3.1 Zwischen den Fronten: Russlanddeutsche im Ersten Weltkrieg
Der Krieg beginnt. Russische Truppen mit Russlanddeutschen marschieren im August 1914 gen Westen.
Stell dir vor, die Türkei würde Deutschland den Krieg erklären. In Deutschland leben 2026 ca. 3 Millionen Menschen, deren Vorfahren aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind. Diesen Menschen wird schon jetzt häufig die schwer zu beantwortende Frage gestellt, ob sie sich eigentlich eher als Deutsche oder Türken ansehen. Im Kriegsfall würde diese Frage aber plötzlich viel wichtiger: „Bist du jetzt Türke/Türkin und gehörst damit zum Feind oder bist du Deutsche/Deutscher und kämpfst mit uns zusammen gegen den türkischen Feind?“ Man kann sich leicht vorstellen, wie schwierig diese Lage für Menschen mit vielfältiger nationaler Identität ist.
Die Russlanddeutschen kamen 1914 in genau diese Lage: Das Deutsche Reich – ihre 'alte Heimat' – erklärte dem Russischen Reich – ihrer aktuellen Heimat – den Krieg. Was taten sie, für wen entschieden sie sich? Wie änderte sich dadurch ihre Identität als Russlanddeutsche? Und wie veränderte sich ihr Verhältnis zu ihren russischen Nachbarn?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Sek. I: Inhaltsfeld 6
Imperialismus und Erster Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
übersteigerter und zunehmend aggressiver werdender Nationalismus: 2.4, 3.1) - Sek. I: Inhaltsfeld 8
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Gewalt: 3.5) - Entwurf Sek. II GK: Inhaltsfeld 3
Dimensionen der Moderne
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
politische Systeme: 2.4, Erster Weltkrieg: 3.1) - Entwurf Sek. II, Einführungsphase: Inhaltsfeld 2
China und Russland (Sowjetunion) im 20. Jahrhundert
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Kommunismus in Russland/Sowjetunion, Stalin: 3.1, 3.3, 3.4) - Entwurf Sek. II GK: Inhaltsfeld 4
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Zwischen den Diktaturen, Deportation 1941: 3.4, 3.5) - Entwurf Sek II LK: Inhaltsfeld 4
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Repressionen, Zwangsarbeit in der UdSSR: 3.5) - Sek II GK: Inhaltsfeld 4
Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Erster Weltkrieg: 3.1) - Sek II GK/LK: Inhaltsfeld 5
Die Zeit des Nationalsozialismus – Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Ideologie, Diktatur, Vernichtungskrieg, Völkermord mit Blick auf die UdSSR: 3.2, 3.4, 3.5)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 8, Lernbereich 4
Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Deutsche sollen Russen werden: 2.4) - Klasse 8, Lernbereich 4
Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Russlanddeutsche im Ersten Weltkrieg: 3.1) - Klasse 12 LK, Wahlbereich 1
Völkerrecht und Kriegsführung
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Terror und Deportation: 3.5)
Dieses Kapitel beschreibt die schwierige Situation, in die die Russlanddeutschen durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gerieten und ihre Versuche, mit dieser umzugehen.
Übersicht Kapitelinhalte
Der Krieg bricht aus! Sag mir, wo du stehst!

Video: Wie kam es eigentlich zum Krieg zwischen Deutschland und Russland?
https://www.youtube.com/watch?v=cbtPA0M_Ack&list=PLMv7JiBxZVkeSAz-3tBIcSI-m7UUI6Sf_&index=6

Urheber: anonym · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:26_Sammlung_Eybl_Russland._Anonym._Наука_Немцу_(Dem_Deutschen_eine_Lehre)._Ohne_Jahr_(wahrscheinlich_1914)._61_x_41_cm._(Slg.Nr._41a).jpg&oldid=972073102 · PD
Die Wolgadeutschen bereiteten gerade die Feierlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum der ersten deutschen Siedlung in Russland vor, als das Deutsche Kaiserreich Russland im Jahr 1914 den Krieg erklärte. Der Erste Weltkrieg begann.
'Verdammt!', muss sich der eine oder andere gedacht haben. Nicht wegen der geplatzten Feierlichkeiten, sondern weil die Russlanddeutschen damit zwischen die Kriegsfronten gerieten. Auch in Russland gab es eine öffentliche Kriegsbegeisterung. Die Folge waren zahlreiche antideutsche Aktionen. Und viele Russen stellten sich die Frage, auf welche Seite sich die deutschen Mitbürger wohl stellen würden.
Sie hielten Russland und dem Zaren die Treue. Ihre starke Verbindung zur deutschen Tradition hinderte die Russlanddeutschen nicht daran, mit ihren russischen Nachbarn in den Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn zu ziehen.
An vielen Orten gab es patriotische Bekundungen der Russlanddeutschen für Russland. Und danach zogen etwa 300.000 Deutsche als Soldaten der Zarenarmee an die Frontlinie, um gegen die Truppen der Mittelmächte zu kämpfen. Die Ernüchterung folgte schnell, denn die russischen Truppen gerieten an der Westfront sehr schnell in eine gefährliche militärische Lage.

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Es wird vielleicht mancher dabei sagen: „Sie wurden dazu gezwungen und eilten nicht freiwillig zur Erfüllung ihrer patriotischen Pflichten.“ - Ja, natürlich wurden sie dazu „gezwungen“, ganz ebenso wie die echten Russen, die damals mobilisiert wurden. […] Alle Nationalitäten des Reiches gingen damals nur gezwungen in diesen Krieg. Aber die deutschen Kolonisten gingen ins Heer, nicht nur weil sie mussten, sondern weil sie es für ihre höchste Pflicht hielten, ihrem Staate, ihrem Vaterlande in der Stunde der Gefahr hilfreich beizustehen und selbst ihr Leben für das Wohl und Bestehen des Vaterlandes zum Opfer zu bringen.
Hinweis: Wenn du mehr über den Wissenschaftler und Kämpfer für die Interessen der Russlanddeutschen Karl Lindemann (1847-1928) erfahren willst, dann kannst du dich hier informieren.
Karl Lindemann, Von den deutschen Kolonisten in Russland, in: Schriften des Deutschen Auslandsinstituts Stuttgart, A. Kulturhistorische Reihe, Hrsg. Walter Goez, Julius Ziehen, Bd. 14, Stuttgart 1924, S. 94f.
Hinweis: Bei dieser Quelle handelt es sich um einen Zeitungsbericht über eine Aussage des russlanddeutschen Parlamentsabgeordneten Ludwig Lutz. Die Zeitung gibt seine Aussagen wieder, daher die Formulierungen wie „habe man“ oder „sei eingetreten“.
In Deutschland habe man augenscheinlich beim 'Drang nach Osten' die deutschen Untertanen Russlands als Vorposten betrachtet. Die Stunde sei eingetreten, wo die deutschen treuen Untertanen [...] die Würde und Ehre des großen Vaterlandes verteidigen und die Beleidigung tilgen werden, die ihnen schon durch die Annahme allein hätte zugefügt werden können, dass die deutschen Untertanen Russlands ihr Vaterland verraten würden.
Vorposten: Beim Militär sind Vorposten vorgeschobene Einheiten, die Informationen über den Gegner verschaffen sollen oder die weiter zurück aufgestellten Truppen bewachen und sichern sollen.
tilgen: beseitigen, aus der Welt schaffen
Ludwig Lutz, Abgeordneter der Reichsduma des Gouvernements Cherson, aus: Volkszeitung vom 3. August 1914, in: Victor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Bonn 2015, S. 77.
- 1Lies den Inhalt der Quelle „Ein Russlanddeutscher zur Frage der Loyalität“ (Element 6).
- 2Erläutere in eigenen Worten, welches „große Vaterland“ gemeint ist und welche Beleidigung auf welche Weise getilgt werden soll.
- 3Finde in Partnerarbeit Gründe dafür, dass sich die Russlanddeutschen bei Kriegsbeginn für Russland einsetzten und nicht für Deutschland.
Hass auf die Deutschen in Russland: 'Ihr seid schuld!'

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Der Krieg lief für Russland nicht gut. In den ersten Kriegsjahren erlitt die russische Armee an der Westfront mehrere schreckliche Niederlagen. Diese hatten viele Gründe, zum Beispiel mangelnde Kriegsvorbereitung und Schwächen in der Kriegsführung. Über diese Ursachen wollten Offiziere und Politiker in Russland nicht gern sprechen. Sie suchten stattdessen nach Sündenböcken. Die Deutschen im Heer wurden beschuldigt, Verräter und Spione zu sein. Ihnen wurde unterstellt, aus Vaterlandsliebe zum Deutschen Kaiserreich die Niederlagen herbeigeführt zu haben.
Mit jedem weiteren Vorrücken des Feindes im Westen und mit der schnell zunehmenden Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Russland steigerte sich die feindliche Haltung gegenüber den Russlanddeutschen. Auch die Zarin Alexandra Fjodorowna (1872-1918), selbst eine Deutsche, wurde davon nicht ausgenommen. Man unterstellte ihr, die Truppenbewegungen des russischen Heeres an den Gegner verraten zu haben. In der Presse und in zahlreichen Hetzschriften wurde der Hass auf die Deutschstämmigen im Land geschürt. Er griff auf weite Kreise der russischen Gesellschaft über.
In den von 1915 bis 1917 erlassenen sogenannten Liquidationsgesetzen (Beseitigungsgesetzen) fand die Feindseligkeit gegen die Russlanddeutschen ihren politischen Ausdruck. Mit ihnen wurden Russlanddeutsche enteignet und 200.000 deutsche Grenzbewohner aus ins Landesinnere vertrieben. Man unterstellte ihnen, mit der vorrückenden Armee des Deutschen Reichs gemeinsame Sache machen zu wollen.
Außerdem wurde die Veröffentlichung von deutschen Zeitungen und Zeitschriften unterbunden. In öffentlichen Einrichtungen durfte die deutsche Sprache nicht mehr genutzt werden. Ausgenommen waren nur Kirchen.

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Hinweis: Die russische Militärverwaltung ließ im Sommer 1915 an vielbesuchten Orten eine Warnung für die Russen aufhängen:
Die Deutschen in Russland treiben Spionage im Interesse des deutschen Heeres und stehen mit diesem und mit der deutschen Regierung in regem Verkehr. Darum wird das Publikum aufgefordert, die in Moskau wohnenden Deutschen scharf zu überwachen, deren verräterische Tätigkeit zu beobachten und falls ein verdächtiges Benehmen der Deutschen bemerkt werden sollte, sofort darüber zu berichten.
Spionage: Ausspähen geheimer Informationen für einen politischen oder militärischen Gegner
Karl Lindemann, Von den deutschen Kolonisten in Russland, in: Schriften des Deutschen Auslandsinstituts Stuttgart, A. Kulturhistorische Reihe, hg. von Walter Goez und Julius Ziehen, Bd. 14, Stuttgart 1924, S. 107f.

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Hinweis: Nach den Niederlagen der russischen Armee im ersten Kriegsjahr wurde eine Broschüre unter den Frontsoldaten verteilt, in der eine große Abneigung gegen Russlanddeutsche zum Ausdruck kam und harte Maßnahmen gegen sie verlangt wurden.
Nicht nur alle Reichsdeutschen, sondern auch alle russländischen Deutschen, deren Vorfahren aus Deutschland eingewandert sind, müssen sofort, ohne Zeitverlust und Schwanken, aus Russland ausgesiedelt, d.h. vertrieben werden. Es wird das vom Standpunkt der Staatserhaltung verlangt und muss geschehen im Interesse unseres Vaterlandes und unserer heroischen Krieger, welche furchtlos ihr Leben opfern für Glauben, Kaiser und Vaterland. [...] Das große russische Volk versteht diese Schätze zu beschützen; es braucht keine deutschen Meister und Vormünder. Diese müssen alle vertrieben werden, ohne jede Rücksicht auf Alter, Geschlecht, eingebildete Nützlichkeit oder langjähriges Leben in Russland.
Vormünder: Personen, die sich um die Angelegenheiten anderer Menschen kümmern, weil diese dazu nicht in der Lage sind. Das kann zum Beispiel nötig sein, weil diese Menschen noch Kinder sind oder eine geistige Krankheit haben. Die Bezeichnung Vormund stammt aus dem Rechtswesen. Sie wird hier auf den Umgang der Deutschen mit den Russen übertragen.
Die Broschüre unter: http://wolgadeutsche.net/bibliothek/... [14.02.2025].

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Deutsche Herkunft wird zum Problem: Zwei prominente Fälle

Urheber: Bain News Service, publisher · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gen._Renenkampf_LCCN2014697542.jpg?uselang=de · PD

Urheber: Gummerus · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Keisari_vihelm_II.jpg · PD

Urheber: Boasson and Eggler St. Petersburg Nevsky 24., Bain News Service, publisher · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alexandra_Fyodorovna_LOC_01137u.jpg · PD

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Paul von Rennenkampff (1854-1918) war ein in Kondorf (estnisch: Konuvere) geborener sogenannter , der Karriere im russischen Militär machte. Aufgrund seiner Verdienste hatte er als russischer Patriot und Vorbild im Volk ein hohes Ansehen. Nach eigener Aussage fühlte er sich deutsch, war aber zum orthodoxen Glauben konvertiert. Im Ersten Weltkrieg war er Oberbefehlshaber der 1. Russischen Armee an der nordwestlichen Front.
An der Schlacht bei Tannenberg nahm er zusammen mit der 2. Russischen Armee unter General Alexander Wassiljewitsch Samsonow teil.
Als die 2. Armee von deutschen Truppen eingekesselt wurde, kam er ihr nicht zu Hilfe. Warum er nicht half, lässt sich bis heute nicht vollständig erklären. Er schätzte die Lage taktisch offenbar falsch ein. Hinzu kam, dass sich beide Generäle überhaupt nicht mochten und nur mangelhaft Absprachen trafen. Die Russen erlitten gegen die Deutschen 1914 eine herbe Niederlage. Die 2. Russische Armee wurde völlig aufgerieben. In einer weiteren Schlacht ließ von Rennenkampff eingekesselte deutsche Verbände entweichen.
Nun unterstellte man ihm Verrat. Er verließ die Armee. In einer Untersuchung konnte der Vorwurf des Vaterlandsverrats nicht bestätigt werden. Trotzdem erschien General von Rennenkampf in der russischen Gesellschaft wie ein Verräter. Deutschfeindliche Russen sahen in seinem Fall einen Beleg dafür, dass alle Deutschen in Russland mit dem Feind .
Michael Günther, Digitale Lernwelten

Urheber: Boasson and Eggler St. Petersburg Nevsky 24., Bain News Service, publisher · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alexandra_Fyodorovna_LOC_01137u.jpg · PD
1872 wurde sie als Alix von Hessen-Darmstadt geboren, 1894 heiratete sie Zar Nikolai II. und wurde so zu Alexandra Fjodorowna – Kaiserin von Russland. Alexandra war keine Russlanddeutsche, sondern eine deutsche Adelige, die einen russischen Kaiser geheiratet hatte. Solche internationalen Adelsehen waren damals in ganz Europa üblich, aber mit Kriegsausbruch wurden auch sie zu einem Problem. Alexandra war schon vorher aufgrund ihrer Schüchternheit und schlechten Sprachkenntnisse in Französisch und Russisch am Hof eher unbeliebt gewesen. Mit dem schlechten Kriegsverlauf wurden aber überall im Reich Gerüchte laut, die Zarin sei eine deutsche Agentin, die im Geheimen am Sieg des Deutschen Reichs über Russland arbeite.
Alexandra war indessen eine glühende Unterstützerin ihres Mannes und dessen eher glückloser Politik. Auch verteidigte sie seinen absolutistischen Herrschaftsanspruch über das Reich, der schon länger von verschiedenen Reformströmungen und Forderungen nach demokratischer Volksvertretung angegriffen wurde.
Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten
- 1Recherchiere eigenständig weitere Informationen zu folgenden Personen und Themen:
- 1.1Leben und Kriegsentscheidungen von General Paul von Rennenkampff
- 1.2Biographie von Zarin Alexandra Fjodorowna
- 1.1
- 2Bereite einen Vortrag zu diesen Personen vor. Das Thema eines solchen Vortrags könnte zum Beispiel lauten: „Warum wurde deutsche Abstammung zum Problem?“
Die Liquidationsgesetze: „Die Deutschen weg von der Front!“
Nach den Niederlagen der russischen Armee rückten die Truppen der Mittelmächte immer weiter nach Osten vor. Auch ein Vorstoß bis in deutsche Siedlungsgebiete war im Jahr 1915 nicht mehr ausgeschlossen.
Für die russische Regierung war das eine unerträgliche Vorstellung. Daher beschloss sie Maßnahmen, um ein solches Zusammentreffen zu verhindern. Alle deutschen, ungarischen und österreichischen Siedler innerhalb eines bis zu 150 km breiten Grenzstreifens sollten ihr Land verlieren und ins Hinterland gehen. Dabei wurde nicht nach Schuldigen gefragt: Die zwangsweise Umsiedlung betraf etwa 200.000 Menschen aus Wolhynien, die in Richtung Ural, Kasachstan oder Sibirien gebracht wurden. Ihre Häuser und ihr Land wurden besitzlosen russischen Bauern und Frontsoldaten zugesprochen.
In den Jahren 1916 und 1917 wurden diese Maßnahmen gegen die Deutschen in Russland noch verschärft. Nun sollten alle Deutschen aus dem europäischen Teil Russlands verbannt werden. Diese sogenannten Liquidationsgesetze standen für den Plan einer 'Rückeroberung des russischen Bodens'. Dass man den Russlanddeutschen mitten im Krieg gegen Deutschland vorwerfen konnte, Verräter zu sein, machte die Entwicklung dieses Plans leichter: Scheinbar waren die geplanten Enteignungen und Vertreibungen nun sogar rechtmäßig. Die Realisierung dieser Pläne wurde jedoch durch den Ausbruch der Revolution verhindert.
Antideutsche Aktionen nach der Kriegserklärung des Deutschen Reiches, u. a.:
- Umbenennung deutscher Dörfer, Botschaftserstürmung, Versammlungsverbot
- 'Liquidationsgesetze', um Russlanddeutschen ihren Besitz zu nehmen und sie zu vertreiben
- Gründung des 'Komitees zur Bekämpfung der deutschen Übermacht': Planung antideutscher Maßnahmen
- Pogrom vom 27. Mai 1915 in Moskau gegen Deutsche: Zerstörung von 759 deutschen Geschäften, 40 Verletzte, 3 Tote
- Abkommandierung der Russlanddeutschen von der Westfront
- Oktober 1915: Verbot des Unterrichts in deutscher Sprache und aller deutschen Medien (Zeitungen usw.)
Michael Günther, Digitale Lernwelten
Alle Deutschen, Kolonisten, Nichtorthodoxen des Kreises Nowograd-Wolynsk, die nicht in geschlossenen Ortschaften leben, unterliegen der Aussiedlung. Sie haben bis zum 10. Juli des Jahres Zeit, ihren Landbesitz aufzulösen. An ihren Wohnorten können verbleiben: Frauen der Kolonisten, die sich in unserem aktiven Heer befinden, ihre Kinder, Mütter und Familienoberhäupter. Auszusiedelnde dürfen ihre Besitztümer mit sich nehmen. In den deutschen Siedlungen werden vorübergehend Flüchtlinge aus Galizien einquartiert, denen entsprechende Gebäude zur Verfügung gestellt werden. Sie werden auch mit der Einbringung der Ernte sowie der Aufsicht über den Besitz der Auszusiedelnden beauftragt, der aus irgendwelchen Gründen am Orte zurückgelassen werden muß. Für Gewaltakte, die die Kolonisten an den Flüchtlingen verüben, wird der Schuldige dem Kriegsgericht überstellt. [...] Die gesamte Bevölkerung des Kreises wird gewarnt, daß diejenigen, die sich durch eine ungesetzliche Benutzung eines von den auszusiedelnden Kolonisten vorübergehend zurückgelassenen Gegenstandes schuldig machen, in Übereinstimmung mit den Kriegsgesetzen den strengsten Strafen unterzogen werden.
http://www.russlanddeutschegeschichte.de/...[14.02.2025].
Erklärung von Abgeordneten der Staatsduma über die 'Liquidation' des wolgadeutschen Besitzes:
Die unter uns lebenden deutschen Kolonisten sind ebensolche russischen Bürger wie wir alle. In unserer Region sind die Kolonisten unersetzliche Landwirte [...].
Aussage eines russischen Politikers über die Folgen der Liquidation in den von Russlanddeutschen besiedelten Wolga-Gebieten:
Wir diskutieren über Rückstände bei der Aussaat. Und was hat diese verrückte Macht gemacht? Sie hat in den Gouvernements von Saratow und Samara das Gesetz über die Liquidation des deutschen Landbesitzes umgesetzt. Dies hat zur Folge, dass auf 600.000 Desjatinen Land nicht ausgesät werden wird.
verrückte Macht: Regierung des Zaren
Gouvernements: Verwaltungsgebiet
Desjatinen: altes russisches Flächenmaß; 1,1 Hektar (11.000 Quadratmeter)
Erste Quelle: Erklärung vom 23. Februar 1917, in: Victor Dönninghaus, Revolution, Reform und Krieg. Die Deutschen an der Wolga im ausgehenden Zarenreich, in: Veröffentlichung zur Kultur und Geschichte des östlichen Europa, hg. Detlef Brandes, Dietmar Neutatz und Maria Rohde, Bd. 23, Essen 2002, S. 259;
Zweite Quelle: Redeauszug von A. I. Šingarev, in: Victor Dönninghaus, Revolution, Reform und Krieg. Die Deutschen an der Wolga im ausgehenden Zarenreich, in: Veröffentlichung zur Kultur und Geschichte desfreden östlichen Europa, hg. Detlef Brandes, Dietmar Neutatz und Maria Rohde, Bd. 23, Essen 2002, S. 259.
Wie unüberlegt die Vorhaben der russischen Regierung gegen die Deutschen in Russland doch waren! Wie war denn die Lage im Jahr 1917? Das russische Volk hungerte und nun sollten ausgerechnet die schwarzmeer- und wolgadeutschen Bauern umgesiedelt werden? Sie waren doch ganz wichtige Getreidelieferanten für das gesamte Land.
Der Umsetzung des Vorhabens kam im Jahr 1917 die bürgerliche Revolution in die Quere. Anstatt der Deutschen wurde nun der Zar entfernt. Die Wolgadeutschen lernten daraus, dass zukünftig ihr Grund und Boden und sie selbst vor dem Staat geschützt werden sollten. Das Zauberwort hierfür lautete Autonomie. Also kämpften viele von ihnen nun für eine politische Selbstbestimmung.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten
Zusammengefasst: Die Probleme der Russlanddeutschen
War … eine Ursache der Probleme, die für die Russlanddeutschen nach dem Kriegsausbruch entstanden? Antworte jeweils mit „ja“ oder „nein“
der russische Nationalismus
Bildnachweise
1. „Fenno-Russian double-eagle“ – Ari Helminen (CC BY-SA 2.0), Quelle
2. „Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay“ – Peggy und Marco Lachmann-Anke (Nicht angegeben), Quelle
3. „Russische Gefangene nach der Schlacht bei Tannenberg“ – Ray Mentzer (Nicht angegeben), Quelle
4. „Befehl Nr. 414 vom 20.07.1915“ – unbekannt (Nicht angegeben), Quelle
5. „A badly shelled and scarred French village“ – Archives New Zealand from New Zealand (CC BY-SA 2.0), Quelle
- 1Skizziere die Folgen der Maßnahmen gegen die Russlanddeutschen für Russland. Beziehe dabei die Lage Russlands ein.
- 2Recherchiere den Umgang Deutschlands mit Staatsangehörigen jener Länder, gegen die das Deutsche Reich Krieg führte.
Von der Revolution gerettet?
Die im Februar 1917 setzte der Zarenherrschaft ein Ende. Die Erleichterung unter den Russlanddeutschen war groß. Mit Spannung sahen sie nun den ersten Tagen der provisorischen Regierung entgegen. Wie würde sie sich ihnen gegenüber verhalten?
Das kriegsmüde Land ersehnte die Beendigung des Krieges und erlebte dennoch zunächst dessen Fortsetzung. Die ersten Gesetze für die Minderheiten im Land wurden von den Russlanddeutschen begrüßt. Die Liquidationsgesetze wurden aufgehoben. Die Vertriebenen kehrten in ihre Heimat zurück.

Urheber: unbekannt · https://w.wiki/DrnD · PD
Wenige Tage später wurde das Gesetz zur 'Gleichheit aller Nationen und ' verkündet. Es erlaubte auch die Verbands- und Versammlungsfreiheit. Die nationalen Minderheiten nutzten die neu gewonnene Freiheit zu regen politischen Aktivitäten. So gründete sich an der Wolga im April 1917 das 'Zentralkomitee der Wolgadeutschen' und im September die 'Republikanische Kolonistenpartei'. Im Gebiet Odessa wurde der 'Allrussische Bund russischer Deutscher' gegründet. Er erhob die Forderung nach einer demokratischen Republik.
Das große Ziel der russlanddeutschen Interessenvertretungen war die Autonomie der von Deutschstämmigen besiedelten Regionen. Sie hatten gelernt, dass der Schutz der Siedlungen nur durch die politische Organisation der Deutschen dauerhaft möglich sein würde. Das bedeutete jedoch nicht, dass die Russlanddeutschen sich vollständig vom russischen Staat lossagen wollten. Die Wolgadeutschen strebten vielmehr nach einer Selbstständigkeit innerhalb des russischen Vielvölkerstaates. Die Trennung von Russland stand niemals zur Debatte.

Urheber: Anton Stefanovich Murenko · https://oldsaratov.ru/photo/4715#gsc.tab=0 · PD
Hinweis: Vom 25. bis 27. April 1917 fand in Saratow eine Versammlung von 385 Kreisbevollmächtigten der deutschen Wolga-Kolonien statt. Dabei sprach auch der russlanddeutsche Rechtsanwalt Karl Justus zu den Anwesenden. Unter diesen war als Vertreter der Regierung auch der stellvertretende Kommissar des Gouvernements von Saratow, A. A. Tokarski. Wenn die Teilnehmer der Versammlung dem Redner zustimmten, kam Beifall auf. Das hat der Urheber der Quelle mit notiert.
Die Herrschaft der Willkür und der Gewalttätigkeit [...] ist nun bei uns gebrochen. Auf den Ruinen der alten ist eine neue Regierung erstanden, ein neues Leben bricht sich Bahn. Wir wollen hoffen, dass diese neue Regierung auch der deutschen Bevölkerung des Reiches wird Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir wollen hoffen, dass die Seiten der Geschichte des neuen Russlands nicht mehr beschmutzt sein werden durch Verfolgung und Vertreibung der im Reiche lebenden einzelnen Völkerschaften. (Beifall). Wir wollen hoffen, ja ich möchte mehr sagen, wir sind gewiss, dass man unsere Rechte, als die der freien Bürger des Landes, nicht mehr antasten wird. (Beifall)
Verhandlungen der Versammlung der Kreisbevollmächtigten der Wolgakolonien in Saratow am 25.–27. April 1917. Hrsg. vom Zentralkomitee der deutschen Wolgakolonisten in Saratow, 1917.
Die Oktoberrevolution der Bolschewiki und ihre Folgen für nationale Minderheiten

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Die Phase der bürgerlichen Übergangsregierung dauerte nicht lange. Im Herbst 1917 folgte eine erneute politische Umwälzung. Die kommunistischen Bolschewiki griffen am 25. Oktober 1917 nach der Macht im Land und verdrängten gewaltsam die bürgerliche Regierung.
Die ersten Gesetze der neuen Regierung lösten unterschiedliche Reaktionen bei den Russlanddeutschen aus. Das 'Dekret über den Frieden' versprach endlich den ersehnten Friedensschluss. Für die Deutschstämmigen war dieser Frieden wichtig, weil sie nur dadurch den Status des 'inneren Feindes' verlieren konnten.
Das 'Dekret über den Boden' aber sorgte für neue Ängste, weil es die Enteignung von staatlichem, kirchlichem und privatem Grundbesitz verkündete. Den vielen armen und verarmten Russen sollte damit Land und Arbeit gegeben werden. Bei den Russlanddeutschen aber löste es die Befürchtung aus, (erneut) den eigenen Besitz zu verlieren.
Das dritte Gesetz war das 'Dekret über die Völker Russlands'. Es erklärte die Rechtsgleichheit und die Souveränität aller Völker Russlands. Vor allem aber gewährten die Bolschewiki damit allen Minderheiten die Möglichkeit, einen eigenen Staat zu gründen. Die Führer der kommunistischen Revolution erhofften sich von diesem Dekret eine Unterstützung durch die Minderheiten und damit die Festigung ihrer Macht. Die Autonomie schien für die Deutschen greifbar nahe.
Alles wieder gut? Worauf hofften die Russlanddeutschen nach den Revolutionen von 1917? Antworte mit „ja“ oder „nein“.
Ende des Krieges?
Bildnachweise
1. „Dove peace“ – User:Teetaweepo (CC BY-SA 3.0), Quelle
2. „Bundesflagge und Handelsflagge des Norddeutschen Bundes (1866-1871) und Reichsflagge des Deutschen Reiches (1871-1918)“ – User:B1mbo and User:Madden (Public Domain), Quelle
3. „Bild von PublicDomainPictures auf Pixabay“ – PublicDomainPictures (Nicht angegeben), Quelle
4. „acker-landwirtschaft-feld-ländlich“ – Fritz_the_Cat (Nicht angegeben), Quelle
5. „Bild von Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay“ – Clker-Free-Vector-Images (Nicht angegeben), Quelle
6. „independence“ – Yu luck (Nicht angegeben), Quelle
1. Gleichheit und Souveränität der Völker Russlands.
2. Recht der Völker Russlands auf freie Selbstbestimmung bis hin zu einer Loslösung und Bildung eines selbstständigen Staates.
3. Aufhebung aller und jeglicher nationaler und nationalreligiöser Privilegien und Einschränkungen.
4. Freie Entfaltung nationaler Minderheiten [...], die das Gebiet Russlands bewohnen.
www.1000dokumente.de/... [14.02.2025].
Ich bin fest überzeugt, dass sich die verschiedenen einzelnen Föderationen freier Nationen immer mehr und mehr um das revolutionäre Russland sammeln werden. Ganz freiwillig, ohne Lüge und ohne Waffen, wird diese Föderation wachsen, sie ist unbesiegbar.
W. I. Lenin, Werke, Bd. 26, September 1917 – Februar 1918, Berlin 1961, S. 480.
Wir sind für die Autonomie für alle Teile, wir sind für das Recht auf Lostrennung (nicht aber die Lostrennung aller!). Die Autonomie ist unser Plan für den Aufbau eines demokratischen Staats. Die Lostrennung ist keineswegs unser Plan. Die Lostrennung wird keineswegs von uns propagiert. Im Allgemeinen sind wir gegen die Lostrennung. […] Das Recht auf Selbstbestimmung ist eine Ausnahme von unserer allgemeinen Prämisse des Zentralismus.
Autonomie: Selbstbestimmung. Hier ist die Selbstbestimmung der im Russischen Reich lebenden Völker und nationalen Minderheiten gemeint.
Prämisse: Annahme
W. I. Lenin, Werke, Bd. 19, März – Dezember 1913, 4. Aufl., Berlin 1977.

Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Bundesarchiv_Bild_183-R92623,_Brest-Litowsk,_Waffenstillstandsabkommen.jpg&oldid=1001988317 ´ · CC 3.0
Im Dezember 1917 trafen sich Vertreter Russlands und der Mittelmächte in der weißrussischen Stadt Brest-Litowsk, um über einen Friedensvertrag zu verhandeln. Die Artikel 21 und 22 des Zusatzvertrages zum Frieden von Brest-Litowsk beschäftigten sich mit den Deutschen in Russland. Folgendes wurde vereinbart:
- Die russische Regierung zahlte für entstandenen Schaden an deutschem Eigentum Entschädigungen.
- In den kommenden zehn Jahren sollten die Russlanddeutschen ungehindert nach Deutschland auswandern können.
Sowohl die deutsche als auch die russische Regierung waren an der Umsetzung dieser Vereinbarungen aber nicht sehr interessiert. Die für eine geregelte Auswanderung in Deutschland eingerichtete 'Reichsstelle für die deutsche Rückwanderung und Auswanderung' machte keine Werbung für die Übersiedlung von Russlanddeutschen nach Deutschland. Und die russische Regierung hatte keine Eile bei der Zahlung von Entschädigungen.
Michael Günther, Digitale Lernwelten
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nahmen viele Politiker an, dass die Souveränität aller Völker ein Mittel sei, um Spannungen in und zwischen den Staaten abzubauen und Frieden zu schaffen. Auch Lenin und seine Regierung folgten diesem Denken. Es beherrschte auch die Friedensverhandlungen und -abkommen nach Ende des Ersten Weltkriegs. Neue Kriege gab es danach trotzdem. Ob die Souveränität des Volkes tatsächlich automatisch zu friedlichen Verhältnissen führt, ist daher heute bei Wissenschaftlern umstritten.
- 1Fasse die Gründe Lenins für sein Vorgehen in der Nationalitätenfrage in den Quellen 28, 29 und 30 stichwortartig zusammen.
- 2Erläutere die Hoffnungen, die Lenin mit seinem Vorgehen verband.
- 3Finde heraus, was diesen Hoffnungen entgegenlief. Beziehe dabei den Text 26 ein.
- 4Beurteile Lenins Politik in der Nationalitätenfrage.
