3.2 Die Baltendeutschen: Von zwei Nationalismen bedrängt
Ausgesiedelte Deutsch-Balten in einem Lager in der von der Wehrmacht besetzten Stadt Posen: Opfer des Hitler-Stalin-Pakts von 1939
Die Deutschen in den baltischen Ländern gerieten mit dem Aufkommen des übersteigerten, aggressiven Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend unter Druck. Schon das russische Zarenreich hatte die Deutschen in diesen Gegenden im 19. Jahrhundert zu Russen machen wollen. Im 20. Jahrhundert wurde ihr Leben dann durch die imperiale Aufteilungspolitik von Hitler und Stalin gänzlich vernichtet. Sie wurden zu Umsiedlern, eigentlich Flüchtlingen.
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Sek. I: Inhaltsfeld 6
Imperialismus und Erster Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
übersteigerter und zunehmend aggressiver werdender Nationalismus: 2.4, 3.1) - Sek. I: Inhaltsfeld 8
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Gewalt: 3.5) - Entwurf Sek. II GK: Inhaltsfeld 3
Dimensionen der Moderne
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
politische Systeme: 2.4, Erster Weltkrieg: 3.1) - Entwurf Sek. II, Einführungsphase: Inhaltsfeld 2
China und Russland (Sowjetunion) im 20. Jahrhundert
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Kommunismus in Russland/Sowjetunion, Stalin: 3.1, 3.3, 3.4) - Entwurf Sek. II GK: Inhaltsfeld 4
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Zwischen den Diktaturen, Deportation 1941: 3.4, 3.5) - Entwurf Sek II LK: Inhaltsfeld 4
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Repressionen, Zwangsarbeit in der UdSSR: 3.5) - Sek II GK: Inhaltsfeld 4
Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Erster Weltkrieg: 3.1) - Sek II GK/LK: Inhaltsfeld 5
Die Zeit des Nationalsozialismus – Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Ideologie, Diktatur, Vernichtungskrieg, Völkermord mit Blick auf die UdSSR: 3.2, 3.4, 3.5)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 8, Lernbereich 4
Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Deutsche sollen Russen werden: 2.4) - Klasse 8, Lernbereich 4
Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Russlanddeutsche im Ersten Weltkrieg: 3.1) - Klasse 12 LK, Wahlbereich 1
Völkerrecht und Kriegsführung
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Terror und Deportation: 3.5)
Dieses Kapitel beschreibt die schwierige Situation, in die die Baltendeutschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerieten, zum einen durch die Russifizierungspolitik Alexanders, zum anderen das erwachende Nationalgefühl der Letten und Esten.
Übersicht Kapitelinhalte
Von zwei Nationalismen bedrängt

Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alexander_II_of_Russia_photo.jpg?uselang=de · PD
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde den Baltendeutschen dann der erwachende Nationalismus gefährlich.
Einerseits setzte mit dem Beginn der Reformen Alexanders II. eine Russifizierungspolitik im Zarenreich ein. Deren Ziel war u. a. ein Abbau der Privilegien von Minderheiten wie etwa der Baltendeutschen. 1887 wurde im Baltikum Russisch als Amtssprache verordnet. An der Universität Dorpat durfte von nun an nur noch in russischer Sprache gelehrt werden. Dies stellte viele Baltendeutsche vor große Probleme, da sie die Sprache nur schlecht beherrschten. Sie verloren deshalb oft ihre Posten im Bildungs- und Beamtenwesen. Auch förderte das Zarenreich den Zuzug von Russen in die baltischen Städte. Hier waren die Deutschen bisher noch in der Mehrheit gewesen, was sich nun änderte.

Urheber: G. Mamberg/Estnische Provisorische Regierung · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:EstRcrtPstr1918.jpg&oldid=869443726 · PD
Aber auch bei den Letten und Esten erwachte das Nationalgefühl. Die im 19. Jahrhundert aufkommende Idee, dass jedes Volk einen eigenen Staat verdiene und benötige, fand im Baltikum viele Anhänger. Jahrhundertelang hatten Einheimische auf deutschen Landgütern geschuftet. Sie hatten aber nie die Möglichkeit gehabt, politische und wirtschaftliche Machtpositionen zu erringen. Das wollten viele Esten und Letten nun schleunigst ändern.
Nach dem Ersten Weltkrieg sahen sie ihre Chance: Russland war in Revolution und Bürgerkrieg verstrickt. So erklärten sich Lettland und Estland 1918 unabhängig. Sie mussten für diese Unabhängigkeit aber noch zwei Jahre kämpfen. In den neu gegründeten Republiken Estland und Lettland war es mit der deutschen Vormachtstellung endgültig vorbei. Denn eine Bevölkerung, die zu über 90 % aus Esten oder Letten bestand, wählte sich natürlich keine deutsche Regierung. Die politische Führung wurde von Esten und Letten übernommen und die deutschbaltischen Landgüter wurden in Landreformen aufgeteilt und an lettische und estnische Bauern verteilt.
Hier gibt es eine Liste von Baltendeutschen. Vielleicht sind ja Vorfahren dabei...?
Unabhängigkeit




Die Verfassungsgebende Versammlung Estlands am 23. April 1919. Sie beschloss unter anderem eine Landreform, bei der ein Großteil des von Baltendeutschen besessenen Landes enteignet und an estnische Kleinbauern verteilt wurde. Die Baltendeutschen verloren dadurch die Basis ihres Wohlstandes. Die Esten kamen zum ersten Mal im großen Stil in den Besitz von eigenem Land.
Dies ist ein Porträt von Jaan Tõnisson (1868-1940), dem ersten estnischen Ministerpräsidenten.
Diese Briefmarke von 2001 zeigt Karlis Ulmanis (1877-1942), den ersten lettischen Ministerpräsidenten.
Im lettischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Sowjetunion kämpften auch deutsche Truppen. Einer ihrer Kommandeure war Rüdiger von der Goltz (1865-1946). Er war ein deutscher Nationalist, der hoffte, das Baltikum an das Deutsche Reich anschließen zu können. Die Rolle der deutschen Truppen war zwiespältig (siehe Darstellung 3). Sie waren aber maßgeblich an der Vertreibung der Roten Armee aus Lettland beteiligt.
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:EstConstAssmb.jpg&oldid=848351513 · PD
Urheber: SA Virumaa Muuseumid · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Jaan_Tõnisson,_RM_F_1391-5.jpg&oldid=65637442 · PD
Urheber: Bearbeitet von Andrei Sdobnikov · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Latvia_stamp_K.Ulmanis_2001_15l.jpg · PD
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:RvonderGoltz.jpg&oldid=992643690 · PD
Als sich Estland und Lettland Anfang 1918 unabhängig erklärten, wollte Sowjetrussland das nicht akzeptieren und marschierte im Baltikum ein. Das führte zunächst zu einem großen Durcheinander, denn zu diesem Zeitpunkt befanden sich dort noch Truppen des Deutschen Reiches, die das Baltikum gegen Ende des Ersten Weltkriegs besetzt hatten. Esten und Letten, deutsche Truppen und die Deutschbalten nahmen den Widerstand gegen die Sowjetunion auf. Sie hatten dabei aber unterschiedliche Ziele: Esten und Letten wollten ihre Regierungen verteidigen, die Deutschen aber wollten das Baltikum an das Deutsche Reich anschließen, oder zumindest eine von Deutschbalten geführte Regierung durchsetzen.
Am 16. April 1919 besetzten deutschbaltische Truppen die Stadt Libau, den Sitz der lettischen Regierung. Sie fielen also den Letten in den Rücken. Die Deutschbalten stellten eine eigene Regierung auf und versuchten, den lettischen Ministerpräsidenten Karlis Ulmanis, der auf ein Schiff im Hafen geflohen war, dazu zu zwingen, diese anzuerkennen. Der weigerte sich. Ab diesem Zeitpunkt gab es im lettischen Unabhängigkeitskrieg drei Parteien: die Sowjets, die Letten und die Baltendeutschen. Sie alle kämpften gegeneinander.
Im Sommer 1919 wurden die baltendeutschen Truppen von den Letten mit Unterstützung der zu Hilfe geeilten estnischen Armee in der Schlacht bei Cesis (deutsch: Wenden) geschlagen. Der deutsche Putschversuch war gescheitert. Als dann Anfang 1920 die erschöpften sowjetischen Truppen einen Waffenstillstand unterzeichneten, war der Weg zur lettischen Unabhängigkeit frei.
Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten
- 1Lies dir die Darstellung „Hoch gepokert und verloren ...“ in Element 6 durch.
- 2Benenne Gründe für das Verhalten der Baltendeutschen:
- 2.1Warum kämpften sie erst auf Seiten der Letten?
- 2.2Warum fielen sie ihnen später in den Rücken?
- 2.1
- 3Stell dir vor, du wärst der lettische Präsident im Jahr 1920.
Verfasse eine Rede, in der du dich nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges an das lettische Volk wendest. Beschreibe in deiner Rede- deine Vorstellung von der Zukunft Lettlands und
- die zukünftige Rolle der Baltendeutschen in der lettischen Gesellschaft.
Von Deutschland erzwungener Auszug – das Ende der Deutschen im Baltikum

Urheber: Bundesarchiv Bild 137 051843 · CC BY-SA 3.0
Trotz des Verlustes ihrer alten Privilegien und gesellschaftlichen Machtpositionen blieb die Situation für die Deutsch-Balten in Lettland und Estland zunächst durchaus erträglich. In den neuen Regierungen gab es immer wieder auch deutsch-baltische Minister. Sie erkannten die Deutschen als nationale Minderheit an und gewährten ihnen ein gewisses Maß an kultureller Eigenständigkeit. So durften die Deutschen eigene Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache eröffnen und betreiben.
Das Ende der Deutschen im Baltikum wurde später nicht von Letten oder Esten, sondern von Deutschen besiegelt. 1939 teilten Hitler und Stalin in geheimen Verhandlungen Osteuropa untereinander auf. In diesem sogenannten sollte das gesamte Baltikum an die Sowjetunion fallen. Was sollte aber dann mit den Deutsch-Balten geschehen? Die Nationalsozialisten planten, die Deutschbalten auszusiedeln und in den neu eroberten polnischen Gebieten anzusiedeln. Das Programm nannte sich „Heim ins Reich“, obwohl die Deutschbalten weder in ihre Heimat (die lag ja seit Jahrhunderten in Lettland und Estland) noch ins Gebiet des Vorkriegsdeutschenland geholt wurden, sondern vielmehr in eroberte polnische Gebiete gehen sollten.

Urheber: Hajotthu · https://de.wikipedia.org/wiki/Umsiedlung_der_Deutsch-Balten#/media/Datei:Einbürgerungsurkunde–Einwandererzentralstelle_Nord-Ost_Zweigstelle_Lodz.jpg · PD
Um dieser Umsiedlung den Anschein der Freiwilligkeit zu geben, wurde massiver Druck auf die Deutschbalten ausgeübt, ihre lettische oder estnische Staatsbürgerschaft aufzugeben und die deutsche zu beantragen. Letztendlich wurden so über 60.000 Deutschbalten unter großem Druck umgesiedelt; eine über 700 Jahre alte Geschichte der Deutschen im Baltikum wurde von den Nationalsozialisten beendet. Wer dies allerdings nicht wollte, dem drohten die Nationalsozialisten mit dem Verlust der Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Die meisten Deutsch-Balten entschieden sich für die Auswanderung. Die wenigen Übriggebliebenen flohen entweder 1944, als die Rote Armee das Baltikum nach dem Rückzug der deutschen Wehrmacht erneut eroberte, oder sie wurden später von Stalin nach Sibirien deportiert.

Eine Zeitzeugin berichtet über die Aussiedlung der Baltendeutschen und das erzwungene neue Leben in Gotenhafen (heute Gdynia) in der Nähe Danzigs.
Umsiedlung




Hier siehst du eine Karte der Umsiedlungspläne, die die Nationalsozialisten für die Baltendeutschen hatten: Ein Teil der Menschen wurde über Stettin ins Deutsche Reich gebracht und dort angesiedelt (linker Pfeil). Ein anderer Teil wurde über Danzig in die frisch eroberten Teile Polens gebracht ('Wartheland') und dort angesiedelt.
Auf diesem Bild von 1939 sind Deutschbalten zu sehen, die in Stettin von Bord ihres Umsiedlungsschiffs gehen.
Diese bereits früher im Kapitel gezeigte Aufnahme zeigt Baltendeutsche bei der Ankunft in einem sogenannten Baltenlager im polnischen Posen. Von dort aus wurden sie auf die eroberten Gebiete verteilt.
Hier besichtigt eine baltendeutsche Familie 1939 ihr neues Haus im 'Warthegau'. Bis vor wenigen Monaten hatten hier noch Polen gelebt, die entweder vor der Wehrmacht geflohen oder von den Deutschen vertrieben worden waren.
Die Familie konnte sich nicht lange einleben: Etwa fünf Jahre später eroberte die Rote Armee Polen und zwang die dorthin umgesiedelten Deutschen zur Flucht nach Westen.
Urheber: Bogner · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Bundesarchiv_Bild_137-066679,_Karte_zur_Umsiedlung_Baltendeutscher.jpg&oldid=954923385 · CC BY-SA 3.0
Urheber: Geiges, Leif · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Bundesarchiv_Bild_137-054452,_Stettin,_Ankunft_von_Umsiedlern.jpg&oldid=838224963 · CC BY-SA 3.0
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Bundesarchiv_Bild_137-051843,_Posen,_Umsiedlung,_Baltenlager.jpg&oldid=838224932 · CC BY-SA 3.0
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Bundesarchiv_Bild_183-E12315,_Warthegau,_Baltendeutsche_Umsiedler.jpg&oldid=838385082 · CC BY-SA 3.0
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