7.2 „Doppelte Wirklichkeit“ in Diktatur und Widerstand
Heldenkult und Gewalt – der Kern des kommunistischen Systems in der Sowjetunion und der DDR?
Oft hört man die Aussage: In der sozialistischen Diktatur lebte man in zwei Wirklichkeiten. Was soll das bedeuten? Wie kann man mehrfach leben? Und kann es zwei Wirklichkeiten geben?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
- Klasse 10, Wahlbereich 3
Alltagserfahrungen und Mentalitäten zur Zeit der Friedlichen Revolution und im geeinten Deutschland
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Rückwanderung Russlanddeutscher nach Deutschland: 5.1, 5.2, 8.1, 8.2, 8.3, 8.4, 8.5)
In diesem Kapitel stellen wir den inneren Zwiespalt dar, in dem die Menschen in der DDR und der Sowjetunion gelebt haben – einerseits die nach außen gezeigte Systemtreue als Überlebensstrategie, andererseits der innere Widerstand gegen ein die eigene Freiheit unterdrückendes System.
Übersicht Kapitelinhalte
Die Erfahrung der „doppelten Wirklichkeit“ in der DDR und in der Sowjetunion
Die doppelte Wirklichkeit des Lebens in der DDR
In der DDR bestand die doppelte Wirklichkeit darin: Die offizielle Propaganda der SED beschrieb ein sozialistisches Leben der Harmonie, der Zuversicht und des Fortschritts, das mit dem Alltag wenig zu tun hatte. Die Zeitungen berichteten von Planerfüllung und sozialistischem Aufbau, während die Menschen oft mit veralteten Anlagen arbeiten mussten und in den Geschäften Lieferengpässe normal waren.
Wenn der DDR-Bürger abends den Fernseher anschaltete, sahen sie im Westfernsehen eine bunte Warenwelt, die für sie unerreichbar war. Dass diese Waren nicht in einer sozialistischen Lebens- und Arbeitsweise zu bekommen waren, vergaßen sie im Rausch der Werbebilder und -töne. Die Sehnsucht danach wuchs ins Unermessliche.
In der Berechenbarkeit, Überschaubarkeit und Sicherheit des sozialistischen Alltags aber richteten sich viele Menschen. Man lernte, zwei Sprachen zu sprechen: Öffentlich sagte man, was die Vertreter des Staates hören wollten und privat sprach man offen. Man konnte sich in dieser doppelten und verlogenen Welt einrichten, weil die Anpassung nicht schwerfiel. Wer nicht auffiel, hatte ein ruhiges Leben.
Propaganda-Plakat des FDGB (der staatlichen Einheits-Gewerkschaft „Freier Deutscher Gewerkschafts-Bund“) zur Aktivisten-Bewegung von 1951 aus der „DDR“. Die dargestellte Frau trägt einen Orden am Kragen, der sie als „Aktivistin der sozialistischen Arbeit“ ausweist. Die Verleihung solcher Auszeichnungen war mit einer kleinen Geldprämie verbunden, die nur eingedenk des niedrigen Reallohnniveaus in der „DDR“ dennoch vielen erstrebenswert erschien. Erzählt wird damit die Geschichte der glücklichen DDR-Bürger, die alles haben, was sie zum Leben brauchen.
Die andere Seite der doppelten Wirklichkeit: Viele Dinge waren unerreichbar. Die DDR-Bürgerinnen und -Bürger wussten genau, dass sie benachteiligt wurden, in ihrem Land unfrei waren und, sollten sie etwas Falsches sagen, eingesperrt und bestraft werden würden. Die tatsächliche Lebenssituation steht somit in krassem Gegensatz zu der erzählten Propagandageschichte.
Die doppelte Wirklichkeit des Lebens in der Sowjetunion
Bei den Russlanddeutschen war die doppelte Wirklichkeit radikaler. Sie bestand nicht nur im Gegensatz zwischen Propaganda und Alltag, sondern im Gegensatz zwischen der offiziellen Identität und der privaten. Nach außen waren die Russlanddeutschen Sowjetbürger, oft sprachen sie auch russisch und konnten sich dadurch anpassen. Nach innen bewahrten sie eine deutsche Identität bewahren oder versuchten es es: deutsche Lieder, die deutsche Sprache, auch Religion und Gebete, Kochrezepte oder Familienerzählungen hatten dabei eine große Bedeutung. Diese innere Identität aber auch stark bedroht, zum Beispiel, weil die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit nicht gern gehört und Religion ans sich weitgehend verpönt war. Die Weitergabe kultureller Traditionen wurde daher mit jeder Generation schwieriger.
Der Russlanddeutsche Jakob Hering (1932–1984) wurde als erfolgreicher Kolchos-Vorsitzender auch Abgeordneter im Obersten Sowjet der Kasachischen SSR, später im Obersten Sowjet der Sowjetunion. Somit gilt er als ein erfolgreicher, glücklicher Mann, oder?
Die andere Seite der doppelten Wirklichkeit: Jakob Herings Vater wurde unter Stalin verhaftet. Der damals 9-jährige selbst wurde 1941 zwangsumgesiedelt und musste in einer Stalin-Kolchose unter schwierigsten und z. T. lebensbedrohlichen Umständen schwer arbeiten. Hering wurde verletzt und gesundheitlich schwer beeinträchtigt und musste ein Jahr lang im Krankenhaus liegen. Durfte so mit ihm umgegangen werden?
- 1Untersuche die beiden drehenden Litfaßsäulen in den Elementen 2 und 3.
- 2Notiere die zentralen Informationen der jeweiligen Wirklichkeiten und vergleiche sie miteinander.
- 3Schreibe zu den Personen eine kurze Darstellung, die beide Wirklichkeiten berücksichtigt.
- 4Formuliere das propagandistische Prinzip, das hinter den beiden Wirklichkeiten steht.


Die Schere macht meinen Kopf kaputt: Wer bin ich? Was mache ich hier? (KI-generierte Karikatur)
Die Enge der Diktatur prägt das ganze Leben und ist irgendwann zu klein. (KI-generierte Karikatur)
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Für DDR-Bürger war die doppelte Wirklichkeit eine Frage des Verhaltens – man sprach öffentlich anders als privat. Für Russlanddeutsche war sie eine Frage der Identität – man war öffentlich jemand anderes als privat. Das eine lässt sich nach dem Ende der Diktatur relativ leicht ablegen; das andere nicht.
Diktatur in der DDR und der Sowjetunion – ein Vergleich
Die Erfahrungen der Ost- und der Russlanddeutschen in der Diktatur verbindet ein Grundmuster:
- Menschen haben in der Diktatur gelernt, in einer Welt zu leben, in der die offizielle Erzählung und die gelebte Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Sie passen sich an und tragen die Lüge mehr oder weniger mit.
- Genau dieses Muster der Anpassung ist auch lange nach Ende der Diktatur noch vorhanden und kommt zur Anwendung. Das kann man auch heute beobachten: In einer Zeit, in der Desinformation, Propaganda und die Kluft zwischen politischer Rede und Alltagserfahrung wieder zunehmen, bringen beide Gruppen eine Kompetenz mit, die demokratische Gesellschaften dringend brauchen – das geschulte Misstrauen gegenüber offiziellen Narrativen, gepaart mit der Erfahrung, dass man trotzdem weiterleben und handeln kann.
Marcus Ventzke, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
- 1Beschreibe das im Kompakt-Kasten (Element 6) erwähnte „Grundmuster“.
- 2Leite Erkenntnisse für die Bewahrung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in der Gegenwart ab.
Russlanddeutsche in der DDR

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Zur Zahl der Russlanddeutschen, die vor dem Ende des Kommunismus in der DDR und der Sowjetunion (1989/1991) in die DDR ausreisten, gibt es nur wenige genaue Angaben. Schon 1950 lebten rund 5.000 Deutsche aus Russland in der DDR. Bis in die Mitte der 1970er-Jahre konnten Russlanddeutsche kaum aus der UdSSR ausreisen – weder in die Bundesrepublik noch in die DDR. Bis zum Ende der DDR kann eine Zahl zwischen 8.000 und 15.000 Russlanddeutschen geschätzt werden, die auf unterschiedlichen Wegen, z. B. auch durch Heirat oder aus beruflichen Gründen, in die DDR kamen. Sichtbar waren die Russlanddeutschen als Gruppe in der Öffentlichkeit jedoch nicht. Es gab keine eigenen Vereine, Medienberichte oder kulturellen Freiräume.
Hinweis:
Die Schätzungen zur Migration Russlanddeutscher in die DDR basieren auf wissenschaftlicher Literatur, u. a. Jannis Panagiotidis, Postsowjetische Migration in Deutschland. Eine Einführung, Weinheim 2020, S. 60–72.

Eleonora Hummel reiste 1982 mit ihren Eltern in die DDR aus und lebt seitdem in Dresden: Sie berichtet als 'Mitgebrachte'.
„Ich hatte halt die ganze Zeit in der DDR das Gefühl, nicht angekommen zu sein. Und das war wie so ein Schatten auf der Jugend. Man sagt ja: 'Jugend – schönste Zeit.' Das war immer so wie ein Gefühl, als wäre irgendetwas nicht in Ordnung. Und der Drang, eben da auszubrechen, das hat mich die ganze Zeit begleitet. Ja, ich habe einen Vermerk in meinem Abschlusszeugnis bekommen. Und dieser Vermerk war der Grund, warum ich nicht Abitur machen durfte. Also man hat mir im Zeugnis bescheinigt, ich hätte zwar gute theoretische Kenntnisse in Marxismus-Leninismus, aber sie würden nicht mein Handeln bestimmen. Und auf der Basis von diesem Zeugnis wurde ich dann abgelehnt. Obwohl die Noten durchaus gut waren, also sehr gut und ausgereicht hätten, um Abitur zu machen. Dann habe ich eine Ausbildung gemacht bei der Akademie der Wissenschaften der DDR. Aber ich hatte damals schon den Traum von Amerika. Ich wollte ja unbedingt nach Amerika ausreisen. Und habe mir dann schon überlegt mit 15, 16 wie mache ich das am besten.“
Auszug aus einem Interview Eleonora Hummels (*1970) im Projekt der Deutschen Gesellschaft e.V. „Gelebte Transformation“ (12.8.2024), 7:58-9:16 Min. (https://www.youtube.com/watch?v=9N-T_1wAtOo&t=208s).
Widerstand von Ostdeutschen und Russlanddeutschen gegen die Diktatur – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Urheber: ADN-ZB / Zimmermann · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Alexanderplatz-Demonstration?uselang=de#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-006,_Berlin,_Demonstration.jpg · CC BY-SA 3.0
Ost- und Russlanddeutsche haben keineswegs die gleichen Erfahrungen beim Widerstand gegen die Diktatur gemacht. Dazu waren zum einen, trotz vieler Ähnlichkeiten, die konkreten Ausprägungen dieser Diktaturen zu unterschiedlich. Zum anderen erlebten sie den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit ganz anders: die einen als Teil des besiegten deutschen Volkes und die anderen als unterdrückte und misstrauisch beobachtete Gruppe angeblicher Verräter.


Denkmal für die verurteilten Oberschüler aus Altenburg
Demonstration von Russlanddeutschen im Jahr 1985 in der Bundesrepublik
Urheber: Lucas Friese · https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrichgymnasium_(Altenburg)#/media/Datei:Denkmal_Jugendwiderstand_Altenburg.jpg · CC BY-SA 3.0
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold / Fotos von Demonstrationen in der BRD, Inv.-Nr.: 2010/533d · Alle Rechte vorbehalten
Wer es nicht mehr aushielt oder zu aktiv gegen die kommunistischen Herrscher gekämpft hatte, für den war der freie Westen ein Fluchtort der Freiheit. Ost- und Russlanddeutsche leisteten auch direkten Widerstand, oft mit hohem Risiko. Dabei war dieser Widerstand nicht durchgängig von einem organisierten Untergrund getragen oder auf spektakuläre und wirksame Aktionen gegen die Machthaber ausgerichtet. Oft ging es um die Verbesserung der konkreten Lebensumstände: kleine Gruppen oder einzelne Personen protestierten mit Plakaten, stellten schriftliche Forderungen (etwa nach Ausreise) oder verlangten eine rechtliche Anerkennung von Unrecht. So protestierte eine Gruppe von Oberschülern aus Altenburg in Thüringen 1949–1950 mit einem illegalen Radiosender und Flugblättern gegen Stalin und wurden daraufhin verurteilt. Die Strafen waren drakonisch: Todesurteile und jahrzehntelange Haftstrafen wurden ausgesprochen. Viele Beteiligte flohen auch in den Westen Deutschlands.
Einem DDR-Bürger wird der Telefonanschluss abgeklemmt. Er geht zur zuständigen Post, beschwert sich und fragt nach den Gründen für diese Entscheidung.
Barsche Antwort des Postangestellten: „Sie haben den Staatssicherheitsdienst verleumdet.“
Bürger: „Ich? Wieso?“
Antwort des Postangestellten: „Sie haben wiederholt am Telefon behauptet, der Staatssicherheitsdienst würde Ihr Telefon abhören!“
Zeitzeugenerinnerung des Autors Marcus Ventzke
Politischer Widerstand von Russlanddeutschen gegen die Sowjetunion
Für Russlanddeutsche war offener Widerstand in der Sowjetunion kaum möglich. Wer aufbegehrte, riskierte (Lager-)Haft, Verurteilung zu Zwangsarbeit oder sogar die sofortige Todesstrafe.
Viele leisteten daher stillen Widerstand. Zu Hause, in geheimen christlichen Gemeindeversammlungen oder Nachbarschaftsgesprächen bewahrten sie ihre deutsche Sprache und Kultur. Sie lasen also verbotene Bibeln und feierten religiöse Feste im Verborgenen. Besonders Baptisten, Mennoniten und Katholiken versuchten auf diese Weise, ihre Herkunft und Identität zu bewahren und sich der sowjetischen Strategie zur kulturellen Entwurzelung und Gleichmacherei im Sinne eines angeblich neuen 'sowjetischen Menschen' zu entziehen.
Ab den 1960er-Jahren bildete sich auch eine Bürgerrechtsbewegung, die für die Rehabilitierung und die Wiederherstellung der deutschen Wolgarepublik kämpfte. Aktivisten sammelten Unterschriften, reisten nach Moskau und suchten den Kontakt zur westdeutschen Botschaft. Tausende stellten trotz Schikanen, Berufsverboten und KGB-Verhören jahrelang Ausreiseanträge. Dieser zähe Druck 'von unten' trug dazu bei, dass nach 1987 die Grenzen zunehmend geöffnet wurden und ab 1990 die große Aussiedlungswelle nach Deutschland begann.
Glaube im Geheimen – Versteckter Widerstand





Kirche im Freien – oftmals versammelten sich russlanddeutsche Christen in freier Natur, um ihren Glauben zu feiern. Kirchenräume gab es nicht, und im Freien waren die Gläubigen vom Geheimdienst schwerer zu finden.
Das braune Kreuz fertigte die Russlanddeutsche Hilde Erdmann in einem Arbeitslager in Tscheljabinsk. Sie traute sich aber nicht, es offen zu tragen. Dafür konnte man schwer bestraft werden. Also fertigte sie das kleine braune Kästchen noch dazu und verbarg das Kreuz darin.
Das Kästchenversteck aus der Nähe.
Fotos von Bibelversen u.a. zu christlichen Feiertagen wurden von Russlanddeutschen hergestellt und in der Öffentlichkeit ausgelegt. Meistens gab es keine weiteren Beschriftungen, um für Polizei und Geheimdienst nicht auffällig zu werden.
Gesangbücher gab es in der Sowjetunion nicht zu kaufen. Öffentliche religiöse Betätigungen waren nicht gestattet. Irgendwann wurden daher christliche Texte, auch Gesangbücher, abgeschrieben.
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold · Alle Rechte vorbehalten
„Wir hatten keine Kirchengebäude, aber wir haben uns dann privat versammelt. Auch bei uns zuhause haben Gottesdienste stattgefunden.“
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold
Treffen sich zwei Russlanddeutsche.
Fragt der eine: „Weißt du, was der Unterschied ist zwischen einem freien Sowjetbürger und uns? Der Sowjetbürger kann fahren, wohin er will.“
Fragt der andere zurück: „Und wir?“
Antwort des ersten: „Wir auch – bis zur Dorfgrenze.“
Aus Gesprächen mit Russlanddeutschen aufgezeichnet durch den Autor Marcus Ventzke.
- 1Lies die politischen Witze (Elemente 14 und 18).
- 2Überlege, wo und unter welchen Bedingungen politische Witze erzählt werden.
- 3Interpretiere die Witze als Ausdruck einer Widerstandshaltung.
Widerstand gegen die kommunistischen Diktaturen: Unterschiede zwischen Ost- und Russlanddeutschen
Einer der wichtigsten und folgenreichsten Unterschiede zeigt sich am Ende der Diktaturen 1989-1991:
- Ein größerer Teil der Ostdeutschen erkämpfte sich in einer Friedlichen Revolution die Freiheit und wurde dann eher passiv in ein westliches demokratisches Land übernommen.
- Die Russlanddeutschen traten als Anführer oder Teilnehmer einer Revolution nicht in Erscheinung. Sie kämpften nicht als Gruppe gegen die Diktatur, sondern wanderten mehrheitlich aktiv in das westliche, demokratische Deutschland aus.
- Westdeutsche hingegen wurden in ihrer Mehrzahl in die demokratische Ordnung hineingeboren, mussten sie weder sehnsüchtig erträumen noch erkämpfen. Für sie blieb alles unverändert.
Widerstand aller Deutschen gegen die Diktatur in der DDR und der Sowjetunion
Aus der Bundesrepublik über die DDR in die Sowjetunion: Schmuggel verbotener Literatur zu den Russlanddeutschen



Benzinkanister, in dem Literatur versteckt und in die Sowjetunion geschmuggelt wurde (Odessa, 1970).
Oftmals handelte es sich um Bücher, die auf ganzen dünnem oder plastikartigem Papier gedruckt wurden.
Wertvolle Fracht: Die Bücher wurden eng aneinander gedrückt, damit möglichst viele in das Geheimversteck passten.
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold · Alle Rechte vorbehalten
© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold (Ausstellung) · Alle Rechte vorbehalten
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Eine besonders spannende Form von Widerstand waren die Bemühungen von Christen, verbotene christliche Literatur wie etwa Bibeln oder Gesangbücher in die Gemeinden der Russlanddeutschen in der Sowjetunion zu schmuggeln. Da solche Unterstützungen verboten waren, mussten sie als geheime Aktionen organisiert werden. Christliche Gemeinden in Westdeutschland, Ostdeutschland und der Sowjetunion arbeiteten dabei zusammen. Zunächst wurde die verbotene Literatur über die innerdeutsche Grenze geschmuggelt, in Verstecken auf Kirchendachstühlen oder -türmen zwischengelagert und dann durch Reisende, die als Touristen in der Sowjetunion unterwegs waren, an ihren Bestimmungsort bei den Russlanddeutschen gebracht. Das geschah zum Beispiel in Wohnwagenanhängern, Autoreifen oder zu Verstecken umgebauten Benzinkanistern.
Während die Sowjetunion existierte, waren direkte Kontakte zwischen russlanddeutschen Christen in der Sowjetunion und Pfarrern aus Deutschland schwierig und gefährlich. Es gab trotzdem Verbindungen, die oft wie Aktionen von Geheimdiensten geplant und organisiert wurden.
Das 1920 im Harz gegründete christliche Missionswerk „Licht im Osten“ organisierte die Versorgung evangelischer Christen in der Sowjetunion mit religiöser Literatur, z. B. in kleinen Buchformaten und auf sehr sehr dünnem Papier gedruckt. Seit den 1960er-Jahren schmuggelten junge Christen oftmals aus der DDR bei Touristenreisen Bibeln in Autos, Campingbussen oder Gepäckstücken in die Sowjetunion. Die Literatur kam oft aus Westdeutschland, wurde in Kirchengebäuden in der DDR zwischengelagert und dann heimlich in die Sowjetunion gebracht.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten
Kontakte zu Christen in der Sowjetunion vor 1989

Berichte von Menschen über die Beziehungen von Christen über den Eisernen Vorhang hinweg

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Eine Schlüsselrolle beim Bibelschmuggel spielten kirchliche Organisationen in Deutschland wie der „Arbeitskreis für russische Kirchengeschichte“ und der „Andreaskreis“. Beide Organisationen hielten geheime Kontakte zu evangelischen Gemeinden in der Sowjetunion. Auch die „Kirchliche Gemeinschaft der Evangelisch-Lutherischen Deutschen aus Russland e.V.“ kümmerte sich seit 1947 (damals „Hilfskomitee der evangelischen Ostumsiedler“) seit den 1970er-Jahren um die noch in der Sowjetunion lebenden evangelischen Christen. Diese Arbeitskreise und Gemeinschaften boten konkrete Hilfe beim Zugang zu Literatur und Bildmaterial und sammelten auch Informationen über das christliche Leben im Osten, den Zustand der Kirchengebäude, über staatliche Unterdrückungen, Verhaftungen, Prozesse und Bestrafungen von Christen. Sie gaben dieses Wissen an andere Kircheninstitutionen, zum Beispiel an den Lutherischen Weltbund in Genf oder Gemeinden in der DDR weiter.

Urheber: Digitale Lernwelten GmbH · https://lv.wikipedia.org/wiki/Attēls:Rīgas_Jēzus_luterāņu_baznīca.jpg · CC BY-SA 3.0
Der DDR-Geheimdienst (Ministerium für Staatssicherheit – MfS) versuchte, diese Organisationen zu unterwandern. Im sogenannten „Operativen Vorgang Giftspinne“ wurde spätestens ab 1972 der „Arbeitskreis für russische Kirchengeschichte“ ausgekundschaftet. Das war auch bei „Licht im Osten“ so. Und es gab Verrat: Ein Pfarrer aus der DDR verriet die Organisation an das MfS. Der lutherische Pfarrer Harald Kalnins (1911–1997) aus Riga war ein wichtiger Mann bei den Versuchen, den Kontakt zu Christen der Sowjetunion herzustellen und zu halten. Er hatte schon seit Ende der 1960er-Jahre die deutschen lutherischen Gemeinden in den Republiken der Sowjetunion begleitet. Am 13. November 1988 wurde er mit Zustimmung der sowjetischen Machthaber in Riga zum Bischof für die russlanddeutschen evangelischen Gemeinden geweiht.
Um Personen und Strukturen der Ostmissionen vor Ort auszukundschaften, wurden IM, die im Besitz der notwendigen Reiseerlaubnis waren, in die Bundesrepublik geschickt. Es galt, die illegalen Transportwege, auf denen Organisationen wie „Licht im Osten“ oder die „Christliche Ostmission“ einschlägige Literatur unterschiedlichen Formats, Drucktechnik und Hilfsgüter über die DDR in die Sowjetunion bringen ließen, aufzudecken und zu zerschlagen. In gleichem Maße sollten Beweise für Verbindungen zu westlichen Geheimdiensten gesammelt werden. Auf dem Gebiet der DDR hatten die IM vorrangig die Kontaktpersonen westlicher Missionsgesellschaften zu beschatten, die dort die Lagerung und den Weitertransport der geschmuggelten Bücher und Materialien organisierten. Das galt ebenso für die IM des KGB auf dem Territorium der Sowjetunion.
Ann-Kathrin Reichardt, Schmuggler, Spitzel und Tschekisten. Wie Stasi und KGB den Bibelschmuggel in die Sowjetunion bekämpften (= BF informiert 43/2020), Berlin 2020, S. 74.
- 1Erläutere eine Widerstandsaktion Ostdeutscher und Russlanddeutscher mit eigenen Worten.
- 2Erläutere Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Widerstand in der DDR und der Sowjetunion.
Beantworte dabei folgende Fragen:- Wo war es gefährlicher, Widerstand zu leisten?
- Inwiefern bildeten der christliche Glaube und die Kirchen eine gemeinsame Klammer zwischen West-, Ost- und Russlanddeutschen auch in der Zeit des Kalten Krieges?
