Vertiefung 2.5 Deutsche und Russen: Augenblicke der Entfremdung
Die historische Beziehung zwischen Deutschland und Russland ist lang und kompliziert. Selbstverständlich besteht sie nicht nur aus Momenten der Annäherung; eine ähnlich große Rolle im gegenseitigen Verhältnis spielen Momente der Entfremdung. In diesem Kapitel führen wir schlaglichtartig drei solcher Momente der deutsch-russischen Beziehung auf, die eher für eine Entfremdung als für Annäherung gesorgt haben. Die Gründe sowie die Verantwortlichkeiten dafür sind bei diesen Momenten sehr unterschiedlich. Gerade heute, in einer Phase, in der das deutsch-russische Verhältnis nachhaltig gestört zu sein scheint, laden diese Momente zum Nachdenken über die Frage ein, welche Dinge, Personen und Motive sich belastend auf unser Verhältnis ausgewirkt haben.
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
- Sek II, LK: Inhaltsfeld 6
„Nationalismus, Nationalstaat und deutsche Identität im 19. und 20. Jahrhundert“
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln: nationale Identität, Heimat: Vertiefung 2.1, Vertiefung 2.2, Vertiefung 2.3, Vertiefung 2.4, Vertiefung 2.5, Vertiefung 2.6, Vertiefung 1.1, Vertiefung 1.2, Vertiefung 1.3, Vertiefung 1.4, Vertiefung 1.5, Vertiefung 1.6)
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch:
- Klasse 11/12 GK, Wahlbereich 5: Ausdrucksformen nationalen Selbstverständnisses – Die Wirkung von Mythen
(Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln:
Stereotypen zu Deutschsein und Russischsein: Vertiefung 2.1, Vertiefung 2.2) - Klasse 11/12 GK, Wahlbereich 6: Ausdrucksformen nationalen Selbstverständnisses – Die Bedeutung von Feindbildern
(Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln: Vertiefung 2.4, Vertiefung 2.5) - Klasse 12 LK, Lernbereich 1: Herausforderung „Frieden“ – Die Suche nach dauerhaft friedlichem Zusammenleben
(Weitere thematische Bezüge in diesen Kapiteln:
Gemeinsamkeiten, Entfremdung: Vertiefung 2.4, Vertiefung 2.5)
Im vorherigen Kapitel haben wir Augenblicke der Gemeinsamkeit zwischen dem russischen und dem deutschen Volk gezeigt. In diesem Kapitel widmen wir uns einigen Momenten historischer Entfremdung beider Völker.
Übersicht Kapitelinhalte
Ein Mord in Mannheim

Urheber: J. M. Volz zugeschrieben · https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Ermordung_August_von_Kotzebues.jpg · PD
Am Nachmittag des 23. März 1819 klopft der Student Karl Ludwig Sand an die Mannheimer Wohnung des populären Theaterautors und Journalisten August von Kotzebue. Er stellt sich unter falschem Namen vor und bittet um ein Gespräch. Er wird eingelassen und zu Kotzebue geführt. Nach nur wenigen Worten zückt Sand einen Dolch und sticht mit den Worten „Hier, du Verräter des Vaterlandes!“ dem Dichter mehrfach in die Brust. Kotzebue stirbt nach wenigen Minuten, Sand flieht aus der Wohnung, versucht sich mit einem weiteren Dolch selbst das Leben zu nehmen, bricht auf der Straße zusammen, kann aber wiederbelebt und in ein Krankenhaus gebracht werden.
Genau wie in Tauroggen (siehe letztes Kapitel) stehen sich in Kotzebues Wohnung eigentlich zwei Deutsche gegenüber und dennoch geht es um Russland. Der eine, Kotzebue, ist eben auch Attaché des Zaren in Petersburg und somit eine perfekte Projektionsfläche für den anderen, den schwärmerischen Nationalisten und Liberalen Sand. Denn obwohl man erst vor wenigen Jahren in den Befreiungskriegen gegen Napoleon doch noch gemeinsam gegen die Franzosen gekämpft hat, ist den freiheitlich und national gesinnten Deutschen Russland mittlerweile ein Symbol für alles Schlechte: für die Tyrannei absolutistischer Herrschaft über die Untertanen, aber eben auch für die Verschwörung des europäischen Hochadels gegen seine Völker.
Für Sand und seine Mitstreiter war klar: Freunde Russlands sind Feinde der nationalen und freiheitlichen Sache.
Tat und Hintergründe




August von Kotzebue war einer der erfolgreichsten Theaterautoren seiner Zeit. Seine Stücke wurden massenweise in deutschen Theatern aufgeführt. Er war aber auch Journalist und äußerte sich in deutschen Zeitungen immer wieder zum Zeitgeschehen.
Zu diesem Zeitgeschehen gehörte auch die deutsche Studentenbewegung. Viele deutsche Studenten forderten zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer lauter einen deutschen Nationalstaat mit Verfassung und Freiheitsrechten. Sie veranstalteten Feste, wie das Wartburgfest 1817, bei denen sie Reden hielten, Lieder sangen ...
... und Bücher verbrannten. Auf dem Wartburgfest 1817 wurden auch Bücher von Kotzebue verbrannt. Dieser war den Studenten zu konservativ und zu wenig national gesinnt. Karl Ludwig Sand war bei der Verbrennung auf der Wartburg anwesend.
Kotzebue arbeitete auch als Kulturattaché für die russische Regierung. In dieser Funktion schrieb er regelmäßig Berichte darüber, was in Deutschland gerade vor sich ging. 1818 wurde eine dieser Nachrichten einer Zeitung zugespielt und veröffentlicht. Obwohl in der Nachricht selbst keinerlei Geheimwissen weitergegeben wurde, galt Kotzebue bei seinen politischen Gegnern als russischer Spion.
Urheber: unbekannt · https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Kotzebues_Tod.png&oldid=285586569 · PD
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wartburg_demonstration_1817.jpg · PD
Urheber: Sung Jin Cho · https://unsplash.com/de/fotos/offener-block-mit-kalligrafie-buchstaben-VDp6dZfxudk · Unsplash.com - Lizenz
Der Journalist und Dichter Philipp Jakob Siebenpfeiffer schrieb in seinem Gedicht 'Der Deutsche Mai' 1832 über Russland, Polen und Deutschland:
Wir sahen die Polen, sie zogen aus,
Als des Schicksals Würfel gefallen;
Sie ließen die Heimat das Vaterhaus,
In der Barbaren Räuberkrallen:
Vor des Zaren finsterem Angesicht
Beugt der Freiheit liebende Pole sich nicht.
Auch wir, Patrioten, wir zeihen aus
In festgeschlossenen Reihen;
Wir wollen gründen ein Vaterhaus,
Und wollen der Freiheit es weihen:
Denn vor der Tyrannen Angesicht
Beugt länger der freie Deutsche sich nicht.
Der Dichter August von Platen schrieb in seinem 'Aufruf an die Deutschen' 1830:
Wenn der blut´ge Strauß beginnt,
Weiß ich, wer den Kranz gewinnt.
Wo Germane gegen Slave
Wo den Knecht bekämpft der Brave,
Sollte Freiheit unterliegen?
Deutsche siegen!
Aus Europa muss hinaus
Jeder absolute Graus!
Moskowiten oder Türken
Wollen uns entgegnwürken?
Kehrt nach Osten eure Taten,
Asiaten!
Robert F. Arnold und Ernst Volkmann (Hg.), Politische Dichtung, Bd. 3: Um Einheit und Freiheit 1815-1848, Leipzig 1936, S.109f.; Max Koch und Erich Petzet (Hg.), August Graf von Platens Sämtliche Werke in zwölf Bänden, Band 10, Leipzig 1910, S.209.

Der folgende Text stammt aus einem zeitgenössischen Bericht über Sands Mord an Kotzebue und die nachfolgenden Ermittlungen. Er gibt Sands Sicht der Dinge wieder und seine Begründung, warum er Kotzebue getötet habe.
Kotzebue habe aber immer nachzuweisen gesucht, daß das teutsche Verhältniß zu Rußland ein solches sey, daß man durchaus nichts denken und thun dürfe, was nicht von dorther [also aus Russland] gutgeheißen werde; dafür zeugten alle seine lezten Schriften. Damit sey nun nachgewiesen, daß er die Sinnesart gehabt, die teutsche Freiheit unter die Russen stellen zu wollen […].
Hohnhorst, Levin Karl von, Vollständige Uebersicht der gegen Carl Ludwig Sand, wegen Meuchelmordes, verübt an dem K. Russischen Staatsrath v. Kotzebue, geführten Untersuchung, Band 1, Stuttgart 1820, S.24, https://digi.bib.uni-mannheim.de/werksansicht/56561/1 [26.01.2026]
Fiktives Verhörprotokoll von Karl Ludwig Sand
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- 1Sammle im Audio „Fiktives Verhörprotokoll von Karl Ludwig Sand“ (Element 7) Worte und Formulierungen, die die Tat Ludwig Sands erklärbar machen sollen.
Ermittle Gründe für den Mord und für die Auswahl des Opfers Kotzebue. - 2Kotzebue arbeitete für die russische Regierung und sandte ihr regelmäßig Berichte über die Lage. Seine Rolle war eher die eines Korrespondenten als eines Spions.
- Gewichte die Bedeutung dieses Umstands für Sands Entscheidung.
- Stelle in diesem Zusammenhang begründete Vermutungen an.
- 3Diskutiert in der Gruppe die Frage: „Hätte Sand Kotzebue auch getötet, wenn dieser keinerlei Verbindungen nach Russland gehabt hätte?“
Ein Plakat als Symbol für die Angst „vor dem Russen“?

Urheber: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP) · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CDU_Wahlkampfplakat_-_kaspl010.JPG?uselang=de · CC BY-SA 3.0
Im Bundestagswahlkampf 1953 plakatierte die CDU mit einem Plakatmotiv, das es in die Geschichtsbücher schaffen sollte. Das liegt sicher an der sehr prägnanten und ausdrucksstarken Bildsprache, aber auch an den vielschichtigen Aussagen des Plakats. „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau. Darum CDU“ – Was hat das zu bedeuten?
Mit dem Marxismus sind hier die Ideen und politischen Theorien von Karl Marx gemeint, auf die sich 1953 verschiedene Staaten (v.a. die Sowjetunion), aber auch unterschiedliche politische Bewegungen beriefen. Auch in westdeutschen Parteien wie der SPD gab es Menschen, die Sympathien für die Ideen von Marx hatten, auch wenn sie diese nicht in einer kommunistischen Diktatur umgesetzt sehen wollten.
Moskau war erstmal die Hauptstadt der Sowjetunion. Die oberflächliche, politische Aussage wäre also, dass jeder, der Sympathien für Marx´ Ideen hegt, damit ein Freund der Sowjetunion sei. Dass es schlecht sei, ein Freund der Sowjetunion zu sein und dass man „darum CDU“ wählen solle.
Das Plakat knüpft an eine in Deutschland altbekannte Bildsprache beim Blick nach Osten an. Auf Karikaturen und Plakaten wurde Russland schon oft als etwas Großes, Bedrohliches über den Horizont Aufragendes dargestellt. Die Letzten, die solche Darstellungen massenhaft produzierten, waren die Nationalsozialisten. In deren Tradition wollte sich die CDU nun sicher nicht stellen. Aber um ihre Botschaft („der Kommunismus ist eine Bedrohung für uns“) zu verbreiten, bediente sie sich einer Bildsprache, die bei den Deutschen unterschwellig an alte Ängste vor den bösen Russen und der Gefahr aus dem Osten erinnerte.
Ist das von der CDU?
Wir haben unten eine Sammlung verschiedener Darstellungen der „russischen Gefahr“ aus unterschiedlichen Zeiten zusammengestellt. Ordne zu, welche davon von der CDU und aus der Nachkriegszeit stammen.
Die CDU hat in der Nachkriegszeit mit ihren Plakaten bewusst antirussische Emotionen in der deutschen Bevölkerung erzeugt und befördert. Diskutiert diesen Vorwurf.
Mit dem Radio gegen die Diktatur
Am Abend des 20. Dezember 1949 saß ein großer Teil der Bevölkerung der DDR vor dem Radio, nicht alle freiwillig, die Veranstaltung war Pflicht: Der Staatspräsident Wilhelm Pieck hält eine Rede zu Ehren des 70. Geburtstags Josef Stalins. Doch während der Präsident seinen langatmigen Lobgesang über Genie und Heldentum des großen Führers der Sowjetunion ausbreitet, wird er im Umkreis der Stadt Altenburg plötzlich durch ein lautes Störgeräusch übertönt. Dann spricht die Stimme eines jungen Mannes und bezeichnet Stalin als „Massenmörder“, der von „Tausenden Toten aus den neuen KZ’s Buchenwald oder Bautzen“ angeklagt wird. Fast eine Dreiviertelstunde dauert die Aktion, in der die Altenburger ganz andere Wahrheiten zu Stalin zu hören bekommen: anklagende und zornige Wahrheiten.
Die Aktion wurde von vier Schülern der „Karl-Marx-Oberschule“ durchgeführt: Joachim Näther, Ulf Uhlig, Gerhard Schmale und Jörn-Ulrich Brödel. Gemeinsam wollten sie Widerstand leisten gegen die Diktatur nach Sowjetvorbild, die in der DDR errichtet wurde. Als ihr Vorbild sahen sie gewaltlose Widerstandsgruppen gegen die Nationalsozialisten, wie die Weiße Rose. Wie diese hatten sie zunächst mit Flugblättern gegen das ungerechte und unfreie System angeschrieben. Aber dann planten sie etwas Größeres. Mit einem selbst gebauten Radiosender gelang es ihnen, die offiziellen Wahrheiten der DDR-Führung aus den Radiogeräten mehrerer Tausend DDR-Bürger zu verdrängen und stattdessen ihre Wahrheit zu erzählen.
Hintergründe




Der (in Altenburg nicht) Geehrte: Josef Stalin (in der Mitte in Uniform), der Staatschef der Sowjetunion, bei den Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag in Moskau.
Der Blamierte: DDR-Präsident Wilhelm Pieck, dessen Lobrede auf Stalin von vier Altenburger Schülern rüde unterbrochen wurde.
Die DDR ging aus der sowjetischen Besatzungszone hervor, was erklärt, dass die Sowjetunion auch weiterhin großen Einfluss auf die Politik der DDR hatte. Deshalb wurden dem sowjetischen Staatschef im DDR-Radio Lobeshymnen gesungen.
Und deshalb machten die Altenburger Schüler Stalin (völlig zu Recht) für die diktatorischen Zustände in ihrem Land verantwortlich.
Urheber: Helsingin Sanomat · https://en.wikipedia.org/wiki/File:Mao,_Bulganin,_Stalin,_Ulbricht_Tsedenbal.jpeg · PD
Urheber: Deutsche Fotothek · https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Pieck#/media/Datei:Fotothek_df_roe-neg_0002793_004_Portrait_Wilhelm_Piecks_im_Publikum_der_Bachfeier.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: glglgl · https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Deutschland_Besatzungszonen_1945.svg · CC BY-SA 3.0
Urheber: Franklin D. Roosevelt Library Public Domain Photographs · https://commons.wikimedia.org/wiki/File:StalinCropped1943.jpg · PD
Was geschah dann?
Für die DDR-Behörden stellte die Aktion der Schülergruppe eine Riesenblamage dar. Umso gründlicher wurde in den Folgemonaten nach den Tätern gesucht. Im März wurden die Schüler verhaftet und der sowjetischen Besatzungsmacht übergeben. Am 14. September 1950 wurden von einem sowjetischen Militärtribunal insgesamt 15 Angeklagte (die Schüler-Gruppe sowie Freunde und Unterstützer) verurteilt für „Bildung einer illegalen Gruppe, antisowjetische Propaganda und Spionage“. Es ergingen drei Todesurteile (gegen zwei Lehrer und den Schüler Joachim Näther), Ulf Uhlig und Jörn-Ulrich Brödel wurden zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, Gerhard Schmale zu zehn Jahren. Das Verfahren und die Urteilsverkündung fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, nicht einmal die Eltern erfuhren davon. Die Todesurteile wurden kurz darauf in der Sowjetunion vollstreckt.
Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten
- 1Arbeite den Abschnitt „Mit dem Radio gegen die Diktatur“ durch.
- 2Angenommen, heute würde eine Schülergruppe die Fernsehübertragung einer Festrede des Bundespräsidenten stören und stattdessen Schmähreden auf ein ausländisches Staatsoberhaupt halten.
- Was würde geschehen?
- Vergleiche den erwartbaren Verfahrensablauf und die Urteile.
- 3Stelle begründete Vermutungen darüber an, warum die Schüler derart hart bestraft wurden.
- 4Wer war für diese Urteile verantwortlich? Die Schüler, die DDR-Führung oder die Sowjetunion? Begründe deine Antwort.
