6.3 Deutsche in Russland
Die Menschen, die man „Russlanddeutsche“ nennt, lebten jahrhundertelang in Russland und fanden sich nach 1991 in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wieder. Das galt auch für die Deutschen, die in Russland selbst blieben. Wie leben sie heute?
Nordrhein-Westfalen
Kernlehrplan für die Sekundarstufe I und II Gymnasium in Nordrhein-Westfalen
Sek I: KLP
Sek II: Entwurf 2025 und KLP 2013
kapitelspezifisch:
Sachsen
Lehrplan Geschichte Gymnasium, 2004, 2007, 2009, 2011, 2019 in Sachsen
Sek I/II: Lehrplan Geschichte
kapitelspezifisch:
- Klasse 10, Lernbereich 3
Politische Wandlungsprozesse in Europa
(Weitere thematische Bezüge in anderen Kapiteln:
Zerfall der Sowjetunion und die Folgen: 6.1, 6.2, 6.3, 6.4)
In diesem Kapitel widmen wir uns den Russlanddeutschen in Russland.
Übersicht Kapitelinhalte
Gehen oder bleiben? Ein Dilemma!
Nicht alle gingen nach dem Ende der Sowjetunion nach Deutschland. Manche wollten nicht, manche konnten nicht – wegen des Alters, fehlender Dokumente, weil sie einen Neuanfang nicht mehr wagen wollten oder sich trotz allem mit Russland verbunden fühlten. Diese Menschen standen nach der großen Ausreisewelle oft vor einer doppelten Einsamkeit: Nicht nur ihre deutsche Gemeinschaft zerfiel, auch die Krisen und gewaltigen Veränderungen infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion änderten das Leben grundlegend. Viele deutsche Siedlungen leerten sich, und die russische Gesellschaft nahm von den Verbliebenen kaum Notiz. Die nach Ende des kommunistischen Regimes diskutierte Wiedergründung der Wolgadeutschen Republik lehnte die russische Regierung ab.
Neufeld-Aussiedlung.mp4
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- 1Sieh dir das Interview von Katharina Neufeld an, in dem sie sich der Frage widmet: „Soll ich oder soll ich nicht nach Deutschland gehen?“
- 2Recherchiere, ob es diese Zerrissenheit auch in deiner Familie gegeben hat oder immer noch gibt.
- 3Entwickle eine eigene Position zur Entscheidung von Russlanddeutschen, die heute:
- in ihre Herkunftsgebiete in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zurückgehen wollen
- in Deutschland bleiben wollen.
- 4Welche Beweggründe könnten zu beiden Entscheidungen geführt haben?
Russlanddeutsche in Russland heute
Eine fast unsichtbare Minderheit
Heute leben noch schätzungsweise 350.000 bis 500.000 Menschen deutscher Herkunft in Russland, vor allem in Sibirien und im Ural, weniger an der Wolga, wo einst die große Republik bestand. Sie sind meist älter, oft wenig vernetzt und in der russischen Öffentlichkeit kaum präsent.

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Kulturarbeit und Erinnerung
Das Deutsch-Russische Haus in Moskau und ähnliche Einrichtungen in anderen Städten fördern die deutsche Sprache und Kultur. Lokale Vereine, Chöre und lutherische oder mennonitische Kirchengemeinden halten die Gemeinschaft zusammen, so gut es geht. In der Stadt Engels an der Wolga, einst Hauptstadt der Wolgadeutschen, erinnert heute ein kleines Museum an die Geschichte der deutschen Kolonie. Auf dem Stadtgebiet finden sich noch vereinzelt alte Kirchengebäude und Friedhöfe. Sie sind stille Zeugen einer Welt, die es nicht mehr gibt.

Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen vor Ort: deutsch-russische Kulturhäuser




Das Deutsch-Russische Haus (DRH) Moskau ist die zentrale kulturelle Einrichtung der deutschen Minderheit in Russland und dient als Begegnungs- und Förderzentrum für deren Sprache, Kultur und Gemeinschaftsleben, getragen vom Internationalen Verband der deutschen Kultur. Hier gibt es mehr Informationen.
RusDeutsch.ru ist das offizielle Informationsportal des Internationalen Verbands der deutschen Kultur. Er ist auch die Trägerin des Deutsch-Russischen Haus in Moskau. Rusdeutsch bündelt Nachrichten, z. B. über kulturelle Projekte, Sprachangebote und historische Dokumentationen rund um die russlanddeutsche Gemeinschaft. Hier gibt es mehr Informationen.
Auch im sibirischen Omsk gibt es ein Deutsch-Russisches Haus. Hier gibt es mehr Informationen.
Hier gib es mehr Informationen über weitere deutsch-russische Kulturhäuser in Russland.
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Häuser der deutschen Kultur gibt es in vielen Städten Russlands. Seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine haben sich jedoch die Kontrolle und Unterdrückung der russischen Gesellschaft weiter verschärft. Das zeigt sich auch in der Arbeit und den Veröffentlichungen der deutsch-russischen Kulturhäuser.
- 1Rufe die Internetseite des deutsch-russischen Hauses in Nowosibirsk auf.
- 2Navigiere dort in den Bereich aktueller Mitteilungen.
- 3Untersuche einen der Beiträge mit quellenkritischen Mitteln genauer.
Arbeite dabei Informationen zu folgenden Kriterien heraus:- Informationen zum Autor/zur Autorin
- Vertretene Positionen zur Politik Russlands
- Welche Botschaften von den Bildern des Beitrags ausgehen
- Wie sich die Positionen des Beitrags von denen der deutschen Politik und Gesellschaft unterscheiden
Halbstadt wurde 1908 von mennonitischen Siedlern aus dem Schwarzmeergebiet in Sibirien gegründet. 1927 entstand rund um das Dorf der Deutsche Nationale Rayon. Im Jahr 1938 löste Stalin den Rayon auf. 1941 wurden deportierte Wolgadeutsche in die Altairegion verbannt. Der Ort wurde in Nekrassowo umbenannt und erhielt seinen deutschen Namen erst 1991 zurück. Der russische Präsident Boris Jelzin stellte den Rayon per Erlass wieder her.
Die Bundesrepublik Deutschland unterstützte den Wiederaufbau finanziell: Es entstanden Molkereien, Schlachthöfe, eine Bäckerei und ein Krankenhaus. Dennoch hielt die Ausreisewelle an: Bei der Gründung 1991 lebten noch rund 18.400 Deutschstämmige im Rayon, bei der Volkszählung 2010 waren es nur noch 4.700, also 26,7 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Die Lücken füllten deutschstämmige Familien aus Kasachstan und Kirgisistan. Viele von ihnen sprechen jedoch kein Deutsch mehr, da sie sich über Generationen mit anderen Volksgruppen vermischt hatten.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Ab 1893 gründeten russlanddeutsche Umsiedler aus dem europäischen Teil des Russischen Kaiserreichs rund 40 km südwestlich von Omsk mehrere Dörfer, in denen die deutsche Sprache und Kultur bis in die 1990er Jahre weitergegeben wurden. Am 13. Oktober 1991 stimmten bei einem Referendum 82,7 Prozent der Bewohner für die Gründung eines deutschen Nationalrayons. In 16 der Dörfer stellten Deutsche damals die Bevölkerungsmehrheit.
Die deutsche Bundesregierung unterstützte den Rayon vielfältig: Lehrer halfen beim Deutschunterricht, Straßen wurden asphaltiert, Betriebe gebaut und modernisiert. Dennoch hielt auch hier die Ausreise an: Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage Russlands in den 1990er Jahren wuchs die Ausreisebereitschaft rapide, sodass sich der Anteil der Deutschen an der Bevölkerung seither etwa halbiert hat. Bei der Volkszählung 2010 lebten im Rayon 22.925 Menschen, davon 19,8 Prozent Deutsche. Außerdem gab es 61,5 Prozent Russen, 7,9 Prozent Kasachen und 5,1 Prozent Ukrainer. Viele der Verbliebenen sprechen Deutsch nicht mehr als Hauptsprache; die Administration des Rayons legt jedoch weiterhin Wert auf den Erhalt der deutschen Kultur.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung bis 1948 und der anschließenden Neubesiedlung durch Sowjetbürger wurde Kaliningrad erst Jahrzehnte später wieder zur Heimat von Russlanddeutschen – viele von ihnen zogen in den 1990er Jahren in die Region. Heute leben dort schätzungsweise 8.000 bis 25.000 Menschen deutscher Herkunft, rund 0,4 bis 0,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das Deutsch-Russische Haus in Kaliningrad unterstützt die Gemeinschaft bei der Pflege ihrer Sprache und Kultur.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Russlanddeutsche in Russland und Deutschland




Natalie Pawlik, (*1992 in der Oblast Tjumen in Russland) kam mit sechs Jahren als russlanddeutsche Spätaussiedlerin nach Deutschland und wuchs in Bad Nauheim auf. Nach einem Studium der Geschichts- und Kulturwissenschaften an der Universität Gießen gewann sie bei der Bundestagswahl 2021 den Wahlkreis Wetterau I direkt. Sie zog als SPD-Abgeordnete in den Bundestag ein. Zwischen 2022 und 2025 war sie Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.
Alfred Koch (*1961 in Kasachstan) stammt aus einer russlanddeutschen Familie. Sein Vater Reinhold Koch stammte aus dem ehemaligen deutschen Kolonistendorf Michaelsfeld. Er ist Wirtschaftswissenschaftler, Politiker, Schriftsteller und Unternehmer. In der Zeit des Präsidenten Boris Jelzin wurde er stellvertretender Ministerpräsident. Er trat immer für liberale Wirtschaftsreformen ein. Die Politik von Wladimir Putin kritisiert er scharf. Seit 2013 lebt er in Deutschland und ist deutscher Staatsbürger.
Heinrich Zertik (*1957 in Kasachstan als Angehöriger der deutschen Minderheit geboren) siedelte 1989 mit seiner Familie nach Deutschland über. Er ist ein deutscher Politiker der CDU und konnte über die Landesliste in den 18. Deutschen Bundestag einziehen und war somit im Jahr 2013 das erste russlanddeutsche Mitglied im Deutschen Bundestag. Zertik ist Mitgründer und Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Freundschaft-Druschba e.V.“, der Aussiedler, Spätaussiedler und Migranten in Deutschland unterstützt.
Wiktor Kress (*1948 in der Oblast Kostroma in Russland) war von 1991 bis 2012 Gouverneur der Oblast Tomsk – damit das dienstälteste Oberhaupt eines russischen Föderationssubjekts überhaupt. Dreimal wiedergewählt und 2007 von Putin für eine weitere Amtszeit ernannt, prägte er die Region über zwei Jahrzehnte. 2010 wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern verliehen; er war zudem Mitglied der Deutsch-Russischen Freundschaftsgruppe des Föderationsrates.
Urheber: Digitale Lernwelten GmbH · https://de.wikipedia.org/wiki/Natalie_Pawlik#/media/Datei:Natalie_Pawlik_(2021).jpg · CC BY-SA 4.0
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Urheber: Digitale Lernwelten GmbH · https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Zertik#/media/Datei:Zertik,_Heinrich-0584.jpg · CC BY-SA 3.0
Urheber: Digitale Lernwelten GmbH · https://de.wikipedia.org/wiki/Wiktor_Melchiorowitsch_Kress#/media/Datei:Kress_Interfax.JPG · CC BY-SA 3.0
Neubeginn des christlichen Lebens nach dem Zusammenbruch des Kommunismus
Evangelische Christen – ein Neubeginn

Urheber: Bischof Dietrich Brauer · https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Brauer#/media/Datei:Bishop_Dietrich_Brauer.JPG · CC BY-SA 3.0
Gegen Ende der Sowjetunion, also um 1990, durften die Menschen ihren Glauben wieder offener leben. In dieser Zeit entstand auch eine neue Kirchenorganisation: die „Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien“ (ELKRAS). Die Leitung dieser Kirche hat seit 1992 ihren Sitz in der russischen Stadt Sankt Petersburg. Um das Jahr 2010 gehörten zur ELKRAS zwischen 400 und 500 Gemeinden mit insgesamt etwa 76.000 Mitgliedern.
Beim Wiederaufbau half die Evangelische Kirche in Deutschland sehr stark. Sie schickte deutsche Pfarrer in die Länder, die nach dem Ende der Sowjetunion entstanden waren, und richtete dort Ausbildungsprogramme für neue Geistliche ein. Einer der letzten dieser aus Deutschland kommenden Pfarrer war Michael Schwarzkopf (geb. 1962). Von 2013 bis zum Sommer 2024 arbeitete er für die EKD in der lutherischen Gemeinde in Sankt Petersburg. Er betreute auch die lutherischen Gemeinden im gesamten Nordwesten Russlands. Dazu gehörten Gemeinden in den Städten Nowgorod, Archangelsk, Petschory und Uchta.
In der Regierungszeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin setzte der russische Staat Religionsgemeinschaften immer stärker unter Druck. Im September 2024 wurde Michael Schwarzkopf von russischen Behörden kurzzeitig festgenommen und kehrte dann gemeinsam mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Inzwischen wird die Kirche von einem russischen Erzbischof geleitet.
Katholische Christen - ein Neubeginn

Urheber: Clemens Pickel · https://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Pickel#/media/Datei:Clemens_Pickel_2020.jpg · CC 4.0
Seit der Gewaltherrschaft Stalins bestand die katholische Kirche nur noch im Verborgenen. Es gab 70 Jahre lang in der Sowjetunion keine katholischen Kirchenstrukturen (Bischöfe, Priester, Gotteshäuser, Feiern der Heiligen Messe usw.). Katholiken trafen sich, wenn überhaupt, in Privatwohnungen. Im Jahr 1990 gab es in ganz Russland nur noch eine Handvoll katholischer Geistlicher.
Mit der Perestroika-Politik unter Michail Gorbatschow (1931–2022) und dem Zerfall der Sowjetunion durfte der katholische Glaube wieder offener gelebt werden. Ab 1991 wurden die kirchlichen Strukturen mit Unterstützung des Papstes wiederbelebt. Eine wichtige Rolle spielte dabei der deutschstämmige Geistliche Joseph Werth. Er übernahm 1991 das Bistum Nowosibirsk. Noch im selben Jahr wurde auch die katholische Caritas offiziell zugelassen. Beim Wiederaufbau half, ähnlich wie bei den evangelischen Christen, besonders die Kirche in Deutschland. Die deutschen Bischöfe gründeten dafür bald das Hilfswerk „Renovabis“.
Die Zahl der Katholiken in Russland stieg aber nicht an. Der Grund ist, dass besonders die deutschstämmigen Katholiken nach dem Ende der Sowjetunion Russland verließen. Heute bekennen sich rund 800.000 Menschen in Russland zum katholischen Glauben, ein Bevölkerungsanteil von etwa 0,6 Prozent, womit die katholische Kirche eine kleine Diasporakirche ist.
- 1Lies die beiden Texte zur Geschichte der christlichen Kirchen der Deutschen in der Sowjetunion und in Russland nach 1991.
- 2Stelle diese Geschichte stichwortartig dar.
- 3Nenne Gründe dafür, weshalb in den Texten das Leben und die religiöse Arbeit zentraler Personen hervorgehoben werden
- 4Welche Rolle spielen engagierte Persönlichkeiten bei der Bildung von Gruppen?
- 5Recherchiere nach dem Begriff 'Missionar' und prüfe, ob dieser für Menschen wie Michael Schwarzkopf oder Clemens Pickel anwendbar ist.
- 6Welche positiven oder negativen Reaktionen nichtdeutscher Russen kann die Arbeit von Kirchenmitarbeitern, die aus Deutschland stammen, in Russland hervorrufen?
Krieg gegen die Ukraine und die Folgen für die Russlanddeutschen

Urheber: Mvs.gov.ua · https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Children_of_Ukraine_in_the_Russo-Ukrainian_War?uselang=de#/media/File:Refugee_children_and_babies_in_a_basement_in_Kiev.jpg · CC BY-SA 4.0
Die Situation der Russlanddeutschen in Russland hat sich seit dem 24. Februar 2022 in mehrfacher Hinsichten grundlegend verändert.
Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine stehen Russlanddeutsche in Russland unter erheblichem Druck. Als russische Staatsbürger sind sie von der Mobilmachung betroffen. Das ist ein großes Problem für Menschen mit deutschen Wurzeln und oft engen Bindungen nach Deutschland. Viele flohen mit Putins Teilmobilmachung im September 2022. Insgesamt verließen rund 150.000 junge Männer Russland, um der Einberufung zu entkommen. Doch der Weg nach Europa ist durch Visa-Sperren der EU-Nachbarstaaten weitgehend versperrt, und das Härtefallverfahren für Spätaussiedler gilt – anders als für Antragsteller aus der Ukraine – nicht für Russland.
Der Krieg hat die russlanddeutsche Gemeinschaft gespalten und den Begriff „Russlanddeutsch“ zusätzlich belastet. In den verbliebenen deutschen Nationalrayons im Altai und bei Omsk läuft die kulturelle Arbeit unter Kriegsbedingungen weiter – in einem Land, in dem öffentlicher Widerspruch mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft wird. Es ist eine historisch beispiellose Lage: als deutsche Minderheit in einem Krieg gegen das Land kämpfen, aus dem die eigene Geschichte stammt.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:02022_0224-001_Russian_diaspora_protests_against_war_in_Ukraine.jpg · CC 4.0
Die Selbstorganisation der Russlanddeutschen in Russland veröffentlichte kurz nach Kriegsbeginn eine Erklärung, in der sie sich „als Bürger Russlands“ ausdrücklich gegen den Krieg positionierte und sich „zutiefst betroffen“ zeigte. Darüber berichtete der Deutschlandfunk. Dieser Beitrag ist hier nachzulesen.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Zerrissenheit und Identitätsdruck
Der Krieg hat bei Russlanddeutschen tiefe Risse hinterlassen, sowohl in Russland als auch bei denen, die bereits in Deutschland leben. Es gibt eine Spaltung in der russlanddeutschen und in der russischsprachigen Gemeinschaft. Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland betont daher immer wieder, dass es Teil der hybriden Kriegsführung und Ziel Putins sei, die deutsche Gesellschaft zu spalten.
Für Russlanddeutsche in Russland ist der Krieg eine große Herausforderung: Sie sollen nach dem Willen der Machthaber für ein Land kämpfen, dessen autoritäre oder diktatorische Herrscher sie in der Vergangenheit oft als Feinde behandelt haben. Und sie sollen gegen die Ukraine kämpfen, in der ebenfalls viele Russlanddeutsche lebten und leben. Der Begriff 'russlanddeutsch' selbst ist seit 2022 wieder stärker belastet: Er kann sowohl als historische Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit als auch als eine vermeintliche Nähe zum russischen Staat (miss-)verstanden werden.
Die verbliebene Gemeinschaft unter Druck
Für die Russlanddeutschen in den deutschen Nationalrayons nämlich Halbstadt im Altai und Asowo bei Omsk, hat der Krieg die Situation verschärft. Die kulturelle Arbeit, die Sprachkurse, die Kontakte nach Deutschland – all diese Projekte müssen jetzt unter den Bedingungen eines Landes weitergeführt werden, das sich im Krieg befindet. Und in Russland werden öffentliche Meinungsäußerungen gegen den Krieg mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft.
Zusammengefasst: Die Russlanddeutschen in Russland stehen seit 2022 vor einer historisch fast beispiellosen Zuspitzung: Als Minderheit mit deutschen Wurzeln sind sie in einem Land, das einen Krieg gegen das Nachbarland führt, in dem ein Teil ihrer Geschichte liegt. Und sie sehen die zunehmende Zuspitzung zwischen Deutschland und Russland, weil Deutschland sich eindeutig zur Unterstützung der Ukraine bekennt, das Regime in Russland ablehnt und sich damit in einer als feindselig gesehenen Position gegenüber Russland befindet.
Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab 2022 hat die Spätaussiedlungszahlen kaum beeinflusst. 2023 wurden in der Erstaufnahmeeinrichtung Friedland 6.655 Spätaussiedler registriert – die meisten aus Russland (3.329), gefolgt von Kasachstan (2.549) und der Ukraine (419). Spätaussiedler aus Russland können, anders als aus der Ukraine, keine vereinfachten Einreisewege nutzen und müssen weiterhin das reguläre Aufnahmeverfahren durchlaufen. Russland bleibt damit das wichtigste Herkunftsland für Spätaussiedler, gefolgt von Kasachstan – eine Reihenfolge, die sich über den gesamten Zeitraum seit 2012 nicht verändert hat.
Ein Grund für diesen Zustand dürfte finanzieller Natur sein: Spätaussiedler haben Anspruch auf Rente, Integrationskurse und staatliche Unterstützung, ohne zuvor in die deutschen Sozialsysteme eingezahlt zu haben. Gesetzlich wäre theoretisch eine weit höhere Aufnahme möglich. Der § 27 des Bundesvertriebenengesetzes erlaubt bis zu 100.000 Aufnahmebescheide pro Jahr. Die Gesetzesänderungen von November 2023 könnten die Zahl künftig deutlich steigen lassen: Schätzungen zufolge könnten dadurch rund 80.000 Personen mehr nach Deutschland kommen als bisher.
Überarbeitet auf der Grundlage der MDZ von Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH


© Chris Liebscher, Digitale Lernwelten GmbH · Alle Rechte vorbehalten
- 1Erkläre, warum der Ukrainekrieg für Russlanddeutsche in Russland eine besondere persönliche Zerrissenheit bedeutet.
Berücksichtige dabei- ihre Geschichte,
- ihre familiären Bindungen nach Deutschland und
- ihre Stellung als russische Staatsbürger.
- 2Stelle dar, was die Mobilmachung von 2022 konkret für einen russlanddeutschen Mann im wehrpflichtigen Alter, der in Sibirien lebt, bedeutet. Beschreibe mögliche Handlungsoptionen und die Konsequenzen jeder Option.
