4.2 Auf dem Weg zu sowjetischer Normalität?

Nach dem Krieg baute die Regierung der Sowjetunion neue Häuser in Konstantinowka, auch für Russlanddeutsche

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Kriegsende, Stalins Tod, Rehabilitation: Es schien, als sei der Weg nun frei, um aus den Russlanddeutschen normale Sowjetbürger zu machen. Die Sowjetunion war doch ein Vielvölkerstaat, in dem Platz für Russen, Ukrainer, Kasachen und Letten war. Würde hier auch Platz für Deutsche sein? Und würde dieser Platz vielleicht sogar in den alten Siedlungsgebieten liegen?

Nordrhein-Westfalen

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II, Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch
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  • Entwurf Sek II GK: Inhaltsfeld 5
    Etablierung der Nachkriegsordnung – 1945–1973
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Leben in der Sowjetunion: 4.1, 4.2, 4.3)
  • Entwurf Sek II LK: Inhaltsfeld 5
    Etablierung der Nachkriegsordnung – 1945-1973
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Leben in der Sowjetunion: 4.1, 4.2)
  • Sek II GK: Inhaltsfeld 7
    Friedensschlüsse und Ordnungen des Friedens in der Moderne
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Ost-West-Beziehungen, Leben in der Diktatur: 4.1, 4.2, 4.3)

Sachsen

Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch:

  • Klasse 9, Lernbereich 1
    Versuche der Zukunftsgestaltung in Europa nach dem Ersten Weltkrieg
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Wolgadeutsche Republik: 3.3,
    sowjetischer Kommunismus: 3.4,
    Stalin, Terror: 3.5)
  • Klasse 10, Lernbereich 1
    Längsschnitt: Beziehungen zwischen USA und UdSSR im 20. Jahrhundert
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs: 4.1, 4.2)
  • Klasse 10, Wahlbereich 2
    Alltagserfahrungen und Mentalitäten in beiden deutschen Staaten in den 70er Jahren
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Sowjetunion 60–70er Jahre: 4.2, 4.3)

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit der möglichen Rehabilitierung und Rückkehr der Russlanddeutschen und ihrer Religion und Kultur.

Übersicht Kapitelinhalte

Wie verändert sich das Leben der Russlanddeutschen?

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Handschriftübungen von Ella und Olga Morasch

Nach dem Tod des Diktators Stalin 1953 und mit der folgenden in der Sowjetunion verbesserte sich Stück für Stück auch das Leben der Russlanddeutschen. Dazu trug auch die wirtschaftliche Modernisierung des Landes in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Russlanddeutsche lebten nun in jenen neuen Gebieten Sibiriens, Kasachstans oder Kirgisistan, in die sie die Deportation verschlagen hatte. In ihrem Umfeld begegnete man ihnen einerseits mit Misstrauen, weil sie Deutsche waren und die Sowjetunion im Weltkrieg von Deutschland angegriffen worden war, andererseits wurden sie wegen ihrer Arbeitsamkeit und Verlässlichkeit auch immer mehr geschätzt. In der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik bemühten sich die kommunistischen Machthaber sogar um russlanddeutsche Bürger, weil sie deren Fähigkeiten bei der Gestaltung des Landes nutzen wollten.

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Im Jahr 1955 wurde im Altai-Gebiet die erste deutsche Zeitung nach dem Krieg zugelassen. Seit 1957 gab es eine landesweite deutschsprachige Wochenzeitung der Russlanddeutschen, 'Neues Leben'. Wie alle Veröffentlichungen oder kulturellen Veranstaltungen in der Sowjetunion wurde aber auch diese Zeitung kontrolliert und gezwungen, die staatliche Propaganda zu verbreiten. Zur Lockerung der Politik gegenüber den Russlanddeutschen gehörten zudem die Zulassung deutscher Rundfunksendungen, Theatervorführungen und die Erlaubnis zur Eröffnung kultureller Einrichtungen.

Sprache und Identität unter Druck

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In der Sowjetunion war es auch nach 1945 schwierig, deutsch zu sein. Eigene deutsche Schulen, Verlage oder Kultureinrichtungen durften die Russlanddeutschen nicht gründen und betreiben. Öffentliches Deutschsprechen war unerwünscht. Viele Familien gaben die Sprache bewusst nicht mehr an ihre Kinder weiter, weil sie sich und die Familie schützen wollten: Wer kein Deutsch sprach, fiel weniger auf. Und dennoch: In vielen Familien überlebte das Deutsche – als vertraute familiäre Sprache am Küchentisch, als Gebet, als Lied. Nach außen war das unsichtbar.

Nur der Ansatz einer Rehabilitierung

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Im Jahr 1964 erklärte die Sowjetregierung die Deportation offiziell für unrechtmäßig. Das war ein wichtiges symbolisches Signal. Aber die praktischen Konsequenzen blieben aus: Die Wolgarepublik wurde nicht wiederhergestellt, Entschädigungen gab es nicht, die Heimatgebiete blieben besiedelt von anderen Bevölkerungsgruppen und die Pflege der eigenen Kultur, Sprache und Geschichte blieb sehr schwierig.

Viele Russlanddeutsche stellten in den Folgejahren Petitionen an den Staat – mit Forderungen nach weiterer Rehabilitierung, oder um zumindest das Recht auf Ausreise zu erhalten. Diese Forderungen und Bitten wurden oftmals ignoriert, nicht selten sogar wieder mit geheimpolizeilicher Überwachung oder Schikanen beantwortet. Und doch hörten die Russlanddeutschen nicht damit auf.

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AufgabeInhalte zusammenfassen

Arbeite die Texte in den Elementen 1 bis 5 durch und fasse die Informationen stichwortartig zusammen.

Wer lebt mittlerweile wo? – Bevölkerungszahlen Russlanddeutscher in einzelnen Gebieten der Sowjetunion (1959)

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GebietAnzahl Russlanddeutscher
ASSR der Wolgadeutschen0
Gebiet Omsk105.728
ASSR Krimzur Ukraine gehörig
Region Ordschonikidse0
Gebiet Saratow3.379
Region Krasnodar0
Region Altai143.074
Gebiet Rostow0
Gebiet Stalingrad7.473
Gebiet Tscheljabinsk48.675
Gebiet Orenburg34.639
Gebiet Nowosibirsk78.769
Region Krasnojarsk66.733
Gebiet Kemerewo65.041
Gebiet Swerdlowsk53.137
Gebiet Perm38.928
Gebiet Tomsk21.152

Zusammengestellt nach https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Russlanddeutschen#cite_note-20.

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Hilda Diel (geb. Schmidt) berichtet über ihr eigenes Schicksal und das ihrer Familie in einem ungedruckten Buch, das sie „Sowjetisch-deutsche Frauen während des Großen Vaterländischen Krieges (1941–1945) im Hinterland“ betitelte.

„Wir wurden täglich beschimpft. Für alle Verluste an der Front wurden uns sowjetdeutschen Beleidigungen an den Kopf geworfen, als ob wir Schuld daran tragen. Den Russen werden Denkmäler errichtet, aber auf den Gebeinen der deutschen Arbeitsarmisten sind Betriebe gebaut worden, daß man nie erfahren kann, wieviele ihr Leben lassen mußten für das Vaterland.“

Archiv des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold, Akte 2021/243, Nr. 14

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  • zunächst „ewige Verbannung“ in den Verbannungsorten und ständige Sonderkommandantur; Drohung mit 20 Jahren Zwangsarbeit bei eigenmächtigem Verlassen der Verbannungsorte (1948)
  • keine Ausweispapiere für Russlanddeutsche, nur Deportierungsscheine, Kinder durften nur russische Kindereinrichtungen besuchen
  • Aushändigung von Pässen im März 1955
  • Aufhebung der Meldepflicht bei der Kommandantur im Dezember 1955
  • keine Rückgabe des entzogenen Vermögens
  • keine Rückkehrmöglichkeit in die ursprünglichen Siedlungsgebiete an der Wolga, in der Ukraine, auf der Krim usw.
  • fast vollständige Verweigerung einer Ausreise nach Deutschland (Ausnahme 1951: 1.721 Menschen durften ausreisen)

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

Russlanddeutscher Alltag in der Sowjetunion

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Die russlanddeutsche Familie Epp im Jahr 1987 bei einem Familientreffen in Kasachstan. Nach der Rehabilitation war ein Teil der Familie nach Moskau gezogen, der Rest in Kasachstan geblieben.

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Das folgende Zitat stammt aus einem Brief von Alexander und Amalia Mayer an das Zentralkomitee und das Präsidium des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 20. Oktober 1979. Sie verlangten mehr Autonomie für die Russlanddeutschen in Kasachstan und Kirgisistan. Sie wiesen dabei darauf hin, dass die Deutschen durch die Russen unter Katharina II gut aufgenommen worden seien, nun aber unter dem Nationalismus der Kasachen und Kirgisen litten.

„Am 19. Juni 1979 organisierten sich mehrere tausend Kasachen und skandierten antinationale Parolen vor dem Gebäude des regionalen Parteikomitees von Zelinograd, wodurch die Bewegung zur Schaffung einer Autonomie gestoppt wurde. [...] Mehr als die Hälfte der Sowjetdeutschen lebt noch immer gegen ihren Willen unter Kasachen und Kirgisen. Wir fordern die Wiederherstellung der Autonomie. [...] Die Kirgisen und Kasachen nahmen uns nur widerwillig, aber vorübergehend auf und wir bewiesen unsere Treue zum Vaterland im Hinterland und an der Arbeitsfront des Großen Vaterländischen Krieges von 1941-1945. [...] Partei und Regierung hoben den verleumderischen Erlass von 1941 zwar 1964 auf, doch die Urheber wurden nicht bestraft. Offensichtlich waren die meisten von ihnen, wie Hunderttausende Sowjetdeutsche, bereits verstorben. [...]“

Hinweis:
antinationale Parolen: Gemeint sind hier Parolen, die gegen die Deutschen gerichtet waren.

Archiv des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold, Akte 2021/243, Nr. 14

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Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 3. November 1972 über die Aufhebung der zuvor für bestimmte Bürgergruppen geltenden Beschränkungen der Wohnortwahl (handschriftlich kopiert):

„Die durch den Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 13. Dezember 1955 festgelegten Beschränkungen der Wohnortwahl für Deutsche und ihre Familienangehörigen, werden aufgehoben. [...]
Es muss erklärt werden, dass die Personen, für die die genannte Beschränkung galt, und ihre Familienangehörigen Bürger der UdSSR sind und wie alle sowjetischen Bürger das Recht genießen, ihren Wohnsitz innerhalb des gesamten Gebiets der UdSSR, gemäß den geltenden Gesetzen über Beschäftigung und die Passbestimmungen frei zu wählen.“

Archiv des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold, Akte 2021/243, Nr. 14.

„Mischehen“ unter Russlanddeutschen

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Die russlanddeutsche Gemeinde von Duschanbe 1975 bei einem Gottesdienst auf dem Friedhof. Der Gottesdienst selbst war nicht verboten, die Nutzung des Gebetsraums schon.

Podcast der Bundesstiftung Aufarbeitung zur Geschichte der Sowjetunion mit dem Historiker Jörg Baberowski

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Das Video zeigt Alexander Kühl, dessen Eltern von dem Deportationsbefehl 1941 betroffen waren und in den Ural gehen mussten. Er berichtet u. a. über die Langzeitfolgen der Deportation für die Kinder der Deportierten, die nach 1945 geboren wurden und in der Sowjetunion aufwuchsen.

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AufgabeUrteile fällen
  1. 1
    Sieh dir das Video oben an und beschreibe die Situation der Russlanddeutschen nach dem Krieg.
  2. 2
    Beurteile vor diesem Hintergrund die unvollständige Rehabilitation der Russlanddeutschen durch die Sowjetunion.

Religion im Untergrund

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„Религия — опиум для народа!“ (dt.: „Religion ist Opium des Volkes!“) Der Satz ist durch Karl Marx, den Vordenker des Sozialismus, berühmt geworden und prägte die Haltung und den Kampf der kommunistischen Regierungen gegen die Kirchen.

Auch nach dem Krieg und Stalins Tod blieb die Lage der verschiedenen Religionsgruppen im kommunistischen Staat sehr schwierig. Religionsfreiheit gab es in der Sowjetunion nicht wirklich. Während die russisch-orthodoxe Kirche mit ihren offiziellen Strukturen in einem staatlich kontrollierten Rahmen und unter strengen Auflagen Gottesdienste organisieren konnte, durften die katholischen sowie lutherischen und freikirchlichen Gemeinden der Russlanddeutschen öffentlich nicht in Erscheinung treten. Hinzu kamen die sozialen und beruflichen Nachteile, die offen gläubige Menschen in der religionsfeindlichen Gesellschaft der Sowjetunion zu erwarten hatten. Glaube musste so im Privaten und oft auch im Geheimen organisiert werden.

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Zu dem Bild im Abschnitt „Religion im Untergrund“ gibt es eine Erklärung im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold.
Sie lautet:
„Gemeindehaus
Unbekannte schmierten das Zitat “Religion ist Opium des Volkes„ an das baptistische Gemeindehaus in Romanovka. Religionsgemeinschaften waren der Repression schutzlos ausgesetzt. Es ließ sich nicht feststellen, ob die Täter in staatlichem Auftrag oder eigenständig handelten. Die Gemeinde registrierte sich erstmals 1947 gemäß den sowjetischen Gesetzen. Der Besitzer überließ der Gemeinde das Haus im Mai 1955. Die Gemeinde bestand Mitte der 1970er-Jahre zu 40 % aus Russlanddeutschen.“

Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold

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Der Religionslehrer und Mitarbeiter des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold, Heinrich Wiens, über die Bedeutung der Religion in der Zeit der sowjetischen Diktatur

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Sehr bekannter und oft genutzter Satz aus dem Lukas-Evangelium (Lk 24,29) der Bibel. Es ist eine einfache Bitte, die in der antireligiösen Umgebung der UdSSR für die gläubigen Russlanddeutschen eine hohe Bedeutung hatte. Versuche, den Satz zu lesen. Was fällt dir auf?
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Unten siehst du das Gerichtsurteil gegen Wiebe Otto Petrowitsch wegen „antisowjetischer mennonitischer Sektenaktivitäten“ (1963) – über die Klickpunkte erhältst du die deutsche Übersetzung des Textes.

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AufgabeOriginale Quellen untersuchen
  1. 1
    Überlege, warum das Gericht immer von der „mennonitischen Sekte“ sprach.
  2. 2
    Arbeite aus dem Dokument oben zwei Vorwürfe heraus, die das sowjetische Gericht dem Angeklagten Wiebe Otto machte.
  3. 3
    Leite aus den Vorwürfen und dem Urteil Rückschlüsse über das Verhältnis des sowjetischen Staats zu christlichen Religionsgemeinschaften ab.

Im Verborgenen

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Das Foto zeigt eine gemeinsame Bibelstunde in der Sowjetunion in den 1970er Jahren. Ein solches gemeinsames Studium der Bibel war verboten, weshalb das Treffen in einem Privatraum mit verhängten Fenstern stattfand.

Deutsches Kulturleben in der Sowjetunion: Ein Theater in Kasachstan

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Theaterplakat des deutschen Theaters in Kasachstan (1986): Seit 1979 existierte dort eine deutschsprachige Bühne – erst in der Stadt Temirtau (bei Karaganda), später in Alma Ata (heute: Almaty), der Hauptstadt der Kasachischen SSR.

Die Vielschichtigkeit innerhalb der Sowjetunion

Beispiel 1: Jakob Hering – Aufstieg durch Assimilation

Aufnahme des Kulturhauses der Kolchose Jakob Herings.

1 / 201932 · Geburt

Jakob Hering wurde am 29. Februar 1932 in Katharinenfeld, später Luxemburg, heute Bolnissi, in Georgien geboren.

Beispiel 2: Jakob Wedel – Anerkennung durch staatstreue Kunst

Jakob Wedel mit der Hauskuh der Familie in Bergtal, um 1950.

1 / 111931 · Geburt

Jakob Wedel wurde 1931 in Bergtal in Kirgisistan geboren.

Jakob Wedels Kunst

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Der Erfolg des jungen Hirten, 1966

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Ausschnitt aus der Bronzeplastik „Der Leidensweg“, 1989–1991

Drei weitere Beispiele: Nichts wie raus! Russlanddeutsche Ausreisewünsche

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Rosalia Prozel hat viele Jahre um ihre Ausreise gekämpft, Anträge gestellt und Bitten an die Behörden gerichtet. Sie schreibt 1968:

„Vier weitere Monate zogen ins Land. Inzwischen hatte ich meine Hoffnung auf eine positive Bearbeitung meiner Angelegenheit seitens der Behörde in Duschanbe und Moskau aufgegeben.
Doch eines Tages rührte sich etwas. Meine Mutter kam mit einer mir zunächst unbekannten Dame auf meine Arbeitsstelle. Für mich sei ein Telegramm aus Moskau gekommen, und ich hätte es telegraphisch zu beantworten.
Die Dame war von der Paßstelle, wohin ich im Anschluss mußte. Ich wurde von einem Major bereits erwartet. Er brüllte mich an: 'Was wollten Sie in Moskau? Träumen Sie immer noch von der Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft?'
Mit solchen Worten legte er mir ein Formular zwecks Unterschrift vor. Ich solle bestätigen, daß ich jetzt auf den Austritt verzichte. Ich beherrschte mich und erklärte, daß man in Moskau meine Gesuche zur Kenntnis genommen habe: 'Darf ich sehen, was die aus Moskau schreiben?' 'Da!' - Er fertigte eine Kopie für mich, die ich kurz mit dem Original aus Moskau verglich. Dann bestätigte ich den Erhalt der Nachricht. Ich konnte es nicht fassen und glaubte zu träumen. Man hatte uns tatsächlich aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft freigegeben und wir durften auf unsere Pässe warten.“

Rosalia Prozel, Weisser Tee. Odyssee einer Russlanddeutschen. Erinnerungen, Stuttgart 1993, S. 122.

An den Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjet der UdSSR Genosse Podgorny N.W.

ERKLÄRUNG

Ich, Ruppel Friedrich Friedrichowitsch, geb. 1923, gebürtig aus dem Dorf Erlenbach, Rayon Kamyschin, Gebiet Saratow, Deutscher, und meine Ehefrau, Ruppel Antonia Iwanowna, geb. 1931, gebürtig aus dem Dorf Moisejewka, Rayon Schipunowski, Region Altai, Russin, beantragen hiermit für uns und für unsere Kinder:

den Sohn Ruppel Alexander Friedrichowitsch, geb. 1953
die Tochter Ruppel Lidia Friedrichowna, geb. 1956
die Tochter Ruppel Olga Friedrichowna, geb. 1961

die Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft mit folgender Begründung:

I. Verhaftungen, rücksichtslose Behandlung, Aussiedlungen, Repressalien gegen mich und gegen fast alle meinen nahen Angehörigen. [...]

II. Empörung über Repressalien, über pauschale Erniedrigungen und Beleidigungen, unter denen die Bürger sowjetdeutscher Nationalität in der Vergangenheit zu leiden hatten. [...]

III. Man könnte mir vorwerfen, dass ich mit allen meinen Gefühlen zu sehr in der Vergangenheit steckengeblieben bin, dass ich mich förmlich in meinem Kummer vergraben habe und nichts anderes sehen will, obwohl heute doch alles beseitigt sei [d.h. Verbrechen und Willkür der Stalinzeit]. Darin mag sogar ein Körnchen Wahrheit stecken.

DERJENIGE, DESSEN MUTTER MAN ERMORDET, DESSEN ANGEHÖRIGE MAN FAST VÖLLIG AUSGEROTTET, DESSEN VOLK MAN GEQUÄLT UND VERNICHTET HAT, DER KANN SEHR SCHWER, DER KANN UNMÖGLICH VERGESSEN! [Hervorhebung im Text].

Es ist schon richtig, dass vieles sich gebessert hat, es wird offiziell zugegeben, dass die Anschuldigungen gegen Sowjetdeutsche, Beihilfe dem deutschen Faschismus geleistet zu haben, einfach falsch waren. Die [Sonder]kommandanturen wurden aufgelöst, die Bewegungsfreiheit innerhalb des Landes ist wiederhergestellt, aufgehoben ist auch das Verbot, sich in größere Städte niederzulassen. Aber kann deshalb behauptet werden, dass wir, die Sowjetdeutschen, heute als gleichberechtigte Bürger unseres Landes gelten, wenn schon nicht in der Praxis, so doch wenigstens formal?

MEINE ANTWORT LAUTET: NEIN! [Hervorhebung im Text]

25 Jahre sind seitdem vergangen, aber immer noch wird den Sowjetdeutschen die nationale Staatlichkeit, die Wiederherstellung der ehemaligen ASSR der Wolgadeutschen verweigert. Es gibt eine Tendenz, die Bedeutung des Rechtes der Nationen auf Autonomie herabzusetzen. Oft werden die Menschen, die offen für die Wiederherstellung der früheren ASSRdWD eintreten, als Nationalisten beschimpft, man droht ihnen mit allen möglichen Unannehmlichkeiten. [...]

Nach der Auflösung der Sonderkommandanturen musste jeder von uns eine Erklärung unterschreiben, dass wir unterrichtet wurden darüber, dass es uns ausdrücklich verboten ist, in Gegenden niederzulassen, aus denen wir ausgesiedelt wurden. Bis heute habe ich weder etwas gehört, noch gelesen, dass auf eine Änderung dieses Erlasses etwas schließen ließ. Andere, zu Unrecht repressierten Nationalitäten, haben ihre ursprünglichen Rechten vollständig wiedererlangt. Diese Tatsache unterstreicht nur zu deutlich den Unwillen, die Rechte der Sowjetdeutschen ernsthaft zu berücksichtigen. Und dabei wäre für uns eine vollständige Wiederherstellung unserer Rechte noch wichtiger als für andere Volksgruppen.

Der Krieg hat tiefe Wunden in den Seelen der Völker unseres Landes hinterlassen. Deshalb ist es auch ganz natürlich, dass alles, was in irgendeinem Zusammenhang mit dem Wort „Deutscher“ steht, bei vielen Menschen unfreundliche Gefühle, ja sogar offenen Hass hervorruft. Dabei sind diese Menschen oft nicht geneigt, zwischen dem deutschen Volk und den verbrecherischen Führungsschichten zu unterscheiden, und zählen auch jeden Sowjetdeutschen zu ihren persönlichen Feinden. Unsere Presse, Rundfunk, die Filmbranche und das Fernsehen verstärken noch diese Gefühle, indem sie die Deutschen meistens als grausam, beschränkt, als eine Art Untermenschen zeigen. Der Eindruck, der dabei über die Deutschen entsteht, ist der eines Volkes von Mördern, bei dem die Ursache aller Leiden und Entbehrungen zu suchen ist.

Selbstverständlich müssen die Machenschaften von grausamen Fanatikern und Henkern aufgedeckt werden. Aber dann drängt sich folgende Frage auf:
Wo sind denn Filme und Bücher über diejenigen zu finden, die im Jahre 1937 völlig grundlos massenweise Menschen in Gefängnisse geworfen, sie bei Verhören gefoltert, Kinder ihren Eltern entrissen haben und schuldig am Tod von Millionen Menschen sind?

Denn dies alles geschah vor Beginn des Vaterländischen Krieges [...]

Aber wer und wo befasst sich bei uns mit der Aufdeckung von Verbrechern, die in den Jahren 1937–1938 unzähligen Menschen ermordet haben?

Wo erfahre ich, wer meine Mutter umgebracht hat, wer für das traurige Los meiner ganzen Familie verantwortlich ist?

[…] Leider habe ich mich davon überzeugen müssen, dass unsere Regierung gar nicht die Absicht hat, unser Problem zu lösen. Tatsächlich bin ich nur zur Hälfte der Bürger unseres Landes.

IV. Meine Frau und ich sind gläubige Menschen.

In dem Nachschlagwerk „Das Staatsrecht in der UdSSR“ steht [...] „In der UdSSR wird die Freiheit der Religionsausübung, der religiösen Vereinigungen und Kirchen aller Glaubensrichtungen garantiert. Innerhalb der vom Gesetz festgelegten Grenzen haben die Bürger das Recht, einzeln oder in Gemeinschaft mit ihren Gleichgesinnten ungehindert die Rituale und Zeremonien, die ihrer religiösen Überzeugung entsprechen, zu verrichten.“

Für uns Sowjetdeutsche sind diese Rechte praktisch nicht vorhanden. Wegen der Zersplitterung unserer Bevölkerung ist es nicht möglich, den Bau von Kirchen, die einigermaßen ihrer Bestimmung entsprechen würden, zu organisieren, oder Menschen zu unterhalten, die fähig wären, religiöse Zeremonien durchzuführen und uns in Glaubensfragen aufzuklären. Im Endergebnis werden wir oft Opfer von Abenteurern oder Ignoranten. Diese hier von mir dargelegten Überlegungen haben mich und meine Familie zu dem Entschluss geführt, die sowjetische Staatsbürgerschaft abzulegen, um die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes erwerben zu können, das bereit wäre, uns aufzunehmen. […]

Seit drei Jahren ersuchen wir in dieser Frage, doch bisher haben wir keine Antwort von Ihnen erhalten. Aus diesem Grund richten wir erneut die Bitte an Sie, unser Anliegen gewissenhaft zu prüfen und die Entscheidung zu beschleunigen.

Mit Ungeduld warten wir auf eine positive Antwort
Hochachtungsvoll
März 1971

Eheleute Ruppel

Dokument 1.12: Antrag der Eheleute Ruppel für den Austritt aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft, aus "Re Patria", 1974, https://www.bpb.de/themen/... [08.04.2026]

An das Innenministerium der Estnischen SSR,
Lai tänav, Tallinn,
Abteilung für Visa und Registrierung (OWIR)

vom Bürger Damm, Jakob Kondratjewitsch, geb. 1938, Deutscher, wohnhaft: Estnische SSR, Jögeva, Nöukogude Str. 9, Wg. 31.

ANTRAG

Ich und meine Familie wenden uns mit der Bitte an Sie, uns die Ausreise in unsere historische Heimat – Deutschland – zu gestatten. Ein Verzeichnis der Deutschen, die nach Deutschland auszureisen wünschen, wurde der Regierung am 18. Mai 1973 überreicht. Die Antwort blieb jedoch bis heute aus. Unser Ersuchen wird von uns damit begründet, dass für die Deutschen in der Sowjetunion [als Nationalität] keine Existenzmöglichkeiten bestehen. Die in der Sowjetunion ansässigen Deutschen sind, was ihre Bevölkerungszahl betrifft, nicht die kleinste Volksgruppe, sondern es gibt Völkerschaften mit einer weit geringeren Bevölkerungszahl. Diese werden jedoch als Nation anerkannt. Sie haben eine [Unions]republik oder eine Autonomie [d.h. autonome Republik], wo sie ihre Regierungen, ihre Universitäten, höhere Lehranstalten, Schulen, Klubs, Theater, Kindergärten und -krippen haben. In ihrer Muttersprache erscheinen Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, werden Fernsehen- und Radiosendungen ausgestrahlt usw. Die Deutschen in der Sowjetunion haben jedoch Garnichts, sie sind es nicht einmal wert, irgendwo erwähnt zu werden.

Wir haben, so gab die [Zentral]Regierung der Abordnung der Deutschen zur Antwort, kein Territorium, was so viel bedeutet, dass es für uns in der Sowjetunion nichts gibt. Es fehlt uns nicht nur an [eigener] Regierung, sondern sogar an Grundschule, in der unsere Kinder die Möglichkeit hätten, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Es scheint, dass wir es nicht verdient haben. Andererseits aber, laut Äußerungen beim Empfang der deutschen Abordnung durch die [Zentral]Regierung, erkennt man die Deutschen als fleißige und gewissenhafte Arbeiter an, der Anteil Straffälliger unter ihnen ist am geringsten usw.

Worin besteht da die Logik: an der Arbeitsfront gelten wir als gute Werktätige, wenn es sich jedoch um unsere nationalen Rechte handelt, stellt es sich heraus, dass solche für die Deutschen nicht existieren. Es drängt sich die Frage auf – wie soll es weitergehen, was erwartet uns, Deutsche der [Sowjet]Union, in der Zukunft? Die Schlussfolgerung ist klar: Assimilation. Aber warum? Wer und mit welchem Recht nahm uns alles, worauf alle Völker der Welt ein Anrecht haben? Und warum sollen wir aussterben [als Volk mit eigener Sprache und Kultur], in dem wir in anderen [Völkern] aufgehen werden? Wodurch sind wir schlechter als die Anderen? Wenn es sich vorrangig um das Territorium handelt, so erlauben Sie allen, die es wünschen, nach Deutschland zu übersiedeln. Ich und meine Familie erwarten mit großer Hoffnung einen positiven Bescheid auf unsere Bitte.

15. August 1973

DAMM J.K.

Dokument 1.13: Die Begründung des Auswanderungsbegehrens durch den Bürger Jakob Damm, aus "Re Patria", 1974, https://www.bpb.de/themen/... [08.04.2026]

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Demonstranten fordern in der Bundesrepublik die Ausreise russlanddeutscher Verwandter aus der Sowjetunion (vor 1985).

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AufgabeVergleichen: Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Beurteilungen
  1. 1
    Die drei Beispiele von Ausreisewünschen (Element 29) zeigen ein vielschichtiges Bild von der Situation der russlanddeutschen Sowjetbürger. Beschreibt diese Vielschichtigkeit in eigenen Worten.
  2. 2
    Vergleicht die Situation der russlanddeutschen Sowjetbürger mit eurer Situation:
    • Stellt Gemeinsamkeiten des Lebens fest.
    • Benennt Unterschiede zwischen eurer und der Lebenssituation der damaligen Russlanddeutschen.
    • Beurteilt die jeweiligen Lebenssituationen.