8.2 Deutschland in der Gegenwart: vereinigt und auch uneinig
Was ist eigentlich passiert? Im Stadion in Dresden rufen sie „Ostdeutschland!“. Bücher, in denen man West-Bashing aus Sicht des Ostens lesen kann, sind Bestseller. Die traditionellen Parteien werden immer weniger gewählt. Der bayerische Ministerpräsident redet davon, dass Bayern auch als eigenständiges Land existieren könnte. Und Politiker aus dem Osten fordern eine Entschuldigung der Bundesregierung bei den Menschen in den neuen Bundesländern, weil sie sich nie für ihr Leben interessiert hätten.
Da hilft eines: mal genauer hinschauen!
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 10, Wahlbereich 3
Alltagserfahrungen und Mentalitäten zur Zeit der Friedlichen Revolution und im geeinten Deutschland
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Rückwanderung, deutsche Vereinigung und die Folgen: 8.1, 8.2, Video-Interviews: 8.5)
In diesem Kapitel wird gezeigt, dass die Wiedervereinigung 1990 kein Zusammenschluss auf Augenhöhe war, sondern Ost- und Russlanddeutsche sich westdeutschen Maßstäben weitestgehend unterordnen mussten. Heute, 35 Jahre später, brechen diese verdrängten Konflikte um Anerkennung, ungleiche Eliten, Treuhand-Folgen und Reformstau offen auf und führen zu einem neuen ostdeutschen und russlanddeutschen Selbstbewusstsein, das sich auch gegen westliche Bevormundung wendet.
Übersicht Kapitelinhalte
Ende des Endes der Geschichte: Warum sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland ändert

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35 Jahre nach der Wiedervereinigung verlaufen in der deutschen Gesellschaft Bruchlinien, die mit unterschiedlichen Lebens- und Geschichtserfahrungen zu tun haben – und mit der Frage, wer nach 1990 die Regeln bestimmte.
Als die DDR 1990 der Bundesrepublik beitrat, war das kein Zusammenschluss auf Augenhöhe. Institutionen, Recht, Wirtschaft, Bildung – alles wurde nach westdeutschem Muster übernommen. Ostdeutsche Erfahrungen galten häufig als wertlos, Führungspositionen wurden überwiegend mit Westdeutschen besetzt. Ähnlich erging es den rund 2,4 Millionen Russlanddeutschen, die als Spätaussiedler nach Deutschland kamen: Obwohl sie als Deutsche einreisten, wurden sie als „die Russen“ wahrgenommen. Ihre Abschlüsse zählten wenig, ihre Geschichte interessierte kaum. Für beide Gruppen setzte der Westen die Maßstäbe.

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Lange schwiegen beide Integrationsgruppen und passten sich an. Sie arbeiteten sich wirtschaftlich hoch, gingen oftmals in die westlichen Bundesländer, ordneten sich unter und bauten sich etwas auf. Doch inzwischen werden verdrängte Fragen laut: Warum sitzen kaum Ostdeutsche in Führungspositionen? Warum wurde ostdeutsches Volksvermögen in den 1990er Jahren durch die Treuhand weit unter Wert verkauft – mehrheitlich an Leute aus dem Westen? Warum kommt die Geschichte der Russlanddeutschen in der öffentlichen Erinnerung kaum vor? Und warum wird Transformationserfahrung nicht als Kompetenz anerkannt, sondern als Defizit?

- 1Sieh den Film „Ostdeutschland in westdeutscher Hand?“ an.
- 2Schreibe das darin geschilderte Problem knapp mit eigenen Worten.
- 3Beziehe dieses Problem auf die Karikatur „Die 'unsichtbare Mauer' geht durch Deutschland“ und interpretiere diese.
Was gerade abgeht: Vorwürfe, Rechthaberei, Forderungen, neues Selbstbewusstsein – aber keine bundesdeutsche Schönfärberei mehr
Video fehlt – Videodatei bereitstellen
Video-DDR-Mondbasis-Elan.mp4
Der Osten als verklärtes Idealbild
Video fehlt – Videodatei bereitstellen
Video-DDR-Mondbasis-Frauentag.mp4
Der Osten als verklärtes Idealbild
© https://www.youtube.com/shorts/eWLnb4-U-M8
Videos-1_2026-08-07-085038_rglj.mp4
Videos-2_2026-08-07-085707_tawj.mp4
„Westen und Osten in Deutschland. Spaltung, Abspaltung, Externalisierung, Auslöschung“

Der Leipziger Professor Dirk Oschmann, ein aus dem Osten kommender Wissenschaftler und einer der wenigen, die nach 1990 eine Universitätskarriere machen konnten, über die Situation der Menschen aus den neuen Bundesländern nach 1990.
https://www.youtube.com/watch?v=-5phzAeC4nA&start=511&end=758
„Ebenso wie bei der Berichtserstattung rund um den Fall Lisa und den Krieg in der Ukraine nehmen einige Redaktionen Russlanddeutsche auch beim Thema AfD als eine homogene Gruppe wahr, in der individuelle politische Einstellungen kaum Beachtung finden. Sie werden dabei – übrigens ebenso wie Ostdeutsche – als ein eigenständiges politisches Milieu dargestellt. Die bundesweiten Ähnlichkeiten, etwa beim Wahlverhalten Russlanddeutscher zu Menschen in strukturschwachen Regionen bleiben unbeachtet.“ Wie Ostdeutsche, so werden auch Russlanddeutsche „als repräsentativ für Deutschlands Wahl für rechts dargestellt und sollen politische Verantwortung übernehmen.“
Ira Peter, Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche reden müssen, München 2025, S. 218.
- 1Sieh dir die Medien in den Elementen 6-8 oben an.
- 2Notiere fünf angesprochene reale Probleme.
- 3Beschreibe anhand der Wortwahl, warum manche Aussagen verletzend wirken können. Finde dafür zwei Beispiele.

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Die folgenden Hinweise zur Bildanalyse beziehen sich auf die beiden fiktiven Zeitschriftentitelbilder in Element 10.
- 1Beschreiben
- Beschreibe die Elemente der Bilder. Achte dabei auch auf Farben, Personen und Handlungen.
- 2Einordnen
- Wer ist der Urheber der Bilder (wer hat sie gemacht?).
- In welchem historischen Zusammenhang entstanden sie?
- Welches Geschehen oder Ereignis wird thematisiert?
- 3Analysieren
- Beschreibe die eingesetzten Gestaltungsmittel (Perspektive, Blickführung, Licht, Kleidung, Gestik, Symbole, Verhältnis von Vorder- und Hintergrund).
- Stelle kurz die Personen oder Aspekte dar, die besonders hervorgehoben oder ausgeblendet werden.
- Recherchiere nach ähnlichen Darstellungen von Zeitschriften beim Thema Migration und Flüchtlinge.
- 4Deuten
- Leite die Botschaft oder Aussagen der Bilder ab.
- Welche Interessen, Werte oder Absichten könnten dahinterstehen?
- Welche Wirkung sollten die Bilder auf die Betrachter haben?
- 5Bewerten und Beurteilen
- Bewerte die Bilder auf der Grundlage deines Wissens und deiner eigenen Überzeugungen. Teilst du die Botschaften der Bilder?
- Beurteile die Gestaltung der Gesichter auf dem Titelbild des Magazins mit dem Titel „Aufbruch in den Westen“.

„Sibirische Selbstjustiz“ – Hier geht's zum Originalartikel
„'Klein-Moskau' in Pforzheim“ – Hier geht's zum Originalartikel
„Zeitenwende!“ – Und was machen wir jetzt?

Urheber: ToLo46 · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kottenforst,_Projekt_Zeitenwende_4.jpg · CC BY-SA 4.0
Spätestens nach 2015 brachen in Deutschland gesellschaftliche Spannungen auf. Der Westen hatte sich zu lange auf seinem Erfolg von gestern ausgeruht. Dringend nötige Reformen waren unterlassen worden. Der wirtschaftliche Erfolg ließ nach, weil viele andere Länder der Welt sich stürmisch entwickelten und oftmals bessere Produkte herzustellen begannen. Zudem gab es neue Kriege – auch in Europa – und das westliche Bündnis begann sich nach 2022 immer stärker aufzulösen. Der Überfall Russlands auf die Ukraine war daher auch ein Symbol, das allen klarmachte: Die Welt ändert sich grundlegend und so wie bisher wird und kann es nicht weitergehen – auch nicht in Deutschland selbst.
In vielen Teilen der neuen Bundesländer hängen die stärker werdende Entvölkerung, die schwache Wirtschaftsbasis und der gesellschaftliche Niedergang direkt miteinander zusammen. Darüber gibt es viele Berichte. Der folgende Bericht ist vom MDR aus Sachsen-Anhalt.
FCMS-ed1e454f-fb17-4196-be48-de352d318d91-557cadc3dbd7_ed.mp4
https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/video-1004106.html · CC BY-SA 4.0
„Bei der Bundestagswahl 2017 wählten nur 15 Prozent der (Spät-)Aussiedler und Aussiedlerinnen die extrem rechte Partei [AfD, M.V.], der bundesdeutsche Durchschnitt lag wenig darunter bei 12,6 Prozent [...] Es wurde jedoch eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Wahlverhalten in Ostdeutschland deutlich, wo AfD und Die Linke vergleichsweise mehr Zustimmung fanden und Die Grünen eher weniger. An die Linke gingen 2017 ganze 21 Prozent der russlanddeutschen Stimmen [...].“
Ira Peter, Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche reden müssen, München 2025, S. 207.
Scholz.mp4
© Phoenix · https://www.youtube.com/shorts/dyAjBoYKNIg
- 1Beschreibe mit eigenen Worten, was mit dem Begriff der Zeitenwende ausgedrückt werden soll.
- 2Woran merkst du in deinem Umfeld, dass es eine Zeitenwende gibt? Befrage dazu auch deine Verwandten und Freunde.
- „Bei der Bundestagswahl 2017 wählten nur 15 Prozent der (Spät-)Aussiedler und Aussiedlerinnen die extrem rechte Partei [AFD, M.V.], der bundesdeutsche Durchschnitt lag wenig darunter bei 12,6 Prozent [...] Es wurde jedoch eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Wahlverhalten in Ostdeutschland deutlich, wo AFD und Die Linke vergleichweise mehr Zustimmung fanden und Die Grünen eher weniger. An die Die Linke gingen 2017 ganze 21 Prozent der russlanddeutschen Stimmen [...].“
- Der Wissenschaftler und Experte für Russlanddeutsche Jannis Panagiotidis nennt das Wahlverhalten der Russlanddeutschen in Ostdeutschland bemerkenswert, „weil man ja immer annahm, dass Russlanddeutsche auch aus Feindseligkeit gegenüber dem Kommunismus konservativ wählten.“
Ira Peter, Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche reden müssen, München 2025, S. 207 f.
libmod.de/russlanddeutsche_bestimmen_image_rechts ...,
zit. nach: Ira Peter, Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche reden müssen, München 2025, S. 207 f.

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Viele inzwischen selbstbewusstere Ostdeutsche und auch Russlanddeutsche entwickeln immer stärker eine eigene Meinung, die sie in die Öffentlichkeit tragen. Diese unterscheidet sich von westlichen Sichtweisen und vermeintlich gesamtdeutschen Gewissheiten. Sie sprechen auch immer lauter über weiter bestehende Abwertungen, westliche Bevormundungen und Ausgrenzungen, über wirtschaftliche Ungerechtigkeiten, die Machenschaften der Treuhandanstalt oder die sich vom Westen unterscheidenden Denk- und Lebensweisen.
Was lange als bloß regionale oder gruppenspezifische Befindlichkeit abgetan wurde, ist ein Sprechen über eigene Erfahrungen und Interessen. Daran kommt eine ehrliche gesamtdeutsche Verständigung nicht länger vorbei.




: Die russlanddeutsche Journalistin, Autorin und Bloggerin Ira Peter in ihrem Buch „Deutsch genug?“
: Titel eines Buches der sächsischen SPD-Politikerin und Ministerin Petra Köpping
: Der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann in seinem Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“
: Die Autorin und Journalistin Jana Hensel
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Frage:
Ostdeutsches Wählerverhalten wird zum Beispiel in der „Zeit“ mit dem „mentalen Erbe der DDR“ erklärt.
Antwort:
Davon halte ich nichts. Wir haben im ostdeutschen Diskurs Autoren wie Anne Rabe oder den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, die beide stark westdeutsche Vorurteilswelten bebildern. Dieser von ihnen angenommene verfestigte, autoritäre Charakter, der sich durch die beiden Diktaturen angeblich bis in die Gegenwart zieht, den gibt es nicht. Die Fakten widersprechen da. Das ist eine ideologische Konstruktion. Beide weichen den eigentlichen Problemen aus und arbeiten einer Mehrheitsgesellschaft zu, die die wesentlich komplexere ostdeutsche Realität gern verdrängt. Eigentlich schieben sie so die Ostdeutschen aus dem Diskurs heraus und verschließen ihn. Ich arbeite daran, Debatten zu öffnen, anschaulich, auf Fakten basierend, differenziert, Widersprüche zulassend.
„Der Westen will das nicht sehen!“, Interview von Maxi Leinkauf mit Jana Hensel, in: der Freitag. Die Wochenzeitung, 12. 2. 2026, S. 17-18, hier S. 18.
„Erschwerend kam hinzu, dass Deutsche die gleichaltrigen russlanddeutschen Jugendlichen nicht immer akzeptierten. Sie nahmen die Vitalis und Swetlanas als Fremde wahr und schlossen sie aus ihren Cliquen aus – wenn es gut lief. Wenn es schlecht lief, gab es Prügel. Diese Ablehnung drückte sich nicht selten auch in Schmierereien auf dem Schulhof oder an der Bushaltestelle aus, davon berichtet mir Eugen, ein russlanddeutscher Freund. In der ostdeutschen Stadt, in der er mit seiner Familie gelandet war, stand eines Tages 'Russen raus!' an der Bushaltestelle. Seine Freunde aus dem Aussiedlerwohnheim überschrieben den Satz mit 'Deutsche raus!'. Hin und wieder prügelten sich daraufhin die verfeindeten Halbstarken. Mit der Zeit begann Eugen, sich selbst 'Russe' zu nennen. Und das, obwohl er in Tadschikistan noch der felsenfesten Überzeugung gewesen war, Deutscher zu sein.“
Ira Peter, Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche reden müssen, München 2025, S. 63f.
„Doch wirklich gut integriert sind Eingewanderte erst, wenn sie Pflichten und Rechte gleichermaßen wahrnehmen, sich also nicht mit dem Katzentisch begnügen, den die Aufnahmegesellschaft ihnen hinstellt.“
Ira Peter, Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche reden müssen, München 2025, S. 224.
- 1Lies die oben stehenden Quellen.
- 2Erkläre, was mit dem Begriff „Katzentisch“ gemeint ist.
- 3Setze dich mit der Annahme auseinander, dass es bei Ost- und Russlanddeutschen eine „verfestigte“ Diktaturerfahrung gibt, die sie an der Demokratie zweifeln lässt, weil sie so lange in Diktaturen gelebt haben und sie davon auch heute geprägt sind.
Was könnte dafür sprechen, was dagegen?
Hinweise:
- Denke dabei auch an Einstellungen und Meinungen deiner älteren Familienmitglieder und Freunde.
- Woran zweifelst du in diesem Land? Inwiefern hat das mit Politik zu tun?
- Wie sollte Demokratie für dich idealerweise sein? Was fehlt dir? Was wünschst du dir?
Bedrohungen Deutschlands
Zusammengefasst: Reformstau und Fortschrittszweifel machen Probleme
| Erklärung | |
|---|---|
| Reformstau | Politisches Schlagwort für die Unfähigkeit des politischen Systems, notwendige Veränderungen umzusetzen. |
| Pfadabhängigkeit | Einmal eingeschlagene institutionelle Wege werden beibehalten, weil Veränderung zu aufwendig oder politisch nicht durchsetzbar erscheint. |
| Ko-Transformation | Vereinigung von Bundesrepublik und DDR hätte auch den Westen verändern müssen. Das war aber nicht der Fall. |
| Beharrungsvermögen | Fähigkeit bestehender Strukturen, sich gegen Veränderung zu wehren. |
© Chris Liebscher, Digitale Lernwelten GmbH · Weiterführende Literatur: Christoph Kleßmann u. a. (Hg.): Deutschland seit 1990, ; Konrad H. Jarausch: Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945–1995, München, 2004. · Alle Rechte vorbehalten

