3.5 Terror und Deportation

Josef Stalin – Diese Unterschrift stand unter zahllosen Dokumenten, die das Leben von Millionen Menschen beendeten.

1

1939 brach der Zweite Weltkrieg aus und 1941 erklärte Deutschland der Sowjetunion den Krieg. Zum zweiten Mal innerhalb von 27 Jahren befanden sich die Russlanddeutschen in einem militärischen Konflikt zwischen ihrer alten und ihrer aktuellen Heimat. Aber diesmal hatten sie mit Josef Stalin einen Staatsführer, der schon vor dem Krieg rücksichtslos und brutal gegen tatsächliche und eingebildete Feinde vorgegangen war. Diese Ausgangssituation sollte für die Russlanddeutschen zur wohl größten Katastrophe ihrer Geschichte führen.

Nordrhein-Westfalen

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch
:

  • Sek. I: Inhaltsfeld 6
    Imperialismus und Erster Weltkrieg
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    übersteigerter und zunehmend aggressiver werdender Nationalismus: 2.4, 3.1)
  • Sek. I: Inhaltsfeld 8
    Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Gewalt: 3.5)
  • Entwurf Sek. II GK: Inhaltsfeld 3
    Dimensionen der Moderne
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    politische Systeme: 2.4, Erster Weltkrieg: 3.1)
  • Entwurf Sek. II, Einführungsphase: Inhaltsfeld 2
    China und Russland (Sowjetunion) im 20. Jahrhundert
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Kommunismus in Russland/Sowjetunion, Stalin: 3.1, 3.3, 3.4)
  • Entwurf Sek. II GK: Inhaltsfeld 4
    Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Zwischen den Diktaturen, Deportation 1941: 3.4, 3.5)
  • Entwurf Sek II LK: Inhaltsfeld 4
    Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Repressionen, Zwangsarbeit in der UdSSR: 3.5)
  • Sek II GK: Inhaltsfeld 4
    Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Erster Weltkrieg: 3.1)
  • Sek II GK/LK: Inhaltsfeld 5
    Die Zeit des Nationalsozialismus – Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Ideologie, Diktatur, Vernichtungskrieg, Völkermord mit Blick auf die UdSSR: 3.2, 3.4, 3.5)

Sachsen

Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch

  • Klasse 8, Lernbereich 4
    Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Deutsche sollen Russen werden: 2.4)
  • Klasse 8, Lernbereich 4
    Vom übersteigerten Nationalismus zum Ersten Weltkrieg
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Russlanddeutsche im Ersten Weltkrieg: 3.1)
  • Klasse 12 LK, Wahlbereich 1
    Völkerrecht und Kriegsführung
    (Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
    Terror und Deportation: 3.5)

Das Kapitel zeigt auf, wie die Russlanddeutschen mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erneut in die Situation kamen, Feinde im eigenen Land zu sein und wie dieses Situation durch Stalins Deportationserlass zur endgültigen Zerstörung der zusammenhängenden Siedlungsgebiete Deutscher in der Sowjetunion führte.

Übersicht Kapitelinhalte

Die Legende von der '5. Kolonne' und die verstärkte Unterdrückung der Russlanddeutschen

2
Angriff aus dem Hinterhalt – Die 5. Kolonne in einer spanischen Karikatur von 1936

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannt. Es begann die Diktatur der Nationalsozialisten, die aus ihrem Hass auf den Kommunismus und ihren Plänen, 'Lebensraum' in Osteuropa zu erobern, kein Geheimnis machte. Bei den Machthabern in Moskau lösten diese Nachrichten aus Deutschland große Unruhe und Besorgnis aus. Das spürten auch die deutschen Kolonisten in der Sowjetunion. Der sowjetische Geheimdienst warnte immer mehr vor deutschen Spionen und den 'faschistischen Agenten' im Lande. Damit waren die Russlanddeutschen gemeint. Die Legende der sogenannten wurde geschaffen, also eines Feindes im eigenen Land, der wie eine Armeekolonne des Feindes handelt.

Wahrscheinlich glaubten viele Russen bald wieder daran, dass die Deutschen im Land '' und '' seien und sich in einem Krieg zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion auf die Seite der deutschen Truppen stellen würden. Mit der zunehmenden Festigung der Macht der Nationalsozialisten in Deutschland verschärften die kommunistischen Machthaber ihre Maßnahmen gegen die Russlanddeutschen in der Sowjetunion. Ähnlich wie in der Zarenzeit wurden bald 'vorsorglich' die westlichen Grenzbewohner aus ihrer Heimat entfernt und nach Kasachstan . Der Druck auf alle Russlanddeutschen stieg in den 1930er Jahren ständig weiter an. Er mündete 1936 in Verhaftungen und Erschießungen wegen 'erwiesenen' Landesverrats.

3
Gemälde „Das sinn die...“ von Heinrich Brogsitter (1995) – Von den Beamten der Regierung wurden im Alltag nur als „die“ gesprochen. Der Gefangentransporter (vorne links) wurde oft als „der schwarze Rabe“ bezeichnet. Die Beamten kamen in der Regel nachts, um ihre Opfer zu überraschen und ihnen keine Gelegenheit zur Flucht zu geben.
4

Hinweis: Das Zentralkomitee (ZK) der Kommunistischen Partei beschloss am 5. November 1934 eine Verordnung, in der alle Gebiets- und Parteikomitees verpflichtet wurden, die Deutschen streng zu behandeln:

Im ZK sind Meldungen darüber eingegangen, dass in den deutsch angesiedelten Regionen sich neuerdings antisowjetische Elemente aktiviert haben und offene konterrevolutionäre Tätigkeit führen. Unterdessen reagieren die örtlichen Parteiverbände und Organe des äußerst gelassen auf diese Tatsachen, sie leisten dem Vorschub, in der fälschlichen Annahme, unsere internationale Politik fordere diese Duldung gegenüber den Deutschen oder anderen in der UdSSR lebenden und gegen die elementare Loyalität gegenüber der Sowjetmacht verstoßenden Nationalitäten. Das ZK hält die Tatsache, dass in den deutschen Regionen nicht nur die Sprache der jeweiligen Sowjetrepublik, in der sich die Region befindet, nicht gelehrt wird, sondern die Verordnungen des ZK ignoriert werden, ebenfalls für absolut unzulässig und verlangt die Beseitigung dieser Mängel.

Das ZK hält solches Verhalten der Parteiverbände und der NKWD-Organe für absolut falsch und ordnet an, in Bezug auf die aktiven Konterrevolutionäre und antisowjetisch gestimmten Elemente repressive Maßnahmen, Verhaftungen, Aussiedlung anzuwenden und die böswilligen Anführer zum Erschießen zu verurteilen. [...]

Герман А. А., Немецкая автономия на Волге. 1918–1941, Часть 2: автономная республика. 1924–1941, Саратов 1994, С. 332–333. Übersetzt von Katharina Neufeld, Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte. Leicht vereinfacht von Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

5

Hinweis: Bei dem folgenden Bericht handelt sich um Angaben aus einem Schreiben des Vorsitzenden des Volkskommissariats der Kasachischen SSR, U. Isaev, an den Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare der UdSSR, W. M. Molotov, in Moskau vom 27. April 1937.

In den Gebieten Karaganda und Nord-Kazachstan der wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 1936 14.048 Familien (vorwiegend Deutsche und Polen) aus grenznahen Gebieten der Ukraine angesiedelt. Die Ansiedlung dieser Familien erfolgte auf nicht erschlossenen Territorien, auf denen es bisher keine Siedlungen gab. Für diese wurden 37 Siedlungen neu gegründet. [...] Die im Jahre 1936 erstellten Gebäude für Schulen und medizinische Einrichtungen entsprechen weder zahlenmäßig noch qualitativ den Mindestanforderungen. Außerdem gibt es überhaupt keine Gebäude für das Post- und Fernmeldewesen. Für größeres landwirtschaftliches Inventar, Traktoren, Mähdrescher und Hänger wurden einfachste Garagen errichtet, in denen lediglich kleinere Reparaturen durchgeführt werden können.

Alfred Eisfeld und Victor Herdt (Hg.), Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S. 30 f.

6
ТЕЛЕВИЗОР

Der Große Terror und die deutsche Operation

7

Stalin und sein Geheimdienstchef Nikolai Jeschow sahen bald überall deutsche Spione, die den Einmarsch deutscher Truppen vorbereiteten. Sie entschlossen sich, gezielt und umfassend gegen diese 'Gefahr' vorzugehen. Am 25. Juli 1937 startete die Operation sowjetischer Behörden gegen die deutschstämmigen Sowjetbürger. Auf Anweisung Josef Stalins wurden erst einmal alle aus Deutschland stammenden Bürger, die als Spezialisten in rüstungsrelevanten Fabriken, Kraftwerken und auf Großbaustellen arbeiteten, entfernt und verhaftet – ohne Ausnahme. Wenige Tage später wurde dieser 'Säuberungsbefehl' auch auf die russlanddeutschen Kolonisten angewandt. So wurden zum Beispiel Menschen verhaftet und erschossen, die Hilfspakete aus Deutschland angenommen hatten. Wer aus politischen Gründen von Deutschland in die Sowjetunion geflohen war, geriet unter Verdacht. Frühere Kriegsgefangene, deutsche Kommunisten, Besucher deutscher Konsulate – sie alle wurden verdächtigt, Spione zu sein. Auch die Rote Armee wurde von Deutschen 'gesäubert'.

Die Listen der sogenannten Staatsfeinde waren Ende des Jahres 1937 abgearbeitet, doch vermuteten Stalin und Jeschow, dass es noch mehr Spione geben müsse. Die Jagd ging deswegen bis zum September 1938 weiter. Und wenn keine 'Beweise' für einen Schuldspruch gefunden wurden, genügte für eine Verurteilung schon allein die deutsche Nationalität.

Verhör durch die sowjetische Geheimpolizei: eine Plastik

8

troika_ohneBoden by Dilewe on Sketchfab

Jakob Wedel, „Troika“, AgNr. 19 (Verfolgung durch die Troika - Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold)
3D-Modell: Fabian Hell (Digitale Lernwelten)

9
AufgabeBilder untersuchen
  1. 1
    Sieh die Bilderserie über ein Verhör von zwei Personen durch ein Kommando der sowjetischen Polizei/des Geheimdienstes an.
  2. 2
    Erstelle eine skizzenhafte Personenkonstellation zu diesem Verhörraum.
  3. 3
    Arbeite die zu der Bilderserie gehörende Erklärung in Element 8 durch.
  4. 4
    Beziehe diese Informationen auf die Skizze und erkläre die Funktionen der drei Verhörer.
  5. 5
    Erkläre die Unmenschlichkeit dieser Verhörmethode.
10

Der russlanddeutsche Bildhauer Jakob Wedel zeigt eine Gerichtsszene: Der Angeklagte wird von einem Uniformierten mit einer Pistole bedroht. Ein zweiter drängt ihn, ein Papier zu unterschreiben. Seine Frau kniet vor dem Tisch und fleht um Gnade. Ein rechtsstaatliches Verfahren sieht anders aus.

Scheinprozesse wie dieser gab es massenhaft, seit der stalinistische Terror in den 1930er Jahren einen traurigen Höhepunkt erreichte.

Wer von der Geheimpolizei verhaftet wurde, kam vor ein Sondergericht, „Troika“ genannt. Es bestand aus drei Vertretern der örtlichen Abteilung des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten – dem verlängerten Arm des stalinistischen Terrors. Im Schnellverfahren wurde den Angeklagten der Prozess gemacht, ohne Verteidiger, ohne einen ordentlichen Richter und ohne Berufungsmöglichkeit. Das Urteil stand schon fest, das Papier war vorbereitet und die Verhafteten wurden gezwungen, es zu unterschreiben. Als Strafe drohten Arbeitsdienst oder Besserungsarbeitslager, im schlimmsten Fall wurden Todesurteile verhängt.

Zwischen 1936 und 1938 wurden mindestens 70.000 Russlanddeutsche verhaftet und zum Teil ermordet. Aus der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik wurden 15.000 polnische und deutsche Haushalte nach Kasachstan zwangsumgesiedelt.

Nico Wiethof, Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

Großer Terror

11
1 / 4

Bereits in den 1920-er Jahren begann Josef Stalin, die bolschewistische Partei, aber auch die Sowjetunion als Ganzes von vermeintlichen Feinden zu säubern. Diese stalinistischen Säuberungen dauerten Jahre an und forderten mehrere Millionen Opfer.

12
S.M. Kirow auf dem Podium des XVII. Kongresses der KPdSU, 1934

Am 1. Dezember 1934 wurde der führende sowjetische Politiker Sergei Kirow erschossen. Die Gründe für diesen Mord waren unklar. Manche Hinweise sprachen dafür, dass es sich um eine Tat aus Eifersucht gehandelt haben könnte. Gerüchte besagten, dass Kirow eine Beziehung mit der Frau des Mörders gehabt habe.

Stalin ließ diesen Mord zu einem politischen Attentat erklären. Er wurde zum Auslöser für die Verfolgung und Vernichtung möglicher, angeblicher Staatsfeinde. Und Stalin nutzte die Gelegenheit, um politische Gegner beseitigen zu lassen. Wenige Tage nach dem Attentat wurde das 'Gesetz des 1. Dezembers' erlassen: Es machte Vorgaben für den Umgang mit Terrorverdächtigen. Während der 'Säuberungen' kam es zur Anwendung:

  • Die gerichtlichen Untersuchungen sollten nicht länger als zehn Tage dauern.
  • Die Anklageschrift sollte Tatverdächtigen erst einen Tag vor der Verhandlung überreicht werden.
  • Eine Anhörung der Beschuldigten war nicht vorgesehen, auch keine Überprüfung des Urteilsspruchs.
  • Auch Gnadengesuche waren nicht zugelassen.
  • Eine Todesstrafe musste sofort vollstreckt werden.

Zusammengestellt von Michael Günther, Digitale Lernwelten, u. a. auf der Grundlage von Gesprächen mit Katharina Neufeld (Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold) und Victor Dönninghaus, Minderheiten in Bedrängnis, Sowjetische Politik gegenüber Deutschen, Polen und anderen Diaspora-Nationalitäten 1917–1938 (= Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Bd. 35), München 2009.

13

Durch Agentur- und Untersuchungsmaterial der letzten Zeit ist bewiesen, daß der deutsche Generalstab und die Gestapo in breitem Maße Spionage und Spionagetätigkeit in den wichtigsten und vor allem in den Betrieben der Verteidigungsindustrie betreiben und zu diesem Zweck die dort seßhaft gewordenen deutschen Staatsangehörigen nutzen. Das Agentennetz aus den Reihen der deutschen Staatsangehörigen, die bereits jetzt Schädlings- und Sabotageakte verwirklicht, richtet ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Organisation von Sabotageaktionen in der Kriegszeit und bereitet zu diesem Zweck Saboteure vor. Zur vollständigen Unterbindung dieser Tätigkeit der deutschen Aufklärung befehle ich:

1. Innerhalb von drei Tagen nach Erhalt dieses Befehls die deutschen Staatsangehörigen genau festzustellen [...].

2. Ab dem 29. Juli dieses Jahres ist mit der Verhaftung aller von Ihnen festgestellten deutschen Staatsangehörigen zu beginnen, die in Militärbetrieben und in Betrieben mit Werkshallen für die Verteidigungsproduktion und bei der Eisenbahn arbeiten sowie der aus diesen Betrieben Entlassenen, wenn diese auf dem Territorium Ihrer Republik, Region oder Ihres Gebietes leben. Die gesamte Verhaftungsaktion ist innerhalb von fünf Tagen abzuschließen.

3. Deutsche Politemigranten, die in Militärbetrieben und in Betrieben mit Werkshallen für die Verteidigungsproduktion arbeiten, sind nur dann zu verhaften, wenn sie weiterhin deutsche Staatsangehörige sind. [...]

4. Die Untersuchung hinsichtlich der Verhafteten ist besonders sorgfältig zu führen. Es ist die bisher nicht entlarvte Agentur der deutschen Aufklärung aufzudecken, um das von ihr in den Industriebetrieben hinterlassene Sabotagenetz endgültig zu zerschlagen. [...]

5. Während der Untersuchung unter Sowjetbürgern oder auch Angehörigen anderer Staaten neu festgestellte deutsche Agenten und Spione, Saboteure und Terroristen unabhängig von ihrer Arbeitsstelle unverzüglich zu verhaften.

6. Gleichzeitig mit der Durchführung der Aktion ist daranzugehen, alle deutschen Staatsangehörigen, die in anderen Industriebetrieben, in der Landwirtschaft und in Sowjeteinrichtungen arbeiten, sowie ehemalige deutsche Staatsangehörige, die die sowjetische Staatsbürgerschaft angenommen und früher in Militärbetrieben oder in Betrieben mit Werkshallen für die Verteidigungsproduktion gearbeitet haben, sorgfältig zu erfassen. [...]

7. Täglich sind mir bis 12 Uhr für den vergangenen Tag telegraphisch der Verlauf und die Ergebnisse der Aktion und alle durch die Untersuchung erhaltenen Materialien zu übermitteln.

8. Der Befehl ist telegraphisch in Kraft zu setzen.

Volkskommissar des Inneren der Union der SSR
Generalkommissar für Staatssicherheit (N. Jeschow)

Gestapo: Die 'Geheime Staatspolizei' der Nationalsozialisten war eigentlich für die Verfolgung von politischen Gegnern in Deutschland zuständig. Der sowjetische Geheimdienst verdächtigte sie aber auch der Spionage im Ausland.

14
ТЕЛЕВИЗОР
15

Die Strafen waren ausgeführt, die potentiellen Gefahren schienen vorerst beseitigt, doch das Misstrauen blieb. Bereits 1937 mussten die Russlanddeutschen bei den Behörden als Nationalität Deutsch angeben. Im folgenden Jahr schritt der Staat zur Auflösung aller deutschen Rayons außerhalb des Wolgagebiets [...]. Die deutschen Kultur- und Bildungseinrichtungen erhielten Schließungsbeschlüsse, während die Schule und die Zeitung russisch wurden. Die Lehre in deutscher Sprache galt fortan als schädlich. Der Deutsche war insgesamt als vollwertiges Mitglied aus der russischen Gesellschaft abgetrennt worden.

Victor Dönninghaus, Minderheiten in Bedrängnis. Sowjetische Politik gegenüber Deutschen, Polen und anderen Diaspora-Nationalitäten 1917–1938 (= Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Bd. 35), München 2009, S. 573.

Der 28. August 1941 – Das Ende der Wolgadeutschen Republik

16
Der Befehl zur Deportation, wie er zwei Tage später in den russlanddeutschen Zeitungen stand.

Am 24. August 1939 wurde in Moskau der sogenannte deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Die Russlanddeutschen schöpften Hoffnung. Wenn sich die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland verbesserte, würde das auch ihre Lage verbessern.

Die Hoffnung war trügerisch, die deutschen Nationalsozialisten strebten weiter nach 'Lebensraum im Osten'. Am 22. Juni 1941 brachen sie den Vertrag und überfielen die Sowjetunion. Bereits wenige Tage später kam es zur Besetzung von Teilen der Ukraine. Stalin ging davon aus, dass die Russlanddeutschen mit der Wehrmacht zusammenarbeiten würden, wenn sie nur die Gelegenheit bekämen. Für ihn und die sowjetische Führung war die Zeit gekommen, ohne Rücksichtnahmen gegen die Russlanddeutschen vorzugehen: Alle Deutschen sollten aus dem europäischen Teil der Sowjetunion deportiert werden.

17
AufgabeQuellenarbeit
  1. 1
    Fasse die Maßnahmen gegenüber der deutschen Bevölkerung im Deportationsdekret vom 28. August 1941 (Element 15) zusammen.
  2. 2
    Arbeite die Begründung der sowjetischen Führung für die Deportation heraus.
    Welche Vorwürfe werden gegen die deutsche Bevölkerung erhoben?
  3. 3
    Untersuche die Sprache des Dekrets.
    1. 3.1
      Markiere Begriffe und Formulierungen, mit denen die Maßnahmen gerechtfertigt werden.
    2. 3.2
      Schildere das Bild, das dadurch von den Russlanddeutschen vermittelt wird.
  4. 4
    Im Dekret wird behauptet, unter den Wolgadeutschen befänden sich zahlreiche „Spione und Diversanten“.
    Prüfe, welche Belege die Quelle selbst für diese Behauptung nennt.
  5. 5
    Erkläre den historischen Zusammenhang: Warum verschärfte sich die Lage der Russlanddeutschen nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941?
  6. 6
    Die Deportation wird im Dekret als notwendige Sicherheitsmaßnahme dargestellt.
    Beurteile diese Begründung vor dem Hintergrund, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer deutschen Herkunft betroffen war.
18

Deportation bedeutet staatlich angeordnete Zwangsumsiedlung. Bei einer Deportation werden meist größere Menschengruppen von Polizei oder Militär gezwungen, ihre Wohnorte zu verlassen, und an einen anderen Ort transportiert. Deportationen führen oft in Straflager oder in unwirtliche Gegenden. Opfer von Deportationen sind häufig ethnische, religiöse, politische oder wirtschaftliche Gruppen.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

19
0:00 / 0:00
ТЕЛЕВИЗОР

Der Russlanddeutsche Heinrich Wiens berichtet über Deportation und Kriegszeit anhand seiner eigenen Familiengeschichte.

20
AufgabeEine eigene historische Darstellung erstellen
  1. 1
    Hör dir die Schilderung von Heinrich Wiens über Deportation und Kriegszeit im Video (Element 18) an.
  2. 2
    Nimm ein eigenes zweiminütiges Audio auf, in dem du kurz schilderst, was du aus deiner Familiengeschichte über die Folgen des Deportationserlasses weißt.
    Nutze dafür diesen Online-Voice-Recorder: https://vocaroo.com/.
21
Ein Häftlingsfoto des 1942 verhafteten und kurz darauf erschossenen Russlanddeutschen Jakob Fröse.

Mit dem Deportationserlass vom 28. August 1941 unterstellte die sowjetische Staatsführung den Wolgadeutschen, dass es unter ihnen tausende Verräter und Spione gäbe. Deswegen sollten alle Deutschstämmigen ausgesiedelt werden. Als Beweis für den angeblichen Verrat dienten Hakenkreuzfahnen, die man bei Russlanddeutschen gefunden hatte. Sie waren anlässlich eines vor dem Krieg geplanten Besuchs von Adolf Hitler in der Sowjetunion verteilt worden. Die Bestrafung für den Verrat betraf jeden, auch Kommunisten. Allein die deutsche Nationalität war entscheidend. Das deutsche Leben im gesamten europäischen Gebiet der Sowjetunion sollte ausgelöscht werden. Aus dem Wolgagebiet wurden innerhalb von drei Wochen etwa 400.000 Menschen in Eisenbahnwaggons gepfercht und nach Osten transportiert.

22

Bei einem bedeutenden Teil der deutschen Bevölkerung hat die Veröffentlichung des Erlasses [vom 28.08.1941] feindselige Gefühle hervorgerufen: Äußerungen der Deutschen zum Erlass laufen hauptsächlich auf Versuche hinaus, die Behauptung zu widerlegen, die deutsche Bevölkerung verberge in ihrer Mitte Feinde des sowjetischen Volkes und der Sowjetmacht.

Hinweis: Auszug aus einem Brief des Sekretärs des Gebietskomitees der VKP (b) der ASSRdW S. Malov an Stalin

Alfred Eisfeld und Victor Herdt (Hg.), Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S. 60.

23

Hinweis: Der Text stammt aus einem Interview der Moskauer Deutschen Zeitung mit der Zeitzeugin Frieda Dercho, die im Alter von sechs Jahren aus ihrer wolgadeutschen Heimatstadt Mariental deportiert wurde.

Frau Dercho, Sie leben heute in Deutschland und sind Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Osnabrück. Was ist Ihnen aus jenem Sommer 1941 im Gedächtnis geblieben, als das Präsidium des Obersten Sowjets am 28. August die Deporta­tion der Wolgadeutschen nach Sibirien und Kasachstan beschloss?

Ich erinnere mich, dass die Getreideernte besonders reich ausfiel und mein Vater, der als Mechaniker in der Kolchose Nummer 3 „Oktoberrevolution“ arbeitete, schon um vier Uhr morgens auf dem Feld war. Wir Kinder haben Beeren gesammelt und im Großen Karaman gebadet, der damals noch ein richtiger Fluss war und keine solche Pfütze wie heute. In Sichtweite standen Kamele, die als Nutztiere gebraucht wurden, zu denen wir aber Abstand halten sollten.

Wie hat die Nachricht von der Räumung der wolgadeutschen Autonomie Ihr Dorf Mariental erreicht?

Als wir draußen auf dem Feld waren, ist ein Mann aus unserem Dorf ganz aufgeregt mit dem Fahrrad angekommen und hat mit der Zeitung gewedelt. So haben wir von dem Erlass erfahren. Da war das Wehklagen groß. Die Männer haben trotzdem die Feldarbeit zu Ende gebracht, wie sich das gehörte. Bis zum Abend waren dann schon Soldaten angerückt. Und die Einheimischen haben in einem großen Kreis gebetet, dass unser Abschied von Mariental nur ein vorübergehender sein möge.

Die Sowjetmacht war zu diesem Zeitpunkt längst gegen die Religion als „Opium des Volkes“ vorgegangen. Sind Sie wirklich sicher, dass in Mariental gebetet wurde?


Auch unsere Kirche war seit den 30er Jahren kein Gotteshaus mehr. Manchmal nahmen mich die Älteren mit, wenn man dort Filme zeigte. Aber heimlich wurde trotzdem gebetet und sogar getauft. Wir haben auch vor dem Abendessen ein Gebet gesprochen. Die Generation unserer Eltern war um das Jahr 1900 geboren und mit dem Glauben aufgewachsen. Der ließ sich nicht einfach abschaffen.

Was haben Sie von den Erwachsenen gehört, wann man wieder zu Hause zu sein hoffte?


Nach dem Krieg. Es blieb ja alles wohlgeordnet zurück. Man hat noch nicht einmal die Häuser verschlossen. Als ich meinen Vater gefragt habe, ob ich unsere Katze namens Schuh mit auf die Reise nehmen dürfte, da hat er mir geantwortet: „Die muss hier Mäuse fangen und die Lebensmittel bewachen.“

Ihre letzten Eindrücke von Mariental?


Am 8. September 1941 sind wir in einer langen Reihe von Fuhrwerken zum Bahnhof aufgebrochen. Am Friedhof hat die Kolonne noch einmal angehalten. Die Menschen sind abgestiegen, haben sich von ihren Vorfahren verabschiedet, sich bekreuzigt, geweint. Das war die schwerste Stunde, so etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht.

Die neue 'Heimat' der Deportierten

24

Als die neuen Siedler in Kasachstan und Sibirien eintrafen, waren die örtlichen Behörden nicht auf diesen Ansturm vorbereitet. Es mangelte an Unterkünften und Nahrungsmitteln. Viele Familien mussten sich selbst Erdhütten bauen, um den Winter zu überleben. Für ihre Arbeit in den erhielten die Russlanddeutschen 400 Gramm Getreide als Tageslohn. Diese Menge konnte den Bedarf einer Familie nicht decken.

Der Unmut gegenüber der Sowjetmacht wuchs. Diese verlor schließlich alle Sympathien, als die Zwangsumgesiedelten feststellten, dass der Staat sie um ihr Hab und Gut betrogen hatte. Vor der Abreise war den Russlanddeutschen befohlen worden, das Getreide, das Vieh und den Hausrat dem sowjetischen Staat zu überschreiben. Darüber hatten einige Quittungen erhalten. Und die sowjetischen Behörden hatten ihnen versprochen, dass sie diese Quittungen in den neuen Siedlungen gegen Nahrungsmittel eintauschen könnten. Das geschah aber nur in geringem Maße. Einige Monate später wurden die Quittungen schließlich für ungültig erklärt. Der Besitz war verloren.

Die Deportierten hungerten und waren nun gänzlich verarmt. Sie lebten unfrei und wurden auf Schritt und Tritt beobachtet. Ihr Schicksal verschlimmerte sich jedoch weiter: Im Januar 1942 verpflichtete der sowjetische Staat alle wehrpflichtigen Männer und bald auch die Frauen zur Zwangsarbeit in der sogenannten Trudarmee. Familien wurden auseinandergerissen. Viele Menschen sahen ihre Angehörigen für lange Jahre oder gar nicht wieder. In den Wäldern der sibirischen Taiga bemächtigte sich der Sowjetstaat ihrer Arbeitskraft und machte sie zu Sklaven. Viele starben an Entkräftung, Krankheiten oder an Nahrungsmangel.

25
Neuer Wohnort in Kasachstan, Bild des russlanddeutschen Malers Viktor Hurr
26
AufgabeBilder untersuchen
  1. 1
    Untersuche das Bild „Neuer Wohnort in Kasachstan“ (Element 24).
  2. 2
    Nutze dafür die Methode Bildanalyse.
  3. 3
    Formuliere die Aussage des Bildes mit eigenen Worten.
27

Das Wort ist eine Zusammensetzung aus dem russischen Wort für Arbeit („Trud“; Труд) und Armee („Armia“; армия). Die Trudarmee war eine Form von Zwangsarbeit. Sie bestand im Zweiten Weltkrieg seit 1941 und wurde 1946 aufgelöst. Viele Russlanddeutsche wurden in die Trudarmee gezwungen.
In der Trudarmee zu sein, bedeutete für die Trudarmisten, dass sie nach militärischen Regeln leben mussten, streng bewacht wurden und keine eigene Entscheidungsfreiheit hatten. Wer in der Trudarmee war, durfte den Ort nicht verlassen, hatte keine Bürgerrechte, durfte über seine Arbeit und sein Leben nicht selbst bestimmen.
Die Arbeit musste nach einer bestimmten Norm erfüllt werden. Dafür bekamen die Arbeiter eine bestimmte Menge Brot. Wer die Arbeitsnorm nicht erfüllen konnte, bekam sofort geringere Brotrationen. Dadurch starben viele Menschen sehr schnell.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

28

Doch wer körperliche Arbeit gewohnt und gesund war, fuchste sich bald ein und hatte dann auch keine Schwierigkeiten mehr, die Tagesnorm zu schaffen. Anders war es für diejenigen unter uns, die aus der Verwaltungsarbeit kamen, schon älter oder kränklich waren. Sie schafften die Norm nicht. Das hatte zur Konsequenz, dass ihnen weniger Nahrung zugeteilt wurde. Sie wurden noch schwächer oder mussten auf die Krankenstation. Es gab Krankschreibungen und Arbeitsbefreiungen. Die medizinische Versorgung war schlecht, sie entsprach der allgemeinen Kriegssituation. Es gab nur wenige Medikamente. Das Hauptproblem bestand jedoch in der schlechten, schwer verdaulichen und vitaminarmen Nahrung. Wer ernsthaft krank wurde, hatte dann bei dieser Ernährung wenig Chancen, wieder zu genesen. Wir machten zwar im Lager einen „Teeaufguss“ aus Kiefernnadeln und Birkenrispen. Große Bottiche standen damit in den Unterkünften. Doch diese Art von Vitamingewinnung reichte keineswegs aus. Besonders im ersten Jahr unseres Aufenthaltes im Lager starben viele.

29

Fleischmann habe ich seit meiner Ankunft hier noch nie getroffen. Wo er arbeitet, ist mir nicht bekannt. Grützmann ist versetzt worden. Kartoffelmann treffe ich sehr selten, er hat nie Zeit für mich. Manchmal kommt mir Krautmann entgegen, doch schon lange vermisse ich Mehlmann und Nudelmann. Milchmann und Schmandmann wurden noch bei der Verladung in den Zug von uns getrennt. Wassermann und Arbeitsmann sind die einzigen, denen ich jeden Tag begegne. Ja, fast habe ich Brotmann vergessen. Er ist krank geworden, sieht schwarz und schwerfällig aus. […] Du kannst allen sagen, dass meine einzigen Freunde hier Hungermann, Läusemann, Wanzenmann und Arbeitsmann sind.
(Ein anonymer Verfasser an seine Frau)

Hinweis: Briefe von Lagerinsassen wurden von Geheimdienstmitarbeitern kontrolliert. Es sollte nicht bekannt werden, wie die Verhältnisse im Lager wirklich waren. Manche Zwangsarbeiter flüchteten sich deshalb in lustige Schilderungen. Sie versuchten mit diesem Mittel, die Wahrheit 'zwischen den Zeilen' zu verstecken.

Unbekannter Verfasser über das Leben im Lager. Zitiert nach: György Dalos, Geschichte der Russlanddeutschen von Katharina der Großen bis zur Gegenwart, München 2014, S. 210.

30
Arbeitslager, Bild des russlanddeutschen Malers Viktor Hurr

28.643 Insassen beherbergte das Zwangsarbeitslager Wjatlag, zwei Jahre später war ihre Zahl aufgrund von zahlreichen Todesfällen und Schwerkranken auf 11.979 Menschen geschrumpft. Unter ihnen waren auch russlanddeutsche Männer und einige hundert Frauen. [...] [Das] verursachte maßgebend die minderwertige Ernährung (das Fehlen von Gemüse und Kartoffeln) und die Überanstrengung der vorhandenen Kräfte bei Verladearbeiten wegen des Defizits an Arbeitskraft […]. Infolgedessen befanden sich einzelne Verladebrigaden in den Monaten Februar bis März oft täglich 20 Stunden und länger an den Verladepunkten.

Viktor Krieger, Ein erschütterndes Archivdokument über das Massensterben der Deutschen Zwangsarbeiter aus dem Jahr 1943, in: Dunkle Jahre, zum Gedenken an die Opfer des „Großen Terrors“ und der Zwangsarbeitslager in der Sowjetunion, hg. von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V., Stuttgart 2012, S. 55 ff.

31
ТЕЛЕВИЗОР
32

Die Auflösung der Arbeitskolonnen sowie die Eingliederung der Zwangsarbeiter in die Betriebe und Bauorganisationen bedeutete 1945/1946 nicht die Wiederherstellung der Bürgerrechte.

Die Verbannten erhielten den Status eines Sondersiedlers und unterstanden fortan der Willkür der Sonderkommandanturen des NKWD. So durften sie weder die Arbeit noch den Wohnort frei wechseln. Meistens mussten die Deutschen auch weiterhin einfachste Schwerstarbeit im Kohlebergbau, in der Bauwirtschaft sowie in der Land- und Forstwirtschaft verrichten. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen oder Reisen in den europäischen Teil der Sowjetunion wie auch selbst der Zugang zu medizinischer Betreuung unterlagen starken Beschränkungen.

Zumindest gestattete man ihnen die Zusammenführung ihrer verstreuten Familien. Gnade hatte der Sondersiedler auch zukünftig nicht zu erwarten. Das machte Stalin am 26. November 1948 deutlich, als er die Verbannung auf ewig festschrieb. Für jeden Russlanddeutschen ab einem Alter von 16 Jahren wurde jetzt eine Personalakte mit dem gesamten Lebenslauf angelegt. Er hatte sich fortan monatlich bei der Kommandantur zu melden und durfte ohne schriftliche Erlaubnis den vorgeschriebenen Wohnort nicht mehr als fünf Kilometer weit verlassen. Wer es doch tat, dem drohten 20 Jahre Straflager.

Michael Günther, Digitale Lernwelten

33

Den 9. Mai 1945, den Tag des Sieges über den Faschismus, feierten wir ausgelassen. Wir hatten uns irgendwo Alkohol besorgt und waren fröhlich und ausgelassen. Wir sangen und tanzten auf der Straße. Nun, so glaubten wir, stünde der Rückkehr zu unseren Familien und Verwandten nichts mehr im Wege. Doch wir hatten uns getäuscht. Die meisten von uns mussten bleiben. Wir, die Deutschen, durften nicht ohne Zustimmung den Arbeitsplatz und den Wohnort wechseln. Bis 1955 mussten wir uns bei der Polizei melden und waren Bürger zweiter Klasse.

34
AufgabeLeid erkennen und sprachlich ausdrücken
  1. 1
    Arbeite von den Materialien in den Elementen von 25 bis 31 mindestens zwei durch.
  2. 2
    Schildere das Leid der Menschen mit eigenen Worten.
  3. 3
    Diskutiert in der Gruppe, ob die Überschrift des Abschnitts „Die neue 'Heimat' der Deportierten“ wirklich angemessen ist.
    Entwerft eine eigene passendere Überschrift.