4.1 Die Sowjetunion nach dem Krieg
Verladung von Getreide auf einen LKW auf einem Staatsgut (1979): Frauenarbeit?
1945 war der Zweite Weltkrieg vorbei – die Sowjetunion hatte unter schweren Verlusten gewonnen und feierte ihren Sieg. Aber war dies auch der Sieg der russlanddeutschen Sowjetbürger, hatten auch sie Grund zu feiern? Würden das Misstrauen, die Verfolgung und Misshandlung nun endlich ein Ende haben? Inwieweit konnte es für die Russlanddeutschen überhaupt eine Nachkriegsnormalität in einem Land geben, das sich ihnen gegenüber so feindselig verhalten hatte?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II, Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Entwurf Sek II GK: Inhaltsfeld 5
Etablierung der Nachkriegsordnung – 1945–1973
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Leben in der Sowjetunion: 4.1, 4.2, 4.3) - Entwurf Sek II LK: Inhaltsfeld 5
Etablierung der Nachkriegsordnung – 1945-1973
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Leben in der Sowjetunion: 4.1, 4.2) - Sek II GK: Inhaltsfeld 7
Friedensschlüsse und Ordnungen des Friedens in der Moderne
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Ost-West-Beziehungen, Leben in der Diktatur: 4.1, 4.2, 4.3)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium in Sachsen, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch:
- Klasse 9, Lernbereich 1
Versuche der Zukunftsgestaltung in Europa nach dem Ersten Weltkrieg
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Wolgadeutsche Republik: 3.3,
sowjetischer Kommunismus: 3.4,
Stalin, Terror: 3.5) - Klasse 10, Lernbereich 1
Längsschnitt: Beziehungen zwischen USA und UdSSR im 20. Jahrhundert
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs: 4.1, 4.2) - Klasse 10, Wahlbereich 2
Alltagserfahrungen und Mentalitäten in beiden deutschen Staaten in den 70er Jahren
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Sowjetunion 60–70er Jahre: 4.2, 4.3)
In diesem Kapitel untersuchen wir die Sowjetunion nach dem Krieg, wie mit den Russlanddeutschen umgegangen wurde und was sich nach Stalins Tod veränderte.
Übersicht Kapitelinhalte
Keine Rückkehr für die 'Sondersiedler'
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hofften viele deportierte Russlanddeutsche auf eine rasche Verbesserung ihrer Lebensumstände. Diese vollzog sich allerdings nur sehr langsam. Die Verpflichtung zur Arbeit unter militärischen Bedingungen in der Trudarmee wurde erst Ende 1946 aufgehoben. Damit gewannen die 'Arbeitssoldaten' aber keineswegs die Freiheit zur eigenständigen Gestaltung ihres Lebens. Ihre Arbeitsplätze durften sie nicht verlassen, allerdings wurde ihnen erlaubt, eine eigene Unterkunft in der Nähe zu suchen. Sie mussten sich in regelmäßigen Abständen bei der Geheimdienst-Kommandantur melden und wurden auch auf anderen Wegen überwacht.
Im Jahr 1948 beschloss der , die Deportation nicht rückgängig zu machen. Die vertriebenen Deutschen und Angehörige anderer Völker sollten also dauerhaft im Gebiet ihrer 'Sondersiedlungen' bleiben. 1949 zählte das 1.035.701 deutsche 'Sondersiedler'. Ihre Zukunft war ungewiss. Viele lokale Partei- und Verwaltungsbehörden der Sowjetunion misstrauten ihnen noch lange und wollten auf die billige Arbeitskraft der vielen Unterdrückten auch nicht verzichten.
Von Verbannung spricht man, wenn ein Mensch aus seiner Heimat vertrieben und gezwungen wird, an einem anderen Ort zu leben. In der russlanddeutschen Geschichte bezieht sich Verbannung vor allem auf die Orte, an denen die Russlanddeutschen nach der Deportation aus ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten leben mussten, da sie diese Orte nicht selbst gewählt hatten und ihnen eine Rückkehr verboten war.
Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten
Zwangsarbeit


Russlanddeutsche Zwangsarbeiter 1952 bei Archangelsk
Russlanddeutsche 1954 bei der Holzarbeit (Gebiet Kostroma)
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte (mit freundlicher Genehmigung) · Alle Rechte vorbehalten
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Zwecks Festigung des Siedlungsregimes für die [...] während des Krieges zwangsausgesiedelten Tschetschenen, Karatschaer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutschen, Krimtataren und anderen sowie in Anbetracht der Tatsache, daß bei ihrer Verschickung die Geltungsdauer ihrer Aussiedlung nicht bestimmt worden ist, wird festgelegt, daß die obengenannten Personen in diese fernen Regionen auf ewig ausgewiesen sind, ihnen wird das Recht auf Rückkehr in die früheren Siedlungsorte aberkannt. – Für den eigenmächtigen Wegzug (Flucht) aus den Orten ihrer Pflichtansiedlung sind die Schuldigen zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit zu ziehen. Als Strafzumessung [...] sind zwanzig Jahre Zwangsarbeit anzusetzen.
Regime: Das Wort meint hier die Überwachung und Unterdrückung der Zwangsumgesiedelten an ihren neuen Orten.
Tschetschenen, Karatschaer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutsche, Krimtataren: Völker, die sich auf dem Gebiet der Sowjetunion befanden und die ganz oder teilweise aus ihrer Heimat deportiert worden waren.
Alfred Eisfeld und Victor Herdt (Hg.), Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, Dok. 307, S. 311 f.
- 1Arbeite aus der Quelle „Dekret des Obersten Sowjets ...“ (Element 5) die Beschlüsse des Obersten Sowjets und deren Begründung heraus.
- 2Vermute Gründe für diese Entscheidung.
- 3Diskutiert in der Gruppe die Menschenfeindlichkeit der sowjetischen Herrschaft.

Urheber: Fortepan adományozó HOFBAUER RÓBERT · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1956_a_budapesti_Sztálin-szobor_elgurult_feje_fortepan_93004.jpg · CC BY-SA 3.0
Im März 1953 starb Josef Stalin. Im September 1955 führte die bundesdeutsche Regierung unter Konrad Adenauer Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung über eine erste Normalisierung ihrer Beziehungen. Im Ergebnis der Verhandlungen durften die letzten deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückkehren. Über die Ausreise von etwa 130.000 (verschleppten) Zivilpersonen wurde im Zusammenhang mit den Verhandlungen ebenfalls gesprochen, diese kam aber nicht zustande.
In der Folge durften immer nur kleine Gruppen Deutscher nach Deutschland ausreisen. Das Schicksal der Russlanddeutschen fand als Folge der Verhandlungen jedenfalls wieder mehr Beachtung.
Ende 1955 wurde in der Sowjetunion das Kommandantursystem aufgehoben. Die Russlanddeutschen durften die 'Sondersiedlungen' verlassen und nach ihren Angehörigen suchen. In ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete durften sie jedoch immer noch nicht zurückkehren.

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Unterschiedliche deutsche Reaktionen auf Stalins Tod 1953

Es wird festgestellt, daß die Aufhebung der durch die Sondersiedlung bedingten Einschränkungen für die Deutschen nicht die Rückgabe des Vermögens, das bei der Verschickung konfisziert worden ist, zur Folge hat und daß [die Deutschen] nicht das Recht haben, in die Orte zurückzukehren, aus denen sie ausgesiedelt worden sind.
Alfred Eisfeld und Victor Herdt (Hg.), Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, Dok. 399, S. 454 f.
Wird mit dem neuen Staatschef alles besser?

Urheber: John Fitzgerald Kennedy Bibliothek · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Nikita_Khruchchev_Colour.jpg&oldid=973650737 · PD
Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (1894–1971) wurde nach Stalins Tod Parteichef der KPdSU und damit Staatschef der Sowjetunion. Er war altgedienter Kommunist, Bürgerkriegs- und Weltkriegsveteran und schon früher Vertrauter Stalins. Bald nach seiner Einsetzung begann er dennoch, sich von Teilen der Politik seines Vorgängers zu distanzieren. Auch wenn Stalin als Held des 'Großen Vaterländischen Krieges' natürlich weiterhin verehrt wurde, so kritisierte Chruschtschow doch zunächst intern dessen Umgang mit den nationalen Minderheiten der Sowjetunion, also auch den Russlanddeutschen. Unter Chruschtschow setzte eine '' ein, in der aus der völlig auf den obersten Anführer zugeschnittenen Stalin-Diktatur eine Sowjetunion wurde, die ihren Minderheiten in engen Grenzen gewisse Freiheiten gewährte und die Bürger nicht mehr mit allgegenwärtigen, willkürlichen Verschleppungen und Hinrichtungen terrorisierte.
„Wie lange wird man uns noch als Faschisten beschimpfen?“

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Hinweis: Der Text ist ein Ausschnitt aus einer Rede, die Nikita Chruschtschow 1956 vor wichtigen Mitgliedern der KPdSU hielt.
Genossen! Beschäftigen wir uns mit einigen anderen Tatsachen. Die Sowjetunion wird zu Recht als Musterbeispiel eines multinationalen Staates angesehen, denn bei uns wurden in der Praxis Gleichheit und Freundschaft aller Völker gewährleistet, die unsere große Heimat bewohnen.
Um so ungeheuerlicher sind die Aktionen, deren Initiator Stalin war und die eine brutale Vergewaltigung der grundlegenden Leninschen Prinzipien der Nationalitätenpolitik des Sowjetstaates waren. Die Rede ist von der Massenumsiedlung ganzer Völker aus ihren heimatlichen Orten, darunter auch aller Kommunisten und Komsomolzen ohne jede Ausnahme, wobei derartige Aussiedlungsaktionen durch keinerlei militärische Beweggründe diktiert waren. [...]
Nicht nur für Marxisten-Leninisten, sondern für jeden vernünftig denkenden Menschen ist es unverständlich, wie man die Verantwortung einzelner Personen oder Gruppen für feindliche Handlungen auf ganze Völker übertragen konnte, Frauen und Kinder, Alte, Kommunisten und Komsomolzen nicht ausgenommen, wie man ihnen gegenüber Massenrepressalien anwenden und sie Entbehrungen und Leiden aussetzen konnte.
Rede des Ersten Sekretärs des CK der KPdSU, N. S. Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU [„Geheimrede“] und der Beschluss des Parteitages „Über den Personenkult und seine Folgen“, 25. Februar 1956, Übersetzung aus dem Russ. von L. Antipow.
Kritisierte Chruschtschow diese Maßnahme oder Folge stalinistischer Politik in seiner Rede? Antworte jeweils mit „ja“ oder „nein“.
Das unmenschliche System der Arbeitslager und Gulags
Bildnachweise
1. „The fence and guard tower at the Soviet forced labor camp Perm-36 100 km northeast of the city of Perm in Russia“ – Gerald Praschl (CC BY-NC 3.0), Quelle
2. „-“ – 2966152 (Nicht angegeben), Quelle
3. „Chicago's American front page depicting Holodomor's starvation to death of six million Ukrainians“ – Chicago's American (Public Domain), Quelle
4. „Monument (in Katowice, Poland) of victims of Katyn massacre.“ – Lestat (Jan Mehlich) (CC BY-SA 3.0), Quelle
5. „Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay“ – Peggy und Marco Lachmann-Anke (Nicht angegeben), Quelle
6. „A map of all the ethnic groups in the USSR“ – User:ZeppelinXanadu2112 (CC BY-SA 3.0), Quelle
Entschuldigt sich die Sowjetunion?
Im Jahre 1964 wurden die Russlanddeutschen durch einen Erlass des Obersten Sowjets der Sowjetunion teilweise . Damit war der Generalverdacht gegen eine ganze Volksgruppe aufgehoben, die Sowjetunion verraten zu wollen und Anhänger der deutschen Nationalsozialisten zu sein.
Im Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben“ wurden gegenüber großen Gruppen von deutschen Sowjetbürgern Anschuldigungen erhoben, den faschistischen deutschen Landräubern aktive Unterstützung und Vorschub geleistet zu haben.
Das Leben hat erwiesen, dass diese pauschal erhobenen Anschuldigungen haltlos und Ausdruck der angesichts des Personenkults um Stalin herrschenden Willkür waren. In Wirklichkeit hat die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges gemeinsam mit dem ganzen Sowjetvolk durch ihre Arbeit zum Sieg der Sowjetunion über das faschistische Deutschland beigetragen, und in den Nachkriegsjahren beteiligte sie sich aktiv am kommunistischen Aufbau.
Das Präsidium des Obersten Sowjet beschließt:
- 1Der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 'Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben' [...] wird in dem Teil aufgehoben, der pauschal erhobene Anschuldigungen gegen die deutsche Bevölkerung, die in den Wolga-Rayons lebte, enthält.
- 2In Anbetracht der Tatsache, dass die deutsche Bevölkerung in ihren neuen Wohngebieten auf dem Territorium einer Reihe von Republiken, Regionen und Gebieten des Landes fest integriert ist, und die Rayons ihres früheren Wohnsitzes besiedelt sind, werden die Ministerräte der Unionsrepubliken zwecks einer weiteren Entwicklung der Rayons mit deutscher Bevölkerung beauftragt, der auf dem Territorium dieser Rayons lebenden deutschen Bevölkerung auch weiterhin Hilfe und Unterstützung beim wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau unter Berücksichtigung ihrer nationalen Eigenart und ihrer Interessen zu gewähren.
pauschal: allgemein, alle betreffend, nicht auf den Einzelfall bezogen
Personenkult: übertriebene Verehrung einer Person; in der Politik: die Betonung der Wichtigkeit einer politischen Führungsfigur, der sich Menschen unterwerfen sollen
Willkür: unberechenbares Verhalten Einzelner, die die Macht haben, Entscheidungen zu treffen, die von Gesetzen nicht gedeckt sind
Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964 über Änderungen des Erlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben“, Moskau, Kreml, 29. August 1964, Nr. 2820-VI, zitiert nach: https
- 1Untersuche den Rehabilitations-Erlass (Element 16) und gib in eigenen Worten Änderungen und Gleichbleibendes für die Russlanddeutschen wieder.
- 2Beantworte die Frage in der Überschrift: War das eine Entschuldigung der Sowjetunion bei den Russlanddeutschen?

