Vertiefung 3.1 Aussiedler, Einwanderer, Flüchtlinge: Warum begeben sich Menschen an andere Orte?

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Aussiedler, Einwanderer, Flüchtlinge – es gibt im Deutschen eine Menge Begriffe für Menschen, die ihren Geburtsort verlassen, um an einem anderen Ort zu leben. Der Sammelbegriff für diese Menschen ist „Migranten“. Aber was bedeutet das eigentlich? Wer ist Migrant und wie wird man Migrant? Aus welchen Gründen wandern Menschen aus bzw. ein? In diesem Kapitel geht es mir vor allem darum, einige Begriffe zu klären, die im Zusammenhang mit wandernden Menschen wichtig sind.

Nordrhein-Westfalen

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch
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Sachsen

Lehrplan Geschichte Gymnasium (Fassung: 2004, 2007, 2009, 2011, 2019) in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch
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  • Klasse 5: Lernbereich 1 „Orientierung in der Vergangenheit“

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit den Gründen, warum Menschen die Welt erkunden, ihren Heimatort verlassen wollen oder müssen, und unterschiedlichen Beispielen dazu.

Kapitelinhalte

Die Wanderlust steckt in unserer Kultur

Berühmte Wanderer und Wanderungen

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Menschen streben immer nach neuen Herausforderungen: 1969 landeten die US-Amerikaner Neil Armstrong, Buzz Aldrin (im Bild) und Michael Collins auf dem Mond.

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Das Wandern ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens – ebenso wie Geburt, Tod, Fortpflanzung, Nahrungsaufnahme oder Krankheit bestimmt es das Leben der Menschen. Der Mensch wanderte schon, seitdem es ihn gibt, beispielsweise um Nahrung zu suchen oder um in einem anderen Land zu leben. Um zu überleben, war es auch manchmal nötig, weite Strecken über Land oder über das Meer bis auf andere Kontinente zurückzulegen.

Der Historiker Klaus J. Bade hat den Menschen daher in Anlehnung an den wissenschaftlichen Begriff Homo sapiens als Homo migrans bezeichnet.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

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In Geschichten, Filmen und Liedern: Überall taucht die menschliche Wanderlust auf. Ob auf der Flucht vor enttäuschter Liebe, aus Abenteuerlust und Entdeckerdrang oder um fremde Länder zu erobern – ständig wird in den wirklich spannenden Erzählungen gewandert. Klar, denn zu Hause passiert ja meistens nicht so viel Aufregendes.

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Wandern und Reisen sind häufig auftauchende Themen in der Musik, hier einige Beispiele:

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Viele Filme beschäftigen sich mit dem Thema Reisen. Und es gibt einige Filme, deren ganze Handlung aus einer Reise besteht. 'Roadmovie' heißen solche Filme: Die Reise steht darin meist als Metapher für die Suche nach der eigenen Identität oder Freiheit. Hier einige Beispiele: (Sollten die Links nicht funktionieren, suche auf YouTube nach den Titeln).

Die Wanderlust steckt in unserem Wissen

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Heute erscheint es uns zum Beispiel ganz normal, dass das in Kalifornien erfundene Smartphone wenig später auch in Deutschland oder China gekauft werden kann. Als es aber noch kein Fernsehen, kein Internet und keine international tätigen Firmen gab, verbreiteten sich wissenschaftliche und technische Neuerungen nicht so rasend schnell über die Welt wie heute. Damals brauchte es noch reisende Menschen, um eine Entdeckung, die irgendwo gemacht wurde, in die Welt zu tragen.

Wanderndes Wissen

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1945 gelang einer US-amerikanischen Forschergruppe die Entwicklung der ersten Atombombe. Dabei half unter anderem das Wissen mehrerer vor den Nazis geflohener deutscher Physiker. Als die Bombe dann fertig war, hätten die USA das Wissen um ihre Herstellung gern nur für sich behalten. Das war aber eine Illusion. Auch in der Sowjetunion und in anderen Ländern hatte sich das Wissen um die Atomspaltung verbreitet.
Das Foto zeigt einen Atombombentest 1954 auf dem Bikini-Atoll.

Was ist Migration?

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Was bedeutet eigentlich Migration? Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort migrare ab, das wandern, aus- oder wegziehen bedeutet. Es wird im Zusammenhang mit ein- und auswandernden Menschen ständig verwendet. Und irgendwie haben wir alle das Gefühl, dasselbe zu meinen, wenn wir Migration sagen.

Versucht man jedoch, genau zu beschreiben, was Migration ausmacht (und was nicht), wird die Sache sehr viel schwieriger. Denn nicht jeder Mensch, der sich an einem anderen Ort aufhält als dem, an dem er geboren und aufgewachsen ist, ist ein Migrant. Menschen begeben sich

  • aus unterschiedlichen Gründen,
  • unter sehr unterschiedlichen Bedingungen und
  • mit unterschiedlichen Zielen

an einen anderen Ort. Ob wir eine bestimmte Form dieser Bewegungen als Migration bezeichnen, hängt von all diesen Gründen, Bedingungen und Zielen ab.

Migration?

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Dieses Foto wurde Anfang des 20. Jahrhunderts aufgenommen und zeigt europäische Auswanderer in die USA. Sie befinden sich auf einem Schiff im Hafen von Triest. Die Menschen auf dem Bild verließen ihre Heimat, um in den USA ein neues Leben zu beginnen.

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AufgabeMigration oder nicht?

Entscheide bei den Bildern der Galerie „Migration?“, ob es sich um Migration handelt oder nicht. Begründe deine Entscheidungen.

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Von Migration spricht man, wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegt, von internationaler Migration, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Migrationsbericht 2011, S. 12, https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/...[06.02.2025].

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Menschen, die einzeln oder in Gruppen ihre bisherigen Wohnorte verlassen, um sich an anderen Orten dauerhaft oder zumindest für längere Zeit niederzulassen, werden als Migranten bezeichnet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Einwanderung [05.02.2025]

Gründe zu gehen, Gründe zu kommen

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Ein Mittel, Migration besser verstehen und untersuchen zu können, ist das Push-Pull-Modell. Dieses Modell geht davon aus, dass es Umstände gibt, die Menschen von dem Ort, an dem sie leben, 'wegdrücken' – die Push-Faktoren (engl. push = drücken). Solche Push-Faktoren müssen also Umstände sein, die das Leben der Menschen verschlechtern oder gefährden, wie etwa Arbeitslosigkeit, Krieg oder Verfolgung.

Daneben gibt es Umstände, die Menschen zu einem anderen Ort 'hinziehen' – die Pull-Faktoren (engl. pull = ziehen). Solche Pull-Faktoren stellen also Verbesserungen oder zumindest die Hoffnung auf Verbesserung im Leben der Menschen dar. Beispiele für Pull-Faktoren sind Sicherheit, Arbeitsplätze oder Wohlstand.

Wenn diese Push- und Pull-Faktoren stark genug werden, entsteht Migration. Um zu erklären, warum Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt von einem bestimmten Ort zu einem anderen migrieren, muss man also die auf diese Menschen wirkenden Push- und Pull-Faktoren finden.

Beispiele für Push- und Pull-Faktoren

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Das Bild zeigt europäische Auswanderer, die ein Schiff in die Vereinigten Staaten besteigen. Es stammt aus einer amerikanischen Zeitung von 1874.
Um das Jahr 1850 herum stieg die Zahl der Europäer, die in die USA auswanderten, stark an. Man kann diesen Anstieg unter anderem mit drei Ereignissen in dieser Zeit erklären. (Die Ereignisse folgen auf den nächsten Bildern.)

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Maria lebt in Lissabon. 2011 schließt sie ihr Ingenieurstudium an der Universität ab. Zu dieser Zeit herrschen in Portugal eine Wirtschaftskrise und deshalb hohe Arbeitslosigkeit. Jahrelang versucht Maria, eine Anstellung als Ingenieurin zu finden, bleibt aber erfolglos. 2014 beschließt sie, nach Deutschland zu ziehen, da dort die wirtschaftliche Situation besser ist und es viele freie Ingenieurstellen geben soll. Sie zieht nach Stuttgart, wo ihr Onkel als Facharbeiter in der Automobilindustrie arbeitet. Aber auch in Deutschland findet Maria wegen ihrer schlechten Deutschkenntnissen zunächst keine Anstellung als Ingenieurin. Sie bleibt dennoch in Deutschland, schlägt sich als Kellnerin durch und besucht mehrere Deutschkurse, weil sie die Hoffnung hat, irgendwann eine Stelle als Ingenieurin zu bekommen.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

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Martin kommt aus einem Dorf im Münsterland. In der zehnten Klasse verliebt er sich in einen Mitschüler. Da er Angst vor der Reaktion seiner Eltern hat (mit denen er sich eigentlich gut versteht), traut sich Martin nicht, ihnen zu erzählen, dass er homosexuell ist. Im Dorf gibt es keine offen homosexuell lebenden Männer. Mit 18 geht Martin bei einem Wochenendausflug nach Köln zum ersten Mal in eine Schwulenbar. Die Männer, die er dort trifft, erzählen ihm von der Größe und Vielfalt der Kölner Schwulenszene. Martin bricht seine Ausbildung zum Industriemechaniker ab und zieht nach Köln. Seinen Eltern sagt er, dass er dort „irgendwas mit Medien“ machen will.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

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AufgabeTransfer
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    Untersuche die beiden Migrationsgeschichten und erstelle eine Liste der Push- und Pull-Faktoren, die in den Geschichten zur Migration führen.
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    Sucht dann gemeinsam in der Gruppe nach weiteren Push- und Pull-Faktoren, die Menschen zur Migration bewegen können.

Wie bekommt man einen Migrationshintergrund?

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Geh gefälligst dahin, wo du herkommst! – Karikatur des Künstlers Tom Körner zum Thema Migration.

Man kann in Deutschland nicht nur Migrant sein, man kann auch einen Migrationshintergrund haben. Einen Migrationshintergrund hat man (nach der Definition des Statistischen Bundesamtes), wenn man entweder selbst nach Deutschland eingewandert ist oder Eltern hat, die in den letzten 70 Jahren nach Deutschland eingewandert sind.

Das heißt also, es gibt Menschen, die in Deutschland geboren wurden, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, von Geburt an Deutsch als Muttersprache sprechen und nie irgendwohin migriert sind – und dennoch haben diese Menschen einen Migrationshintergrund, wenn ihr Vater oder ihre Mutter nach Deutschland eingewandert ist.

Daran sieht man das Problem mit dem Begriff Migrationshintergrund: Er klingt irgendwie nach Einwanderung und Ausländern, bezeichnet aber oft Menschen, die überhaupt nicht eingewandert sind und sich selbst zu Recht als Deutsche betrachten. Dennoch wird dieser Begriff verwendet, in der Politik, in den Medien, in der Gesellschaft. Deshalb sollten wir ihn uns etwas genauer anschauen und uns dabei fragen, welchem Zweck dieser Begriff dienen kann.

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Wir versuchen, das Phänomen Migration durch das Konzept der „Bevölkerung mit Migrationshintergrund“ leichter fassbar zu machen. Dieser Begriff ist in Wissenschaft und Politik seit langem verbreitet und wird trotz seiner Sperrigkeit auch in der Alltagssprache immer öfter verwendet. Er drückt aus, dass zu den Betroffenen nicht nur die Zuwanderer selbst – d. h. die eigentlichen Migranten – gehören sollen, sondern auch bestimmte ihrer in Deutschland geborenen Nachkommen. [...]

In unserer Studie kann der Migrationshintergrund ohnehin nur künstlich, also als von den Forschern definierter Begriff bestimmt werden, da es aus naheliegenden Gründen nicht möglich war, den Betroffenen die Frage zu stellen „Haben Sie einen Migrationshintergrund, und wenn ja, welche Ausprägungsform?“

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AufgabeIst doch ganz klar - oder nicht?

In der Quelle wird behauptet, dass man Menschen aus „naheliegenden“ Gründen nicht danach fragen kann, ob sie „einen Migrationshintergrund“ haben und in welcher „Ausprägungsform“.

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    Stelle Überlegungen zu den „naheliegenden“ Gründen an. Welche könnten gemeint sein?
  2. 2
    Diskutiert in der Gruppe die möglichen Gründe dafür, dass man diese Fragen nicht stellen kann.

Wie sich die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland differenziert (2023)

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GruppeAnteil
ausländische Staatsangehörige mit eigener Migrationserfahrung ohne deutsche Staatsbürgerschaft42,9 %
ausländische Staatsangehörige ohne eigene Migrationserfahrung ohne deutsche Staatsbürgerschaft7,3 %
deutsche Staatsangehörige ohne eigene Migrationserfahrungen mit deutscher Staatsbürgerschaft28,2 %
deutsche Staatsangehörige mit eigener Migrationserfahrung mit deutsche Staatsbürgerschaft21,6%

Was hat das alles mit Russlanddeutschen zu tun?

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In dieser Publikation geht es um Russlanddeutsche. Russlanddeutsche sind Deutsche. Sie besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, und dennoch beginnen wir dieses Buch mit einem Kapitel über Migranten. Warum?

  • Erstens ist die Geschichte der Russlanddeutschen auch eine Geschichte der Wanderung. Aus ganz unterschiedlichen Gründen haben Russlanddeutsche immer wieder ihren Wohnort verlassen (manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen), um an einem anderen Ort zu leben. Um diese Geschichte zu verstehen, brauchen wir die Begriffe, die wir in diesem Kapitel vorgestellt haben.
  • Zweitens geraten die Russlanddeutschen in Deutschland heute oft in Situationen, in denen sie sich mit dem Begriff 'Migrationshintergrund' auseinandersetzen müssen. Sie müssen oft einen Kampf darum führen, als 'richtige Deutsche' akzeptiert zu werden. Diese Erlebnisse teilen sie mit den Nachkommen von Migranten, die seit ihrer Geburt in Deutschland leben.