7.1 Diktatur in DDR und Sowjetunion: Ein Vergleich
Militärparaden, Antreten in Reih und Glied, Befehl und Gehorsam – das gab es in der DDR und der Sowjetunion. Aber gab es auch Unterschiede? Welche waren das? Was war also gleich, was war unterschiedlich? In diesem Kapitel erfährst du es.
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 10, Wahlbereich 3
Alltagserfahrungen und Mentalitäten zur Zeit der Friedlichen Revolution und im geeinten Deutschland
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Rückwanderung Russlanddeutscher nach Deutschland: 5.1, 5.2, 8.1, 8.2, 8.3, 8.4, 8.5)
In diesem Kapitel betrachten wir die beiden Diktaturen der DDR und der Sowjetunion und wie sich die Menschen darin bewegen konnten.
Übersicht Kapitelinhalte
Diktatur in der DDR und der Sowjetunion: Gab es da Unterschiede?
DDR-Erfahrung und Sowjetunion-Erfahrung waren für die Menschen, die in diesen Staaten lebten, durchaus unterschiedlich, obwohl beide Staaten Diktaturen waren. Man kann sogar sagen, sie waren verwandt und doch grundverschieden. Auf den ersten Blick scheinen die Erfahrungen vergleichbar:
- Ostdeutsche und Russlanddeutsche lebten in einer sozialistischen Diktatur.
- Sie waren da wie dort einem Überwachungsstaat ausgesetzt.
- Sie mussten sich zwischen Anpassung und Widerstand entscheiden.
- Die Erfahrung der Unfreiheit prägte die Familien.
Die Dauer, die Tiefe und die Art der Diktaturerfahrung aber waren sehr unterschiedlich. Auch das Ende der Diktatur und die Zeit danach waren für beide Gruppen sehr unterschiedlich.
DDR: „Geborgenheit und Unfreiheit“

Urheber: Brück & Sohn Kunstverlag Meißen · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Hauptstraße,_Dresden-Innere_Neustadt?uselang=de#/media/File:30282-Dresden-1981-Straße_der_Befreiung_4-teilig-Brück_&_Sohn_Kunstverlag.jpg · CC BY-SA 3.0
Die DDR funktionierte nicht als harter Unterdrückungsstaat, obwohl sie auch das war. Klingt widersprüchlich? Ist es nicht. Neben dem Zwang durch Geheimdienste, Polizei, Grenztruppen und Parteikader bemühten sich die Machthaber der DDR auch, die Menschen anders auf ihre Seite zu ziehen – durch soziale Leistungen, niedrige Preise, viele kostenlose Angebote für Kinder und Familien und die Einfachheit des alltäglichen Lebens.
Wenn beispielsweise Geschäfte und Einrichtungen immer an derselben Stelle zu finden sind und auf die gleiche, bekannte Weise funktionieren, wenn die Krankenversicherung Menschen nie mit Briefen und langen Formularen belästigt, wenn man immer dasselbe Arbeitsumfeld und die gleichen Arbeitsabläufe vorfindet, dann führt das zu einem Gefühl der Verlässlichkeit und Übersichtlichkeit. Solche Erfahrungen finden Menschen gut. Daraus folgt Zustimmung. Übersichtlichkeit, Sicherheit und Geborgenheit waren daher die eigentlichen Argumente der sozialistischen Diktatur, mit denen sie um Zustimmung warb.

Urheber: Heinz-Josef Lücking · https://de.wikipedia.org/wiki/Gedenkstätte_Bautzner_Straße_Dresden#/media/Datei:Gedenkstätte_Bautzner_Straße_Dresden_-_Arrestzelle.JPG · CC BY-SA 3.0
Unter solchen Bedingungen können Menschen durchaus ein zufriedenes Leben führen. Aber sie schließen einen Pakt mit dem Teufel, denn sie müssen für die Angebote des Staates seinen Machtanspruch akzeptieren. Sie dürfen also nicht gegen seine Macht opponieren, eigene Wege gehen wollen, anderer Meinung sein. Und die meisten Menschen wissen dann auch, dass sie moralisch verwerflich handeln, wenn sie ihre Unterwerfung und ihr Wegschauen gegen Vergünstigungen eintauschen. Die schweigende oder aktive Zustimmung belohnt das System auch mit Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten – etwa im Schrebergarten, in oftmals sogar kostenlosen Ferienlagern oder in Form von Geschenken und Auszeichnungen. Widerstand wird verfolgt und bestraft.
- 1Lies die Texte zum Thema „DDR: 'Geborgenheit und Unfreiheit'“.
- 2Erläutere mit eigenen Worten, wie ein Gefühl der Zustimmung erzeugt werden sollte.
- 3Erkläre die Formulierung „Pakt mit dem Teufel“.
Gab es 'Nischen' in der DDR? Durchaus. Oft wird die DDR als Nischengesellschaft bezeichnet. Der Begriff geht auf Günter Gaus zurück, der lange Zeit Chefdiplomat der Bundesrepublik Deutschland in der DDR war. Viele DDR-Bürger zogen sich, wann immer es ging, aus der Öffentlichkeit zurück und verbrachten ihre Zeit in eher privat gestalteten Räumen: im Schrebergarten, am Baggersee, in Kirchgemeinden, auf Zeltplätzen, in den – gerade den 1980er-Jahren oftmals neu entstehenden – Kultur- und Geschichtsvereinen. Diese 'privaten' Räume waren nicht staatsfrei. Auch dort spitzelte der Staatssicherheitsdienst, und die 'Vereine' ('Zirkel' genannt) konnten sich nicht frei bilden, sondern mussten im Rahmen des staatlich gelenkten Kulturbundes gegründet werden. Und auch da gab es oft parteigenehme Anleiter oder Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit. Die 'Nische' war also keine Gegenwelt zur Diktatur, sondern ein Teil von ihr – sie funktionierte nur, solange der Staat sie tolerierte.
Es gab außerdem aber eine 'schweigende Mehrheit' von Menschen, denen Politik einfach gleichgültig war. Dass sie von ihrem Staat entmündigt wurden, ließ sie eher kalt. Ein großer Teil der DDR-Bürger lebte also politisch passiv in der Nische und fand das nicht grundsätzlich problematisch.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

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- „Zur Zeit verfügen Betriebe und zentraler Feriendienst der Gewerkschaften zusammen über 5,1 Millionen Urlaubsplätze pro Jahr. Jeder Platz gilt durchschnittlich für 13 Tage. [...] Gewiß, die Preise für diese staatlichen Ferienplätze sind niedrig. Sie decken bei den gewerkschaftlichen im Durchschnitt nur ein Drittel der effektiven Kosten [...].“
- „Erwähnung verdienen das seit 1981 vollzogene Aufstocken der Stipendien und Auszubildendenentgelte sowie die Ausbildungsbeihilfen für Oberschüler in den letzten zwei Schuljahren. Daraus resultierte ein nominaler Kaufkraftzuwachs von 380 Millionen Mark jährlich.“
- „Seit Mai 1987 erhöhte sich der staatliche Kindergeldzuschuß für das erste Kind von 20 auf 50 Mark, für das zweite Kind von 20 auf 100 Mark sowie das dritte und jedes weitere Kind von 100 auf 150 Mark monatlich.“
Gernot Schneider, Wirtschaftswunder DDR. Anspruch und Realität, 2., durch einen Epilog erweiterte Auflage, Köln 1990, S. 78–85.
„Ist den Menschen die Wahl eines eigenen Lebenswegs außerhalb der staatlich gesetzten Grenzen genommen oder unerträglich erschwert, verliert auch das in der sozialistischen Kooperation der Produzenten enthaltene 'Ja zum Bestehenden' an Gewicht, da dieses einzig im gequälten Tonfall eines Gebundenen ausgesprochen werden kann.“
Rolf Henrich, Der vormundschaftliche Staat. Mit einem Gespräch zwischen Kurt Masur und Rolf Henrich, Leipzig und Weimar 1990, S. 161 f.
Die Formulierung von der heilen Welt der Diktatur geht auf den Historiker Stefan Wolle zurück, der selbst die DDR verließ und in den Westen gehen musste. Sie ist voller Spannung, denn zum Begriff der Diktatur fallen einem viele negative, menschenverachtende Vorgänge ein, aber nicht die positive Vorstellung einer heilen Welt, in der alles in Ordnung ist. Die Formulierung beschreibt den Widerspruch zwischen einem scheinbar behüteten Normalleben in der DDR und den gewaltsamen Seiten der SED-Diktatur. Dieser Widerspruch ist nicht künstlich, sondern sehr real. Er beschreibt eine alltägliche Lebenserfahrung von Millionen DDR-Bürgern: Man lebte in einer Diktatur, und gleichzeitig konnte dieses Leben auch erstaunlich „normal“ sein. Daher unterschieden sich auch die Erinnerungen an die DDR immer mehr: Während die einen sich schmunzelnd an die humoristischen Aspekte des unzulänglichen Lebens in der DDR erinnern, machen andere auf Mauer, Schießbefehl und Stasi-Knast aufmerksam. Beides war gleichzeitig wahr. Machtausübung und Alltag waren in der DDR nicht voneinander zu trennen. Deshalb kann man auch von der „alltäglichen Diktatur“ und vom „diktatorischen Alltag“ sprechen. Und das bedeutet, dass die DDR trotz der SED-Diktatur ein Land war, in dem Menschen sich im Leben einrichteten. Die Geborgenheit, die viele empfanden, war selbst ein Produkt der Diktatur. Die staatliche Fürsorge, die lebenslang garantierten Arbeitsplätze, die erschwinglichen Mieten und die durchorganisierte Kinderbetreuung – all das waren konkrete Erfahrungen, die den Alltag positiv prägten. Aber sie waren zugleich Herrschaftsinstrumente, mit denen die Menschen in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zum Staat gebracht wurden. Eigenverantwortung wurde ihnen abgewöhnt.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
„Geborgenheit und Unfreiheit“ – Wie funktionierten realsozialistische Diktaturen?

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Wie funktionierte eine Diktatur wie die in der DDR, zumal in ihren späteren Jahren? Interview mit dem Historiker Marcus Ventzke (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt)
Kann es sein, dass man sich Diktaturen nicht immer nur als gewalttätige und blutrünstige Systeme vorstellen muss, die immer auf Geheimdienst und Polizei setzen?
Die Diktaturen des realen Sozialismus sahen oftmals gar nicht aus wie Diktaturen. Sie waren es, ohne jeden Zweifel. Aber wenn man sich nicht bewusst gegen sie stellte oder aus anderen Gründen in die Fänge ihres Machtapparates geriet, konnten sie für viele Menschen auch ein attraktives Angebot sein: übersichtlich, mit der Chance auf ein einfaches und eher unstressiges Leben, das an vielen Stellen noch dazu sehr preiswert war. Für sehr viele Menschen war das die Lebensrealität, auch und gerade dann, wenn sie sich nicht für Politik interessierten. Das traf und trifft übrigens auch heute auf sehr viele Menschen zu.
Wie war das in der DDR?
Der DDR-Staat schuf ein für viele Menschen überzeugendes und funktionierendes Verhältnis von Geborgenheit und Unfreiheit, das Historiker wie Stefan Wolle beschrieben haben: Der diktatorische Staat ist überall, durchdringt alle Lebensbereiche, lässt viele aber wie Freiräume und Vorteilswelten aussehen. Und er schafft damit für die Menschen eine Situation der fortgesetzten Korruption: Mach die Augen zu bei all den menschenverachtenden Dingen, die passieren, bestreite nicht den Herrschaftsanspruch der Machthaber und spiele das Spiel halt mit, dann kommst du in den Genuss unseres Angebots. Mir ist wichtig darauf hinzuweisen, dass dieser Teufelspakt über lange Zeit funktionieren kann. Denn die meisten Menschen leben nicht in und für politische Grundwerte, also etwa mit Blick auf die Gegenwart in abstrakten Verfassungsbestimmungen oder demokratiegeschichtlich begründeten Organisationsformen. Sie leben in einer sehr handfesten Welt, die grundsätzlich materiell bestimmt ist und sich im sozialen Nahbereich abspielt: Wie teuer ist der Kindergarten? Was muss ich für den Urlaub bezahlen? Wie nervig ist die Bürokratie des Staates? Was kostet der Einkauf? Und wenn die Krankenversicherung selbstverständlich und (vermeintlich) kostenfrei ist und das Betriebsfereinlager an der Ostsee mir einen wunderbaren Badeurlaub ermöglicht, dann ist das ein sehr handfestes und keineswegs zu unterschätzendes politisches Argument.
Aber warum ist dann die DDR gescheitert, wenn dieses Geborgenheitsangebot, von dem du sprichst, so attraktiv war?
Meine These ist, dass die Menschen in der DDR Erich Honecker 1989 nicht ablehnten, weil er ein Diktator war, sondern weil er die heile Welt der Geborgenheit und des privaten Nischenwohlstands aus ökonomischen Gründen nicht aufrechterhalten konnte. Das Zielbild einer Welt in Geborgenheit aber blieb erhalten, und es ist auch heute das verständliche und absolut legitime Zielbild vieler Menschen – keineswegs nur im Osten: Geborgenheit und Verlässlichkeit, danach streben sehr viele.
Und wie ist das mit der Gegenseite, der Unfreiheit? Können Menschen darüber einfach so hinwegsehen?
In einer Diktatur kann sich nur derjenige als moralisch verwerflich empfinden, dem übergreifende politisch-moralische Werte überhaupt bekannt sind und zwar auch alternative Wertsysteme. Und sie müssen für ihn dann auch noch einen persönlichen Wert besitzen. Man kann sein Mitläufer- oder Mittätertum nur als problematisch sehen, wenn man den Interpretationsrahmen verlässt, der einem dafür nicht nur Absolution erteilt, sondern es sogar als Teil des Guten darstellt. Mit Rutger Bregman kann man sagen, dass sozial eingebundenes, kooperatives und vertrauenerweckendes Entscheiden und Handeln die Schere im Kopf und die Doppelgesichtigkeit der eigenen Person sehr überzeugend als völlig normal, ja sogar notwendig darstellen kann.
Und diese Erfahrung der Diktatur als Geborgenheit wirkt fort?
Ja. Und zwar intensiv und bei fast jeder alltäglichen Handlung. Die Langzeitwirkungen der realsozialistischen Erfahrung sind leicht erklärbar: Nicht wenige Menschen vermissen die DDR, obwohl sie ihre damalige Unfreiheit sehr gut kennen. Denn die heutigen Erfahrungen des realen Dauerstresses, der zunehmenden Unsicherheiten und der permanenten Änderungen, die in einem Rahmen wachsender Kompliziertheit und Überbürokratisierung vollzogen werden sollen, lassen die Vergangenheit attraktiver werden, und zwar – und das ist mein zentrales Deutungsangebot – mit Blick auf viele Lebensvollzüge durchaus berechtigt. Das politische Angebot der Gegenwart ist eben oftmals nicht attraktiv oder gut zu rechtfertigen. Wer will schon in einem quälend langsamen, an vielen Stellen absolut ineffizienten, ungerechten, teuren und oftmals sehr anstrengenden Staat leben, in dem noch dazu keine positiven Zukunftsvisionen entwickelt werden?
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Überwachung, Einschüchterung, Gewalt



Jugendliche Häftlinge in der DDR bei der Arbeit
Gefängnisgang in der Haftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit Berlin-Hohenschönhausen
Bergung des erschossenen Günter Litfin aus dem Becken des Humboldthafens am 24. August 1961
Urheber: Deutsche Fotothek · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jugendwerkhof_Königstein?uselang=de#/media/File:Fotothek_df_roe-neg_0002479_004_Jugendliche_Häftlinge_bei_der_Arbeit.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: Langinger · https://de.wikipedia.org/wiki/Gedenkstätte_Berlin-Hohenschönhausen#/media/Datei:Gang-in-der-alten-Haftanstalt_Gedenkstaette_Berlin-Hohenschoenhausen.jpg · CC 4.0
Urheber: Ralf Roletschek (talk) · https://de.wikipedia.org/wiki/Todesopfer_an_der_Berliner_Mauer#/media/Datei:2010-03-20-mauer-berlin-by-RalfR-09.jpg · PD
Das kleine Glück im Kleingarten: privat, erholsam, entspannt








19.3.89 Berlin: Am letzten Winterwochenende nutzten vielerorts die Kleingärtner das angenehme Wetter zu Frühjahrsarbeiten. Auf den Parzellen am Kienberg, hier wurde vor wenigen Jahren die 10 000. Kleingartenanlage des VKSK errichtet, waren viele Bürger des Neubaugebietes Marzahn beim Harken, Säen und Umgraben.
5.8.89-Bau-Berlin: Sommerfest. Auch in der Kleingartenanlage „Familiengärten“, Blankenburger Straße im Stadtbezirk Weißensee, wurde gefeiert. Die Anlage wurde 1893 gegründet und zählt zu den ältesten Berlins. 1988 ernteten die Hobbygärtner 90,5 Tonnen Obst und rund 20 Tonnen Gemüse. Davon gingen 1/3 an den Handel. Stolz haben sich die Gartenfreunde vor der Vereinsfahne zusammengefunden um die bisherigen Erfolge zu begießen. Die Anlage, zu der 210 Parzellen gehören und der 490 VKSK-Mitglieder angehören ist staatlich anerkanntes Erholungsgebiet.
„Boleslav Telichan's family at summer house“. The family of Boleslav Telichan, worker of the Krasny Khimik plant in Leningrad (now St Petersburg) at their summer house.
© Großmann, Werner; Juni 1978 · Bundesarchiv, Bild 183 T0628 004 · Alle Rechte vorbehalten
Urheber: Sturm, Horst; 8. September 1977 · Bundesarchiv, Bild 183-S0908-001 · CC 4.0
© Blunck · Bundesarchiv, Bild 183-1990-0417-501 · Alle Rechte vorbehalten
Urheber: ADN-ZB Uhlemann · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Verband_der_Kleingärtner,_Siedler_und_Kleintierzüchter?uselang=de#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1987-0621-006,_Berlin,_Gartenfest_des_VKSK.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: ADN-ZB Schindler · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Verband_der_Kleingärtner,_Siedler_und_Kleintierzüchter?uselang=de#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-0319-002,_Berlin,_Gartenarbeit,_Kleingartensiedlung.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: Gahlbeck, Friedrich · Bundesarchiv, Bild 183-Z0827-301 · CC 4.0
Urheber: ADN-ZB Zimmermann · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Verband_der_Kleingärtner,_Siedler_und_Kleintierzüchter?uselang=de#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-0805-021,_Berlin,_Sommerfest_einer_Kleingartensiedlung.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: RIA Novosti archive, image #487609 / V. Lozovskiy · https://de.wikipedia.org/wiki/Datsche#/media/Datei:RIAN_archive_487609_Boleslav_Telichan's_family_at_summer_house.jpg · CC BY-SA 3.0
Freizeitangebote und Urlaub: preiswert, niedrigschwellig, vielfältig, oft in der Gruppe








Auf einer Rundreise durch Rumänien mit Jugendtourist hielt der Reisebus auf der Straße nach Poiana Brasov kurz an. (1973)
8.8.75/Bez.Neubrandenburg: Ferien am Tollensesee verleben diese Mädchen und Jungen. In diesen Tagen erholen sich in allen Bezirken unserer Republik Tausende Schüler und Lehrlinge bei Sport und Spiel und sammeln Kräfte für das neue Schul- bzw. Lehrjahr.
Betriebsferienlager in der DDR
18.3.81 Berlin: Das Sport- und Erholungszentrum in der Leninallee wurde am 20.3.81 eröffnet und von der Bevölkerung in Besitz genommen. Blick in das Wellenbad.
In der DDR war das Segelfliegen nur innerhalb des Wehrsportes der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) möglich, einer paramilitärische Organisation deren Ziel es war, Offiziersnachwuchs für die Nationale Volksarmee (NVA) heranzubilden.
Fotozirkel des Kulturbundes Eberswalde 1981
„Children at Mayak Young Pioneer camp“. Soviet and Polish children at Mayak [Beacon] Young Pioneer camp.
„All-Union ‘Artek’ Camp buglers“. All-Union „Artek“ Camp buglers inviting to celebrations. Logo of the 12th World Festival of Youth and Students in Moscow in the background.
Urheber: BK1950 · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jugendtourist?uselang=de#/media/File:1973-08_Straße_nach_Poiana_Brasov,_Reisebus_mit_Jugendtouristgruppe.jpg · CC 4.0
Urheber: ADN-ZB/Bartocha · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Camping_in_German_Democratic_Republic?uselang=de#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183_-_P080-422,_Neubrandenburg,_Camping_am_Tollensesee.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: Jörg Blobelt · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Betriebsferienlager_(German_Democratic_Republic)?uselang=de#/media/File:19690726100NR_Kalkhütte_(Urbach)_Ferienlager_VEB_MÖW_Lützkendorf.jpg · CC 4.0
Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-Z0318-025 / Link, Hubert · https://de.wikipedia.org/wiki/Sport_in_der_DDR#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-Z0318-025,_Berlin,_SEZ,_Wellenbad.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: Lothar Weber · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Gesellschaft_für_Sport_und_Technik?uselang=de#/media/File:1990-04-16_DDR_Bezirk_Potsdam_Kreis_Königs_Wusterhausen_Flugplatz_Friedersdorf_a.jpg · CC 4.0
Urheber: Ralf Roletschek (talk), GFDL 1.2 · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Fotozirkel?uselang=de#/media/File:1981-fotozirkel-kulturbund-eberswalde-by-RalfR-22.jpg · GFDL
Urheber: RIA Novosti archive, image #456381 / Rudolf Kucherov · https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierlager#/media/Datei:RIAN_archive_456381_Children_at_Mayak_Young_Pioneer_camp.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: RIA Novosti archive, image #171678 / Vladimir Fedorenko · https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierlager#/media/Datei:RIAN_archive_171678_All-Union_"Artek"_Camp_buglers.jpg · CC BY-SA 3.0
DDR-Propagandafilm über das 'sorgenfreie' und 'zukunftszugewandte' Leben von Kindern

Worum geht es?
Filme sind nicht nur Unterhaltung, sondern historische Quellen. Und in der DDR waren sie auch ein politisches Werkzeug. Der Staat setzte Filme ein, um seine Sichtweise auf Gesellschaft, Geschichte und Welt zu verbreiten. Wenn ihr einen DDR-Film analysiert, untersucht ihr also nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine Botschaft: Wer wollte den Zuschauerinnen und Zuschauern was sagen und mit welchen Mitteln?
Wichtig zu wissen
Nicht jeder DDR-Film war Propaganda im engeren Sinn. Ein Propagandafilm zeichnet sich dadurch aus, dass er gezielt politische Botschaften vermitteln will: meist die Überlegenheit des Sozialismus, den Kampf gegen den „Klassenfeind“ im Westen oder die Heldengeschichten der Arbeiterbewegung.
Die fünf Schritte der Filmanalyse
1. Schritt: Quelle einordnen
- Wann ist der Film entstanden? (Jahr, politische Lage in der DDR)
- Wer hat den Film produziert? (DEFA, staatliches Fernsehen, Wochenschau)
- Für welches Publikum? (Erwachsene, Jugendliche, Kinder)
- Welche Filmgattung? (Dokumentation, Spielfilm, Wochenschau, Lehrfilm)
2. Schritt: Inhalt erfassen
- Worum geht es? (Thema in 2–3 Sätzen)
- Welche Personen oder Gruppen treten auf?
- Welche Orte und Zeiten werden gezeigt?
- Welche Handlung wird erzählt? Gibt es einen Konflikt? Wie endet er?
3. Schritt: Gestaltung untersuchen
- Bilder: Welche Einstellungen werden verwendet? (Nahaufnahme, Totale, Untersicht/Aufsicht)
- Schnitt: Schnell oder langsam? Welche Bilder werden gegenübergestellt?
- Musik und Geräusche: Welche Stimmung erzeugen sie?
- Sprecher und Texte: Was wird gesagt? Welche Wörter fallen besonders auf?
- Symbole: Fahnen, Embleme, Bilder von Politikern – was wird gezeigt?
4. Schritt: Botschaft entschlüsseln
- Wer wird positiv dargestellt und mit welchen Mitteln?
- Wer wird negativ dargestellt und mit welchen Mitteln?
- Welche Werte werden vermittelt? (Fortschritt, Gemeinschaft, Kampfbereitschaft, Frieden…)
- Was wird weggelassen oder verschwiegen?
- Mit welchen Gefühlen sollen die Zuschauer den Film verlassen?
5. Schritt: Bewerten und einordnen
- Wie verhält sich die Filmaussage zur historischen Wirklichkeit, die du aus anderen Quellen kennst?
- Was ist überzeichnet, was weggelassen, was verzerrt?
- Welche Wirkung hatte der Film vermutlich auf Zeitgenossen?
- Welche Wirkung hat er heute auf euch und warum?
Typische Mittel der DDR-Propaganda – worauf ihr besonders achten solltet
1. Schwarz-Weiß-Zeichnungen: 'Gut' und 'Böse' werden klar getrennt. Die Arbeiterklasse, sozialistische Funktionäre und die Sowjetunion werden positiv gezeigt. Westliche Politiker, Kapitalisten und 'Klassenfeinde' werden negativ dargestellt. Oftmals werden dabei unsympathische Mimik, dunkle Kleidung oder bedrohliche Musik gezeigt.
2. Heldenfiguren: Einzelne Personen (Kinder als Pioniere, Arbeiter, Soldaten, Funktionäre) werden als Vorbilder gezeigt. Sie sollen Tugenden wie Mut, Fleiß, Solidarität und Treue zur Partei darstellen. Achtet auf Großaufnahmen ihrer Gesichter: Diese werden oft leicht von unten gefilmt, damit sie groß und stark wirken.
3. Gegenüberstellungen: Häufig werden Bilder direkt gegeneinandergesetzt. Blühende sozialistische Industrie neben angeblichem Niedergang im Westen, fröhliche DDR-Kinder neben arbeitslose Jugendliche im Westen. Das soll den Eindruck vermitteln, 'hier' sei es besser als 'dort'.
4. Gefühlsmusik und Sprechertonfall: Genutzt werden zum Beispiel leidenschaftlich-gefühlvolle Orchestermusik bei Aufmärschen oder dramatische Klänge bei Berichten über den 'Klassenfeind'. Die Sprecherstimme ist oft fest und ernst.
5. Zahlen und Statistiken: Beeindruckende Mengenangaben sollen Fortschritt belegen. Tonnen Stahl, Prozent Wirtschaftswachstum, Anzahl neu gebauter Wohnungen. Achtet darauf, ob diese Zahlen erklärt oder eingeordnet werden – oder einfach im Raum stehen.
6. Symbole und Rituale: Fahnen, Pioniertücher, FDJ-Embleme, Karl-Marx-Köpfe, Lenin-Statuen, Kranzniederlegungen, Maiaufmärsche. Diese Symbole stiften Gemeinschaft und signalisieren Zugehörigkeit zur 'richtigen' Gesellschaft.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
- 1Untersuche den DDR-Film „Blaue Wimpel im Sommerwind“ mithilfe der Methoden zur Filmanalyse.
- 2Stelle mit Argumenten dar, ob dieser Film ein Propagandafilm ist oder nicht.
- 3Erläutere, welches Bild vom Leben im Kommunismus durch den Film gezeigt werden soll.
Die Diktatur der SED-Genossen um Erich Honecker kann als spezifische Diktaturform verstanden werden. In den Jahren seiner Herrschaft von 1971 bis 1989 bekam die DDR einen Charakter, der sich von ihrer stalinistischen Frühphase unterschied: Die Genossen versprachen zunehmenden Wohlstand und versuchten sozusagen die Menschen in ihrem Land zu kaufen. Die während des 8. Partietags der SED beschlossene sogenannte „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ versprach den Bürgern steigenden Wohlstand – als Gegenleistung für politische Gefolgschaft. Es entstand die Vision einer „realsozialistischen Konsumgesellschaft“. Damit verbunden war eine Art unausgesprochener Gesellschaftsvertrag: Der Staat sorgt für materielle Sicherheit und steigenden Wohlstand. Dafür verzichten die Bürger auf politische Mitbestimmung.
Das Problem aber war, dass die DDR-Wirtschaft diesen Vertrag nicht einlösen konnte. Die Menschen reagierten daher auf den fortgesetzten Mangel auch immer verärgerter, weil ihnen eben etwas anderes versprochen worden war. Sie vergaßen oft die erheblichen Subventionen für Wohnen, Lebensmittel etc. Diese wurden hingenommen, aber nicht sonderlich geschätzt, denn man konnte sie nicht einordnen. Nur wer über knappe Güter verfügte, hatte daher in der DDR die Macht, auch ohne Parteibuch. Hierbei gibt es eine Parallele zur Sowjetunion, in der die Parteikader oft auch den Zugriff auf knappe Güter hatten und damit ihre (regionale) Herrschaft gegenüber den Menschen 'ohne Beziehungen' absicherten. Die Verkäuferin, die Bananen unter dem Ladentisch durchreichte, der Handwerker, der 'Beziehungen' hatte, der Funktionär mit Zugang zum Intershop – sie alle übten eine Form von Herrschaft aus, die parallel zur offiziellen Parteiherrschaft existierte, von dieser durchaus akzeptiert und gewollt war.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
„Die alltägliche Diktatur und der diktatorische Alltag sind nicht voneinander zu trennen. Geborgenheit und Unfreiheit gehörten zusammen. Die Wärme der Gemeinschaft und die kollektivistische Totalkontrolle bildeten eine untrennbare Einheit. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes und die Staatssicherheit hingen nicht nur semantisch zusammen. Die von vielen geschätzte Ruhe und Ordnung und die Friedhofsruhe der Diktatur waren unlösbar miteinander verbunden.“
Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989. 3., aktualisierte und überarbeitete Auflage, Berlin 2013, S. 18.
Unterschiede: Gewalt – Volkstum – Religion – Dauer
Das ist der fundamentalste Unterschied. Die DDR war eine Diktatur, die ihre Bürger kontrollierte, einschüchterte, einsperrte und in Einzelfällen tötete – an der Mauer, in den Gefängnissen, durch Zersetzungsmaßnahmen der Stasi. Aber sie war keine Diktatur des Massenterrors. Die DDR hat keine Bevölkerungsgruppe deportiert, keine ethnische Säuberung durchgeführt, keine Hungersnot als politisches Instrument eingesetzt.
Die Sowjetunion hat all das getan – und die Russlanddeutschen gehörten zu den Gruppen, die es am härtesten traf. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurden die Russlanddeutschen kollektiv als potenzielle Verräter gebrandmarkt. Die gesamte Wolgadeutsche Republik wurde aufgelöst, ihre Bevölkerung – Hunderttausende Menschen – innerhalb weniger Wochen nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Männer und Frauen wurden in die „Trudarmee“ (Arbeitsarmee) eingezogen, ein Euphemismus für Zwangsarbeitslager, in denen Tausende an Hunger, Kälte und Erschöpfung starben. Familien wurden zerrissen, Kinder von Eltern getrennt – genau das, was Eleonora Hummel in 'In guten Händen, in einem schönen Land' literarisch verarbeitet hat.
Für die DDR-Bürger war die Diktatur eine Einschränkung des Lebens. Für die Russlanddeutschen war sie eine existenzielle Bedrohung des Überlebens. Wolles Formel „Geborgenheit und Unfreiheit gehörten zusammen“ trifft auf die DDR der Honecker-Ära zu. Auf die Erfahrung der Russlanddeutschen unter Stalin passt sie nicht – dort gab es keine Geborgenheit, nur Unfreiheit und Todesangst.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
DDR-Bürger wurden nicht wegen ihrer Herkunft verfolgt. Sie wurden verfolgt, wenn sie politisch abwichen, wenn sie einen Ausreiseantrag stellten, wenn sie sich der Kirche oder der Opposition anschlossen. Aber ihr Deutschsein war kein Problem – im Gegenteil, die DDR definierte sich als deutscher Staat, als das „bessere Deutschland“.
Für die Russlanddeutschen war ihre Herkunft das Problem. Sie wurden verfolgt, weil sie Deutsche waren – in einem Land, das gegen Deutschland Krieg führte. Die Deportation von 1941 war keine individuelle Bestrafung, sondern eine kollektive ethnische Maßnahme. Auch nach Stalins Tod, als die schlimmsten Repressionen nachließen, blieb das Stigma. Russlanddeutsche durften nicht in ihre Heimatgebiete an der Wolga zurückkehren, sie wurden bei der Berufs- und Studienwahl benachteiligt, ihre Sprache und Kultur konnten nur im Verborgenen gepflegt werden. Bis Ende der 1980er-Jahre standen sie unter „Sonderkommandantur“ – einer Meldepflicht, die ihre Bewegungsfreiheit einschränkte.
Ein DDR-Bürger konnte, wenn er sich politisch anpasste, ein weitgehend unbehelligtes Leben führen. Ein Russlanddeutscher konnte sich noch so sehr anpassen – sein Name, sein Akzent, seine Familiengeschichte verrieten ihn. Die Diskriminierung war in die Identität eingeschrieben, nicht in das Verhalten.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
In der DDR war die Kirche ein geduldeter, wenn auch misstrauisch beobachteter Raum. Die evangelische Kirche in der DDR fand in den 1970er-Jahren die Formel „Kirche im Sozialismus“ und konnte innerhalb dieses Rahmens eine gewisse Autonomie bewahren. Sie wurde zum wichtigsten Schutzraum für die Oppositionsbewegung der 1980er-Jahre. Kirchgänger mussten mit Nachteilen rechnen – bei der Studienplatzvergabe, bei der Karriere –, aber sie wurden nicht verhaftet, nicht deportiert, nicht getötet.
Bei den Russlanddeutschen war die Religionsausübung über Jahrzehnte hinweg lebensgefährlich. Die lutherischen Pfarrer wurden in den 1930er-Jahren fast vollständig ermordet oder in Lager verschleppt. Die Gemeinden existierten nur noch im Untergrund. Wie wir in der Recherche zum Bibelschmuggel gesehen haben, musste religiöse Literatur auf konspirativen Wegen ins Land gebracht werden – durch Missionswerke wie „Licht im Osten“, durch junge Christen, die Bibeln in präparierten Campingbussen über die Grenze schmuggelten. Erst 1988, wenige Monate vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, konnte mit Harald Kalnins überhaupt wieder ein Bischof für die russlanddeutschen evangelischen Gemeinden eingesetzt werden.
Das bedeutet: Wo die Kirche in der DDR ein Rückzugsraum war – eingeschränkt, aber existent –, war sie für die Russlanddeutschen eine Untergrundbewegung. Die religiöse Identität zu bewahren war in der DDR ein Akt der Nonkonformität, in der Sowjetunion ein Akt des Widerstands mit potenziell tödlichen Konsequenzen.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Die DDR existierte 40 Jahre (1949–1989). Die meisten Ostdeutschen, die heute leben, haben entweder den größten Teil ihres Lebens oder ihre prägenden Kindheits- und Jugendjahre in der DDR verbracht. Aber ihre Familien haben davor in einem anderen System gelebt – in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die DDR war ein Einschnitt, aber kein jahrhundertealtes Schicksal.
Die Russlanddeutschen lebten seit dem späten 18. Jahrhundert im Russischen Reich und seinen Nachfolgestaaten. Ihre Diktaturerfahrung umfasst nicht eine Generation, sondern erstreckt sich über das gesamte 20. Jahrhundert: die Enteignungen nach der Oktoberrevolution, die Hungersnot an der Wolga in den 1920er-Jahren, die Kollektivierung, der Große Terror der 1930er-Jahre, die Deportation 1941, die Trudarmee, die Sonderkommandantur bis 1955, die fortgesetzte Diskriminierung bis in die 1980er-Jahre. Das sind nicht 40 Jahre Diktatur, sondern 70 Jahre – und die brutalsten Phasen lagen zeitlich weit vor dem, was DDR-Bürger erlebten.
Diese generationenübergreifende Dauer hat Konsequenzen für die Weitergabe von Erfahrungen. In DDR-Familien gibt es oft eine klare Zäsur: vor der Wende und nach der Wende. In russlanddeutschen Familien gibt es Schichten von Traumata, die sich überlagern – die Deportationserfahrung der Großeltern, die Diskriminierungserfahrung der Eltern, die Migrationserfahrung der Kinder, die nach Deutschland kamen.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
- 1Stelle auf der Grundlage des Materials „Unterschiede: Gewalt – Volkstum – Religion“ Gemeinsamkeiten und Unterschiede der DDR und der Sowjetunion dar.
- 2Formuliere das Ergebnis des Vergleichs.
