2.1 Der lange Weg an die Wolga

In stabile Kisten wurde für eine lange Reise alles verpackt: Küchengeräte, Kleidung, wenig Wäsche und natürlich – eine Bibel

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Zwischen dem Rhein und der mittleren Wolga liegen über 3.000 Kilometer. Diese Entfernung bedeutete im 18. Jahrhundert mehrere Monate Reisezeit, und zwar durch teilweise völlig unerschlossene Gebiete ohne Straßen und Städte. Für die deutschen Auswanderer war das eine extrem gefährliche und allein kaum zu bewältigende Unternehmung. Unterstützt wurden sie dabei aber von russischen Beamten und Abgesandten der russischen Zarin. Die wollte sie als Siedler an der Wolga haben und ließ ihre lange Reise gut finanzieren und überwachen, denn die Auswanderer waren in ihren Augen vor allem eine Investition, die nicht umsonst gewesen sein sollte.

Nordrhein-Westfalen

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch
:

  • Sek. 1: Inhaltsfelder 3 a) und 3 b)
    Lebenswelten im Mittelalter
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    technische Innovationen, Kulturaustausch, Fernnetzwerke: 2.2)
  • Sek. 1: Inhaltsfeld 5
    Das „lange“ 19. Jahrhundert – politischer und wirtschaftlicher Wandel in Europa
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    wirtschaftliche, technologische, kulturelle Herausforderungen: 2.2)
  • Sek 2 GK/LK: Inhaltsfeld 4
    Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Modernisierung Bevölkerung, Technik, Arbeit: 2.2, 2.3)
  • Sek 2 GK/LK: Inhaltsfeld 6
    Nationalismus, Nationalstaat und deutsche Identität im 19. und 20. Jahrhundert
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Deutsche Frage: Deutschsein in Russland: 2.4)

Sachsen

Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch

  • Klasse 8, Lernbereich 1
    Die Vorstellungen des deutschen Bürgertums von Einheit und Freiheit
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Nationalismus: 2.4)
  • Klasse 8, Lernbereich 2
    Das Doppelgesicht des Fortschritts – Industrialisierung und die Folgen
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Regionalgeschichte, Migrationsbewegungen, wirtschaftlicher Aufstieg: 2.2, 2.3)
  • Klasse 8, Lernbereich 4
    Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Deutsche sollen Russen werden: 2.4)
  • Klasse 11/12 GK, Lernbereich 1
    Die Grundlegung einer modernen Gesellschaft in Wirtschaft und Politik in Deutschland
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Wirtschaft: 2.2)
  • Klasse 11 LK, Lernbereich 2
    Von der vorindustriellen zur Industriegesellschaft – internationale Entwicklungen und ihre Folgen
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Wirtschaft, Lebensformen der Siedler: 2.2, 2.3)

In diesem Kapitel vollziehen wir den Weg, den die deutschen Siedler in das Ansiedlungsgebiet an der Wolga nahmen, in seinen unterschiedlichen Etappen nach.

Übersicht Kapitelinhalte

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Die Reise nach Lübeck

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Im 18. Jahrhundert war die schnellste Art zu reisen immer noch per Schiff. Um auf dem Weg nach Russland zumindest einen Teil der Strecke mit dem Schiff zurücklegen zu können, musste man über die Ostsee reisen. Und der wichtigste deutsche Hafen an der Ostsee war damals Lübeck. Also zogen die deutschen Siedler mit ihren Lokatoren nach Lübeck. Hier warteten bereits deutsche Agenten, die im Auftrag der russischen Regierung Schiffe charterten, um die Auswanderer über die Ostsee nach Petersburg zu fahren. Der Zustrom in den Lübecker Hafen war aber bald so groß, dass die Auswanderer oft wochenlang warten mussten, bis sie eingeschifft werden konnten. Da sie in der gesamten Zeit ihrer Reise ja nicht arbeiten konnten, um sich ihr Geld zu verdienen, wurden sie in dieser Zeit von ihren Lokatoren mit Tagegeld versorgt.

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Die Stadt Lübeck in einem Stich aus dem 17. Jahrhundert

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In der zweiten Hälfte des 18. Jh. sind in Lübeck 40.000 Kolonisten durchgeschleust worden, die ein Aufruf Zarin Katharinas aus allen Gebieten Deutschlands, insbesondere Süddeutschlands, zur Ansiedlung in Russland mobilisiert hatte. [...] Allein im Mai des Jahres haben sich demnach ca. 6.000 Kolonisten in und um Lübeck aufgehalten.

Alexandra Kronberg, Lübeck als Sammelplatz deutscher Siedlerzüge nach Russland zu Ausgang des 18. Jahrhunderts. Wien 1944, zitiert nach https://bekanntmachungen.luebeck.de/dokumente/d/870/inline

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Bat mir zu Gnaden aus
Der Kaiserin zu dienen
Deßfalls war ich allda
Nach Rußland jetzt erschienen
Um diese Reis zu thun
Mit in das neue Land
Ich kam auch also gleich
In den Kolonistenstand.

Acht Schilling alle Tage
Bekam ich zu verzehren
Konnt gehen wo ich wollt
Hat mich an nichts zu kehren
So lebt ich 14 Tag
Ganz ruhig im Quartier
Allein da gings zu Schiff
Ein sehr betrübt Plamir

Da ward ein Jeder Mann
Mit Brofiant versehen
Und so nach Petersburg
Ins Schiff hinein zu gehen
Allein condrerer Wind
Macht uns die Reise schwer
Das Brofiant ging auf
Die Taschen wurden leer.

Sechs Wochen mußten wir
Die Wasserfahrt ausstehen
Angst, Elend, Hungersnoth
Täglich vor Augen sehen
Also daß wir zuletzt Salz–Wasser,
Schimmlich Brod
Zur Lebensunterhalt
Erhielten kaum zur Noth.

Bis diese Glücksstund kam
Oranienbaum zu sehen
Da thät ein jeder nun
Mit Freud vom Schiffe gehen
Quartierten 14 Tag
Uns in die Häuser ein
Von da nach Petersburg
Ja all zum Schiff hinein.

Bernhard Ludwig von Platen, Reisepoem, in: Annelore Braunschmidt (Hrsg.), Siedlernot und Dorfidyll, Kanonische Texte der Rußlanddeutschen, Berlin 1994, S. 11–19.

Ankunft in Russland

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Am Ende der Schiffspassage erreichten die Siedler Petersburg, die damals noch relativ junge Metropole an der Newamündung. Einige der Kolonisten hofften, sich bereits hier, in einer europäisch geprägten Großstadt, ansiedeln zu können, auch weil es in Petersburg bereits eine große deutsche Gemeinde gab (siehe Kapitel 1.2). Doch Katharina hatte andere Pläne mit ihnen: Sie wollte Bauern im Grenzgebiet, nicht Neubürger im Zentrum ihres Reiches. Die deutschen Auswanderer durften, als sie erstmalig russischen Boden betraten, den Treueid auf die Zarin leisten und blieben dann die gesamte Zeit, die sie in Petersburg verbrachten, unter strenger Beobachtung. Das Russische Reich hatte bereits viel Geld in diese Siedler investiert und wollte keinesfalls, dass sie sich unterwegs absetzten.

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Gemälde von Petersburg, 1753

Der Weg an die Wolga

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Solche Flussbarken transportierten die Siedler wolgaabwärts (Gemälde von Fjodor Alexandrowitsch Wassiljew, 1870).

Von Petersburg reisten die Siedler weiter teilweise über Land, dann wieder mit Schiffen die Wolga hinunter. Schließlich erreichten die Auswanderer nach oft monatelanger Reise das Gebiet, das ihnen zum Siedeln zugewiesen worden war. Es lag an der mittleren Wolga in Südrussland, im heutigen Oblast Saratow. Hier sollten sie sich auf beiden Seiten des breiten Flusses niederlassen und das Land, das größtenteils aus Wäldern und Steppe bestand, erst mal überhaupt bearbeitbar machen.

Die Neuankömmlinge mussten im Schnelldurchlauf lernen, mit den Verhältnissen in ihrer neuen Umgebung klarzukommen. Häuser mussten errichtet werden – erst einfache Erdhütten, um den ersten harten Winter zu überstehen, später Dörfer und Kirchen. Auch auf die anstehenden Aufgaben der Landwirtschaft war nicht jeder gleich gut vorbereitet. Die Siedlerzüge bestanden ja nicht nur aus Bauern, sondern auch aus Schneidern, Frisören und Töpfern. Auch wenn deren Fähigkeiten für die Siedler zweifellos nützlich waren, hieß es in der ersten Phase der Ankunft für alle: Bau dein eigenes Essen an.

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Die Wolga teilt das Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen in zwei Teile. Beide Seiten der Wolga unterscheiden sich dabei landschaftlich. Während das rechte, westliche Wolgaufer eher hügelig ist, ist das linke, östliche Ufer eher flach. Die Siedler machten daraus die 'Bergseite' (westlich der Wolga) und die 'Wiesenseite' (östlich der Wolga). Berg- und Wiesenseite sind wichtige Ortsbezeichnungen, die in Berichten über das Leben an der Wolga regelmäßig gebraucht werden. Sie werden dir in diesem Infoportal noch häufiger begegnen.

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Über diesen Link findest du eine Website, die dir das aktuelle Wetter in Saratow zeigt, im Zentrum des ursprünglichen Siedlungsgebiets der Russlanddeutschen.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

Die mittlere Wolga

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Das Siedlungsgebiet der deutschen Auswanderer lag an der mittleren Wolga in Südrussland. Die Region liegt heute im Oblast Saratow. Die Wolga ist hier etwa drei Kilometer breit, ihre Ufer sind auf der westlichen Seite hügelig (siehe Foto), auf der östlichen Seite flach.

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Bring die Etappen der Reise unten in die richtige Reihenfolge.

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Die von den Kolonisten versendeten Briefe bordeten über vor Glück und Zufriedenheit. Außer den niedrigen Preisen für Brot, Butter, Rind- und Schweinefleisch, Fisch und praktisch alle Lebensmittel, des Weiteren für Pferde, Kühe und Geflügel, wurden auch die günstigen klimatischen Bedingungen gepriesen, die sogar an „die warmen Provinzen in Frankreich“ erinnern sollten. Und die benachbarten Kalmücken, Kasachen und Russen seien „die friedlichsten und gutherzigsten Völker“.

György Dalos, Geschichte der Russlanddeutschen, München 2014, S. 16.

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So stellten sich die Nachgeborenen die Ankunft ihrer Vorfahren im Wolgagebiet vor. Gemälde aus dem Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold
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Die Wolgagegend [wurde] von den zahlreichen Agenten Russlands den Auswanderern in Wort und Schrift als ein wahres Paradies geschildert. In der Tat war aber das untere Wolgagebiet eine Wüstenei, die nur von wilden Nomaden und lichtscheuem Gesindel bewohnt wurde. Auf der Bergseite wirtschafteten in den dicht bewaldeten Schluchten und Gräben Wegelagerer und Seeräuber, die hauptsächlich aus den Kosakengebieten als Verbrecher hierher geflüchtet waren und hier Land- und Wasserstraßen von Kasan nach Astrachan unpassierbar machten. Im Süden herrschten über die jungfräuliche Steppe die Kalmücken, die die angrenzenden Dörfer und Städte bis nach Woronesch und Tambow hinauf in Furcht hielten und Zeit zu Zeit auch überfielen. Noch schlimmer sah es auf der Wiesenseite der Wolga aus. Dort wanderten die Kirgisen mit ihren Horden von Ort zu Ort und wehrten sich auf Tod und Leben gegen jeden Versuch der russischen Regierung, dort militärische Vorposten oder friedliche Bauernsiedlungen zu gründen. Dieses Gebiet sollte nun die Kolonisten besiedeln.

Volkszeitung vom 29. Juni 1914, zitiert nach: Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Bonn (bpb) 2015, S. 27

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AufgabeInformationen zusammenfassen und darüber nachdenken
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    Fasse den Weg der Siedler nach Russland mit eigenen Worten kurz zusammen.
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    Gib deren erste Erfahrungen in der neuen Heimat wider. War es ein „Paradies“?