2.3 Arbeit, Kirche, Schule: Das Leben auf dem Dorf
Das Leben der deutschen Siedler fand fast ausschließlich in ihren Dörfern statt. Zur russischen Außenwelt hatten die Siedler nur sehr wenig Kontakt, über lange Zeit fehlten ihnen dazu auch die notwendigen Russischkenntnisse. Alles, was im Leben der Siedler wichtig war, musste also im Dorf organisiert werden: Arbeit und Ausbildung, aber auch Gottesdienst und Feste.
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Sek. 1: Inhaltsfelder 3 a) und 3 b)
Lebenswelten im Mittelalter
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
technische Innovationen, Kulturaustausch, Fernnetzwerke: 2.2) - Sek. 1: Inhaltsfeld 5
Das „lange“ 19. Jahrhundert – politischer und wirtschaftlicher Wandel in Europa
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
wirtschaftliche, technologische, kulturelle Herausforderungen: 2.2) - Sek 2 GK/LK: Inhaltsfeld 4
Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Modernisierung Bevölkerung, Technik, Arbeit: 2.2, 2.3) - Sek 2 GK/LK: Inhaltsfeld 6
Nationalismus, Nationalstaat und deutsche Identität im 19. und 20. Jahrhundert
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Deutsche Frage: Deutschsein in Russland: 2.4)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 8, Lernbereich 1
Die Vorstellungen des deutschen Bürgertums von Einheit und Freiheit
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Nationalismus: 2.4) - Klasse 8, Lernbereich 2
Das Doppelgesicht des Fortschritts – Industrialisierung und die Folgen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Regionalgeschichte, Migrationsbewegungen, wirtschaftlicher Aufstieg: 2.2, 2.3) - Klasse 8, Lernbereich 4
Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Deutsche sollen Russen werden: 2.4) - Klasse 11/12 GK, Lernbereich 1
Die Grundlegung einer modernen Gesellschaft in Wirtschaft und Politik in Deutschland
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Wirtschaft: 2.2) - Klasse 11 LK, Lernbereich 2
Von der vorindustriellen zur Industriegesellschaft – internationale Entwicklungen und ihre Folgen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Wirtschaft, Lebensformen der Siedler: 2.2, 2.3)
In diesem Kapitel untersuchen wir das alltägliche Leben der Siedler in ihren Dörfern und die dafür wichtigen Institutionen Arbeit, Kirche und Schule.
Übersicht Kapitelinhalte
Zu Hause und auf dem Feld: Die Arbeit auf dem Dorf
Sieht man sich den Plan einer wolgadeutschen Siedlung im 19. Jahrhundert an, so fallen einem mehrere Merkmale auf: Das Dorf bestand aus mehreren, ähnlich oder sogar völlig gleich gebauten Gehöften. Diese wurden von geraden, sich rechtwinklig kreuzenden Straßen miteinander verbunden. Am Dorfrand befanden sich einige für das Dorfleben notwendige Betriebe, zum Beispiel eine Mühle oder ein Sägewerk. Und im Dorfzentrum befanden sich immer zwei Gebäude: die Kirche und die Schule.
Galerie: vom Plan zum Ort


So planten die russischen Behörden typische Musterkolonien für die Siedler: Der Plan sah genaue Angaben über die Lage und Größe von Häusern, Stallungen, Gärten und Feldern vor.
So sah die 1765 gegründete wolgadeutsche Kolonie Balzer Anfang des 20. Jahrhunderts aus.
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte · Alle Rechte vorbehalten
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Diese Gestaltung der Dörfer zeigt gut, woraus das Leben auf den Dörfern bestand: Die Arbeit auf dem Feld, im Haus und in der Werkstatt nahm den größten Raum ein. Unterbrochen wurde der von den Tages- und Jahreszeiten vorgegebene Arbeitsrhythmus nur von Sonntagen und kirchlichen Feiertagen.

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Ernte in Glückstal – die Einwohner des Dorfes vor einer mit Diesel betriebenen Dreschmaschine, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Aufnahme einer wolgadeutschen Sattlerei, 1926.
Alles, was die Siedler selbst herstellen konnten, mussten sie nicht kaufen. Die Herstellung von Stoffen und Kleidern war dabei die Aufgabe der Frauen. Das Foto zeigt links ein Spinnrad, mit dem aus Schafswolle oder Pflanzenfasern Fäden gesponnen werden. Hinten in der Mitte sieht man eine Drehhaspel, auf der die Fäden aufgewickelt werden. Mit einem Webstuhl (nicht im Bild) konnten dann aus den Fäden Tücher gewebt werden. Auf dem Nähtisch wurden die Tücher mit der Nähmaschine (rechts) zu Kleidungsstücken vernäht. Das Foto wurde, wie auch alle anderen Fotos in dieser Galerie, im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold aufgenommen.
In einer Schreinerwerkstatt konnten Holzwerkzeuge und Möbel hergestellt und ausgebessert werden.
Hufeisen, Scharniere, Beschläge, Nägel – wer eine Schmiede wie diese im Haus hatte, konnte all diese Dinge selber herstellen, bearbeiten und ausbessern.
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Hinweis: Der Text stammt aus dem Roman „Nor net lopper g´gewa!“ (Nur nicht nachgegeben!) des Wolgadeutschen August Lonsinger (1881–1953). Der Roman erschien 1911 und beschreibt unter anderem das Dorfleben in den wolgadeutschen Kolonien Anfang des 20. Jahrhunderts. Wolgadeutsche.net hat den Roman komplett als PDF ins Netz gestellt. Wenn du ihn lesen möchtest (und Frakturschrift lesen kannst), findest du ihn hier.
Eichenwald war eine ziemlich große Kolonie: Sie hatte drei lange Straßen; die mittlere Straße war breiter, als die anderen, und man sah hie und da Bäumchen vor den Häusern.
In der Mitte des Dorfes stand die Kirche mit einem schiefen Turm. An derselben führte die breite Querstraße (die anderen waren bedeutend schmäler) vorüber: an beiden Seiten derselben waren meist stattliche Bauernhäuser erbaut, hier mochten wohl die reichsten Wirte wohnen, denen die ärmeren, die hier früher gewohnt haben mögen, nach und nach Platz gemacht hatten.
Den hoflos gewordenen wurden, wie der Vetter Fritz erzählte, Hofplätze am Ende des Dorfes gegeben; weshalb das Dorf auch so sehr in die Länge gewachsen war. Eine neue Straße konnte nicht angelegt werden, da man von einer Seite, dem Bache entlang, die Gemüsegarten angelegt und von der anderen Seite die Tennen zugepfercht hatte: erstere konnte man nicht vernichten, weil weiter kein geeigneter Platz vorhanden war, letztere wollte man nicht überführen, obgleich dies sehr vernünftig gewesen wäre: denn die ärmeren wären dann doch näher zu der Kirche und Schulz gekommen, und hätten keine ganze Werst zu laufen gehabt.
Das Schulhaus machte keinen aufmunternden Eindruck: es war niedrig und grau; das Dach vielfach geflickt, von Farbe – keine Spur mehr; nur die Fensterladen wiesen noch eine blasse fast nicht erkennbare Spur von Dunkelgrün auf.
August Lonsinger, Nor net lopper g'gewa (Nur nicht nachgegeben!): eine Erzählung aus den deutschen Wolgakolonien, Aberdeen (Freie Presse Print. Company), zitiert nach: https://wolgadeutsche.net/bibl... [05.03.2026]
Ein spitzer Turm und Windmühlen – das ist eine deutsche Kolonie aus der Ferne. Kommt man näher, muß man durch einen halb ausgetrockneten Bach. Die Dorfstraßen sind wegen der Feuergefahr breit angelegt; die Zäune sind alle aus Weidenruten geflochten, denn Holz ist teuer. Nur spärliche Wälder verkrüppelter Eichen und Schlehen trifft man dann und wann.
Die Hauptpersönlichkeiten in einem Wolgadorfe, das manchmal über 1000 Einwohner hat, sind: der Pastor, der Obervorsteher, der Vorsteher, der Kolonieschreiber, der Küsterlehrer und der Lehrer. Dazu gehören wohl noch die Kaufleute und die Großwirte. [...]
Es ist geradezu wunderbar, wie rein sich dort die deutsche Sprache erhalten hat; zum Teil hört man sogar noch Mundarten, wie schwäbisch. In ihren Sitten sind die Kolonisten vollkommen deutsch geblieben.
Reisebericht des Oberlehrers J. Mühlbaum, zitiert nach: Theodor Baßler, Das Deutschtum in Rußland, München 1911, S. 20 f.
Nachbau eines typischen russlanddeutschen Hauses
Russlanddeutsche Musik
Beim Klicken auf den Infopoint gibt es eine Hörprobe.
Hinweis: Der Text stammt von Georg Dinges (1891–1932), einem wolgadeutschen Germanisten. Er schreibt darin als Wolgadeutscher und Sprachwissenschaftler über die Dialekte seiner Heimat.
Wenn ich im Folgenden etwas über unsere Mundarten zu schreiben unternehme, so bedeutet das soviel, dass ich über die Sprache unserer Bauern, über die Bauernsprachen schreiben werde. Ich sage Bauernsprachen, denn es ist doch jedem Bauern bekannt, dass jedes Dorf nach seiner Art redet, sei´ abartig Schprooch hot. „No was soll dann des gewe, wird mancher denken, iwr de Bauer ehre Schprooch zu schreiwe, zu was hot mr dan so was?“
Und er wird dann in seinen Gedanken noch weiter fortfahren und wird sich noch ganz gut daran erinnern, dass er vom Pastor, der aus Livland stammte, gehört hat, dass unsere Sprache, die Sprache der deutschen Bauern an der Wolga, gar keine richtige deutsche Sprache sei, sondern eine verdorbene, platte Sprache, ein Plattdeutsch, und das niemand in Deutschland so spreche oder jemals gesprochen habe. Und auch der Russenlehrer, der doch auch ein bisschen Deutsch (Schriftdeutsch) verstand und ein gelernter Mann war, hat sich mal noch vor dem Kriege, [...] so schrecklich ausgelacht, als er in der Schule einmal sagte, was auf Deutsch das Wort коза bedeute, und s Hannesche ihm geantwortet hat: „ai, Gaas!“ Der Lehrer konnte zuerst gar nicht begreifen, was die Ziege mit газ Gase oder gar Petroleum (Lampenöl) zu tun hätte und zuletzt meinte er: ну и чудной у вас язык (Ihr habt aber eine sonderbare Sprache).
Der Russenlehrer hat es später auch dem Doktor und dem Postnatschalnik erzählt; da hat es noch ein tüchtiges Gelächter gegeben. Das Hannesche aber war aus der Schule heim gekommen und hat geweint und gesagt: „Ich geh net meh in die Schuul, do wärd mr jo iwr sai´ daitsch Schprooch ausgelacht!“ (Ich gehe nicht mehr in die Schule, (denn) da wird man wegen seiner deutschen Sprache ausgelacht!) Der Vater musste ihm noch Schläge anbieten und es schließlich auf folgende Art trösten: „unser Schprooch is jo net richtig dr Schrift, dr Bücher nooch, mer schwädze jo plattdaitsch!“ (Unsere Sprache ist ja nicht richtig nach der Schrift und den Büchern, wir sprechen ja plattdeutsch!)
Georg Dinges, Über unsere Mundarten, in: Georg Dinges u. a. (Hg.), Beiträge zur Heimatkunde des deutschen Wolgagebiets, Pokrowsk 1923, S. 60–72, hier S. 60, leicht bearbeitet von Lukas Epperlein

Beispiele für wolgadeutschen Dialekt von einem wolgadeutschen YouTuber [05.03.2026]
Im Zentrum: Die Kirche

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Die meisten deutschen Dörfer bauten rasch ihre eigene Kirche. Das verrät uns zwei Dinge: Die Siedler waren sehr religiös, die Kirche war sozusagen nach dem eigenen Dach über dem Kopf das Nächstwichtigste. Und die Siedler waren schnell wirtschaftlich erfolgreich. Sie gehörten nicht der russischen Mehrheitsreligion an, dem orthodoxen Christentum. Die meisten von ihnen waren evangelische Christen. Als solche war ihnen zwar freie Religionsausübung zugesichert worden, sie mussten die Mittel für einen Kirchenbau aber ohne staatliche oder kirchliche Hilfe selber aufbringen. Dass viele deutsche Siedlungen dennoch schon bald größere Steinkirchen errichteten, die teilweise heute noch stehen, zeigt uns, dass diese Siedlungen schon bald Überschüsse produzierten.
Die Kirchen waren ein wichtiges Zentrum der dörflichen Gemeinschaft. Hier wurde der heimatliche Glaube praktiziert, die bekannten Lieder in der Muttersprache gesungen und das Gemeindeleben jenseits der alltäglichen Arbeit organisiert: z. B. Feiertage, Hochzeiten und Taufen.
Video fehlt – Videodatei bereitstellen
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Der mennonitische Russlanddeutsche Heinrich Wiens erklärt die enge Bindung der Gläubigen an christliche Liedtexte und Bibelverse.
Deutsche Kirchen






Das Zentrum des deutschen Dorflebens: der Gemeindesaal der Kirche. Das Foto zeigt den restaurierten Gemeindesaal der Kirche von Sarepta. Heute ist die Kirche Teil des Freilichtmuseums Alt-Sarepta in Wolgograd.
Die lutherisch-evangelische Kirche in Marx auf einem Foto von 1917. Die 1766 als ‚Katharinenstadt‘ gegründete Siedlung hatte schon um 1770 eine erste Holzkirche. Die auf dem Foto zu sehende Steinkirche wurde 1851 fertiggestellt.
Die lutherische Kirche in Marx steht bis heute, ihr Glockenturm wurde vor wenigen Jahren restauriert. Das Foto ist von 2017.
Die evangelisch-lutherische Kirche in Balzer. Auch sie wurde im Jahr 1851 fertiggestellt und sieht im Baustil der Katharinenstädter Kirche sehr ähnlich.
Wiederum eine ähnlich aussehende Kirche in Mariental (heute Sowetskoje) auf einem Foto von 1900. Sie wurde bereits 1842 als Steinkirche erbaut und ersetzte die hölzernen Vorgängerbauten.
Die Marientaler Kirche ist heute nur noch als Ruine erhalten.
Urheber: www.volganet.ru · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zal_sovremennoi_Sareptskoi_kirhi.jpg?uselang=de · CC BY-SA 3.0
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lutheran_church_(Marx).JPG · PD
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Лютеранская_церковь;_Маркс_01.jpg?uselang=de · CC BY-SA 4.0
Urheber: Виктор Бальцеров, optimiert mit KI · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Evangelisch-lutherische_Kirche_Balzer_Baujahr_1851_Foto_ca_1931.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mariental_old.jpg · PD
Urheber: Awry · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mariental_church.jpg?uselang=de · CC BY-SA 3.0
Seiner Hohen Exzellenz, Herrn Minister für Innere Angelegenheiten, General-Adjutanten, General der Kavallerie Alexander Jegorowitsch Timaschew
In der Vorstellung vom 23. Oktober 1875 [...] hat das General-Konsistorium den ordnungsgemäß bestätigten Plan und den Kostenvoranschlag für den Bau einer neuen hölzernen Kirche auf steinernem Fundament im Dorf Wiesenmüller/Gouvernement Samara vorgestellt und Ihre Exzellenz um Erlaubnis zum Bau gebeten. Ihre Hohe Exzellenz hatten dem General-Konsistorium mitgeteilt, dass Sie eine Erlaubnis zum Bau der benannten Kirche für vorzeitig zählen, bis eine positive Bestätigung vorliege, dass die für den Bau noch fehlende Summe aus dem Verkauf von Getreide beschafft werden kann.
In der Erfüllung dieser Empfehlung hat die Gemeinde von Wiesenmüller eine Bestätigung vom 2. Januar 1876 vorgelegt, aus der unter anderem hervorgeht, dass die zur Zeit für den Bau vorhandene Summe 17.147 Rubel und 30 ½ Kopeken beträgt, und dass die noch fehlende Summe von 3033 Rubel und 36 ½ Kopeken aus der Ernte vom Gemeinschaftsland für das Jahr 1876 gedeckt wird. Das General-Konsistorium seinerseits, ist [...] der Meinung, dass die Mittel für den Bau der Kirche ausreichend vorhanden sind, und hat die Ehre, bei Ihrer Hohen Exzellenz erneut die Erlaubnis für den Bau einer projektierten neuen Kirche im Dorf Wiesenmüller zu beantragen.
Alexander Muth, Die Geschichte des Dorfes Wiesenmüller, Horn Bad Meinberg 2012, S. 44.
Der Kirchengesang macht einen bedeutenden Teil des Gottesdienstes aus. Der Gesang ist es ja, der so mächtig Herz und Seele zu Gott erhebt; und doch wird bei uns auf dem Lande für nichts so nachlässig und stiefmütterlich gesorgt, als für diesen Gesang. Ich habe hier nicht die Absicht, einen großartigen Aufsatz über Kirchengesang zu liefern, das lasse ich dem Fachmanne, – hier mögen vorläufig nur wenige Bemerkungen bezüglich unserer Koloniechöre eingeräumt werden. Woran fehlt‘s denn? Das ist eine Frage, die sich nicht so einfach und im Handumdrehen beantworten läßt. Es fehlt eben an vielem. [...]
Wie der Bauer schon jetzt von dem Baumstamme, der erst nach Jahren zu Brettern zersägt werden soll, die Äste und knotige Auswüchse weghackt, so möchte ich auch mit unserm Koloniegesang verfahren, der gewiß einem plumpen Balken gleicht, an dem viel und viel zu säubern ist. O, wenn sie mir darin nur folgen würden! Was nun folgt, dürfen die Sänger auswendig lernen und oft erwägen.
- 1Der Kirchengesang ist ein Gebet. Meide somit beim Gesange die Zerstreutheit, alles Lächerliche; meide alles, was irgendwie die Aufmerksamkeit anderer auf dich lenken könnte. Die Aufmerksamkeit der Kirchenbesucher gehört Gott und göttlichen Dingen; sei also kein Dieb.
- 2Spreche die Worte richtig und deutlich aus; kannst du diese nicht auswendig oder hast du kein Buch zur Hand, so schweige. Mitsingen und dabei keine bestimmten Worte aussprechen wäre buchstäblich ein Geheul und nur den Besoffenen auf der Straße eigen.
- 3Stampfe nie mit den Füßen in den Takt, den das verursacht Störung und bei Leuten mit schwachen Nerven Kopfschmerzen. Ist das Angeben des Tempo nötig, so tue dies einer und zwar mit der Hand.
P. M., Etwas über den Kirchengesang auf dem Lande, Klemens. Ein katholisches Wochenblatt, Nr. 22, 25.2.1898, S. 334 ff., zitiert nach: https://wolgadeutsche.net/bibl...
In der Regel hatte ein Pfarrer in den Kolonien mehrere Dörfer zu betreuen, in entlegenen Gebieten manchmal über 10 Dörfer [...]. Der Pastor besuchte die meisten Kolonistendörfer etwa einmal im Monat. Während seiner Abwesenheit wurde er vom Lehrer vertreten. Diese Schulmeister, in den Schwarzmeerkolonien Küsterlehrer oder Kantor genannt, waren meist zugleich Küster und Organisten. Da sie nicht selbst predigen durften, verlasen sie aus Predigtsammlungen eine Predigt und führten den liturgischen Teil des Gottesdienstes durch, ebenso Nottaufen und Beerdigungen. Sie unterrichteten die Konfirmanden und die ‚Kinderlehre‘, die die Konfirmierten noch drei Jahre nach der Konfirmation besuchen mussten, führten die Kirchenbücher und besuchten die Kranken. [...] Lediglich die Trauung, die Konfirmation und die Abendmahlsfeier waren dem Pfarrer vorbehalten.
Stefanie Theis, Religiosität von Russlanddeutschen, Stuttgart 2006, S. 56

Ein Videoausschnitt über die Kirche von Mariental
https://www.youtube.com/watch?v=NjsJAewhOg4&start=243&end=335
Nicht wirklich von der Kirche zu trennen: Die Schule
Den Siedlern war auch die Bildung ihrer Kinder sehr wichtig. Deshalb bezahlten sie Lehrer und schickten ihre Kinder zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr zur Schule. Das Schuljahr dauerte von Oktober bis Mai. In den anderen Monaten mussten die Kinder bei der Haus- und Feldarbeit mithelfen.
Oft war die Schule in oder in der Nähe der Kirche und der Lehrer war der Küster (der in der Kirche das Glockenläuten und Orgelspiel übernahm). Auch der Lehrstoff war stark religiös geprägt und sollte die Kinder zu guten Christenmenschen erziehen. Auf diesem Weg wurde allen Kindern dennoch Lesen, Schreiben und Grundfertigkeiten der Mathematik beigebracht, und das unterschied die deutschen Siedlerkinder von einem Großteil der russischen Landbevölkerung im 19. Jahrhundert.
Schule





Foto der Schule in Köppental, um 1900
Foto einer russlanddeutschen Gymnasialklasse, 1910
„Deutsches Lesebuch für die mennonitische und lutherische Elementarschule in Rußland“, herausgegeben von zwei russlanddeutschen Lehrern im Schwarzmeergebiet.
Das Knabengymnasium von Katharinenstadt (heute Marx), Foto um 1910
Die heute noch erhaltenen Schulgebäude in wolgadeutschen Siedlungen sind größtenteils Steinbauten vom Ende des 19. Jahrhunderts. Das Foto zeigt das Schulgebäude der Siedlung Huck, heute Splawnucha.
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold · Alle Rechte vorbehalten
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold · Alle Rechte vorbehalten
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Urheber: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold · https://issuu.com/russlanddeutsche/docs/mrk_katalog_fotos_hohe_aufl_sungtei · CC 4.0
Urheber: Georg Knaus · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gymnasium_in_Huck_an_der_Wolga,_Backstein,_Baujahr_1897,_seit_1970_Kaufhaus,_1996_verwüstet;_Foto_2009.jpg · CC 4.0
Video fehlt – Videodatei bereitstellen
RD_Heinrich_Wiens_Religion.mp4
Eigenverwaltung in mennonitischen Siedlungen: Weltliche und kirchliche Verantwortungsträger arbeiten Hand in Hand.
Erkläre die Bedeutung der Religion in den russlanddeutschen Dörfern. Werte dazu die Quellen und Darstellungen in den Elementen 13, 14 und 18 aus.
- 1Die Patres der römisch-katholischen und die Pastoren der protestantischen Konfession prägen ihren Pfarrkindern bei jeder Gelegenheit die Heiligkeit der Pflicht ein, ihre Kinder in Gotttesfurcht zu erziehen und sie rechtzeitig in die Kirchenschulen zu schicken, deren Hauptaufgabe in der Unterrichtung der Jugend in der Religion besteht.
- 2Die Patres und Pastoren besuchen wöchentlich die Schulen ihrer Pfarrdörfer und halbmonatlich die Schulen der Nebendörfer. Außer diesen festgesetzten Besuchen liegt ihnen ob, diese Schulen, unerwartet für Lehrer und Schüler, aufzusuchen.
- 3Die Besuche der Patres und Pastoren haben nicht nur den Zweck, ein allgemeine Aufsicht auszuüben, sondern durch Belobung der Fleißigen und Tadelung der Faulen zum Fleiß anzuspornen
- 4Die gewöhnlichen und außergewöhnlichen Besuche der Patres und Pastoren werden mit Angabe des Datums von den Schulmeistern in das von ihnen geführte Revisionsbuch eingetragen, damit der Superior und Probst zu jeder Zeit feststellen kann, inwieweit der Geistliche sich seiner Schulen annimmt.
- 5Jeder Familienvater ist verpflichtet, seine Kinder, Zöglinge, Lehrlinge und Diener beiderlei Geschlechts, vom siebenten Jahre an von anfangs Oktober bis Ende Mai täglich in die Schule und Sonntags in die Katechese zu schicken.
- 6Jeder Schulmeister führt eine genaue Liste aller schulpflichtigen Kinder, an Hand welcher er nach Beendigung des Vormittag- und Nachmittagunterrichts oder der Kinderlehre aufruft und die Fehlenden in eine besondere Liste einträgt, die er jeden Tag der Dorfobrigkeit vorlegt.
- 7Nach Erhalt der Liste erkundigt sich das Dorfamt beim Familienvorstand über die Gründe des Ausbleibens der Schüler. Falls dieses als gesetzlich anerkannt wird, werden die Gründe in der Liste vermerkt, im anderen Falle wird das Familienoberhaupt mit der in § 9 festgesetzten Strafe belegt.
- 8Als gesetzliche Gründe für das Fehlen der Schüler werden anerkannt: Krankheit des Schülers, die Notwendigkeit, ein Familienmitglied zu pflegen, Todesfall, jedoch nur bis zur Beendigung der Beerdigung, und bei weitem Schulweg schlechtes Wetter.
- 9Für jedes ungesetzliche Fernbleiben von der Schule zahlen die Eltern, Vormünder, Erzieher oder überhaupt das Familienoberhaupt 5 Kopeken Strafe.
- 10Die Strafe wird vom Dorfamt eingezogen und mit dem Verzeichnis den Kirchenältesten gegen Quittung ausgehändigt, die das Geld der Schulkassen einverleiben. Die Schulkasse wird auf gleicher Grundlage wie das übrige Kirchenvermögen verwaltet. Die Strafgelder werden zum Ankauf von Schulbüchern für arme Kinder und Büchern als Prämien für fleißige Kinder verwandt.
- 11Wenn die zur Strafe verurteilte Person diese nicht zahlen kann, so wird sie zur Gemeindearbeit herangezogen, und zwar für jede Abwesenheit des Schülers einen halben Tag. Vergleiche auch (Schulbesuch)
Theodor Hummel, 100 Jahre Erbhofrecht der deutschen Kolonisten in Russland Berlin 1936, S. 157–222. Zitiert nach: http://www.russlanddeutscheges... [05.03.2026]
Von Anfang an war das Schulwesen stark konfessionell geprägt; die Dorfschule bereitete die Jugendlichen in erster Linie auf die Konfirmation beziehungsweise Firmung vor. Bei allen Unzulänglichkeiten konnten diese kirchlichen Schulen den meisten Kindern das Lesen beibringen; von den Knaben wurden zusätzlich Schreibfähigkeiten und Rechnen erwartet. Eine wichtige Rolle fiel dabei dem Küster zu, der in den russlanddeutschen Siedlungen die Funktionen eines Pfarrersgehilfen und Schulmeisters in einer Person ausübte. Da ein Kirchspiel oft mehrere Siedlungen umfasste, vertrat der Küster in den Filialgemeinden den Pastor, leitete den Gottesdienst, taufte Neugeborene, bestattete die Gestorbenen und erteilte den Kindern Konfirmations- bzw. Firmunterricht.
Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Bonn (bpb) 2015, S. 42
Gab es das Dargestellte in den Dorfschulen der deutschen Siedlungen? Antworte mit „ja“ oder „nein“.
Schulpflicht für alle Kinder
Bildnachweise
1. „education“ – sultan mohammed, MY (Public Domain), Quelle
2. „Photo by Damir Spanic on Unsplash“ – Damir Spanic (Public Domain), Quelle
3. „Photo by David Travis on Unsplash“ – David Travis (Public Domain), Quelle
4. „Photo by Kate Macate on Unsplash“ – Kate Macate (Public Domain), Quelle
5. „Science by Berkah Icon from the Noun Project“ – Berkah (Public Domain), Quelle
6. „Photo by Tingey Injury Law Firm on Unsplash“ – Tingey Injury Law Firm (Public Domain), Quelle
Erläutere den Zusammenhang von dörflichem Alltag, Kirche und Schule. Nutze dafür die Informationen aus den Elementen 6, 11, 12, 13, 15 und 22.
Dörfliches Leben im Museum
Die russischen Städte Engels und Marx liegen beide im Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen. Beide Städte besitzen Heimatmuseen, in denen das dörfliche Leben im 19. Jahrhundert anhand von Ausstellungsstücken nachvollziehbar gemacht wird. Das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) hat virtuelle Rundgänge aus beiden Museen erstellt, über die man die Ausstellungen besichtigen kann. Den Rundgang aus Engels findet man hier, den Rundgang aus Marx hier.
