen, wurden an den Tisch geholt. Vorher hatte es jahrelange nichtöffentliche Vorgespräche gegeben, denn es war heikel, auch Gewalttäter oder deren Vertreter, die der anderen Seite als Terroristen galten, einzubeziehen.
Das Ergebnis war das Ende des Konflikts.
In Deutschland gab es viele Bürgerräte. Auch auf Bundesebene. Der Bundestag setzte 2023 erstmals einen Bürgerrat ein, der sich mit dem Thema „Gesunde Ernährung“ beschäftigte. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden zufällig aus allen Einwohnerinnen und Einwohnern Deutschlands ausgelost. Das Mindestalter für die Teilnahme liegt bei 16 Jahren. Ziel des Bürgerrats ist es, Menschen mit unterschiedlichen Lebensläufen, Erfahrungen und Sichtweisen eine Möglichkeit zu geben, sich in wichtige Zukunftsfragen einzubringen. Ziel ist, dass der Bürgerrat ein Bürgergutachten mit konkreten Handlungsempfehlungen erarbeitet. Diese werden dann im Parlament beraten. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages entscheiden über die Umsetzung.
Im ganzen Land gibt es viele weitere Bürgerräte. Im Jahr 2025 wurden 58 Bürgerräte neu begonnen oder beendet. 32 weitere Räte waren in Vorbereitung. Räte gibt es zu vielen Themen:
- Ernährung
- soziale Sicherung
- Bewahrung der offenen Gesellschaft
Informationen über Bürgerräte gibt es zum Beispiel hier.



Abstimmung im Bürgerrat Demokratie (2019)
Kunstaktion „Democracy for Future“ im Jahr 2019 vor dem Reichstag in Berlin
Logo des Bürgerrats Demokratie
Urheber: Bürgerrat Demokratie · https://de.wikipedia.org/wiki/Bürgerrat_Demokratie#/media/Datei:Buergerrat_Demokratie_Abstimmung.jpg · PD
Urheber: Bürgerrat Demokratie · https://de.wikipedia.org/wiki/Bürgerrat_Demokratie#/media/Datei:Democracy_for_Future.jpg · PD
Urheber: Bürgerrat Demokratie · https://de.wikipedia.org/wiki/Bürgerrat_Demokratie#/media/Datei:Logo_Buergerrat_Demokratie.jpg · PD

Urheber: Adrian Grycuk · https://de.wikipedia.org/wiki/Runder_Tisch_(Polen)#/media/Datei:Okrągły_Stół_Pałac_Prezydencki_w_Warszawie_2019.jpg · CC BY-SA 3.0
Politische Transformationsformate: Runder Tisch in Polen
In Polen gab es auch einen Runden Tisch. Dieser tagte bereits seit dem Frühjahr 1989. U. a. trafen sich da Vertreter der neuen Gewerkschaft Solidarność, der kommunistischen Regierung und Partei (PVAP), der katholischen Kirche usw. Der Runde Tisch hatte drei Arbeitsgruppen:
- politische Reformen
- Wirtschafts- und Sozialpolitik
- Pluralismus bei Parteien, Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Institutionen
Vereinbart wurden:
- Durchführung freier Wahlen zu einer neu geschaffenen zweiten Parlamentskammer (Senat)
- Aufteilung der Sitze im Sejm im Verhältnis 65 : 35 Prozent
- Freie Betätigung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność
- Einführung eines halb-präsidentiellen Regierungssystems
- Zugang der Opposition zu den Medien des Landes
Der Runde Tisch der DDR wurde mit Zustimmung aller politischen Kräfte in der DDR eingerichtet. Die Machthaber der SED und der Blockparteien schickten ebenso Vertreter wie die neuen Oppositionsbewegungen. Erstmals hatten die SED und die von ihr abhängigen Parteien und Gruppierungen damit in einem politischen Gremium keine vorab schon feststehende Mehrheit mehr wie zum Beispiel in der sog. Volkskammer, dem Parlament der DDR. Der Runde Tisch war Ausdruck des Machtvakuums, das sich spätestens seit der Massenflucht aus der DDR im Sommer 1989 gebildet hatte. Die Probleme der DDR in nahezu allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft verschärften sich. Lösungen konnte die SED kaum noch anbieten. Neue Ideen hatte das versteinerte politische System auch nicht: immer die gleichen Abläufe, immer die gleichen Phrasen. Die Veränderungen der Welt nahmen die etablierten Politiker der DDR kaum noch wahr oder waren unfähig, darauf zu reagieren.
Die Opposition erkämpfte den Runden Tisch, und dort diskutierte man nicht nur über die Aufarbeitung des Unrechts in der DDR (willkürliche Verhaftungen, Bespitzelungen usw.), sondern auch über die Zukunft. Und obwohl die SED ihren Machtverlust zumindest aufhalten wollte, war der Runde Tisch erfolgreich. Alle Teilnehmer zeigten sich immer wieder erstaunlich konstruktiv und kompromissbereit. Er erarbeitete sogar eine neue Verfassung für die DDR.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Wie kann es in Deutschland weitergehen?
„Die deutsche Zeitgeschichte [...] hat sich dieser kritischen Reflexion ihrer ordnungsstiftenden Leitkonzepte und der Standortgebundenheit ihrer Narrative eher zögerlich gestellt, wie auch der gerade erschienene Band Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik konstatiert. 'Konvergenz- und Ankunftserzählungen', etwa der Deutschen im Westen, seien 'eindeutig passé', schreiben die Herausgeberinnen Claudia Gatzka und Sonja Levsen in ihrer Einleitung. Zu erklären sei nicht, ob eine Entwicklung als Erfolg oder Fortschritt zu bewerten ist, sondern wie und warum sie stattgefunden hat, wie fragil sie oft war und wie ambivalent sie aus unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen wurde. Orientierung entsteht damit weniger aus der Versicherung vermeintlicher Einheitlichkeit und Stabilität, sondern aus der Einsicht, dass nicht nur die Zukunft offen ist, sondern bereits die Gegenwart [...]. Die Frage wäre dann nicht, warum die Gesellschaft ihren Zusammenhalt verliert, sondern was den Wandel der geltenden Ordnungen so lange blockiert hat, dass sich immer weniger Menschen darin aufgehoben fühlen. Die liberale repräsentative Demokratie zu jenen Ordnungskonzepten zu zählen, deren Zeitgemäßheit kritisch überprüft werden sollte, ist selbstverständlich nicht als Demokratieskepsis gemeint. [...] Verstellt ist der Blick für den Wandel des Politischen im Verhältnis zur institutionellen Politik selbst – ein Wandel, der tiefer liegen mag, als eine spezifische politische Organisationsform, weil er die gemeinsame Gestaltung von Welt meint und damit eine Suchbewegung, die nach besseren Organisationsformen Ausschau hält.“
vereinfachte und gekürzte Version des Textes:
Die deutsche Zeitgeschichte hat lange eine Erfolgsgeschichte erzählt: Wir sind in der heutigen, westlich geprägten Demokratie gut angekommen. Solche 'Ankunftserzählungen' funktionieren aber nicht mehr.
Statt zu fragen: War das ein Erfolg?, müssen wir fragen: Wie ist es eigentlich gelaufen? Wie wackelig war es? Und wie unterschiedlich haben es die Menschen erlebt – im Westen, im Osten, als Spätaussiedler?
Orientierung bekommen wir also nicht durch das Versprechen, alles sei einheitlich und stabil. Auch unsere Gegenwart ist offen und veränderbar.
Die richtige Frage lautet darum nicht: Warum verliert die Gesellschaft ihren Zusammenhalt?, sondern umgekehrt: Warum hat sich so lange so wenig verändert, dass sich heute immer weniger Menschen darin wohlfühlen?
Das betrifft auch unsere Demokratie mit Wahlen, Parlamenten und Parteien. Zu fragen, ob diese Form noch zeitgemäß ist, bedeutet nicht, gegen Demokratie zu sein. Es heißt nur: Politik ist mehr als Institutionen. Sie ist die gemeinsame Gestaltung der Welt. Und die sucht heute neue Formen.
Hinweis:
Die Vereinfachung und Kürzung des Textes wurde mithilfe von KI vorgenommen.
Lukas Held, Historische Orientierung in Zeiten der Unordnung. Überlegungen zu einem neuen Meta-Narrativ der Zeitgeschichte, in: Merkur, 80/5 (2026), S. 5-21, hier S. 19f.

© Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
In einer Demokratie darf und sollte alles gesagt werden, was nicht gegen Gesetze verstößt. Das kann man mit dieser Aufgabe erkennen:
Wählt eine der unten aufgeführten Aussagen und diskutiert sie in der Gruppe von verschiedene Standpunkten aus.
- Erkundet, was sie ausdrücken wollen.
- Leitet aus den Aussagen eine positive Anregung für die Gesellschaft ab.











© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
© Florence Hölig, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
Ihr könnt eure Diskussion auch in einem gemeinsamen Dokument festhalten und live gemeinsam daran arbeiten. Hier geht's zum kollaborativen Schreibdokument.
Hier findet ihr die Online-Tools, mit denen ihr euer Medium gestalten könnt:







Fake Social-Media-Posts
Blogpost
Online-Voice-Recorder
Netflix-Vorlage
Lizenzfreies Foto- und Grafik-Material für eure Produktionen
Digitales Greenscreenstudio für Nachrichten oder Studiosituationen mit einsetzbarem Hintergrund
Und eine Sammlung verschiedener praktischer Tools
- Fake Social-Media-Posts mit https://zeoob.com/generate-instagram-post/
- Blogpost mit https://quicknote.io
- Online-Voice-Recorder: https://vocaroo.com/
- Netflix-Vorlage: https://edtechpicks.org/2019/11/netflix-template/
- Hier findet ihr lizenzfreies Foto- und Grafik-Material für eure Produktionen (englische Suchbegriffe erzielen manchmal mehr Treffer!): Fotos: https://pixabay.com oder Cliparts: https://openclipart.org
- Digitales Greenscreenstudio für Nachrichten oder Studiosituationen mit einsetzbarem Hintergrund: https://kreidezeit.kiwi/greenscreen-webapp-kreative-medienarbeit-direkt-im-browser/
- Hier gibt's auch noch 'ne Menge Tools, die frei zur Verfügung stehen: https://kits.blog/kitstools-einfach-kostenfrei-sicher/
Vertiefung: „Neue Wege gehen“

© Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
Animierte-Besucher-neue-Ausstellung.mp4
© Florian Sochatzy, Digitale Lernwelten GmbH, mit KI erstellt · Entwurf des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte · Alle Rechte vorbehalten
Im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold stellt man sich schon lange die Frage, wie aus der Erinnerungskultur der Spätaussiedler ein Nutzen für kommende Generationen gezogen werden kann. Jede individuelle, mitunter auch traumatische Erfahrung kann zu einem Fingerzeig für die Zukunft werden. So entstand die Idee eines neuen „Wir-Raumes“ in der bestehenden Ausstellung. Weg von einem „Wir und Ihr“ – hin zu einem „Wir“ – bezogen auf alle Menschen. Mit einem klaren und offenen Blick auf die Gemeinsamkeiten, fokussiert auf einigende Elemente.
Das Ziel: Altes Gegeneinander überwinden und so Brücken bauen.
In dem neuen Raum sollen u. a. Möglichkeiten zum Teilen eigener Erfahrungen, Anregungen zur eigenen Reflexion und kleine Aufgaben zum Selbsttätigwerden angeboten werden. Besonders die Idee, „etwas von sich selbst mitzubringen und dazulassen“, lädt zu Eigeninitiative ein. Auch Seminare in Kleingruppen sind angedacht. Los gehen soll es im Oktober 2026.
Die Zielgruppe: Alle und jeder. Unabhängig von Herkunft, Vergangenheit oder staatlicher Zugehörigkeit.
Für alle. Für uns. Für eine gemeinsame Zukunft in einer offenen Gesellschaft.






Neue Wege gehen: Die kapitalismuskritische Bewegung „Blockupy“ organisierte Demonstrationen gegen die Folgen eines zügellosen Kapitalismus. Hier im Jahr 2015 in Frankfurt.
Neue Wege gehen: Nicht in festen Hierarchien arbeiten; keinen Chef haben, der immer alles besser weiß – die digitale Arbeitswelt ist vielfältig: ob in Co-Working- oder Hacker-Spaces, als Spiele-Entwickler oder Cloud-Architekt. Heute arbeiten etwa 1,4 Mio. Menschen in Deutschland in der IT-Branche. Deren Berufe gab es vor 30 Jahren zum großen Teil noch gar nicht. 1990 waren es übrigens erst 350.000 Menschen. Viele Produkte, Geschäftsfelder und Arbeitsweisen haben sich die Programmierer, Gamer und Webseitenentwickler übrigens selbst ausgedacht und damit die gesamte Wirtschaft verändert – ein großartiger Erfolg der menschlichen Fantasie.
Neue Wege gehen: Proteste von Gastwirten in Detmold gegen die Corona-Politik der Bundesregierung: Ein Protest ohne Menschen, aber mit den leeren Stühlen aus Kneipen und Gasthäusern.
Neue Wege gehen: Einkommen ohne Arbeit für alle – um endlich die Möglichkeit zu haben, sich seine Arbeit gut gestalten zu können. An demokratischen Abstimmungen online teilnehmen – jederzeit und zu allen Themen?
Neue Wege gehen: Die schwarze Frau Rosa Parks weigerte sich 1955 in Montgomery im US-Bundesstaat Alabama, für einen weißen Fahrgast im Bus aufzustehen, und wurde daraufhin verhaftet. Zu dieser Zeit galten Gesetze, die schwarze Menschen benachteiligten. Ihr Protest löste weitere Proteste aus und war der Beginn der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die schließlich zur Aufhebung der Rassentrennung führte.
Neue Wege gehen: Der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt und der sowjetische Staatschef Leonid Iljitsch Breschnew verhandelten 1973. Sie waren unerbittliche Feinde im „Kalten Krieg“ und trotzdem verhandelte Brandt über Frieden und Abrüstung. Für manche Zeitgenossen in der Bundesrepublik war das ungeheuerlich, ein schwerer Fehler und fast so etwas wie ein Verrat am Westen.
Urheber: Montecruz Foto · https://de.wikipedia.org/wiki/Blockupy#/media/Datei:Blockupy_2015_4.jpg · CC BY-SA 2.0
Urheber: Thorsten Krienke · https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_in_Deutschland_während_der_COVID-19-Pandemie#/media/Datei:Corona-Krise_2020_in_Detmold_P1300262_Leere_Stühle_(49813384743).jpg · CC BY-SA 2.0
Urheber: Piratenpartei Deutschland Wilfredor · https://de.wikipedia.org/wiki/Piratenpartei_Deutschland#/media/Datei:BGE-Recht_auf_freie_Entfaltung_(Plakat).png · CC BY-SA 3.0
Urheber: Barbara Klemm · https://www.kunstmuseum-bonn.de/de/sammlung/sammlung-online/kunstwerke/leonid-breschnew-willy-brandt-walter-scheel-bonn-1973/ · CC 4.0
Was tun, wenn sich alles ändert? Chancen nutzen! Neue Ideen entwickeln! Mit Freude gestalten!

Ein Kommentar von Marcus Ventzke
Wer bist du? Die in Dresden lebende Russlanddeutsche Eleonora Hummel (*1970) antwortet.

https://www.youtube.com/watch?v=9N-T_1wAtOo&start=1588&end=1608
- 1Setze dich mit der Anregung zur Gestaltung eines „Wir-Archivs“ auseinander.
- 2Entwickle weitere Ideen für einen Erfahrungsraum, in dem eigene Erfahrungen geteilt werden können.

